Ausgabe 
9.7.1934
 
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Mark und kaufte mit Grätenmuster, zu Mittag. Beim was", wehrte er

Aber auch Weiher

denn da?"

Ich heiße Lenchen Zimmermann und muß den Hansi begraben, weil der tot ist. Wenn Sie für den armen Hansi nochmalSterben mag ich nicht" spielen, gebe ich Sie auch meine Sparbüchse!" _

Lenchen hing erwartungsvoll an Karls Mienen, ängstlich, er könnte es abschlagen. Karl verstand nicht recht, um was es sich drehte, und erkundigte sich:Wo liegt denn der arme Hansi?"

Da öffnete Lenchen ihre Zigarrenkiste, und auf bunten Seidenfetzchen lag Hansi, der tote Kanarienvogel. Karl begriff jetzt und lächelte. Komm", sagte er,wir wollen ihn begraben, er soll sein Grablied haben!"

Dort hinten habe ich schon ein Loch gemacht", entgegenete Lenchen und wies, indem sie ihre Sparbüchse in Karls Hand legte, auf den Holunderbusch in der äußersten Ecke des Hofes.

Karl nahm fein Instrument unter den Arm und folgte dem Kinde, das vorausgeeilt war und den welken Hansi schnell noch einmal an die Wange drückte, ehe es ihn in die Mulde legte. Karl wartete geduldig, bis öenchcn ein Zeichen gab, dann spielte erSterben mag ich nicht" für den toten Kanarienvogel, spielte es derart choralig und der Lage angepaßt, daß Lenchen in Tränen ausbrach und abwechselnd Karl und Hansis Grab anäugte.

und blickte fragend auf Karl, der unter diesem Blick ein wenig nervös wurde, und in dem Bestreben, seine Anwesenheit zu erklären,.braute er Überhöflich heraus: ..Fräulein Lenchen ersuchten mich um die Leichen- nWDer$rofefior schmunzelte, klopfte Karl auf die Schulter, zog seine Börse und druckte ihm eine blanke Mark in die Hand mit den Worten. Da nehmen Sie, Sie haben dem Kind einen sehnlichen Wunsch er»

Währenddessen überlegte sich Karl, ob er die Sparbüchse, die schwer in feiner Tasche hing, wohl behalten dürfe. Sicherlich wußten die Ettern gar nichts davon, und so konnte es hinterher leicht Unannehmlichketten neben, und diesen seinen besten Hof wollte er sich mit einer solchen Dummheit denn doch nicht verpatzen. Karl beschloß also, den Kinder» sreund zu spielen und die Sparbüchse zuruckzugeben.

Jedoch es kam anders. Karl konnte seinen guten Borsatz nicht mehr """Kaimi''dcch Tos Akkordion ausgeklungen hatte, erschien der Vater­mörder aus der Bildfläche, ein gesticktes Käpp, aus dem Kopf und die Hände aus dem Rückenauslaus verschlungen.Großpappie , rief Lenchen, jetzt haben wir den armen Hansi begraben!"

Leuchens Großvater, Professor Zimmermann, schlurfte langsam heran und blickte fragend auf Karl, der unter diesem Blick ein wenig nervös

Karl, dem allmählich der Boden zu heiß wurde, bedankte sich über» schwenqlich und schielte nach Lenchen hin. Wenn die letzt bloß nicht ihre Sparbüchse erwähnte! Aber das Kind sah und horte nichts, sondern tätschelte mit beiden Händen die Erde auf Hansis Grab. Da.besann sich Karl nicht mehr länger, er grüßte und strebte mit Riesenschritten dem Ausgang zu, ein unangenehmes Gefühl im Rücken, wie einer, der jeden Augenblick einen Steinwurf zu gewärtigen hat.

Kart atmete erst wieder auf, als er im Gewühl der Straße unter» getaucht war. Er ärgerte sich über sich selbst, daß er den Mut nicht aufgebracht hatte, dem Vatermörder die Sparbüchse auszuhandigen.Ich wollte dem Kind die Freude nicht verderben, drum nahm ich die Spar» büchse zum Schein, hier ist sie!" so hätte er sagen können, und es hatte glaubhaft und ehrlich geklungen. Jetzt aber, nachdem er sich aus dem Staub gemacht hatte, war es schon fast unmöglich geworden, die Ange­legenheit wieder einzurenken. Nun fehlte bloß noch das eine, daß die Sparbüchse lauter Kupfer enthielt! Würde ihm gerade recht geschehen

Karl hatte für heute die Lust amSchubern" verloren und trieb auf kürzestem Wege nach Hause. Hier sah er sich die Spardose genauer an, bog eine Haarnadel zurecht und öffnete damit ohne Schwierigkeiten das Schloß: die Sparbüchse enthielt Silber-, Messing- und Kupfermünzen im Werte von 8,20 Mark. , .

