Ausgabe 
10.8.1934
 
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Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger

Jahrgang 1954 Freitag, den 10. August Nummer 61

Die Stadt.

Von Theodor Storm.

Am grauen Strand, am grauen Meer

Und seitab liegt die Stadt;

Der Nebel drückt die Dächer schwer. Und durch die Stille braust das Meer Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai Kein Vogel ohn Unterlaß;

Die Wandergans mit hartem Schrei Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei. Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir. Du graue Stadt am Meer;

Der Jugend Zauber für und für Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir, Du graue Stadt am Meer.

De Fahrt zurück.

Von Friedrich Griese.

Diese Fahrt zurück ist, bei ernsthafter Absicht, schneller getan, als man 15 sich am täglichen Tag eingesteht. Auf das letzte gesehen, ist dazu nur nötig, daß man sich einiger besonders eindringlicher Spätfrühlingstage des vorigen Jahres erinnert, daraufhin die Strecke von Kiel bis in die Heimat, die südwestliche Ecke Mecklenburgs, hinter sich bringt und die ^ahrt zurück ist auf diese Weise schon weit über ihren Beginn hinaus- xekornmen.

Wenn man da angelangt ist, gibt es vorläufig nichts Wichtigeres als die Frage, ob der alte Lorenz noch lebt. Und es kommt, wie es zu erwarten war: Lorenz lebt. Seit Jahren hält sich der Tod zwar in [einer nächsten Nähe auf, Lorenz aber beachtet ihn gar nicht; auf diese Slrt hat er es fertig bekommen, einfach noch so am Leben zu bleiben, fr kümmert jedoch nicht hin, mit zahnlosem Munde und b!md und taub; Md so spricht er an unserem ersten gemeinsamen Frühlingstag dieses Wahres mit mir über die Verkehrsmittel. Ich erzähle ihm von den Förde- Lunpfern, die zwischen Kiel und Laboe fahren und die, wie man hort, in diesem Sommer ihre Schnelligkeit erhöhen sollen; andere sagen freilich, ins; gewichtige Gründe gegen diese Maßnahme sprechen, aber wie es tun auch sein mag, wenn man sie alle miteinander auf ihren Ursprung betrachtet: Im Grunde war das eine Fahrzeug schon im vorhergehenden drin, man hat es nur nicht im rechten Augenblick erfahren.

In den nächsten Wochen sollen sogar die Dörfer hier angeflogen werden", sagt Lorenz, und er ist nicht im geringsten erstaunt darüber, fann wird also der, der Lust hat und es bezahlen kann, einmal für einige Minuten auffteigen, seinen Hof unter sich lassen und seine Wiesen betrachten, ob die nach einem so kalten und trockenen Maimonat von Oben her vielleicht ein wenig fröhlicher aussehen. Manche alte Mutter wird bann vor der Tür ihres Häuschens stehen, den Himmel mit allem liranherum besehen, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber danach wird sie unverweilt an ihre weitere Tagesarbeit gehen.

Wir sollen hier nun auch eine Reichsstraße haben, gerade wir , sagt Lorenz,hast du davon gehört?"

Vielleicht habe ich schon davon gehört; Lorenz läßt sich aber nicht weiter darauf ein, er findet das ganz in der Ordnung.Hier ist nämlich and) einmal die erste Landesbahn gebaut worden", sagt er. Und ]o erfahre ich also, warum er heute mit mir gerade über Fahrzeuge spricht.

Lorenz ist das Buch der ganzen Gegend; alles, was sich hier in feiner Lebenszeit zugetragen hat, hat er erlebt, und alles, was er erlebt hat, hat er in feinem Kopf ausgeschrieben.

Hier wurde allo die erste Landesbahn gebaut. Es war nicht gerade die erste, die war schon gebaut, von den Preußen natürlich, und sie sihrten sie ein Ende durch diese Ecke Mecklenburgs. Aber die Leute von damals waren vorsichtig, sie ließen diese Bahn weit an den kleinen (Hübten hier vorbeigehen; es gab im Sommer Kuhweiben. spielende Linder, Gänseherben, Schafäcker, und außerdem mußte die Stadt bald OL-rroüftet und dem Erdboden gleichgemacht fein, wenn täglich einmal dic>s rasende Ungetüm sie Heimsuchen sollte. .

Später baute das Land bann also seine eigene Bahn; wenn schon olles zugrunbe gehen sollte, bann sollte bas wenigstens bunt) bie Hand . der eigenen Lanbeskinder geschehen.

Alles vorausgesagte Unglück trat freilich nicht sogleich ein, dafür hatte aber die Bahn selber mancherlei zu bestehen. Im Winter verlief alles ganz ordentlich, mutig fuhren die Männer auf der Maschine ihre Strecke herunter, sie hatten Güterwagen an Ort und Stelle zu bringen, Menschen vertrauten sich diesem Fluch nicht an. So gingen die kalten Monate also hin.

