Ausgabe 
10.9.1934
 
Einzelbild herunterladen

GietzenerZamilienbliitter

* < e< 1 e.______M.. .

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Nummer 70

Montag, den Z0. September

ahrgang 193<

Wald.

ein Brettchen nach Norden dorthin, der

Gebein, fein!

enjaniNi d-n Stein

Die Freikugel.

Geschichte aus dem Bayerischen Von Gert Lynch.

Die kleine Passion.

Von Gottfried Keller.

Der sonnige Duft, Septemberluft, Sie wehten ein Mücklein mir aufs Buch, Das suchte sich die Ruhegruft Und fern vom Wald fein Leichentuch. Vier Flügelein von Seiden fein Trug's auf dem Rücken zart, Drin man im Regenbogenfchein Spielendes Licht gewahrt!

Hellgrün das schlanke Leibchen war, Hellgrün der Füßchen dreifach Paar, Und auf dem Köpfchen wunderfam Saß ein Federbllfchchen stramm; Die Aeuglein wie ein goldnes Erz Glänzten mir in das tiefste Herz. Dies zierliche und manierliche Wesen Hatt' sich zu Gruft und Leichentuch Das glänzende Papier erlesen, Darin ich las, ein dichterliches Buch; So lieh den Band ich aufgeschlagen Und sah erstaunt dem Sterhen zu, Wie langsam, langsam ohne Klagen Das Tierlein kam zu feiner Ruh. Drei Tage ging es müd' und matt Umher auf dem Papiere;

Die Flügelein von Seide fein.

^rtin hat eine Uni. > und bit

Sie glänzten alle viere.

Am vierten Tage stand es still Gerade auf dem Wörtleinwill!" Gar tapfer ftand's auf selbem Raum, Hob je ein Füßchen wie im Traum; Am fünften Tage legt' es sich, Doch noch am sechsten regt' es sich; Am siebten endlich siegt der Tod, Da war zu Ende feine Not. Nun ruht im Buch fein leicht Mög' uns fein Frieden eigen

8

crt mit bet tote, en 6d)u|, -rz durch,

Schießen hat es bei Hias eine besondere Bewandtnis. Er gebraucht echte Freikuqeln welche er alljährlich in der Christnacht zwischen elf und zwölf Uhr selbst meßt. Das Metall dazu stammt vom Friedhöfe. Dort gibt es immer noch alte Grabkreuze, die mit heiligem Blei im Steinfockel befestigt sind. . . , ,

Eine solche bleierne Freikugel, die, wie man jagt, ihr Ziel niemals verfehlt, hat Hias in der Tasche, als er jetzt beim Jägerwirt eintritt, den fmt mit der Spielhahnfeder über einen Nagel stülpt und Platz nimmt. Kubitschek zwinkert fragend mit den Augendeckeln. Hias nickt bejahend mit dem Kopfe. Laut aber spricht der Wirt:Es find Schindeln am Dachl", womit hierzulande gemeint ist: Red' nicht, mir können belauscht werden! Nebenan in der Küche hantiert die Magd, eine pralle, leutselige Böhmin. ~ ... ~

Hias zieht seinen Beutel und legt wortlos eine Freikugel hm. Ku- bitschek bekommt einen gierigen Blick.Gib mir zwei!" flüstert er, aber Hias lehnt rundweg ab Es genügt eine, erwidert er, sie trifft unbedingt!

Der Wirt entnimmt der Schanklade die vereinbarten Taufchgegen- ftänbe und schiebt sie auf die Ahornplatte: Eine Flasche Meisterwurz- schnaps, ein halbes PfundBrasil'' (herausgeriebener Schnupftabak) und zwei Ranken Gefelchtes (Rauchfleisch).