Was jetzt? Sollte er das Geld zurücktragen? Oder sollte er es behalten und in Zukunft diesen Hof meiden? Einerseits kamen ihm diese 8 Mark wirklich gelegen. Er hatte keinen Mantel mehr, und der Herbst stand vor der Tür. Für 8 Mark würde er beim Trödler schon einen ganj netten Mantel kriegen. War es nicht wie ein Fingerzeig des Schicksals? Anderseits freilich war er bisher doch immer noch ein halbwegs ehrlicher Kerl gewesen, und daß ihm Leuchens Sparbüchse von Rechts wegen nicht mstand, das wußte er auch... ..........

Eine dumme, dumme Sache! Karl wollte sich Zeit lasten und Der» schob den Entscheid bis zum Abend. Doch auch am Abend konnte er sich noch nicht entscheiden, und so verschob er die Gewissensfrage bis zum nächsten Morgen. Am Morgen aber regnete es, und der Wind pfiff durch die Kleider. , .. o

Da traf Karl die Entscheidung. Er nahm die 8 sich einen getragenen Mantel von halbdunkler Farbe Er kostete 6 Mark. Für den Rest er ausgiebig Zahnstochern tarnen ihm nochmals Bedenken.Ach sie ab,sterben mag ich nicht, bin noch so jung."

Damit war dieser Fall für Weiher Karl erledigt

Karl selbst ist erledigt, nämlich bei den Bewohnern des Hofes und allen,

Da haben n 's. da haben wir's!" tobte der Schneider und drehte sich "wie ein Kreisel in der Runde.Du ewiger Esel, du verdammter Hund was hast du getan?" schrie er, immer wütender werdendDu hast mich in Sdjanbe gebrarfjt, du hast dem Gluck verspielt td) mitt mit dir nichts mehr zu tun haben. Der Wolf möge dich fressen unb be Teufel dich verschlingen! Leb wohl!" Und der Schneider riegelte die Tur < vor Kubisiems Nche M Kubisiems seine Er­

zählung,aber was zuviel verlangt ist, ist zuviel." Unb er ftanb auf unb ging mal nach bem Wetter sehen, benn es regnete.

Und sterben mag ich nicht. ..

Von Gert Lynch.

Es war heute schon später Vormittag, als Weiher Karl ben ersten fiofabfrfmberte", wie bie Hofmusikanten sagen. Behutsam holte er fein Akorbion aus bem Kasten, schlüpfte in bie Schulterriemen, fingerte bie Tonart ab unb zog breit.Mag ber Himmel euch vergeben klang es in gewaltigem Orgelton burch ben schläfrigen Amerhof, ben I Weiher Karl nun schon feit Monaten wöchentlich einmal besuchte. Es war stin bester Hof! Wenn alles zu Haufe war, pflegten hier sechs m Papier eingefchlagene Münzen, feiten unter fünf W^nig, l;erunter= I zustiegen. Karl zählte genau, wie oft es auf bem Pflaster bumste, so kam ihm niemals eine Spende aus. Auch heute wickelte sich alles wie gewöhnlich ab. Zuerst spendete wieder die sreundttche Schlafhaube vorn dritten Stack rechts. Karl hatte sie so getauft, wett er sie nie ohne Häubchen fah. Sie warf stets ihren Groschen und zeigte sich nur eine Sekunde lang am Fenster, und Karl muhte gut aufpaffen, damit er ihr noch schnell feinen Dank zunicken konnte.

Nummer zwei vom Parterre links folgte. Karl nannte den altern Herrn benVatermörder", da er diese überlebten Kragen trug. Der Vatermörder gab mit Vorliebe Kupfer, aber dafür war fein Paachen auch um so dicker, und er konnte unter allen Hausbewohnern am besten zielen, benn bie Münze lag immer griffbereit zu Karls Fußen, ber bann jebesmal bie Hacken militärisch zufammenknallte, was dem Vatermörder ein mildes Schmunzeln entlockte. Damit ging bas erste Stück zu Enbe, | unb bie Liebhaber klastischer Musik waren abgetan.

Nummer brei, erster Stock Mitte, war Karls bester Kunde. Ein feiner blasser, junger Herr, der von ber Musik aufwachte unb bann feine gelben Vorhänge aufzog. Karl gab ihm ben Titel Kanbibat, bachte aber habet weniger an einen ©tubenten als an bie Schwinbfucht. Der Kanbibat fragte ausschließlich nach vaterländischer Musik. Karl spielte ihm heute denFridericus Rex" auf. Zackig und taktbetont federten die Töne zum Kandidaten hinauf, der denn auch nicht lange auf sich warten ließ, in einem violetten Schlafanzug am offenen Fenster erschien und mit wei­cher, lässiger Gebärde seinen Tribut abwarf. Karl quittierte mit einer ebenso weichen, aber tiefen Verbeugung des Kopfes, was sich unter bem Einbruck des harten Parademarsches ein wenig albern ausnahm. Karl fühlte das selber, jedoch ber Kanbibat war eben sein bester Kunbe. Er hatte auch jetzt roiebcr breißig Pfennig geopfert, manchmal waren es sogar schon fünfzig gewesen!

