unser oller Schicksal, scheint mir, eine Art Urgeschöpf, die Gugernella. Aber es ist nicht alles Glück, was glänzt und schon ist.
„Etwas langer Satz, Dag." . ,,
.Ziemlich lang," gab Dag zu. „Ich wünschte, em bißchen was Brauchbares und Nützliches zu arbeiten..." Er drückte wieder versonnen die Äand. „Genau das, Barby: mittenmang zwischen den andern, richtig und fest aus hartem Lebensgrund und schlichter, rauher Erdkruste. Verstehen Sie das? Sicher. Und nun bin ich tiefer und glatter hlneln- aeraten, als ich jemals zu erwarten wagte, ein emsig dampfender Ar- beitsmann. Sehr gut! Ich vertrage mich immer leidlich mit dem Leben; ich bin auch kein aufgeregter Mensch, der mit dem Kopf gegen die Wände rennt. Aber ich bin kein Windhund, Barby."
„Nein, Dag."
Er drückte die Hand dankbar, ziemlich innig. „Aber sehn Sie, Barby, mir ist jetzt eins klar, in dieser Stunde besonders klar geworden: Wenn Barby Pick nicht gewesen wäre, bann wär' es vielleicht doch nicht ^o ...
Er stand langsam auf und trat in die kleine Verandaöffnung, pflückte draußen eine Blume und legte sie in Barbys Hand. „Barby, ich habe Sie schrecklich gern. Keine große Neuigkeit... Aber, wissen Sie, ich habe mich seit ungefähr zehn Jahren immer mal ernsthaft verlieben wollen. Es gab niemals einen zureichenden Grund. Das mnjj einen Sinn gehabt haben. Glauben Sie an so was?"
„Das Schicksal hat wohl andres zu tun." Sie spielte mit der Blume.
Er legte seine Hand auf ihre Hand. „Ich habe bestimmt nichts lieber als Sie, Barby. Ihrem Papa, der von Anfang an eine scharfe Pupille auf mich hatte, wird es nicht recht [ein. Ich kann ihm nicht helfen."
„Und Mutter?" fragte sie, als habe sie an nichts andres gedacht.
„Mutter fpürt, was an jedem dran ist, und hat mich riesig gern." „Sie sagte mir einmal: ,Sei vorsichtig! "
„Und Sie lachten, Barby?"
„Ja." Ihr hübscher, reifer Mund lachte wieder. „Ich fand Sie manchmal furchtbar komisch, Dag."
„So ist es richtig!" Er küßte ihren heißen Mund, legte fest fein Gesicht darauf und ihre Hand an fein Gesicht, der komische Dag.
Barby streichelte mit der andern sein geschorenes Haupt.
„Merkwürdiges Mädchen! Das gibt mir Heldenmut!" Er zog sie an sich, wie etwas ungeheuer Zerbrechliches.
Aber sie kam ihm wieder ruhig mit dem leuchtenden Gesicht und den dunkleren Lippen entgegen. „Dummer Dag!"
„Das ist ganz furchtbar ernst, füße Barby!"
„Das muh es, glaub' ich, fein, Dag!"
XXIV.
Ende der Woche regnete es Schnüre; das konnte einen Menschen, den wichtige Geschäfte ins Freie trieben, erbittern. Katarina eilte mit hochgeschlossenem Mantel unter einem viel zu kleinen Schirm dahin. Ihr war heiß im Gehen; nur über den hohen blanken Ueberschuhen spürte sie eine aufreizende feuchte Kühle.
Sie hatte vorhin mit Wil am Telephon gesprochen. Sie hätte ihn gern heute zum Tee in der Knesebeckstraße gesehen, um etwas, das ihr am Herzen lag, mit ihm zu bereden. Aber er war grabe heute verhinbert. „Ich erwarte ein halbes Dutzenb Ferngespräche, bie ein bißchen wichtig finb, Kat," hate er bebauert. „Hören Sie, Kat: Ich bin baheim, wissen Sie. Wollen wir bei mir Tee trinken, Kat?" hatte er ernst unb tief gefragt. — So eilig sei es ja nicht; sie habe auch vorher in ber Stabt zu tun... Sie hatte sich vorhin ganz plötzlich zu bem Anruf entschlossen. Nun zögerte sie, zu ihm zu gehen? Sorge — vor Wil? Sie waren inzwischen täglich zusammengewesen, unb Wil, unter feinem trocknen Lächeln nicht grabe ein fügsamer Mensch, hatte sich nicht roieber in alte Erinnerungen verloren ober zu neuen „Efelsfußtritten" veranlaßt gesehen.
Katarina hatte jetzt wirklich in ber Stabt zu tun. Sie las mit mur- melnber Stimme ihren Einkaufszettel. Sie hatte ber Welt vergessen.
Nach anberthalb Stunben, bie sie mübe gemacht unb alle ihre Nerven erregt hatten unb zittern ließen: „Nein —I" sagte sie, unb ihre Kehle pochte... „Warum nicht?" fragte sie, unb ihre Kehle war noch trockener unb von einer Angst verschnürt... Lu — guter Lu!" betete sie aufrichtig. Der war weit weg unb gehörte jetzt nicht her...
