Ausgabe 
9.4.1934
 
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gestalt und sein töricht seliges, glühendes Jünglingserschaucrn alles dieses hatte der zweimalige kriegerische und drohende Erzruf der Trompete von ihm mit machtvoller Gewalt hinweggcnommen.

Wo bleibt der Benjamin?" klang Leutnant von Henners Stimme.Holt ihn und helft ihm in den Sattel!"

Zur Stelle, Herr Leutnant!" Frisch und kampffroh kam des Jungen Antwortruf von der Haustür.

Sie kommen!" der Müller rief es warnend vom Dachfirst her­unter und zeigte erregt mit dem rechten Arm in die bunt flam­mende Bergferne über dem Tal.

Davon stob der Neiterhaufe, das Tal hinunter und hinein in die goldflimmernde Luft. Stiebender Hufschlag, Staubwolken ... Blitzen blanker Metallteile und dann nichts mehr.

Das Wasserrad rauschte und sang, wie jeden Tag von jeher, solange Brigitte denken konnte. Dunkel und tief erklang die un­ermüdliche Musik von stürzenden Wassern, mahlenden Steinen und grünmoosigem Radgetriebe; brausend und dunkel und tief wie ein Schicksalslied...

Unser Herrgott sei mit ihnen!" Der Müller sagte es ernst und gedankenschwer, ehe er daranging, das Hoftor zu schließen.

Was Gott tut, bas ist wohlgetan..." betete Brigitte in ihrem Herzen. Aber ihre Lippen zuckten, und sie konnte es nicht mehr hindern, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen.Lebewohl, Brigitte!" so hatte der Jüngste der Reiter zu ihr gesagt, und er war verwundet und fast wehrlos, und der Feind ritt hündertfach hinter ihnen...

Lebewohl!" sagte auch sie jetzt tonlos mit tränenverschleierten Augen. Brausend und dunkel und tief sangen die Wasser ihr Lied ...

Oer Flötenspieler.

Von Georg v. d. Gabelentz.

Im menschenfernen Teil der Abruzzen klomm ich einst auf einen der kahlen, sonnenzerglühten Berge, zu denen von fern der Riesensaphir des Adriatischen Meeres heraufleuchtet. Beim Rück­weg säumte ich lange, und schon sanken lila Schleier auf Ge­birge, Land und Tal von Ofena. Ich verfehlte den rechten Pfad und tauchte in die Einsamkeit einer Felsschlucht. Eine Hirtenhütte kauerte unweit eines Quells. Die Tür gähnte dunkel. Ich trat einen Menschen suchend herein. Doch der Raum war leer.

Dämmerlicht webte durch ihn hin. In der Ecke waren Schaf­felle über eine Schütte von trockenem Gras gebreitet. An den Steinwänden hingen Bündel von Maiskolben und getrockneten Zwiebeln, Kräutern und Tomaten. Auf dem rohen Steinherbe stand in der erkalteten Asche ein Tonkrug. Hinter der wetter­zernagten Tür, die müde in den Angeln hing, waren einige Arm­voll trockene Reste von Pinien und Steineichen ausgeschüttet.

Da ich drinnen niemand fand, der mir den kürzesten Weg hätte zeigen können, trat ich wieder ins Freie. Schon wollte ich weiter, als ich über mir, hinter großen Felsbrocken vor, wo eine Herde Ziegen und Schafe an spärlichem Gras zupfte, eine Flöte hörte, unbeholfene und fast rauhe Töne. Ich rief, da tauchte plötzlich über einem der Blöcke ein menschliches Antlitz auf, und ein von grauem, verscheuertem Schaffell umhüllter Oberkörper schob sich empor. Zottiger, graubrauner Bart umrahmte das dunkel ge­brannte Gesicht des Hirten. Wie eine kurze Mähne umflog wirres Haar die Schläfen.

Der Kerl starrte mich einen Augenblick mit feindseligem Aus­druck an, beantwortete aber meinen Anruf nicht, sondern duckte sich mit scheuer Bewegung wieder hinter den Felsen. Als ich einige Schritte emporstieg und nach der abenteuerlichen Gestalt suchte, war sie nicht zu finden. Ich konnte mich nicht lange auf­halten, ließ den Wilden laufen und war auch ohne seine Hilfe eine Stunde später drunten in Ofena.