Karl legte eine kleine Pause ein, ehe er Nummer vier, fünf unb fechs in Angriff nahm, bie er insgesamtKocheri" (Köchinnen) benannte unb bie schon in ben Fenstern bes vierten Stocks auf ber Horche lagen. Jedem das Seine" dachte Karl und brachte nun etwas für die Rühr- drüfen. Als erstes:Uebers Meer, übers Meer grüß ich dich, Heimat­land, Heimatland!" Aber Nummer vier, fünf und sechs ließen ihn gern zappeln, sie verlangten noch mehr zu hören. Und Karl spielte anschließend dieWaldesruh" mit dem unerhört tragischen Resrain:Mein Vater kennt mich nicht, meine Mutter liebt mich nicht, und sterben mag ich nicht, bin noch so jung!"

Jetzt, jetzt endlich flogen die letzten fälligen Fünferl vom vierten Stock, und Karl wedelte, als er ausgejpielt hatte, mit der Hand leutselig nach oben. Indem er bie Einnahme überschlug es waren sünfunbfechzig Pfennig unb gerabe fein Akkorbion ins Futteral verfenkte, ereignete sich etwas Unerwartetes:

Ein etwa sechsjähriges Mäbel, eine breite blaue Schmetterlings­schleife im halblangen Haar, schoß aus ber Haustür heraus unb blieb mit fliegenbem Atem vor Weiher Karl stehen, in einer Hcmb eine flache Zigarrenkiste, in ber anbern eine Sparbüchse.

Karl hielt inne unb roanbte sich bem verlegenen Kinb zu, das mit scheuen Augen zu ihm emporblickte und kein Wort herausbringen konnte. Karl sah die Sparbüchse unb bie Zigarrenkiste unb fragte, Beute wit- ternb, im sanftesten Tonfall:Wie heißt bu benn, unb was bringst du

die davon hörten.

Oie Delphische Idee.

Von Curt Rösner, Athen.

Eine alte Idee wird neu! Sie dürste siegen, denn es steht ihr ein Wort voran, das bei den Gebildeten in aller Wett eine bezaubernde Melodie hat und das ganz besonders in unserer Heimat als Wunderwort ^'"Di^grttchische Landschaft blieb klassisch und bis auf den heutigen Tag hat sie ihren alten Charakter treu bewahrt. Das alte Athen, die Akro­polis unb feine sonstigen antiken Ruinen sinb freilich schon völlig von Neuem, von Gegenwart umgeben. Immer näher schieben sich bereits Die Hochhäuser an ben heiligen Felsen heran. Das moberne Leben forbert gebieterisch seine Rechte unb beweist nicht immer bie gebuhrenbe Ach­tung, bie es ber großen Vergangenheit zollen sollte. Delphi bagegen lebt noch heute in berjelben Umgebung wie vor Tausenben von Jahren! Noch stießen murmelnb unb kühl bie Wasser ber kastalischen Quelle, noch kann man an ihr sitzen unb bie durstenden Lippen netzen. Sie gehört zu ben seltenen Wassern, bie trotz ber unenblich langen Zeit auch heute aus bemfelben Felsen unb an berfelben Stelle aus bem Erdreich sprudeln, wie einst in der Antike. Dieblitzenden" Felsen, die Phädriaden krönen noch heute den heiligen Bezirk; noch dürfen wir uns in dem antiken Theater nieberlaffen unb sollen hier in einer nahen Zukunft, voraus­sichtlich im Mai 1936, klastischen Spielen ftauncnb folgen: nicht allein unb ausschließlich altgriechisch-klassischen, (onbern auch Meisterwerken Der Klassik aller Nationen. Unb mit ihnen soll eine Jbee lebenbtg werben war es in ber Antike bie panhellenische, so soll aus ihr nunmehr eine noch größere, eine bie ganze Wett umjpannenbe geboren werben: die pankosmische". Man möchte in Delphi bieroeltumfaffcnbe Liebe erstehen sehen! 1V1. . ...

Die Nationen sollen sich hier sammeln. In ber Nahe des antiken Ortes wird die griechische Regierung genügend Gelände zur Verfügung stellen, damit jedes daran teilnehmende Volk sein eigenesdelphische»