Ausgabe 
9.7.1934
 
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Heim" errichten kann. Für die Bauten werden völlige Zollfreiheit und alle sonstigen Erleichterungen gewährt. Man rechnet, daß die Kosten eines solchen Heimes, das für 100 offizielle Vertreter bestimmt ist und dazu noch für etwa 50 Studenten Raum zu bequemer Unterkunft bietet, sich auf 720 000 Drachmen oder etwa 18 000 Mark belaufen werden.

Hier, wo im Altertum der Amphiktyonenbund der 12 griechischen Stämme tagte, soll ein neues, antike Idee und moderne Wirklichkeit ver­bindendes Zentrum erstehen, ein geistiger Amphiktyonen- oder Völker­bund mit Idealen und Zielen, der vielleicht in mancher Beziehung mehr für die Verständigung unter den Völkern leisten und besser für die Sache des Friedens arbeiten könnte, als feine politische Antithese in Genf. Hier im antiken Delphi, dem Omphalos, dem Nabel der Welt, sollen sich die Vertreter aller Nationen mit völliger Gleichberechtigung zusammen­finden, um die Idee des Friedens und der Zusammengehörigkeit der Menschen auf dem Wege über die Geistigkeit zum Siege führen. Eine Zielsetzung, die durchaus fruchtbare Erfolge zeitigen könnte, wenn alle Beteiligten guten und ehrlichen Willens find.

War diese Idee bisher nur eine private, die Idee eines Dichter­ehepaares, das aus eigenen Mitteln und aus einem hohen Idealismus heraus diesen Plan bereits zweimal mit größtem Erfolge 1927 und 1930 in die Tat umsetzte, so nimmt sich jetzt der griechische Staat selbst, ihrer an. Alle, die das Glück hatten, in diesen beiden Jahren an den delphischen Spielen teilzunehmen, trugen aus Delphi eine unauslöschliche Erinnerung heim und die Hoffnung, daß eine Verwirklichung dieser hohen Pläne möglich sei. Kein Fachmann hatte damals seine Hand im Spiele, keine Staatskasse war um Zuschüsse angegangen worden und dennoch war der Erfolg durchschlagend. Doch ein so großes Unternehmen, das sich zur Aufgabe gemacht hat, die Welt zu erobern, kann vom Idealis­mus einzelner Personen nicht leben; deren Kraft muß zu schwach sein, um solch ein groß anzulegendes Werk allein zu tragen. In Erkenntnis dieser Tatsache" fand der griechische Kultusminister Makropulos, daß hier der Staat eingreifen müsse. Der Minister selbst studierte an Ort und Stelle die Verhältnisse und war sofort für die Sache gewonnen. Auch der griechische Ministerpräsident Tsaldaris und seine Gattin gehören zu den Unterstützern der Idee, der sich dann der gesamte Ministerrat in anerkennenswerter Weise annahm. Die griechische Regierung stimmte zu, und mit einer Schnelligkeit, die man sonst im Orient nicht gewöhnt ist, wurde dasDelphische Gesetz" in der griechischen Kammer einqebracht. Von allen Parteien einschließlich der Opposition wurde es mit Begeiste­rung angenommen, wie auch die Athener Presse ohne Unterschied der Parteirichtung der Verwirklichung dieser Idee sehr wohlwollend gegen­übersteht.

Die ersten Spiele sollen im Mai 1936 durchgeführt werden, sozusagen als Präludium zur Olympiade 1936 in Berlin. Ein endgültiger Be­schluß wurde jedoch noch nicht gefaßt.

Die Delphische Idee hat vorläufig nur die private Zustimmung vieler geistiger Berühmtheiten gefunden. In Deutschland sind es die Herren Ö. Dr. Wilhelm Dörpfeld, Gerhart Hauptmann, Dr. Wilhelm Ley-

-n, Prof. Dr. Theodor Wiegand u. a.; aber auch England, Frank­reich, Italien und alle anderen europäischen Staaten, sowie die beiden Amerika, sind in der Delphischen Union mit bekannten Namen ver­treten. Der preußische Ministerpräsident Göring stattete, wenn auch damals noch nicht im Hinblick auf die erst jetzt wieder aufgenommene Delphische Idee, Delphi einen Besuch ab und war vom Delphischen Er­lebnis begeistert; der frühere französische Ministerpräsident Herriot ge­denkt im August auf 10 Tage in Delphi zu verweilen. All das läßt erwarten, daß, wenn Griechenland demnächst offiziell den verschiedenen Regierungen seinen Plan mitteilen wird, es auf eine wohlwollende Be­handlung desselben wird rechnen dürfen.

