Heller war es um ihn, wenn er ausritt zum Kampf aufSchleif- ner, dem achtfüßigen Schimmel,' dann war der Allvater wieder der Niesenbezwinger, dann sauste der Speer durch die Wolken, dann wankten die Berge und sprangen die Fluten, dann war die göttliche Lust in ihm wach, sich selber noch einmal zu wagen, statt grübelnd um kommende Tage sein Schicksal zu schauen.
Darum liebte Wodan die kampskühnen Krieger mehr als die langlebigen Greise,' die walkürischen Jungfrauen holten sie heim aus der blutigen Schlacht, Walküren auf windschnellen Rossen.
Fünfhundertundvierzig Türen hatte Walhal, und der Weg ging hinein durch den Hain der goldenen Blätter,' da hielt all- abends Wodan das Mahl, die walkürischen Jungfrauen kredenzten den Wein nach fröhlichem Speerwurf.
Denn nicht Ruhe war dort, wie auf Erden die Ruhe nicht wohnte; der Hahnruf ries die Helden zur Schlacht, und die Sonne lief ihre leuchtende Spur über den krachenden Speeren: ewiges Leben war ewiger Kampf, und ewiger Kampf war das Heil für den Mann, den Wodan heimholte.
Ewiges Heil und ewige Pflicht; denn einmal stieg der Tag über Walhal, da der Nornenspruch sich erfüllte, da Unheil zum andernmal Midgard bedrohte, Midgard und Asgard mit all seinem Glanz und all dem selbstherrlichen Glanz der starken Urdunkelsöhne.
Frigga.
Die aber seine Geliebte war, die ewige Mutter des Lebens, sie war die Gattin Wodans geworden und die spinnende Hausfrau in Asgard.
Sie saß am Wocken und spann dem Dasein bas wärmende Kleid; sie trug die Schlüffel am Gürtel und teilte mit Wodan den goldenen Hochsitz, wenn er als sorgender Hausvater Umschau hielt über den Kreis seiner Gewalt.
Darum war ihr die Spindel geweiht, und am Himmel stand ihr Wocken den Menschen als köstliches Sternbild, daß Ordnung und Fleiß im Reich der Götter die segnende Hausmutter hätten.
Auch kam sie gern auf die Erde zurück, hielt in Bergen, Brunnen und Waldgewässern heimliche Wohnung, die Keime des irdischen Lebens zu pflegen, und hatte den Kinderbrunnen in Hut als ihr liebstes Geheimnis.
In den zwölf Nächten aber des innersten Winters, wenn Wodan seine Sturmfahrten tat, über Berge und Bäume, über Dächer und Dumpfheit der Menschenwelt hin, fuhr Frigga mit ihm als brünstige Windsbraut.
Und hatte die Holden mit sich, die Seelen der Toten, die aus dem Dunkel der Tiefe aufstiegen und hinter ihr her als wütende Jagd die zwölf Nächte durchstürmten.
Denn Urmutter war sie der Tiefe, daraus alles Leben kam im Geheimnis seiner Geburt und dahinein alles wieder versank im Geheimnis des Todes: aus dem Dunkel zu flattern für eine flüchtige Stunde und wieder zu warten im Schoß der ewigen Zeugung.
Galsworthy.
Erinnerungen an de« Dichter der „Forsyte-Saga".
Von Dr. Victor Polzer.
Er sah wirklich so aus, wie sein Bild ihn zeigt — ernst-heiter in einem, jugendlich inmitten des schneeweißen, etwas starr vom Kopf abstehenden Haares und unendlich geschlossen in seiner Rundung, in seiner diplomatenhaften Unnahbarkeit. Ein prachtvoller Kopf, eine prachtvolle Erscheinung, wie geschaffen für den Frack am Vortragstisch, hinter dem er stand, halb wie ein Offizier in Zivil, halb wie ein tadelloser Hausherr, der Gäste empfängt.