Hias zieht das Griffefte (Mester), schneidet einen Ranken an und probiert den Alkohol. Kubitfchek trinkt mit und entwickelt in leisen Wor­ten den Plan: Zuerst wird oben am Kraterberg das Wehr geöffnet, dann läuft in sieben Stunden der See aus. Wenn die großmächtigen Waster- maffen mit Getöse ins Tal stürzen, ist kaum mehr ein Kanonenschuß zu hören, noch viel weniger aber der Anschlag einer Büchse. In diesen sieben Stunden also muß alles geschehen! Er, Hias, hat bei der ganzen Sache weiter gar nichts zu tun, als den See abzulasten und sich dann aus dem Staube zu machen. Er, Kubitschek, wird alles weitere selbst be­sorgen Und es bleibt bei der Abmachung: Er das Fleisch und Hias das Geweih. Uebermorgen kann er in der Nacht feinen Sechzehnender ab- holen und gleich drüben im Wenzelreiche (Böhmen) an den Mann brin­gen. Denn diesmal wird er, der Iägerwirt, den Bock nicht wieder fehlen, dafür sorgt wohl die Freikugel!

Kubitschek versichert sich, daß niemand tm Anzuge ist, ruckt eine Wandbank beiseite, hebt ein Fußbodenbrett und zieht eine Flinte hervor. 5)1(15 nimmt eine gefällte Patrone und fetzt feine Freikugel auf. Dann läßt er sich das Gewehr reichen und steckt das Geschoß in den Sauf. Im selben Moment nähern sich die Schritte der Magd. Kubitschek stürzt nach der Tür und Hias will noch flink die Büchse in das Versteck legen Da ereignet sich etwas Unerwartetes. In der Eile kommt Hias an den Abzugshahn, es gibt einen Schnapp, und ein mächtiger Knall erschüttert die Luft. Vor der geöffneten Tür steht die Böhmin und macht große, erschreckte Augen. Kubitschek beißt wütend auf die Unterlippe, und Hias starrt auf die rauchende Büchse und zuckt die Achseln.Kann wirklich nichts dafür", sagt er, aber plötzlich verfärbt er sich, wirst das Gewehr hin und springt 'auf die Bank: Oberhalb an der Wand hängt.ein Det- bilb des Försters Wendell, dem das Anwefen früher gehörte, bevor es noch eine Kneipe war. Hias weist mit dem Finger auf ein Loch. Die Kugel ist mitten durch den Kopf des Bildniffes geflogen. Hias reißt das Gemälde herunter und stellt fest, daß die Freikugel sogar die Haus- planken durchbohrt hat! Eine arg böfe Geschichte, meint er, denn jede Freikugel trifft!

Kubitfchek beruhigt zuerst die Magd und schickt sie weg. Dann macht er sich in Flüchen und Vorwürfen Luft und verlangt schließlich eine andere Freikugel. Hias aber schüttelt den Kopf, langt feinen Hut und rennt grußlos davon Der Wirt zischt ausgebracht hinter her und räumt die liegengelassenen Tauschwaren ab: den Meisterwurz, den Brasil, das Geselchte. Die Uhr schlägt eben halb'zehn.

Am nächsten Vormittag sitzt Kubitschek aus der Dengelbank und häm­mert die Sense. Wie er auf einmal den Blick erhebt und sich den Schweiß wischt, gewahrt er eine Gruppe von Männern, die eilig den Knüppelweg überquert und auf den Iägerhof zusteuert. Der Wirt erkennt blitzende Knöpfe und Uniformen, und nun kann er sich eines Schreckes nicht mehr erwehren. Er fühlt den Impuls in sich, aufzuspringen und fortzuiaufen, aber sogleich hat er sich wieder in der Gewalt. Was können sie ihm schon nachwesten!? Nicht das geringste! Und ruhig dengelt er weiter.

Zwei Förster und drei Gendarmen stehen vor Kubitschek und ver­langen Auskunft, welcherlei Gäste während der letzten paar Tage, vor allem am gestrigen Abend, in seiner Taverne eingekehrt sind. Kubitschek besinnt sich und zählt gegen ein Dutzend Namen auf, als letzten den Buchecker Hias, der einzige Gast gestern nacht Die Beamten sehen sich an, aber die Forstleute winken ab Nein, nein, der Hias ist es nicht gewesen, dafür stehen sie ein.