Rastend in der Osteria traf ich den Pfarrer des Ortes und fragte nach dem sonderbaren Flötenspieler droben am Berge: Der Priester lachte:Ach, Sie sind unserem Wilden begegnet? Nun, das ist eine eigene Geschichte mit dem. Ja, Andrea Pascale, den ich heute den Pan von Ofena nennen möchtes war seinerzeit ein wilder, übermütiger Bursche. Niemand, er selbst nicht, kannte seine Herkunft. Ich schwöre Ihnen, er war Heide, sie sagten, ein wenig beschränkt, ich will es zugeben, und bestimmt hatte er den Teufel im Leibe. Es gab keinen Schabernack, den er nicht aus- geftthrt. Am meisten hatte mein Vorgänger, Don Matteo, unter ihm zu leiden. Der tolle Andrea ärgerte den alten Herrn, wo er nur konnte, weil dieser einst ein Mädchen vor seiner Liebe ge­warnt hatte. Und als die Betreffende daraufhin gar einen anderen heiratete sie tat recht daran, denn Andrea war wirklich kein Mann für ein anständiges Mädchen, da wußte sich der Bursche vor Wut und Rachsucht nicht zu lassen. Bei einer Rauferei fiel er über seinen Nebenbuhler her, stieß ihm das Messer in die Schul­ter und wurde dafür einige Monate ins Gefängnis gesperrt. Dann tauchte der Bursche wieder auf, um es in Ofena schlimmer als je zu treiben. Die Leute waren manchmal nahe daran, den Unruhestifter mit Gewalt zu verjagen oder totzuschlagen. Eines Tages rührte den armen Don Matteo der Schlag. Ich glaube fast, der Steiger über diesen unverbesserlichen Kerl hatte ihn ins Grab geworfen.

Auch als ich herkam, ist schon der zehnte Sommer darüber ab­geblüht, mußte ich mich dauernd der Streiche des Gesellen er­wehren, der jedem Geistlichen Feind war wie der Wolf dem Lamm. Fragen Sie nur die Mönche im Kloster drüben! Beson­ders gern spottete dieser Kerl über unseren Heiligen, den heiligen Antonius, der den Tieren predigte. Anzeigen? Ach, die Gerichte fassen leider heute derlei Dinge mit gar zu weichen Händen, was will man da machen.?

Es war eines Tages im Hochsommer. Wir hatten lange Dürre gehabt und wollten den Himmel um Wasser bitten, denn im Bach konnte sich kein Frosch mehr satt trinken, und alle Weiden waren zu Stroh verdorrt. Eine Prozession sollte retten. Unter dem Baldachin trugen wir mit Gesang und Gebet den Heiligen um unsere Flur. Die ältesten humpelten mit, der Bischof selbst war dazu heraufgeritten.

Andrea Pascale, der Heide, allein fehlte. Natürlich! Er lehnte unter einer alten Pinie, die Hände in den Taschen, und sah uns mit spöttischer Miene nach. Die Andächtigen warfen ihm böse Blicke zu, und wären nicht an dem Tage zwei Karabinieri bei uns gewesen, es wäre ihm übel ergangen. Als wir vom Bittgang heimkehrten, schien der Himmel unsere Gebete erhören zu wollen, denn er umzog sich plötzlich mit dunklen Wolken. Der Spötter stand noch immer unter dem Baum. Er hatte sich eine Flöte geholt und, was glauben Sie wohl, er blies ein Gassenlied, indem er tat, als sehe er uns gar nicht.

In diesem Augenblick geschah das Wunderbare. Aus der schwarzblauen Wolke polterte ein Gewitter mit Donner und Blitz. Wir liefen, uns in Sicherheit zu bringen, da fuhr hinter uns ein Blitz krachend in die Pinie und schleuderte den Burschen zu Boden.

Andrea Pascale wurde aufgehoben. Man hielt ihn für tot. Aber er erholte sich allmählich, nur die Sprache wollte nicht wie­derkehren. Er ist seitdem nur noch imstande zu stammeln wie ein Kind.

Damit wir ihn hier loswürden, schickten wir ihn als Hirten hinauf. In Berg und Einsamkeit ist er nun vollends verwildert. Sie haben ihn ja gesehen und werden mir zuaeben, der Name Pau paßt nicht schlecht für diesen Hammelhüter. Was er da droben auf seiner Flöte spielt, was er nun feinen Ziegen und Hammeln predigt, weiß niemand. Aber, hab ich unrecht? Vielleicht ist seine Stümperei heute doch ein Rufen zu dem. der damals den Blitz herabgeschmettert.

