sagte er
um das muhten,
daraus sprach:
„Sagen Sie man ja nichts; wir sind nämlich entgleist."
Dabei deutete er mit der Hand nach draußen hin, wo der Schnee weich und wollig und dick genug lag und alle Unbenheiten deckte.
In dieser Weise kann es einem also ergehen, wenn man im Spät- srühling die Fahrt zurück in die Heimat macht, wo noch ein alter Lorenz lebt, dem der Tod an jedem Abend zuwinkt, der das aber sorglos übersieht und auf diese Art einfach noch so am Leben geblieben ist.
„Und nun wollen sie in der nächsten Zeit unsere Dörfer hier anfliegen", sagt er und sieht mich mit seinem täglichen Gesicht und keineswegs erstaunt an. Ja, das wird geschehen; irgendeine alte Mutter wird sich dann die Freude am Himmel besehen, beide Hände über dem Kopf zusammenschlagen, und dann wird sie sich unverweilt an ihre weitere Tagesarbeit machen.
Der Schaffner erschrak in seine Seele hinein, und dann beugte er sich zu dem Mann hinab und fragte ihn leise, ob er ihm etwas auf Schweigeversprechen anvertrauen könne. Das bejahte der Mann. Daraufhin beugte sich der Schaffner noch tiefer zu ihm hinunter, bann 1 k" — und das war eine sehr schöne Antwort, weil alle Sorgen Wohl der ihm Anvertrauten, die von der Gesahr noch nichts
„Ich könnte dir auch noch die andere Sache berichten", sagt Lorenz, „aber die halte ich für übertrieben." Und er spricht von einem der späteren Jahre dieser Bahn, als schon mehrere Menschen täglich mit ihr eine Reise unternahmen. Da war einmal einer dabei, der kannte die Bahn. Es war abends und Winter, draußen war es dunkel, nur der Schnee, der hoch und weich lag, hellte ein wenig. Als der Schaffner in den Wagen trat, hielt dieser Mann ihn an. Er erinnerte sich an frühere Fahrten, und er fragte, warum denn an diesem Abend die Bahn so sachte und ohne Ruck und Stoß laufe. „Ihr hattet hier doch sonst Steine unter den Rädern", sagte er.
Mitternacht. Hier wird eine Wiese gemäht, und drüben pflügt man Brachacker. WerM ein Bach in der Nähe ist, bollert und singt er em wenig und ohne große Sorge um den Lauf der Dinge; seine Reise verläuft auf einem natürlichen Wege, und er braucht einem loschen künstlichen Fahrzeug wahrhaftig nicht auszuweichen. Wenn aber ein Wald m der Nähe ist oder der Zug eilt gar unter seinen Kronen hindurch, bann rauscht unb saust er unb hat es nicht im minbeften eiliger als Die ganze Übrige Tageszeit auch. Unb roieber ein Dorf; Hunde, die neben ber Maschine herlausen unb sie ohne falsche Scham überholen ober, wenn sie ber Erscheinung keine so große Bebeutung mehr beilegen, neben ihr herlaufen, Kinder,' bie starr herübersehen, eine alte Mutter, bie schnell Türen unb Kellerklappen schließt, ein Huhn, bas gackernd vor ber Maschine über bas Geleise kreuzt unb zornig hinterherschilt.
Ein solches Gelänbe also burcheilt ber Zug, und hin und wieder tut einer der drei Männer einen Blick hinaus: es ist die Heimat, die sie auf biefe Weise einmal täglich von West nach Ost, am anbern Tag von Ost nach West burchmessen.
Dann aber hören sie es im Wagen hinter ber Maschine ebenfalls schelten. Der Schaffner fährt verstört hoch: Sie haben vergessen, bie alte Mutter abzusetzen. Sie selbst hat wahrscheinlich ihren Reiseort em wenig verträumt, nun ist sie es gewahr geworben, und da sagt sie es laut genug.
Der Führer tut sogleich, was er tun kann: er bringt die Maschine zum Stehen, der Schaffner begibt sich zu seinem Fahrgast und verspricht, daß sie ihn beim nächsten Dorf absetzen wollen.
Das ist ber alten Mutter aber in ber Seele zuwider. Sie kennt nur Wagen, bie ba anhalten, wo jemanb absteigen will, keineswegs solche, bie erst beim nächsten Dorf ben Haltepunkt haben. Sie sagt bas völlig beutlid), unb sie will, bah man sie auf ber Stelle 3urutfbringt, mag barüber auch bie ganze Drbnung aufgelöst werben. Sie ist auf ber ftabrt zu einer Taufe, unb sie will keineswegs bie Feier anfgeben, ym andern Falle wird sie bis zum nächsten Dorf fchelten ur^ da wird sie allen Leuten bekanntgegeben, auf welche hinterhältige Weife man sie betrogen hat.