Im Frühling wurde alles anders", sagt Lorenz;stelle dir die Strecke einmal vor, sie wird heute ja noch befahren." Ich stelle sie mir also vor, ich kenne sie ja. Ueberall zu beiden Seiten liegen Aecker und Felder und vor allem die Viehweiden. Und hier, gerade hier, trat damals zu jeder Stunde, wenn die Maschine sich vorfühlte, der Bulle von feiner Herde weg und betrachtete, was da langsam herankam. Er hatte es nicht eilig, stand mit erhobenem K, pf, schnaubte ein paarmal zornig und zuletzt trat er zwischen bie Schienen.

Da war er also roieber. Der Führer auf ber Maschine kannte ihn schon, er hielt an, pfiff ein paarmal, ließ Dampf ab, setzte sich in Be­wegung, aber bas Tier kam nicht im minbeften in Angst, es stand da, senkte den Kopf und schnaubte.

Daraufhin ließ ber Führer ben Zug rückwärts gehen, der Bulle wartete eine Weile, trabte bann ab unb ging zu feiner Herbe zurück. Nun kam ber Zug ganz vorsichtig unb leise roieber in Bewegung, er wollte sich an ber Herbe vorbeischleichen, aber er hatte nicht mit ber Aufmerksamkeit biefes fünbhaft aussätzigen Burschen gerechnet; ber kam abermals heran, und nun würde er nicht wieder gehen. Breitbeinig stand er zwischen dem Gleis, ben Kopf noch tiefer gesenkt unb bereit, alles, was ba herankommen würbe, aus bie Hörner zu nehmen unb burch bie Luft zu wirbeln.

Es blie'' den Leuten auf ber Maschine nichts anderes übrig, sie mutzten noch einmal anhalten, Schaufel unb Haken nehmen unb von ihrem Platz herunterfteigen. Was er von Menschen zu erwarten hatte, wußte ber Bulle, ein Mürber wollte er nicht fein, er schnaubte noch ein­mal unb trottete bann ab, seine Herbe wartete schon auf ihn. Der eine von ben Männern blieb mit bem Haken auf dem Gleis, der andere stieg auf die Maschine, unb bann setzte sich ber Zug hinter bem Mann in Bewegung. Das Tier sah herüber, besah sich ben Haken in ber Hanb bes Mannes, senkte ben Kopf unb fraß bann. Wenn ber ganze Zug hinter bem kleinen Hügel verschwunben war, stieg ber Mann auf, unb nun war biefer tägliche Ueberfall roieber überftanben.

Später kam natürlich bie Zeit, ba ber eine ober anbere Dorfmensch sich biesem Beförberungsmittel boch anvertraute.Am ehesten waren natürlich bie Frauen babei", sagte Lorenz,unb ba wieder waren es bie alten. Sie sind neugierig, sie müssen alles wissen. Ja, da konnte es geschehen, baß in ber menschenreichsten Zeit zuweilen jebe Woche eine von biefen alten Dorffrauen auf ben Zug stieg. Unb babei wäre benn auch einmal fast ein richtiges Unglück geschehen."

Wenn ich Lorenz, biesem alten Dorfmenschen mit bem lebenbigen Buch in seinem Kopf, glauben will, hat sich das Ereignis folgender­maßen zugetragen: Da die Leute auf dem Zug ja fast immer nur Güterwagen hinter sich hakten, brauchten sie ben Dingen keine große Aufmerksamkeit zu schenken. Sie wußten, wo neue Güter mitzunehmen ober andere abzusetzen waren, da hielten sie bann an, im übrigen aber sausten sie ohne Sorge um ben Erbball. Unb ba ihre Maschine ein gutes, braves Haustier war, bas ihnen nicht aus lauter Mutwillen bavonlief, kamen alle brei zusammen: Der Führer, ber Heizer unb ber Schaffner, ben sie immer für alle Fälle Mitnahmen; sie setzten sich auf ber Maschine zusammen und spielten unter Gottes Schutz einen Schafs­kopf. Sie hatten es ja nicht besonders geräumig, dafür war es aber auch kein aufregendes Spiel, unb alles lief immer gut aus. Wenn bie Maschine nicht mehr mochte, sagte sie bas zu rechter Zeit an; ber eine von ihnen immer ber, ber gern ein wenig Pause machte, weil ihm seine Karte zum Erbarmen geraten war füllte neuen Vorrat nach, unb bann lief sie roieber.

An einem Tage luben sie auch roieber einmal ein Dorfmütterchen auf. Sie sagte orbentlich Bescheib, wohin sie wollte, bekam ihren Schein unb bann nahm die Maschine ihre Reise durch den Erdteil wieder auf. Der Schaffner ging nach vorne, der Heizer und der Führer warteten schon, und alle drei fuhren in dem ununterbrochenen Spiel fort.

Nun stelle dir die Strecke einmal vor", sagt Lorenz,da können alle möglichen Dinge vorgehen."

Ich stellte mir also die Strecke, wie Lorenz wollte, noch einmal vor. Hier ein Dörfchen, drüben ein Dorf und in der Ferne ein Städtchen. An der einen Stelle steht der Schäfer vor seiner Herde, er strickt, jein Hund läuft um die Herde herum, damit keins von ben Tieren abseits geht, unb ber Schäfer hängt bei feinem Stricken vielerlei Gebauten nach. Weiter hinüber ist eine Pferbeweibe, bie Fohlen laufen heran, werfen ben Kopf auf, schütteln bie Mähne unb stieben ab wie ein Spuk um