Um wieviel Uhr der Hias gestern gegangen fei, wollen sie wissen. Punkt halber zehn, antwortet der Wirt und fragt an, um was es sich eigentlich handelt.Der Förster Wendell ist gestern abend zwischen neun und zehn Uhr durch einen Kopsschuß ermordet worden", berichtet einer von den Gendarmen und fügt an:Wir müssen den Buchecker Hias nun

Dort, wo der Weg von der Heerstraße abzweigt, hangt tm Pfahl. Es hat die Form einer Hand, deren Zeigefinger -reist. Die Inschrift meldet:Zum Jägerwirt". Der Steg lurd, die Schinderwiese im Roten Moor fuhrt ist mit Knüppeln belegt mb schwankt beim Betreten. Am Rande des Morastes steht eine ver- tnorrte, weißgraue Rane (Baumleiche), die auf der Wetterst e kein lefte mehr hat. Hier hackt bisweilen em Uhu auf, und der Baumhackel Specht) trommelt gern an den iürren Stumpen. Mehrere Marterln nennen die Namen derer, die vom Wege abkamen und tm Sumpfe er- sickten.Heilige Maria, bitt für die armen Seelen! lautet der Text

tt feinen !,n Heiner on ihn«, ulauf. i

jmn bin nbet butif ibäube iebermant ns bunlli, die 5)änbt » schrM ich; Fitz s ftrenju wirb ihn b tritt mit

utsche, M r Stimm:, Jeenbigimj efpötte iii antlagen!

u glauben ifer gegen' rch menigi üch gern; rbammei» afenb übel sch ergeben :r uns jis ischehen it unb ich: Fichte 6 ! Weg ui

nitterf, p tofeen, Iii# >in," IB n und w nicht buti barafterW [ein in * seit in «* egung ten," H n ihn [enbeit i* fe non dien M neue 3* (öd)*1, stet, »*!

Bi i iton uni«

Das

Rüden W

leben. 'uns ff uns" M, 'S;

Ä!

""Es^geh77n'7en Abend hinein. Die ersten Irrlichtes kaum sichtbar, trennen mit violetten Flämmchen weit draußen im Moore Von un- '! aesähr schreit kläglich der Aus (Waldkauz), und unzählige Vißwurmer

«nd Wasserjungfern (Libellen) umflirren den Osterbach der vom Schinder- noor aufqefaugt wird. Eine dünne Rauchsaule steigt kerzengerade au- bem Schorn der Kneipe. Die Hauswände sind mit Wetterbrettchen ge- | sanzert, die Legschindeln des Daches mit Intstrummern beschwert Um

las obere Stockwerk läuft ein hölzerner)rot (®ang), oon Trocken- sangen überquert, wo Getreidesiebe und Nudelbretter s h) J snd die Schwämme (Pilze) am Dorrem An der Siebelfeite stapeln gefprengte Wurzelstöcke. Sie triefen von Kien _

.lauer Kubitschek, der Jägerwirt, streift mit dem Dauben die Kruste mm Docht der Hängelampe! Dann reibt er ein Zündholz an. JRe snqfchimmer fliegt über die leeren Tische der ®aftftube. Laut schleif bas Perpendikel der Wanduhr. Kubitschek liest die Zeit ab und geht zum Fenster. Er erwartet den Buchecker Hias. ..... h

Hias ist dreißig Jahre alt und von Berus $oI3faer

Stör drei Jahren als im Winter die Arbeit ruhte, trat er: tm Jirtus 'Tone auf und zeigte das Kunststückchen, w,e man: n

Baumstamm in einer halben Minute mit der bloßen Ar Andenken zerschlägt. Daneben ist Hias ein hervorragender «chutze Zum Andenke^ °n einen Meisterschuß baumelt an seiner Uhrkette ei Pf - inter Glas das Auge eines Karpathengeiers schwimmt. Freilich, mit o