Die Häuser der Nationen, die an die antiken Schatzhäuser erinnern sollen, werden natürlich auch außerhalb der Spielzeit ihren Angehörigen zur Verfügung stehen und einen billigen Aufenthalt, hauptsächlich für die studierende Jugend, ermöglichen. Man rechnet mit einer kleinen, aber auserlesenen Kolonie der bedeutendsten Männer Europas, die sich hier in Delphi treffen sollen, um untereinander eine ständige Verbindung zu pflegen.

Wie bei allen geistigen Regungen fand sich auch bald der Deutsche mit an der Spitze der Bewegung ein. Ja, der neue Anstoß und der erste gewagte Schritt in die Oeffentlichkeit wurde durch Dr. Wilhelm Ley- Hausens gelungene Aufführung derPerser" von Aechylus im Athener Herodes-Attikus-Theater veranlaßt. Sie lenkte die Aufmerk­samkeit wieder auf Delphi und auf die Kunst, die vereint, was das Schwert teilte. So wurde Dr. Leyhaufen zum Vizepräsidenten der Del­phischen Union ernannt, deren Präsident der griechische Dichter Sikelia- nos ist, der mit seiner Gattin seit Jahrzehnten diese Idee pflegte und durch seine Aufführungen 1927 und 1930 den Beweis ihrer Lebens­fähigkeit erbrachte.

Trotz aller Bauten und Unternehmungen, die in Delphi durchgefuhrt werden müssen, ist es selbstverständlich, daß der antike Bezirk keine Ein­buße erleiden darf. Es wurde bereits Vorsorge getroffen, daß die neuen Schatzhäuser" die Aesthetik Delphis in keiner Weise gefährden. Aber wiederum werden diese Bauten auch so plaziert, daß man von ihnen aus einen Blick auf das alte Gebiet unbehindert und in aller Voll­ständigkeit hat. , .

Sicherlich werden der Delphischen Idee auch Gegner erstehen; und die heutigen politisch-nervösen Zeiten, der chronische GeldmangA in allen Staats- und Privatkassen lassen im übrigen einen gewissen Pessi­mismus nicht unberechtigt erscheinen. Doch glauben die Verfechter der Delphischen Idee, daß gerade heute in diesem Durcheinander und in diesem Zeitalter der Spannungen eine Entspannung, wie sie Delphi ver­spricht, möglich ist, und daß eine solche Idee, wenn sie zum Ziele fuhren fall, gerade aus den Zeiten der Not heraus geboren werden muffe. Das arme und kleine Griechenland ist jedenfalls zu Opfern bereit und hofft auf die Unterstützung der großen und der kleinen Nationen. Und bald dürfte die offizielle Einladung der Griechischen Regierung erfolgen:Auf zum Kampfe der Wagen und Gesänge nach Delphi!"

Katarina kann sich nicht entscheiden.

Roman von Viktor von Kohlenegg.

Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H Berlin.

IFortsetzung.l

Die grauen Gestalten schritten, brüderlich vereint, wieder dem Gärt­nerhaus zu.

Wollen wir nach diesem Gartenfest eine Tasse Kaffee trinken, Dok­tor Hasselbrink?" fragte Herr von Glod liebenswürdig.

Danke tausendmal! Habe, zu meinem Bedauern, keine Zeit mehr, Herr von Glod!" lächelte der überlegene Humorist. Er wollte jetzt erst recht zu der Jazzkapelle.--

Katarina empfing den Hausherrn in Hut und Mantel; darunter trug sie noch das phantastische Gewand.Ich mochte jetzt gehen. Ich bin doch ein bißchen erschrocken. Was wollten die jungen Leute?" fragte sie mit unglaubwürdig tragisch gekrauster Stirn.

Ist das Katarina?" fragte er böse.

Sie nickte.Sie kennen sie noch nicht..

Bleib hier!" befahl er.

Nein! Es ist zu ernst geworden... Sie glauben, sie lache und spiele gern? Sie irren, lieber Freund Lu! Auch Sie wollen kein Spiel; das fühlt und weiß eine Frau." Sie sah größer und voller aus, eine unbe­fangene, ihrer selbst gewisse Frau; ihre Lippen schimmerten reifer und röter. Sie neigte zum Abschied das Haupt: Ihre Majestät, die Siegerin.

IX.

Katarina stand zeitig auf, frisch, mit lautem Singen, sah Erika Kla- winke auf die Finger, in alle Ecken und Töpfe, ein Gugernellsches Erb­übel. Aber plötzlich schrie sie:Lassen Sie mich zufrieden, Sita! Raus! Ich wünsche nicht mehr gestört zu werden! Fragen Sie die Mama! Wiedersehn!"