Nach einer Weile ruckt der ganze Zug an, saust mm in rückwärtiger Fahrt ab und bringt bas Mütterchen bahin, wo bie Tausgesellschast nun wahrscheinlich schon wartet unb im Geiste alles mögliche Unheil voraussieht.
Auf biefe Weife wäre also, nach ben Worten bes alten Lorenz, Damals fast ein Unglück geschehen, unb nur bie Umsicht unb Entschlußkraft ber Männer auf ber Mafchine hat es verhütet.
Unb nun", sagt Lorenz unb folgt habet seinem Buch, „stelle bir auch einmal ben Berg vor, bu weißt schon, ben ba hinten, ber so langsam ansteigt; ber ist bas tägliche Kreuz bes Schaffners gewesen."
Unb Lorenz berichtet von biefem Berg, unb er sagt, baß jedesmal eine Weile vorher sich der Schaffner in seinen Wagen zuruckgezogen hat. Er tat nichts, horchte nur nach vorn auf die Maschine, und wenn es in ihr zu rumoren und zu stöhnen anfing, bann wußte er, baß nun roieber ber Teufel los war. Er faltete bie Hänbe, horchte abermals unb bann sagte er: „Sie kommt nicht hinüber, ber Berg ist verhext, er wehrt sich." Unb bann kam es auch so, gerabe so; ber Berg wehrte sich, er war wirklich verhext. Nach einer Weile ftanb bie Maschine still, holte tief Atem, schüttelte sich unb barauf lief sie langsam zurück. Sie hielt an, sammelte alle Kräfte unb schnob roieber vor. Meistens gelang es ihr aber auch beim zweiten Mal noch nicht. Dreimal loben alle guten Geister Gott ben Herrn; unb beim britten Male zeigte sie bann auch ihre Starke unb ben Willen, keiner noch so starken Hexerei zu weichen. Sie klomm ben Berg hinan, sie überroanb bie unheimlichen Kräfte, oben fah sie zurück, pfiff laut unb sieghaft, unb bann ftanb ber Schaffner von feinem Behüteplatz auf, faltete bie Hänbe auseinander und fah zum Fenster hinaus, wo bas Lanb nun roieber eben unb gesegnet vor (einen Blicken lag.
Zwischen Bayreuth, Heidelberg und Oberammergau.
Wesen und Wege einer neuen Theakerform.
Von Ernst Wesner.
Die Wallfahrer bes Theaters sind in diesem Sommer fleißig unter, roegs. Seit Monaten schon find sie überhäuft mit Pflichten, seit ber Pfingstzeit spielen bereits im Lande die Bühnen, deren Namen Begriff« qcroorben sind. Oberammergau eröffnete biesmal ben Reigen jener großen Spiele, bie ihre Befucher nicht eher entlaßen, als bis fit unter bem Einbruck bes Spiels eine eigene Stellung genommen haben. Dann begann eine Reihe von Festfpielplätzen mit ben vorgesehenen Auf sührungen; zeitlich setzten zwar bie Fran k f u r t e r 0 e ft f p i e l e a u| bem Römerberg eher ein, aber ber Nachbruck lag doch auf ben Abenben, bie von bem Reichssestspielplatzin $) e i b e l b e r g veranstaltet mürben. Enblich erging der Ruf ?on Bayreuth an alle Freunde bes Wagner-Erbes; biefe ebenfo wie bas Passtonsspiel von Oberammergau in aller Welt bekannte Spielfolge nimmt im beutfrfjen Theaierroefen eine Sonberftellung ein, bie unbestritten ist.
Denn ber Gebaute von Bayreuth wirb vorerst keiner Wiederholung bedürfen, weil noch kein Werk der Neueren unter den Dichtern und Komponisten von gleich tiefer Weltwirkung ist als das von Richard Wagner. Eher liehe sich der Gedanke verwirklichen, für den Drama, tifer Schiller eine Festspielbühne zu errichten als für Gerhari Hauptmann, eher konnten wir für Beethoven eine Statte des Gedenkens durch die künstlerische Tat bauen als für Richard totrauf). Das mag hart klingen, ist aber einstweilen noch gerechtfertigt, so langt jedenfalls, bis wieder einmal ein künstlerisches Genie, auf deutschem Boden heimatberechtigt, alle Fesseln sprengt, die der Kunst von ben Theoretikern umgelegt worden sind
Wenn wir überhaupt einen Augenblick diesen Gedanken überlegt haben, so liegt die Veranlassung keineswegs darin, daß wir etwa jagen wollten, Deutschland besäße noch nicht genügend Festspielstätten und Thingplätze. Was beispielsweise an neuzuerrichtenden Thingplatzen g«. plant ist und zum Teil bereits sich im Bau befindet, darf als so überaus reichlich bezeichnet werden, daß eher vielleicht die Frage berechtigt märe, ob hier nicht züviel des Guten getan wird. Aber es wäre müßig, Ijeult schon zu dieser Frage Stellung zu nehmen. Solange die Thingplätze ihr« eigentlichen Aufgabe treu bleiben werden, ein Fest- und Weihespiel fui bie engere Umgebung, für ben örtlich begrenzten Teil ber Heimat 311 verwirklichen, kann von einem Zuviel nicht bie Rebe fein. Erst roenn bie künstlerische Leitung bes Thingspiels ben Griff nach ben Sternrn tun würbe, wenn sie im engen Rahmen ber eigenen Möglichkeiten sich zu hohe Aufgaben stellte, um mit Laienspielern nach ber Erfüllung 311. trachten, wäre bie klare Abgrenzung ber Spielpläne zwischen Festspiel unb Thingstätte notroenbig.
