Oer SternenSaum.
Roman von Friedrich Schnack.
lFortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Sonntags, in der freien Zeit, zeichnete er mit Bleistift und Lineal Möbelformen auf ein weißes Blatt. Er hatte eine Möbelliste erwischt, darin waren genau die Maße angegeben. In die vertiefte er sich. Die Abendschule vervollkommnete ihn in der Fähigkeit, schnurgerade Linien zu ziehn, Winkel abzumessen und Kurven zu krümmen. Bald gelang es ihm, einen Tisch zu entwerfen, der glich scharfgenau seinem Heimattisch, von dem er nie erfahren hatte, wohin er gebracht worden war. Zu ihm fügten sich, wie gute Geschwister, drei Stühle, deren Gestalt durch haardünne Linien bestimmt wurde. Drei Stühle waren es: für Pater, Mutter, Kind. Wenn er, so still in sich gekehrt, die Striche zog und immer wieder neue Stühle aus Nichts herstellte, sah er seinen Vater auf dem einen Stuhl sitzen, wie in alter Zeit, sah er seine Mutter daneben, nur etwas weniger klar als den Vater, und sah er auch sich selber, als einen kleinen Jungen mit der Harmonika und seinem locker am Fuß hängenden neuen Holzschuh... Schüttelte man erst die Stühle kinderleicht aus der Hand, zeichnete man erst den Tisch auswendig, fast wie im Schlaf, dann konnte man sich auch an eine größere Aufgabe wagen, an den Grund- und Aufriß eines Schrankes.
Er zeichnete den Grundstock des Bauwerks von Holz und Leim, die vier Füße. Auf ihnen ruhte der Schrank. Vier Füße hatte er, wie ein mächtiges, starkes Tier. So dunkel drohend hatte er abends in der Stube an der Wand geschattet, wenn das Licht nicht mehr brannte und die Sterne durch die Scheiben blitzten. Das war der braune, alte Schrank, den Vater auf Abzahlung angeschafft hatte. Der kleine Juppi hatte immer befürchtet, der große Schrank werde einmal umfallen, auf ihn, und ihn erschlagen, wie draußen im Wald eine hohe Tanne beim Niederstürzen einen Mann zerschmettert hatte. Der große Jup hegte nicht mehr eine so ferntörichte Furcht. Er wußte, seitdem er einen Schrank zeichnete, der Kasten konnte nicht umkippen: er stand auf seinen vier Klotzfüßen und war vorne und hinten gleich schwer. Ließ man ihn an der Wand stehn, wo sein Platz war, dann stand er sicher, und man konnte seine Tür auf- und zumachen, so oft es einem Vergnügen bereitete. Links an den Haken hingen die Kleiber des Vaters, rechts die Knabenjoppen und Hosen. Unten lag der Sonntagshut. Juppi hätte ihn beinah auf bas Fußbrett gezeichnet. Aber der wirkliche Hut war verdorben, und Hüte waren nicht die Angelegenheit eines Möbelschreiners So begnügte er sich mit dem leeren, luftigen Linienschrank.
So iveit hatte er es gebracht.
Es gab noch viele Arten von Möbeln, die zu zeichnen waren: Schreibtische, für die Wohnungen feiner Leute, Gläserschränke für die Gasthäuser, auch Warenschränke für die Kaufleute — einer späteren Uebung behielt Juppi diese Pläne vor. Zunächst dachte er daran, bei koinmender freier Zeit, ble Risse schöner Truhen, Nachtküsten und ähnlicher Kleinstücke der Kunst in sein Heft einzu- fügen. Freilich hätte er auch einmal einen Katafalk entwerfen müssen, wie er zu Ostern in der Kirche aufgebaut war, aber er wiichte solche Düsteren Vorstellungen aus seinem Sinn: an Toten- schrcine und Särge mochte er nicht gemahnt werden. Noch nistete in einer Falte seines Innern das Schreckbild jenes Abends, an dem der Meister in seinem Rausch über dem Sarg gelegen hatte.
