Ausgabe 
9.4.1934
 
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Wesen seiner Mntter geerbt. , ,

Rikelcheu blieb in den beiden Jahrzehnten des Aufstiegs un­wandelbar. , ,

Jlir Arbeitswille nahm mit dem wachsenden Wohlstand nicht ab Von irüh biS spät hoppelte sie in der Wohnung, im Laden, in der Kiiche hin und her. Sundertlet dessen, was das Dienstmäd­chen oder die beiden Verkäuferinnen allein hätten schaffen können,

du dich Herumdrücken!" , , ,,

Aber jetzt, da uns das ganze obere Stockwerk gehört, verlangst du von mir Stillstand!" ., .

Wenn man das Haus, nicht das Senatorhaus mente ich, son­dern das Haus seines Lebens, das einem vom Schicksal zuge­wiesen wurde, ausgefüllt hat, dann ist es doch wohl an der 3eit, Gust, sich wenigstens zu fragen, ob man es nun genug sein lassen und mit dem .Zufriedenst anfangen soll."

Hundertmal hab' ich mich danach gefragt.

Und die Antwort?"

Reicht nidjt!"

''Aufstockenl Das Senatorhaus, das an allen Ecken und Enden zu eng ist. Die Werkstatt must in den zweiten Stock. Fragt sich nur, ob der Krempel die Kosten wert ist, oder ob's besser ist. die ganze Flickschusterei aufzugeben? Aber dast es ein unwürdiger Zustand für mich ist, mit meinem Schreiber nt einem Raum zu siben, eine Arbeitsstätte zu besitzen, an deren Tür ctn Schild lugt: Privatkontor. Das fragt sich nicht. Also aufstvckeu. Das Senator­haus von ehemals. Und unser Lebcnshaus. Demi auch dies ist zu eng geworden. Auch dies lästt sich aufstocken. Wenn öie Grund, mauern stark genug dazu gelegt wurden. Und das sind sie. Bc- stimmt bei mir. Und hoffentlich auch bei dir!"

sFortsetzung folgt.) _____

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Derlag: Brühl'fche Llniveriitäts-Duch- und Steindruckerei. 5L Lange, Gietzen.

IV.

Uns geht es gut! rief August Micheelsen, Lederhändler en gros et en detail. Tag für Tag, viele Male seiner mecklenburgischen Heimatstadt zu. Uns, sagte er, niemals mir. Denn bei allem, was er dachte, sagte, fühlte, tat, schloß Gust seinen Jupp und setnRikel- chen ein, mit denen er die menschliche Dreinigkcit, Vater, Mutter, Kind, in vorbildlicher Weise lebte.

Jupp gedieh gleich einem sorgsam gehegten Bäumchen, das in gutes Erdreich gepflanzt ist.

Er glich völlig seinem Vater. Bts auf das Haar, besten bläulich schimmernde Schwärze von der Mutter stammte. Da er unge­wöhnlich begabt war die Krone ihrer Schule, wie ste solche seit Jahrzehuten nicht gehabt hätten, nannte der Rektor ihn einmal seinem Vater gegenüber, so schickte Gust ihn mit zwölf Jahren in die Residenz auf das Gymnasium. Er litt und stöhnte unter der Vereinsamung seines Hauses. Aber den Wunsch Rikelchens, die an dem Fernsein Jupps viel schwerer trug, aber von ihrem Lew schwieg, ihrem Verlangen nach einem zweiten Kinde, trat Gust auch jetzt mit einem Nein entgegen. Den einen werde er dahnr bringen können, wohin er ihn haben woAe, behauptete er. Zwei nicht. Er könne es nicht verantworten, auf Kosten des Leben»- glücks ihres Einzigen ihr persönliches Glück zu befriedigen. Außer­dem werde sie, was er täglich beobachten könne, mit dem Allein­sein viel besser fertig als er!

Als Jupp das Abitur mit Auszeichnung bestanden hatte, be­stimmte der Vater, daß er Jurist zu werden habe. Und fortan war cs der Traum der Tage Gusts: Der Enkel des Pantoffelmachers Schorsch Micheelsen, der sich mit zehn Kindern in den Baracken durch das Leben gehungert hat, wird einmal als oberster Beamter, als Bürgermeister, jene Stadt regieren, in der ich, der Pantoffel­macherssohn, mich bis zum zweitreichsten, allgcachteten Bürger durch meinen Fleiß und meine Tüchtigkeit emporgcarbcrtet habe!