Eine Weile blickte der Pfarrer schweigend in den Rauch meiner Zigarre. Dann fügte er halblaut hinzu:Und am Ende findet auch das unbeholfene Stammeln diesens Narren ein Echo dort oben."

Der Geistliche verließ mich. Ich trat auf die Pergola heraus, deren Dach von einer Steinsäule rechts und einer rohen Holzfäule links getragen wurde. Grillen zirpten tausendstimmig im Garten. Drüben reckten die Berge ihre Häupter in die Sternennacht.

Irgendwo banste dort oben im Dunkel der aus dem Dorfe ver­jagte Pan. Welch merkwürdiges Zusammentreffen hatte sein Schicksal geformt! Ein Zufall? Wir neunen Begebenheiten so, deren Gesetzmäßigkeit wir nicht zu erkennen vermögen. Das Steinchen selbst, das heute früh droben eine Ziege, eine auf- fliegende Vcrgdohle, ein Windstoß in Bewegung setzte, das vom Steilhang herabspraug und meinen Füßen zufiel, nahm diesen Weg, an Gesetze gebunden, Gesetze der Schwerkraft, des Wider­standes, der Bewegung. Auch der Weg des Blitzes wird von dem Allbeweger bestimmt, der Welten ordnet und dem Sandkorn seinen Platz anweist.

Wo man im Gielde wühlt.

Ein Besuch in der Freiberger Münze.

Von Hanns Lerch.

Die Mulde schlägt um die Staatlichen HüttenwerkeMulden­hütten" bei Freiberg einen halbkreisförmigen Vogen. Schwarz sieht ihr Wasser aus. Den weißen Flockenschaum ans den großen Papierfabriken weiter bergwärts könnte man in der trüben Däm­merung für Eisschollen halten. Links und rechts ragen steil die Hänge des Muldetales und mit Birken bewachsene Halden empor. Schemenhaft spannen sich die großen runden Vogen des Eisenbahnviaduktes der Linie DresdenChemnitz von Hang zu Hang. Und wendet man den Blick, so steigen Schornsteine steil zum Himmel, wachsen Industriebauten, Halden, Eisenkonstruktio- nen und Kesselhäuser massig in verschwommenem Licht immer mehr empor. Die ganze Halbinsel, die der Muldenbogen einengt, ist von ihnen bedeckt, eine kleine Arbeitsstadt der glühenden Oefen, der rauchenden Retorten. Hier ist die Schwefelsäurefabrik, dort das Arsenwerk, mitten zwischen ihnen aber liegt die sächsische Münze.

Kaum hat sich die Tür zu der Werkstatt des Geldes geschloffen, fällt einem schon ein riesiger und mit den modernsten Mitteln gesicherter Tresor ins Auge, der die kostbaren Barren enthält, die sich weiter hinten in den weiten Räumen voller klappernder, rumorender und stampfender Maschinen in glänzende runde Silberstücke verivandeln sollen.Wir prägen heute gerade Fünf- markstücke", sagt der Führer so leichthin, als ob das die selbst­verständlichste Beschäftigung der Welt sei.Aber eilen wir", fährt er fort,dann können Sie gerade noch sehen, wie ein Schmelz­ofen entleert wird."

Der Raum, der sich vor einem öffnet, gemahnt an das Alchi- miftentum ferner Zeiten. Vier Schmelzöfen stehen nebeneinander und sähen, wenn sie nicht aus Mauerwerk bestünden, wie eine Mörserbatterie aus. Einer von ihnen hat seine Aufgabe fast er­füllt, protzig und wichtig strahlt er seine Hitze aus, so wichtig, als wifle er, daß in ihm 150 Kilogramm Silber und die gleiche Menge Kupfer wohlabgewogen zum Schmelzen gebracht wurden. Und für- wahr, er kann sichs leisten, protzenhaft auszusehen. Nicht weniger als 1250 Hitzegrade entwickelt das durch Ventilatoren geschürte Koksfeuer, das wie ein dicker Mantel feinen Graphittiegel um­kleidet.

Zwei Arbeiter tragen jetzt in laugen Tragzangen einen kleine­ren etwa 50 Kilogramm fastenden Tiegel herbei: rauchend und bald feurig aufglühend, bald wie Quecksilber hell aufblitzend, fährt