Montags hieß es wieder: tüchtig anpacken. Der Pfarrer vom Ort hatte ein Büchergestell in Auftrag gegeben, er wollte es bald haben. Ein Büchergestell für den Pfarrer mußte besonders fein ausfallen. Juppi sah das ein: beim Abhobeln der Seitenbretter gab er sich auch die größte Mühe, sie recht glatt zu schleifen. Das Tannenholz wurde so blank und eben rote ein Spiegel. Was war es auch für ein dichtes, lufttrockenes Ho/z. Gelblichweiß, sandfarben, von geschmeidig aufrechtem Wuchs. Der Baum roar auf einem guten Boden gedieh», das sah man an den gleichmäßigen Sätzen seiner Jahresringe. Eine feste Tanne. Kräftig und streng gebaut war auch das Büchergestell und wurde schwarz gebeizt, denn es sollte zu den andern schwarzen kräftigen Möbeln in der Studierstube des Pfarrers passen.
Als die Beize trocken war, mußte Juppi das Gestell abliefern. Er hatte es vorsichtig auf einen Handkarren gebunden und durch Lappen geschützt, damit es keinen Schaden leibe, anders als der Schrank, den damals bei der Versteigerung die zwei Vauern- iveiber auf ihrem Handkarren fortgefahren hatten, mit lautem Gerumpel und Getöse.
Der Pfarrer stand in seiner Studierstube, wo die Vücherhaufen aufgeschtchtct waren, so krcuzdurchcinander wie die Granitblöcke und Tafeln im Bayerischen Wald — ganze Gebirgslandschaften, Taler und Hügel, zogen sich auf dem Fußboden hin. Zwischen den Stößen und Haufen waren freie Stellen, dahin man vorsichtig Bein für Vein setzte und so durch das Zimmer stieg. Mit des Pfarrers Htlfe räumte Juppi eine Büchermauer von der Wand ab, wo das Gestell Platz finden sollte. Sie fügten die Bretter zu- sammen, zogen sie wieder heraus, nahmen Maß und wurden nicht fertig.
„Hast du abends etwas Zeit?" fragte der Pfarrer, „kannst du zu mir kommen und mir ein wenig helfen?"
Wieviel schöne Abende kamen nun für Juppi. Abende, die ihn alle Tagesmühe vergessen ließen, die groben Reden, Aufschneidereien und Peinigungen des Obergesellen: Abende, an denen er
Reran iw örtlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl
keine Maulschellen von der Meisterin bekam, wenn er noch etwas Brot aus der Küche herausklauben wollte, weil er nicht satt geworden war, der Pfarrer hatte immer ein paar Aepfel für ihn,' Abende in einem friedlichen Zimmer, darin nichts fehlte, weder Schreibtisch und Stühle, noch eine Uhr: Abende bei einem freundlichen BUcherleser und Abende, die ihm den Alpdruck vom Herzen nahmen, das düstere Sarggesicht. Ueber zwei Sonntage hin half er dem Pfarrer seine Bücher ordnen. Alte und neue Bücher waren es, die alten hatte der Pfarrer am liebsten, was für Juppi nicht recht einleuchtend war: dicke, braune Schwarten, in Leder gebunden und vergilbt. Bücher in lateinischer Schrift und andere wieder in anderer fremder Schrift, auch Bibeln, Kirchenväter, Predigtsammlungen, Geschichten von der Schöpfung und dem Sternenhimmel, auch Legenden über fromme Männer in Jerusalem und der Wüste. Der Pfarrer erzählte ihm von den heiligen Männern und den heiligen Frauen. Juppi stellte wißbegierige Jungensfragen und fand sie bet dem Geistlichen alle beantwortet. Wenn sie beide, insbesondere am Sonntag, einige Stunden der Arbeit hinter sich hatten, strich der Pfarrer seinem Helfer ein dickes Brot und setzte ihm ein paar Aepfel aus seinem Garten vor.