Es regnete nicht mehr. Die Straße duftete frisch, unb Katarina atmete beglückt bie Luft ein. Sie wollte unverzüglich heim. Sie nannte bem Fahrer ihre Straße. Es war ein neuer, großer Taxwagen, ber frisch nach Lack unb Leber roch, viel zu rasch unb roenbig auf bem nassen Asphalt, ber große, neue Wagen. So fuhren sie eine Weile gerabeaus.
Plötzlich klopfte sie hart unb rasch mit bem Schirmgriff ans Fenster unb gebot bem Fahrer, ben Weg über bie Harbenbergstraße unb ben Steinweg zu nehmen. Es war kein Umweg. Sie wollte ihm bloß, wenn er am Fenller ober auf feinem Balkon stehen unb boch auf sie warten sollte, im Vorbeifahren zu verstehen geben, baß er nicht auf sie warten [olle, und ihm freunbschaftlich zunicken: .Danke bir, Wil!'
Ihr Blick suchte, erheitert nach bem Schrecken, bie linke Straßenseite ab. Dort war schon bie Ecke. Ja, ba oben, bicht am Steinplatz, ftanb er wirklich auf feinem lächerlich kleinen Balkon. Sie fah ihn schon von weitem. Langweilte sich vermutlich bei seinen nicht antommenben wichtigen Ferngesprächen? Auch er hatte sie fogleich in bem Wagengewimmel entbedt unb winkte leise unb ernst, als habe er bas alles genau so erwartet. Er beugte sich weit, beängftigenb weit herab, mit feinem verrückt Hellen Haar unb feinen gewaltsam Hellen Augen.
Da ließ sie halten. Der Fahrer mußte herausgeben... Also: Sie wollte atü einen Augenblick hinauffahren. .Nein, banke — keinen Tee, lieber WU! Zigarette? Die ist immer erwünscht. Es hanbelt sich roieber um John-m Scribles, Wil. Spllke macht mich verrückt — ich bin es schon. "'ein- Peter steckt nicht mehr bahinter — ist aus bem Weg nach Tölz. Spllke auf eigne Faust, ber ben allmächtigen Vergnügungsmakler gerissen hinhält burch Kabel ober Brief..
„Also noch 'n janzen kleenen Jrofchen!" sagte ber Fahrer hoffnungslos. — ,jiier —!" Sie gab ihm bie brei Grofchen roieber. Sie sah zu Wil hinauf, ber immer noch beängftigenb weit über ber kleinen Eisen- brüftung hing unb gewaltsam herabsah. Sie nickte ihm lachelnb unb inbrünstig zu, so glaubte sie. Sie flieg seltsam schwerfällig aus.
Da fiel roieber der Funken in sie hinein, in „angesammeltes Ekraftt , wie Spllke es am Morgen genannt hatte, unb sie erkannte, bah sie m diesem Augenblick alles jagen unb hingeben könne ... Ihre Knie waren jetzt weich. Tu's nicht!... Freiheit — Tanz — Jugenb — fturml$55 Leden — unbezwinglich jung, wie sie selbst, ein Aufruhr, eine rebellische Versäumnis, eine Rückkehr zu sich selbst, ein Erwachen, Hungern unb Darben nach Jugenb, nach sich selbst, ein Zurückfluten unbezwinglich und jung Wil —! dachte sie, ein wenig beschämt unb außer sich. Ach, ber entzauberte Peter, bas war bloß ein ernüchternder Umweg, ein mahnen- ber Wegweiser unb zuletzt ein schlauer Vorwand des Lebens gewesen — unb boch ein Erwecken Freunb Scribles, der diesen allmächtigen Scrid- les für sie lebendig gemacht unb auf bie Beine gebracht hatte... Sie lächelte. Sie wollte über Scribles sprechen? Das war ja Irrsinn! Sie schritt leicht, hoch aufgerichtet, in einer blanken, brennenden Lust, in ihrem brennenden Blut.
Doch da wurde sie von einer zarten unb scharfen Stimme mit ihrem Namen gerufen: „Guten Tag, Katarina! Verzeih —1 Du hörtest mich nicht" Es war Nikobem von Glob, ber lächelnbe Vitus-Vetter, ber infolge inbrünstiger Beschäftigung mit Musik reizbare unb gelegentlich zu Raserei geneigte, prinzlich anmutige Herr in grauen Pumphosen. Er ftanb neben ihr, bie Mütze in ber Hanb, sehr blaß unter feinem schwarzen, spitzen Haarpelz. Er war unlängst, wie sie wußte, mit einem Soffer- chen voll in Besessenheit getaner Arbeit wieder gelandet, ausgehungert nach dem Leben ■— sicherlich auch nach Katarina.
„Ja? Wohin willst du?" fragte sie verständnislos.
Nikodem hob ben Blick unb grüßte ernst zum Balkon hinauf. „Ihr Diener, mein Herr! Das ist Doktor Müncke, der große Weltreporter, wie? Die Mama erzählte mir von bem Herrn. Ich fah euch unlängst im Theater... Ein fröhlicher Mann, prachtvoll hart in Fleisch unb Seele. Ein alter Freunb von bir ?Jugenbgenoß —?" Sein Auge glomm.
