weil ihm die Aufgabe gesetzt wurde, ein Vorbild zu sein. Ein Vorbild für die Römerbergsestspiele in Frankfurt a. M-, für Stuttgart, für die Spiele vor dem Roten Tor in Augsburg, für die Heidecksburger Festspiele bei Rudolstadt, für die Luisenburg bei Wunsiedel, für das Bergwaldtheater in Weihenburg und für die Waldoper in Zoppot, die alle als „reichswichtig" erklärt worden find*. Wir werden es begrüßen, wenn die Reihe im nächsten Jahre noch größer geworden ist.
HochgebirgS-Welt, erlebt vom Auto aus.
Von Heinrich Hauser.
Sehr früh morgens klopfte der Hausdiener in Luzern.
Mit einem Sprung aus dem Bett.
Heute sollen wir über die Alpen fahren, über den Gotthard. Vier deutsche Sportwagen, die an einem italienischen Autorennen teilnehmen wollen.
Gestern abend ist die Meldung gekommen, daß der Paß befahrbar sei. Ich bin in einer starken Spannung. Ich habe wohl viele Meere befahren, habe aber kaum ein großes Gebirge überschritten. Und nur ein einziges Mal war ich in Italien — in ein paar Hafenstädten — und das ist vor zwölf Jahren gewesen.
Wir holen unsere Wagen aus der Garage. Erstaunlich- sie stehen, zusammen mit vielen anderen aus einer riesigen, ringförmigen Drehbühne. Die Bühne wandert an der Einfahrt vorbei und speit einen Wagen nach dem andern aus.
Wir fahren. Stark, hart, einem unglaublich schnellen Trommelwirbel vergleichbar, ist der Klang der hochverdichteten Motoren. Ein Klang, so beglückend für den guten Fahrer wie das Brummen des Tauwerks bei starker Brise für den Segler, das Zischen des Schnees dem Skiläufer, der dumpfe Anprall der Hufe im Galapp dem Reiter.
Wir steigen ins Gebirge. Ich muh meine Meinung von der Schweiz vollkommen ändern. Ich kannte sie feit meiner Kindheit hauptsächlich von Postkarten und Reklamen aus Schokoladentafeln her, und so ist sie mir leider zum Postkarten-Begriff geworden. Ich mochte sie nicht, diese Berge, hunderttausendmal vor Photolinsen gestellt, diese riesigen Hotels, die wild-romantischen Wasserfälle, die Drahtseilbahnen, diese Gängelbänder, an denen der Mensch die Berge hält. Im Augenblick aber, wo man am Horizont hoch, hoch am Himmel die Schneewände geheimnisvoll schimmernd, flimmernd, als seien sie bewegt, erblickt, da fühlt man: diese Schönheit ist so ewig, so unzerstörbar wie die der Sonne.
Und dann befällt mich, der ich dies kaum kenne, ein ehrfürchtiges, fast banges Gefühl: Da sollen wir hinaus, über diese Berge sollen wir hinweg.
Wir fahren die Axenstraße. Kurve um Kurve mit schrill weinenden Reisen unter überhängenden Felsen, durch Tunnel mit jähem Wechsel von Licht und Dunkelheit. Aus tiefstem Schatten stößt der Blick auf strahlendstes Blau des Sees, tief unten. Immer stärkender, erfrischender wird die Lust. Immer schroffer, immer massiger der Fels, immer höher steigen die Bergspitzen in den Himmel. Alles Liebliche, versinkt hinter uns ins Tal, in eine große, gewaltige Landschaft brausen wir hinein.
Seltsam: Während wir steigen und steigen — fast unmerklich für die starken Motoren, aber deutlich für Auge, Lunge und alle Sinne — verblassen zunächst die Farben. Die Wiesen entfärben sich von bunten Teppichen zu einfachem Grün. Das Laub der Bäume verliert an Licht, der Fels ergraut. Aber jetzt kehren neue Farben, viel stärkere, leuchtendere zurück. Aus Felsritzen, aus Mauern wuchern fremdartige blühende Gewächse im strahlendsten Rot, Gelb und Blau, das man sich denken kann. Die Farben treten noch deutlicher hervor durch den Gegensatz zum Schnee, der in immer größeren Flächen uns näher und näher rückt.