Jupp liest das Künftige auf sich beruhen: fügte sich aber bet allem Gegenwärtigen deut übermächtigen Willen seines Vater». Denn er hatte außer den schwarzen Haaren auch das schmiegsame

E^nes NachmMags krähte ^ein vorbeistrolchender Schuljunge sich auch dann völlig unverändert vollzteht, wenn niemand es

WNLUBSÄMMSSW ""^ahru" Jahr gin9 ()ht. Das Geschäft blühte. Der Wohlstand sie mahnte, wenn das Neue zwischen ihnen besprochen wurde, zur nahm zu. Das^Ansehen mehrte sich. Kaum einer dachte noch daran, I Bedächtigkeit. Warnte vor Ueberetlung. Rtet Abwarten an.

daß der jetzige Besitzer des frühere Senatorhauses nach dem Um- I Denn im innersten Herzen Rikelchens atmete die Sorge, daß weg einer zehnjährigen Wanderschaft aus den Baracken auf dte I mu jedem Höherhtnauf die Gefahr des Wiederhinab wachse. Und Hohe Straße gekommen war. Und wenn es doch einmal irgend- I nicfjt einmal gleichmäßig, sondern durch die Zunahme des Nach- wem einfiel, hütete er sich, vor einem andern davon zu sprechen. 06Cn um Vielfaches. m

Denn wer konnte wissen, wie hoch es den Sohn des Pantoffel- I Manchmal, wenn ste schlaflos neben ^ust tm Bett lag, der machers noch hinauftrug? Das Haus eines Senators besaß er selbstzufrieden vor sich hinschnarchte, fragte Rikelcheni sich, ob> e» schon und, was einem gefehlt hatte, Geld, viel Geld dazu. Dte I uicht sinnvoller sei, Genug! zu sagen als tmmerfort. Mehr! Frau war der verkörperte Frohsinn. Der Junge hatte einen Hellen Mehr!? Ob Gott nicht gerade von jenen Menschen, mit welchen Kopf. Krankheit blieb fern. Was konnte Gust hindern, immer wie- er e§ qut meint, die Bewährung erwarte, daß ste selber sich da» dcr auszurufen- Uns geiht dat qaud!" I Ziel setzen? Ja, so war es: Der Prüfstein für Gust hieß, nicht

Es klang manchmal zu laut! Wie bas Horn des Postillons, der das naturgegebene, schicksalbestimmte Lebensziel 6tnau», morgens der ganzen Stadt zutrompetete:Ich fahr ab! und sondern davorbleiben! Lieber einige Schritte, ja, wenn sein Lauf abends:Ich bin wieder da!" Jawohl, sie sollten es wissen und nicf)t anders rechtzeitig anzuhalten war, viele Meter davor blei- hören:Uns geiht dat qaud!" Denn sie hatten sich alle dagegen ge- 6en als es auch nur um einen Fuß breit uberrasen. Denn da» stemmt, daß er nach oben kam. Aus eigener Kraft, gegen ihren ronI hie Mannessünde, welche nicht vergeben werden kann, der Willen hatte er es geschafft. Wer konnte ihn zwingen, was ihn Erbfrevel, welcher den unaufhaltsamen Sturz in den Avgruno nötigen, zu schweigen? Niemand. Nichts. I zur Folge haben mutzte: Seine Grenze überlchreiten.

Uns, wißt ihr es, hört ihr es alle, ihr eingebildeten Bewohner Eines Abends in der Dämmerung, als er ihr Gesicht nicht der Hohen Straße? uns, mir, dem Barackenjungen und meiner fe6en konnte, sprach Rikelchen von ihrer geheimen Lebenssorge. Frau, die nichts in die Stadt mitgebracht hat, als was sie auf dem I Gust wollte das grelle Gaslicht anzünden, welches er trotz des Leibe trug,uns geiht dat gaud!" Einspruchs seiner Fra» aus dem Laden in bre Wohnung hatte

1 hinaufleiten lassen.Nicht!" bat sie ihn. Gegen seine Gewohnheit erfüllte er ihre Bitte.Also, meinetwegen noch eine Viertel­stunde im Schummer sitzen! Das Gasgeld, obgleich wir es nicht nötig haben, sparen!" und ließ sich in den Stuhl am Fenster fallen, wo weniqstens er von der Straßenlaterne beschienen wurde, wah- reud seine Frau am andern Fenster im Dunkeln saß und mehr und mehr darin versank. , _ o ,

Ja!" fuhr Gust herum, als Rikelchen ihren Herzen»glauben. Genug! Mehr als genug!" bekannt hatte,ja, soll der Mensch denn stehenbleiben, wo er steht? Dann gibt es auf der Welt bis zum Jüngsten.Tag nicht den allergeringsten Fortschritt. Und so was sagt eine gescheite Frau im Zeitalter der Entwicklung! Stehenbleiben zum Lachen!" .

Wie kannst du nur so daneben Horen! fuhr Rikelchen tapfer fort.Bist du etwa stehengeblieben? Wohnst du noch, wie dein Vater und deine Mutter, in den Baracken? Oder unten in der Nofstube, die Tag und Nacht unser einziger Unterkunftsraum war? Nicht einmal nebenan in der Altjungfernwohnung mutzt