Tiehenek Knnilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum (Siebener Anzeiger
Nummer 52
Montag, den 9. Juli
Jahrgang 1934
Meeresstrand.
Von Theodor Storm.
Ans Haff nun fliegt die Möwe, Und Dämmrung bricht herein; Uebsr die feuchten Watten Spiegelt der Abendschein.
Graues Geflügel huschet Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln Im Nebel auf dem Meer.
Ich höre des gärenden Schlammes Geheimnisvollen Ton, Einsames Vogelrufen — So war es immer schon.
Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind; Vernehmlich werden die Stimmen, Die über der Tiefe sind.
„Warum haben Sie sich nicht auch einen Hausschrat angeschafft? Oder ist das Sünde?" fragte Nippernaht.
„Warum soll es Sünde sein, ein Tier bleibt immer ein Tier", antwortete Kudisiem geringschätzig und ging mal vor die Tür. Der Flößer Nippernaht — er kehrte nicht wie alle andern bei dem reichen Haba- hannes ein, sondern blieb bei Kudisiem, fing ihm Fische und half bei der Hausarbeit; ein merkwürdiger Mensch — bekam erst am dritten Abend die Geschichte mit dem Hausschrat zu hören.
Der Alte hatte mit dem Hausjchratkauf kein Glück gehabt. Es ist noch kein Jahr her, daß er zu diesem Zweck gleichfalls nach Riga fuhr. Unterwegs kehrte er in der nächsten Dorfschenke ein, wo er feinen alten Freund, den Schneider Stockros, traf. Sie machten ein paar Schnäpschen zusammen, redeten dies und das, bis der Stockros wissen wollte, was der Kudisiem in Riga für Geschäfte hätte. Der Alte hieb auf den Tisch: das Hundeleben hätte er bis da, und als der Schneider vgr Neugier so weit geschwollen war wie eine Schweinsblase, flüsterte ihm Kudisiem ins Ohr, was für Geschäfte.
„Die Rigaischen Hausschrate sind teuer und wertlos!" sagt hieraus Stockros. „Sie sind aus verfaulten Besen und Kohle gemacht. Warum fährst du so weit, man versteht sich hier auch ganz gut auf Hausschrate."
„Wer versteht sich?" fragt Kudisiem, „etwa du?" Der Stockros nickt, als wär's nichts. Dem Rigasahrer ist, als hätte ihn jemand mit der Ahle gestochen. Er läßt Stockrosens Aermel nicht mehr los, beschwört ihn: „Stockros, Stockros, mach mir einen Hausschrat. Hier sind sünfund- zwanzig Rubel, behalt sie und mach mir einen anständigen Hausschrat." — „Narr", sagte der Schneider, „ich will dein Geld nicht, wenn du aber so sehr bittest, so komm nach zwei Wochen zu mir und hol dir den Hausschrat ab." Der Alte war so froh, daß er dem Schneider trotz seines Sträubens drei Rubel aufnötigte, als Handgeld. Das Geld haben sie bann in derselben Nacht vertrunken.
Nach zwei Wochen war Kudisiem beim Schneider. Stockros hatte die Hausschratgeschichte völlig verschwitzt, fing fürchterlich zu stöhnen an, der Kopf schmerze ihm, das Wetter fei zum Hausschratmachen nicht günstig, auch fehle es ihm an geeignetem Material und dergleichen mehr. Kudisiem ließ aber nicht locker. Da wurde der Schneider trötig und sagte: „Gut, du sollst deinen Hausschrat haben! Aber drei Dinge mußt du dir merken: beim Nachhausefahren darfst du dich unter keinen Umständen Umsehen, sodann darfst du das Wort „Teufel" nicht in den Mund nehmen und endlich keinen bösen Wind machen. Wenn du diese drei Bedingungen nicht erfüllst, kann ein Unglück geschehen. Erst wenn du zu Hause angekommen bist, darfst du den Hausschrat vom Wagen heben und ihn betrachten. Setze dich in den Wagen und warte!"
Der Waldhüter setzte sich in den Wagen und wartete. Bald kam auch der Schneider, hielt etwas unter der Schürze verborgen und brachte es hinten im Wagen unter. „Fahr zu", sagte er zum Abschied, „und denke daran, was ich dir gesagt habe."
Nach Hause fährt Kudisiem, ein glücklicher Mensch. Ganz genau überlegt er sich schon, was für Arbeiten er dem Hausschrat zuschanzen wird. Wie er etwa fünf Werft gefahren ist, spürt er Brandgeruch. Nanu! denkt er, raucht der Hausschrat? Da er sich jedoch nicht umsehen darf, fährt er scharf weiter. Aber kaum ist er noch eine Werft gefahren, fühlt er, fein Rücken brennt. Er springt vom Wagen und sieht: das Hinterende des Wagen« ist vollständig in Flammen, das Heu ist verbrannt, der Sack ist voller Feuer, und sein Rock ist hinten angesengt. Gräßlich fluchend sucht er noch zu retten, was zu retten ist! „Warte nur, du Hund, hast du am Ende brennende Kohlen in meinen Wagen geladen? Eine derartige Beschimpfung eines ChristenmenscheiL lasse ich mir nicht gefallen; und wenn mich tausend Hausschrate fressen und der alte Beelzebub selber!"