Dann saß sie über dicken Haufen Noten, an ihrem kleinen Flügel, hantierte mit Blaustift und Rotstift, Schere und Klebegummi. Sie ver­stand viel von Musik, spielte mit starkem Rhythmus in ihrem Uebungs» tittel, der wie ein elegantes Pyjama aussah, stand auf und begann plötzlich zu schaffen, unermüdlich hingegeben; pfiff ober fang laut dazu. Kein Häusereinsturz rings um das große Zimmer hätte sie stören kön­nen. Die Mama war ein. Schatten auf der Schwelle... Raus weg! Sie verschloß die Tür.

Dazwischen ging sie zu ihrem Agenten Manfred Spilke, Leiter einer internationalen Direktion. Dort gab es wichtige, noch vorläufige Dinge zu besprechen, die Katarina mit lässigem Lächeln förderte und zugleich in der Schwebe hielt, was Spilke zu scharf spähenden Seitenblicken aus der Brille veranlaßte.

Daheim fragte die Mama;Was ist mit Louis? Habt ihr euch ge­zankt? Immer bloß Gärtner Glänzet mit Blumen, Erdbeeren und Spargel!"

Herrn Professor Hasselbrink geht es vermutlich ausgezeichnet."

Ich muß doch fleißig fein, lieber Professor!" bekannte sie am Fern­sprecher.Ich war in den letzten Wochen entsetzlich faul. Dr. Kittel steht' mit der Hetzpeitsche neben mir und macht ein etwas zufriedneres Gesicht; aber zufrieden ist er noch lange nicht. Wir denken an ganz Neues und Großes."

Wozu?" kam es rauh zurück.

Sie lachte stark ein melodisches Geräusch.Das ist doch sehr wich­tig, lieber Freund Lu ... Nein!" bat sie dringend.

Ich schicke den Wagen, Katarina."

Aber sie saß bann still unb verschlossen an seiner Seite unb war schon am frühen Abenb roieber baheim.--

Immer noch fleißig?" fragte Louis Hasselbrink in ber zweiten Woche bringenber.Sie fehlen mir!"

Auch Sie fehlen mir. Aber nun hat sich gestern Besuch angemelbet unb wirb bei uns wohnen." Sie erzählte von Julia.Wir waren schon auf bem Konservatorium zusammen unb haben herrliche Ferien in ihrem väterlichen Rostock verlebt. Ich ging zum Tanz unb Julia Möncke als Ehefrau zu Simanbus Hillerbeck, bem berühmten Chirurgen nach Breslau: Große Liebe kleiner, majestätischer Herr tot. Sie ist selbst Aerztin geworben, weil sie keine Kinber bekam. Prachtvoller Kerl viel tüchtiger unb energischer als ich. Ich liebe sie."

Hoffe, bie erfreuliche Dame aus Breslau kennenzulernen!"

Bestimmt! Sagte ich schon? Wir waren auch damals in Amerika zusammen bei meiner ersten, kläglich verlaufenen .Tournee'. Julia hat eine Tante in Neuyork, Park Avenue am East River, Mrs. Susanne Bigge-Möncke..."

Erinnere mich."

Katarina lachte.Armer Freund Lu! Ich freue mich und schwatze! Sie wird mich stark in Anspruch nehmen."

Der Professor räusperte sich grollend.Darf ich den Damen meinen Finke zur Bahn schicken? Bitte darum. Er wird Sie abholen."

Herrlich! Es wird einen großen Eindruck auf Julia machen!"

Ach, was: Julia... Nun wieder Julia! Das Neueste! Louis schickte noch mehr Blumen, Erdbeeren unb junge Kirschen.--

*

Louis Hasselbrink erschien bes Abenbs unerwartet bei seinen Freun- ben Begeholb, Spitz unb Schellenberg, rauchte unb politisierte gereizt, lud sich selbst Gäste ein, auch mal bie Herren vom Tegeler Institut, ben ganzen Völkerbunb.

Die anberen jungen Leute mochte er jetzt nicht sehen. Auch Till auf nicht viel mehr als auf scherzhaftes kurzes:Guten Tag! Wie geht's, mein Kerlchen?"Arbeit! Arbeit! Süßer Onko, bu wirst staunen!"

Es kam zu anberen Zeiten vor, baß er am späten Abenb burch bie Zimmer schritt unb Wachträume hatte. Er ftanb manchmal unerlaubt blicklos vor einem Bilb, einer kostbaren Büste ober Vase. Was wußte er von biefer grau, von biefem melusinischen Wesen aus einer oerbammt