Allmählich verschlechtert sich die Straße. Sie wird schmäler und steiler. Sie windet sich immer enger, sie tritt heraus aus dem Bereich der Zivilisation. Wo sind die Wälder geblieben? Noch sahren wir durch Matten, von einer Farbe, wie ich sie noch nie erblickte, ein fahles Olivengrün. Falbe Kühe mit dem schlanken Bau von Antilopen weiden darauf. Niedere Steinhütten liegen locker an den Hängen verstreut. Aber über die Matten steigt gelblich der Fels in mächtigen Brocken wie durch die Grasdecke geschleudert und nahe ist uns nun der Schnee gekommen, ganz nahe. _
In den Kehren schwingen wir uns über Brücken. Der Donner der Motore wird übertönt von Brausen, und zurückblickend sehe ich mächtige Wasserstürze in Kaskaden und Schleiern in Schluchten abwärts schießen, überwältigend machtvoll für Auge und Ohr. Seltsam: über all ihre Wildheit ist als stilles, fchänes Friedenszeichen ein Regenbogen ausgespannt.
Alle Aufmerksamkeit gehört nun wieder der Fahrt. Die Straße ist nicht mehr glatt; Steine stieben von den Reifen. Der Schalthebel ruckt von Gang zu (Bang, der Motorensang schrillt in die hohen Töne, sinkt wieder tief brummend herab, schrill wieder auf. Die Reisen rasieren fast den Fels, die Kühler scheinen in den Kehren die niederen Mauern ein- zurennen, am Rand der tiefen Abstürze — dann fliegt das Heck mit einem Ruck herum und wippend schießt die lange Motorhaube steil aufwärts, immer auswärts dem Paß entgegen.
Die Felsen färben sich schwarz, sie beginnen zu glitzern von Nasse. Die Nässe entguillt dem Schnee, der uns nun ganz nahe ist. Zwanzig Meter vielleicht lagert er über der Hohe der Straße.
Ich habe einen dicken Mantel mitgenommen, in der Erwartung es würde kalt werden dort oben. Aber die Sonne brennt durch die dünne Luft, so wunderbar stark, daß ich die Jacke ausziehe und den Schlips. Wie unerwartet und wie herrlich! Bergsteiger überholen wir, die mit weit ausholenden Schritten und wippenden Oberkörper wandern. Die Männer mit nackter, dunkelbraun verbrannter Brust.
* Für die Marburger Festspiele ist dies, wie kürzlich bericht-t werden konnte, ebenfalls vorgesehen und wohl für die nächste Spielet ’u erwarten. D. Schr.
Jetzt hat der Schnee uns ganz umzingelt und lutwgt auf uns ehrf Bäche riefeln über den Weg. Lange weiße Zungen lecken über den Straßenrand. Die Felsen tauchen ein in Weiß, nur einzelne Spitzen ragen noch heraus, wie aus einer Brandung.
Und um uns wächst und wächst der Schnee. Er steht dicht an der Straße. Zuerst eine niedrige Mauer, fußhoch. Aber die Mauer steigt, glatt, senkrecht, meterhoch, mannshoch, zweimal so hoch wie ein Mannl Wir sehen nichts mehr von der Landschaft. Wir fahren durch eine enge, tief eingeschnittene Schlucht von flimmernd weißen Mauern, durchgellt von den Hupen der Automobile.
Sie windet sich wie eine Schlange, diese Schlucht. Sie bietet keinen Raum zum Ausweichen und Ueberholen, aber in den Kehren sind Ausweichplätze in die Wände eingeschnitten, dort wartet man, wenn Signale künden, daß ein Wagen entgegenkommt. Diese Fahrt ist abenteuerlich erregend. Die Wagen aus der anderen Richtung sind schneeüberkrustet; Schnee liegt in Haufen auf Trittbrettern, auf Kotflügeln, auf Motorhauben. So eng sind die Kehren, daß sie nicht anders konnten, als in die Schneemauern hineinzurennen. Unsre Wagen sind so flink und wendig, daß wir um alle Ecken kommen.
Von Zeit zu Zeit gewinnen wir einen Ausblick. Deutlich ist der Einschnitt des Passes zwischen den Bergen zu erkennen. Zur Rechten schneidet eine'Hochspannungsleitung über die Hohen, ein staunenswertes Werk.
Die Schneemassen der Berghänge sind streifig gezeichnet; dunkle Klumpen liegen am Fuß dieser Streifen geballt — Lawinen. Kleine Lawinen nur, aber sie geben doch eine Vorstellung der Sache und einen noch besseren Begriff gibt die Straße selbst: Sie ist auf weite Strecken tief aufgeriffen, voll Geröll, an andern Stellen neu wiederhergestellt.