„Ja: ein alter Freund." . -jri v
„Unzweifelhaft, Katarina. Ich bitte dich: Geh jetzt nicht da hinauf! Wenn ich es ausfprechen darf —", sagte er leise unb sah leibenb und noch blasser aus. „Verzeih mir! Louis Hasseibrink — bas ist der Hasen, das ist Tugend und Verstand und noch weitab. Aber das hier —?" grübelte er. „Es ist unerhört und niederträchtig von mir..." Seine Stimme bebte, wie fein Herz unb fein Blut.
„Ich weiß nicht, was bu willst"', sagte sie im nächsten Augenblick ruhig, fast gemütlich und traurig.
„Unzweifelhaft. Verzeih mir, Katarina!" flehte er zart und leidend.
Da steh' ich nun — das ist toll! Ich kann hier nicht stehenbleiben — er ist ein böser Bube! Da oben wartet Wil... Das ist unerträglich! Katarina ftanb schweigend; sie dachte nicht daran, etwas zu erklären, von Tee und Scribles zu reden. Die Spannung der Stunde war mitten durchgerissen. „Das ist unmöglich unb hat mir bie Laune oerborben!" sagte sie kurz, wie zu sich selbst. Sie zuckte nicht mal bie Achsel; sie wandte sich um und ging rasch unb leicht bavon.
Nikobem sah ihr, die Mütze in der Hand, mit einem gequälten Zug über bem reifen, hart gepreßten Munb, nach.
„Ich werbe noch heute an Dr. Kittel schreiben!" sprach Katarina im Daoongehen erbittert. „Ich werbe roieber unabänderlich mit dem Programm beginnen: Tanzen, tanzen — nichts anderes! Sich selbst gehö- ren, bas ist sehr süß." Sie lächelte. „Man spürt bas eingeborene Gesetz. Sie lehnte ben Kops, ausrufjenb, im Gehen zurück. Sie schloß die Augen, unb ihr Munb zitterte.--
„Verreist — ?" fragte Herr Manfred Spllke, entsetzt, am Telephon. — „Wohin, Frau Kiawinke?" fragte auch Herr Dr. Möncke. — „Die Damen haben es nicht gefügt", berichtete Erika auf Geheiß. „Es ist manchmal so. Ich bin schon bran gewöhnt." — Das war nicht tröstlich ...
Wii hatte einen kurzen Brief bekommen: „Lieber Wil! Ich habe etwas Einsamkeit nötig. Ich hätte heute nachmittag gern ein paar Worte über bie ünverbrossen hartnäckigen Spllke unb Scribles mit Ihnen gesprochen. Sie hatten keine Zeit, zu mir zu kommen; aber dann traf ich Vetter Nikobem Glod vorm Haus, ben Musiker; da war es nicht mehr nötig — er gab mir dankenswert einen guten Fingerzeig, so daß ich auf Ihren Fahrstuhl verzichten konnte. Sie sagten mir einmal, daß Sie fest entschlossen feien, im Herbst mal wieder am Lido zu haben. Ein berauschen!) schönes Vorhaben! Ich hätte selbst ganz große Lust bazu. Aber bas geht jetzt nicht. Wie steht es mit Ihnen? Ich verspreche Ihnen, Sie nur manchmal zu beneiden — vorausgesetzt, daß Sie mir eine bunte Karte vom Markusplatz schicken. Herzlichst, aber in Eile — Ihre Kat."
XXV.
Am vierten Tag nach Katarinas Abreise kam Professor Hasselbrink zurück. Er hatte ungeduldig heimgedrängt; er hatte das verdammte Bummeln und Herumstrolchen satt, auch bas Alleinsein. Es war eine neuartige Forsche, eine ganz ungewöhnliche Nervosität in ihm, bie sich in noch größere Frische umsetzte. Sie hatten beschlossen, gleich nach ber Hochzeit nach Rom zu fahren. Noch so ein Rutsch in bie Welt unb Untätigkeit — aber es geschah mit ber entzückenbsten Frau, bie jeben Tag die Welt neu unb dankbar empfing unb bestaunte: Katarina ohnegleichen...
Katarina und die Mama begrüßten ihn in der Knesebeckstraße. Katarina sah müde aus, als habe sie ber Ausflug nach bem Weißen Hirsch 1 angestrengt. War sie krank? Ihre Hände faßten sich kühl an.
Aber sie verneinte und sah ihn aufmerksam an. Da geschah etwas Merkwürdiges: Es ging langsam ein warmer roter Hauch über ihr Gesicht, ließ ihre Lippen röter schimmern, wärmte ihre Hände, breitete ein Behagen, eine Zufriedenheit, wieder eine Freude über ihr Gesicht, ihre Brust.
(Fortsetzung folgt.1 __
Verantwortlich: l)r. Hcns Thyriot. — Druck unbDerlag:Drühl'scheAnivelsitäts-Duch- unb Sleindruckerei. A. Lange, Gießen.