Denn bas soll klar herausgeschält werben: Das Thingsp 1 el legi. Den Laienspieler ein, um Der Allgemeinheit künstlerische Werte zu oer- Mitteln. Das ortsgebunDene Festspiel Dagegen soll Den Künstler heran., ziehen, Der aus seinem Beruf unD seiner Berufung Die überwältigen! hohe Ausgabe kennt unb ihr gewachsen ist. In Diesem Bereich Der fünft” lerifdjen Betätigung roirD Der Laienspieler in bie Reihe bes Chors zu., rücktreten. Nie wirb ber Laienspieler ben künstlerischen Anforderungen. Des Festspiels gerecht roerDen können. Sein Platz ist im Chor, was nidji: etwa eine Degraöierung beöeutet. Es soll jeöer Dorthin gestellt werden, wo er seine beste Leistung geben kann.
Festspielstätte unb Thingplätze haben also Aufgaben, bie sich stall, ooneinanber unterfcheiben, bie sich nie überschneiben bürfen. Es läßt sich zu unserer Genugtuung aus ben bisherigen Beobachtungen über bin künstlerische Wirksamkeit biefer Theatersormen unserer Zeit berichten,, baß Verstoße gegen biefe ungeschriebenen Gesetze nicht begangen worden, sind. Wenn bie Möglichkeit berartiger Gefahren gegeben ist, so wird sch wahrscheinlich erst später heraufbeschworen werben können, weil bin Thingstätten noch um bie Erfüllung ihrer Aufgaben ringen. Ehe jedoqi ein Streit einsetzen wirb, bürste es uns wohl gelungen sein, bie Greu- zen ber künstlerischen Betätigungsgebiete beiber Einrichtungen so tlaf abzuzeichnen, baß Abweichungen sich von selbst verbieten.
Was bie Festspieltheater im Reiche sollen, hat Heibelberg be- reits mustergültig gezeigt. Anbere Festspielbühnen erfüllten ihre Au,., gaben aus ben Gesetzen heraus, bie sie sich selbst gaben; es gereich! ihnen zur hohen Ehre, baß sie ihre Ziele weitsteckten unb auch bie innere Kraft bazu besaßen, baß Angestrebte zu verwirklichen. Die Festspielbuhne als Freilicht-, als Naturtheater hat es bann befonbers schwer, wenn sie in ber Nähe einer gut geleiteten Theaterstabt liegt. Dann wirb sie unvergleichlich Starkes unb Großes leisten müssen, roenn nicht bie verwöhnten Zuschauer auf ben Besuch verzichten sollen. Es ist bem Publikum sicher nicht zu Derbenten, baß es lieber eine künstlerisch hochwertig!! Ausführung im geschlossenen Theater als eine von gutem Willen erfüllte, aber nicht mit ber erforderlichen künstlerischen Gestaltungskra|ii durchgeführte Freilichttheater-Vorstellung besucht.
Unsere deutschen Festspielbühnen haben ihren Sinn und ihre Aufgabe erst bann erfüllt, roenn sie zu künstlerischen Wallfahrtsstätten werben. Dazu genügt aber nicht bas vielleicht lanbschaftlich überaus reif- voll ober baulich ungemein romantische Plätzchen im Freien, sondern« erforderlich ist vielmehr der auserlesene, durchdachte und angepaßte Spiel- plan und der Einsatz der großen, den Durchschnitt überragenden fiunftiro und Gestalter.
Zwischen Bayreuth, Oberammergau unb Heidelberg gibt es fernem Wettkampf; jeder dieser außergewöhnlichen Theaterplätze leistet sein^ Pflicht nach den besonderen Gesetzen seiner Bestimmung, Bayreuth erfüllt feine nationale Aufgabe und hat dabei das Ohr der Welt, we> es ein besonderes Werk auf besondere Weise durch überragende SraJ ber Oper einsetzt. Oberammergau weicht mit seinen dreihundert 3<UK” alten Passionsspielen von allem Vergleichbaren ab, weil hier ber Laiei- fpieler aus Trabition und innerer Berufung zu Wirkungen gelang die nicht zergliedert werden können, nicht seziert werden dürfen. S)eioc - berg aber ist zum Leitgedanken ber Festspielidee in Deutschland geworoe