Zurück zu Stockros. Der sieht den Alten schon von weitem, läuft ihm entgegen und fragt vergnügt: „Nun Silver, bist du mit deinem Hausschrat zufrieden?"
„Halsabschneider!" ruft Silver, „was wolltest du mit den verfluchten Narrenspoffen? Du hast brennende Kohle in meinen Wagen gelegt! Zum besten hast du mich gehabt wie ein Stück Vieh, wie einen dummen Iltis oder dergleichen."
„Nein", ruft der Schneider überzeugt, „das habe ich nicht getan. Du solltest dich schämen, einem Freund solch eine Schweinerei zuzutrauen. Der Fehler steckt ganz bestimmt wo anders. Sag mal, hast du des Teufels Namen kein einziges Mal in den Mund genommen?"
„Nein", sage ich entschieden, denn ich hatte an den Namen nicht ein einziges Mal gedacht.
„Hast'du nicht vielleicht über die Schulter zurückgeguckt?
„Nein", sage ich, „ich sah erst bann hinter mich, als der Wagen vollständig in Flammen war."
„Aber hast du auch keinen bösen Wind gemacht?" forschte Stockros weiter. t . ,, .
„Nein, auch das nicht, und roenn, dann gewiß nur em ganz klein wenig!" antworte ich
Oer Hausschrat.
Von August G a i l it.
Der estnische Dichter August Gailit wurde durch feinen eigenartigen Roman „Nippernaht und die Jahreszeiten" in Deutschland eingeführt. Wir entnehmen dem Buch, dessen Held man einen nordischen Till Eulenspiegel nennen könnte, mit Erlaubnis des Propyläen-Verlags dieses charakteristische Kapitel.
Aber dann, einige Tage später, erscheint noch ein Floß.
Auf diesem steht ein Mann, und Loki sieht schon von weitem, daß •r ungeschickt ist und das Floh nicht mitten in der Strömung halten tmn. Von einem Ufer zum andern pendelnd, bleibt er oft stecken, hält an, wartet, läßt sich treiben, ohne eine Hand zu rühren. Ost versinken die Balkenenden im Wasser, das Floß dreht sich im Wasser wie etn Geisel, und der Mann liegt längelang auf dem Floß rote .auf einem Nldgewordenen Pferde.
Bei Habahannes' Hof, wo der Schwarzbach das plötzliche Knie hat, löleubert die Strömung das Floß auf das Ufer, und der Mann bleibt ^Loki^be'obachtet ihn eine Zeitlang voller Verwunderung. Ist er tunt?
Und Loki läuft zum Vater. .
Der alte Kudisiem hustet mißtrauisch. Aber Loki ist wie eine Klette mb zieht ihn hinaus. Da saß ber Mann noch so ruhig wie vorhin mb sah ins Wasser. Er schien sogar zu pfeifen.
„Ist Ihnen ein Unglück zugestoßen?" stottert ber alte Siner Kubisiem. Bi-ine Antwort. „Soll ich Sie abstoßen?"
„Nein", antwortet ber Mann, „ich habe Zeit', unb kachelt Lok, an.
Der alte Kubisiem brummte was unb machte kehrt. Loki zogernb iinterbrein. Der Mann hinterbrein.
„Aermlich lebt Ihr", sagte er unb sah sich in ber Stube um.
„Jawohl", sagte Kudisiem sehr ruhig. „Sie hätten zu Habahannes zchen sollen. Er ist reich, und die Floßerburschen gehen immer zu chm.
„Wo hat denn Habahannes feinen Reichtum her?" fragte der Mann Muftigt. .
„Er ist nicht immer reich gewesen", erklärte Kudisiem, „in ferner Irgend war er sogar ein sehr bekannter Dieb. Dann fing er hier an; leine Wirtschaft warf nicht viel ab, bas Betreibe wuchs hirtentaschelhoch.
Aber bann hat der Mann auf dem Markt in Riga für zwanzig !R ibcl einen Hausschrat gekauft, und sofort begannen die Felder zu itigen, unb bie Vorräte häuften sich wie Schneewehen. Jetzt fehlt ihm nichts mehr, hochmütig ist er geworben, geizig ist er geworben, fitzt auf feinen Butterfässern unb fährt auf ihnen in bie Stabt."
„Haben Sie feinen Hausschrat gesehen?" fragt ber Flößer, ber sich bomas Nippernaht nannte.
„Wer zeigt einem Fremben feinen Hausschrat , sagt Kudisiem iiummig. .
„Ich habe ihn gesehen!" ruft plötzlich Loki lebhaft. „In einer Ge- vkiernacht flog er wie eine Feuergarbe in Habahannes Schornstein Moll fagte wohl, der Blitz habe eingefchlagen, aber ich kenne schon Malls Redensarten."