Wir haben die Kammhöhe erreicht. In langer Kette stehen Wagen an die Schneemauern gedrückt mit dampfenden Kühlern. Ihre Besitzer bemühen sich, mit allerlei sonderbaren Gefäßen Wasser aus den eisigen Bächen zu schöpfen. Bei uns zeigen die Thermometer völlig normale Temperaturen. Rechts der Straße steht ein Gasthaus. Man sieht nur das Dach und einen Schneetunnel, der wohl zu feinem Eingang führt. Unsere Gesichter brennen. Der Fahrer neben mir ist über seinem weißen Mantel dunkelrot wie eine Erdbeere. So werde ich wohl selber auch aussehen.
Wir alle sind von einem Glücksgefühl erfüllt, das sich schwer beschreiben läßt. Es ist wohl ein Glück, das aus dem Körper kommt. Unser Blut, unsre Lungen, die Hautzellen, die Nerven, sie alle sind hochgestimmt, froh und von höchster Aktivität. Wir empfinden eine Steigerung unserer Leistungsfähigkeit, unserer Möglichkeiten. Wir recken die Arme, wir lachen: „Halloh! Es geht uns herrlich!"
Wir beginnen die Abfahrt.
Noch steiler scheint die Straße als auf der andern Seite. In jeder Kehre können wir durch Lücken der Schneemauern die Serpentinen auf mehrere Kilometer Länge überblicken. Das Zickzackband der Straße über uns und unter uns. Die Ketten der Autos in wachsender Verkleinerung daran entlangkriechend, bis zur Ameisenkleinheit hinunter. Stockend in jeder Kehre, zurücksetzend, wieder Anlauf nehmend.
Der Verkehr ist stark. Auf Vorsprüngen und Kuppen sind Wächter ausgestellt, die die Fahrt regeln. Weithallend fordern sie die einzelnen Wagengruppen zum Halten oder Anfahren auf. Man kann ja nur an wenigen Stellen ausweichen.
Und obwohl so viel los ist um uns her. Lachen, Schimpfen, geschicktes und ungeschicktes Fahren, spüren wir doch die ganze Zeit wie eine mächtige Glocke über uns gespannt die Größe und das Schweigen der Bergwelt.
Rasch verlieren wir an Hohe. Die Luft wird dunstiger und schwerer. Die Wärme steigt. Es saust uns in den Ohren. Es sinken die Schneemauern, die Steine knattern an die Kotflügel — wir sausen, sausen nach Italien.
Katarina kann sich nicht entscheiden.
Roman von Viktor von Kohlenegg.
Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin
IForksetzung.l
„Wir haben noch ein bißchen Zeit," schlug Dagobert vor. „Wir wollen noch eine Zigarette rauchen, Barby." Er nahm genußfroh auf der Derandabank Platz. „Ich weiß nicht: Von hier aus gesehen verliert Onkos Garten entschieden." ,
„Du lieber Gott!" sagte Barby sehr tief, das große, schone braune Mädchen; ihre Haut, ihre Hände leuchteten weih — es lag an dem späten, goldenen Licht. „Hochzeitstruhe fertig?" fragte sie nach einer Weile.
„Gutes Stück Arbeit. Auch Ihr Papa ist nicht unzufrieden."
„Nein." Sie blickte ernst vor sich hin. „Ich muh sagen, dah mir das mit der Zeit imponiert, Dagobert. Ich meine nicht bloß die Truhe. Schließlich sind Sie kein Jüngling, aber zäh und unablenkbar, wie es scheinen will."
„Kluge Barby! Sie treffen meist ins Schwarze." Er nahm ihre Hand, die nebenan auf der Bank lag, und streichelte sie in Gedanken.
Auch Barby war zerstreut und beachtete es nicht weiter.
„Sehn Sie, Barby: Das Leben ist ein Irrgarten!" sprach Dagobert, wie ein älterer Kirchenvater. v. .
Barby blickte andächtig zu ihm auf und entzog ihm me sanft geriebene Hand. „Ich weih: Es.hing natürlich ebenfalls mit Katarina zusammen", sagte sie.
Er nahm wieder, versunken, ihre Hand. „Durch etwas mußte ich aus der Sackgasse doch 'rauskommen. Das war auf die Dauer nichts für einen lebendigen Mann: durch eine Blechschablone mit etwas Willkür immerzu Bilder malen — Rezept, Rezept — na, Sie wissen Bescheiß f>eute wo die andern weder Zeit noch Geld noch Wände haben, um sich Bilder aufzuhängen, gehört ein ehrlicher Borstenpinsel bloß noch in die Faust ganz Eigensinniger und Eigenwilliger... Sie war ein bißchen