Ein Dichter mit Charakter in jedem Wortsinn und vielleicht der gewissenhafteste Poet der Jetztzeit. Seine Biographie berichtet auch von seiner Lebens- und Schaffensweise. Tag für Tag, von Früh bis Mittag, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit, saß John Galsworthy bei der Arbeit. Und wenn er auf Reisen war, arbeitete er in der Bahn. Am liebsten freilich schuf er in Heller Sonne; auf seinem englischen Landsitz Bury, der etwa zwei Stunden südlich von London in herrlicher Abgeschiedenheit inmitten von Hügeln, Wiesen und Weideland liegt, war sein Lieblingsplatz ein Nasenfleck vor dem Haus, umstanden von uralten Bäumen. Dort konnte man ihn im Gartenstuhl sitzen sehen, einen breitkrempigen Strohhut auf dem Kopf, den Schreibeblock auf den Knien; die Rechte führte die Füllfeder. Während er so in größter Konzentration arbeitete, herrschte weit und breit die Stille eines Dornröschenschlosses. Auch im Sause dämpften schwere Teppiche auf Flur und Treppen jeden Schritt. Des Dichters Gattin, Muse im großen wie im kleinsten, schuf ihm diese tiefe Ruhe. Den Achtundzwanzigjährigen hat sie seinerzeit dazu vermocht, aus seinen literarischen Versuchen Ernst zu machen, und was sie dem Dichter war, kann nichts besser ausdrücken als die Widmung der „Modernen Komödie": „Ich weiß nicht, was ich überhaupt ohne sie hätte schreiben können." Aber sie war es auch, die des Dichters Manuskripte, welche er Blatt für Blatt in seinen großen Buchstaben gemalt hatte, in Maschinenschrift übertrug. Er selbst haßte bas Instrument der Schreibmaschine und diktierte jenen Teil seiner umfangreichen Korrespondenz, den er nicht selbst handschriftlich erledigte, seiner Gattin in die Feder. Wer heute das British Museum besucht, sieht hinter Glas und Nahmen, wie ein Nationalheiligtum bewahrt, des Dichters mächtige Handschrift der „Forsyte Saga" — ein kleiner Berg. , . .
Zurückhaltend wie stets, gab Galsworthy über fetit Schaffen nur selten Aufschluß. Nur einmal erzählte er, daß ost des Nacgts,
wenn er aufwnchte, die Fäden seiner Handlungen sich plötzlich weiterspannen, und ein andermal gestand er ein köstliches Kuriosum: Am Morgen, während des Rasierens, pflegte er mit der Arbeit einzusetzen, und^Handlung und Charaktere wurden, wie er sagte, bei diesem Geschäft „vorwärtsgestoßen".
Am Nachmittag zwischen Tee und Dinner war die Arbeit des Vormittags überprüft und gefeilt, der Abend gehörte der Muße. John Galsworthy war ein feinhöriger Musikfreund, und in seinem Londoner Stadthaus „Grove Lodge" wie in seinem Landhaus in Bury wurde fast jeden Abend musiziert. Seine Frau spielte Klavier, sein Neffe, der Maler R. H. Sauter, der mit seiner jungen Gattin stets den Aufenthalt des kinderlosen Paares in Bury teilte, blies Flöte. Im „Nachsommer" heißt es: „Nach den Zigarren, die ein Mann raucht, und nach den Komponisten, die er liebt, soll man seine Seele beurteilen." Nun, Galsworthy rauchte sehr gute Zigarren, und liebte klassische Musik; Bach und Gluck zählten zu seinen wie des alten Jolyon Lieblingen. — An manchen Vury-Abenöen saß der Dichter während des Musizierens im Lehnstuhl vor dem offenen Kamin, in dem auch des Sommers ein Feuer brennen mußte, und las. Er verfolgte aufmerksam die bedeutsamen Erscheinungen der zeitgenössischen Belletristik und widmete sich mit brennendem Interesse allen wichtigen Veröffentlichungen über aktuelle soziale Fragen. Häufig wurde nach dem Dinner auch getanzt. Und es kam vor, daß Mrs. Galsworthy ihren Platz am Klavier mit ihrem Neffen tauschte, und dann führte sie der Dichter in vollendetem Walzerschritt. Er war ein vorzüglicher Tänzer und — mit Wehmut sei es gesagt — es hatte etwas von hellenischer Lebensheitcrkeit an sich, die beiden schönen, hochgewach- senen Menschen mit weißen Köpfen im Tanz ihrer Jugend zu sehen.