Bei solchem Zusammensein weihte Juppi den Pfarrer in seine Möbelzeichnerei ein. Dem Geistlichen gefiel vor allem eine Schranktür aus einer der ersten Heftseiten. Sie war auffallend gehalten und paßte wohl nur in bessere Zimmer, und wenn er das Geld gehabt hätte, wäre ihm ganz gewiß nichts daran gelegen gewesen, sie in Arbeit zu geben. In den vier Ecken hatte sie große Rosetten, djck wie Polster, die säuberlich ausgeführt waren und rundum Strahlen aussanöten, flammende Muster: es konnten aber ebenso gut Teller von Sonnenblumen sein. Der Pfarrer zeigte dem Fachmann nun auch seine Möbel und meinte, er müsse manches an ihnen ausbessern lassen, leimen und lackieren. Es waren gute Stücke, die Juppi gefielen. Dann ließ ihn der Pfarrer Bilder sehn. Die besaß er in ganz großen Büchern, die nicht nebeneinander gestellt werden konnten, weil sie zu hoch und zu schwer waren. Ins unterste Fach wurden sie gelegt. Es waren dies Darstellungen von Marien aus allen Ländern, die Geburt und das Leiden Christi von deutschen und fremden Malern. Manche schwarz gezeichnet, andere bunt getuscht in wunderbaren Farben. Aber am meisten Eindruck machte auf Juppi, was man alles aus Holz fertigen konnte, aus Balken und Blöcken. Es gab also nicht nur Möbel und Häuser von Holz. Es gab da Gestalten, so groß wie die steinernen in der Kirche, Männer, Frauen, Heilige und Zkpostel, aus Lindenholz, aus Eiche, aus Weimutskiefer: der heilige Sebastian an seinem Baum, durchspießt am ganzen Leib von spitzgeschnitzten Pfeilen, eine Kreuzabnahme, eine Mutter Maria, deren Kleid in hundert feinen Falten niedersiel, Adam und Eva, wie sie einen hölzernen Apfel aßen und von einer hölzernen Schlange angezüngelt wurden. Solche Werke gab es, und sie verwunderten ihn sehr. In den Abbildungen noch konnte mau genau an der Maserung erkennen, aus welchem Holz die Leiber gemeißelt waren. Diese vielen Einfälle und Ausführungen!
Da hatte ein längst verblichener Künstler aus einem belaubten Baum mit zierlich geschnitzten Blättern, vielleicht war es eine Buche, ein Kreuz ausgeformt. Der Baumstamm war der Längs- balkeu, der im Grund wurzelte, zwischen Steinen, und zwei mächtige Acste bildeten die Querbalken, daran der Heiland geheftet roar. Die Vildnerei hieß „Der Baum des Lebens".
Juppi beschaute den Druck und machte sich seine Gedanken dazu. Gutes Holz, dachte er. Freudevoll strebte es auf, als spürte es nicht, daß ein Sterbender an ihm hing. Es roar Lebensholz, kein Totenholz, rote das Holz der Särge. Klar sahn einen die Augen an, sie schauten bis auf den Grund des Herzens. Witndersam, roie es dem Künstler gelungen roar, solche Augen zu bilden, erhaben über allem Erdenschmerz, über die Gräber und die Toten. Und doch sank die Gestalt schon matt in den Baum hinein, gleich wie in einen Schrein, der sich schließen wollte, in einen Sarg mit einem Deckel von Laub.
«o unbestimmt sann und fühlte, in einer frohen Seelcnregung, der kleine Tischlerlehrling.
Der Pfarrer aber erklärte ihm die Einzelheiten und die allgemeine Bedeutung dieses Werkes: Der Baum habe keine Früchte, nur eine einzige Frucht, den Menschensohn.
Juppi erinnerte sich da an den Tag, wo ihm die Spielzeug- Gret von ihrem Vater, von seinen Baumgeschichten und den Sternen erzählt hatte: wie der einmal im Spessart mit ausgebreiteten Armen eine tausendjährige Eiche umspannte, wie er in einer hohlen Linde einen toten Gärtner als wie in einem Raum- Sarg fand, und er gedachte auch, in der Art eines kaum faßbaren Andenkens an einen bestimmten Harzacruch im Wald, jener nr- alten Fichte aus der Erzählung des Sägemttllers Tttt, die mit ihren vielen Jahresringen ein Kupfcrkrenz umwachsen hatte.
„Ein frommes und schönes Gleichnis", sagte der Pfarrer. Sinnend sah er hinaus in seinen Garten, wo die Bäume ihre Wipfel zusammendrängten, und er sprach, roie zu dieser Versammlung: „Das ist der Baum der Räume, der Bgum an der langen Straße des Lebens, llnter ihm findet Schutz und Trost der miihe- beladene Mensch ..." Er legte das Buch in das Fach.
Die Gebirgslandschaft der Bücher auf dem Fußboden roar abgetragen. Die Werke, nach Inhalt und Größe geordnet, zierten mtt ihren schwarzen und bunten Rücken die Wände der Studierstube hochhinauf.
lFortsetzung folgt.)
'fche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. D. Lange, Gießen.