Seinen gestählten Körper verdankte Galsworthy eifrigem, seit frühester Jugend geübten Sport. Die Jagd hatte er in den letzten Jahren aufgegeben, vielleicht trug seine fanatische Tierliebe dazu bei. Aber noch der Fünfundsechzigjährige unternahm auf dem Lande täglich seinen ausgedehnten Morgenritt. Er ritt ausgezeichnet, seine hochgerichtete Gestalt und das edle Tier, förmlich eines geworden, wirkten wie der Bronzeguß einer Reiterstatue. — Nach dem Lunch ward einem leichteren Sport, dem etwas altmodischen Croquet, gehuldigt. Nicht zu verwechseln mit Criguet: einmal in der Woche hat die Dorfbewohnerschaft Burys (der Ort umfaßt bloß einige Häuser) ein Criquetmatch. Und zu jedem Match trat John Galsworthy an und spielte mit seinen Landsleuten.
Winter und Frühjahr verbrachten der Dichter und seine Gattin stets auf Reisen. Längere Jahre Hindurch suchten sie den Süden auf, bereisten Portugal, Südfrankreich, Marokko und Aegypten. In Deutschland liebte Galsworthy den Rhein und den Taunus, und eine seiner Erzählungen aus der „Forsyte-Börse" hat er an den Rhein, den Roman „Jenseits" zum Teil nach Wiesbaden verlegt. Salzburg und Tirol hatten es ihm angetan und die Dolomiten machte er mehr als einmal zum Schauplatz seiner Handlungen. In Cortina d’Ampezzo schrieb er sein Drama „Urwald". In den letzten Jahren unternahm das Paar Reifen nach Amerika, die mehrmals mit einem Aufenthalt in majestätischer Naturabgeschiedenheit in Arizona schloffen.
Nur ein blindes Ungefähr, die Sepsis nach einer Angina, vermochte die Gesundheit dieses Menschen zu untergraben und ihn I nach längerem Siechtum (1933) dem Tod zu überantworten. Noch war es ihm gegönnt, die letzte Feile an den Schlußband seiner jüngsten Trilogie zu legen und so sein Leben und sein Schaffen, die stets geschlossen waren, mit einem vollendeten Ganzen zu krönen. Der Nobel-Preis war die größte Ehrung seiner Kunst vor aller Welt.
Mit seinen letzten Werken hat Galsworthy eigentlich verwirklicht, was er sich ehedem, in seinen Anfängen, vorgefetzt hatte. 1904 hat er in seinen romanhaft-kritischen Frühwerk, den „Pharisäern", alle Themen angeschlagen, die ihm als Romanschriftsteller und Kritiker einer Betrachtung wert schienen. Themen Englands wie aller Welt: Gesellschaft: Adel, Bürgertum, Proletariat; Ehe, Liebe, Künstlerwelt; Geistlichkeit und Schulwesen, Beamtentum und Politik. Und heute nach seinem Tode gewahrt man die Erfüllung dieses Programms: Das Thema Hochadel ist zum Roman „Der Patrizier" geworden, das Kapital Landadel zum „Herrenhaus", die „Forsyte-Saga" spielt Bürgertum und Künstlerwelt gegeneinander aus, „Die Weltbrüd e r" sind der Roman ums Proletariat, „Die dunkle Blume" der große Liebes-, „Der Heilige" der Glaubensroman. Und die neue Trilogie „Ein Mädchen w a rte t", „Vlü h en d e Wi ldnis", „Ueber den Strom", behandelt in großangelegtem Nahmen bas Thema Veamtenstaat und Politik, Pflichterfüllung und Konvention.
John Galsworthy — man könnte ihn geradezu einen ständischen Dichter nennen. Denn Stand und Klasse sind gewiffer- maßen die obersten Begriffe, denen sich seine Einzelprobleme, Charaktere und Handlungen unterordnen. Stets gab er Querschnitte, in denen er bei seinem Hang zur Systematik es an nichts fehlen ließ: alle Lebensalter kommen bei ihm vor, vom kleinen John bis zum alten Jolyon, alle Stände und Berufsarten vom Kanarienvogelfutterverkäufer bis zum Minister des Innern, alle Milieus von den Slums bis zum Herrenhaus. Er war wurzelecht bis ins Tiefste und in dieser Wahrhaftigkeit eine der reinsten menschlichen Persönlichkeiten. Mit ihm verlor seine Heimat, verlor die Welt einen Dichter, der diesen Ehrennamen zu Recht führen durfte. Galsworthy ist tot, aber sein Werk wird lebe».


