Ausgabe 
9.2.1934
 
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Ritzen gedrungen unb In der Wärme geschmolzen. Aber sofort kam es mir dann: Er ist auf dem Dach. Ich rief die Magd und drückte mit ihr die Falltür hoch: in einem Schneehaufen vor der Brüstung saß der Astronom, erfroren, tot, in der einen Hand das ausgezogene Fernrohr, in der andern den gerichteten Zirkel,' von Nase und Mund hingen ihm Eiszapfen herunter, seine Äugen waren verharscht. Ein paar Tage ließen wir ihn auf dem Dache sitzen, dann haben wir ihn einem mit Schnellpost durchreisenden Arzt für die Anatomie verkauft. So ist der Ausländer für seine nachtwandlerische Gottlosigkeit doch noch gevierteilt worben."

Wamba erzählte während des Essens noch vielerlei von merk­würdigen Gästen, die in dem Durcheinander von Bratengeruch, Weinduft, Wärme und Kälte gleich einer steifen klingenden Pro­zession an den verschleierten großen Augen Christophs vorüber­zogen. Vor jeder Figur und Gestalt tat der erschrockene Knabe innerlich einen Kniefall, als würde jeweils das Allerheiligste vvrbeigetragen.

Das Zimmer, in dem er mit seinem Vater übernachtete, war das Zimmer des Astronomen. Wamba stellte den flackernden Leuchter auf den Tisch. An der Tür hing die Landkarte, über dem Bett die Sternkarte,' Zirkel und Fernrohr lagen auf einem Zinn­teller, auf dem der Höllenrachen des Jüngsten Gerichts hochbild­artig dargestellt war. Da Wamba das Interesse des Knaben be­merkte und wohl eine Beschädigung der Instrumente von Chri­stophs Neugier befürchtete, nahm er den Teller vom Tisch, stieg auf einen Stuhl und stellte ihn auf den Schrank. Der alte Ko­lumbus lachte ob dieser Vorsorge und meinte, ein reicher Tuch­weber sei nach solchem Strandgut nicht lüstern.Die Sachen gehen leicht entzwei", sagte Wamba, rüttelte die Decken zurecht, nahm die heißen verschlossenen Wasserkrüge aus dem Bett, schob, nach­dem die beiden in die Federn gekrochen waren, den Tisch davor, sprach seinen spaßhaften mulmigen Gastwirtssegen und verschwand hinter der Landkarte, die mit der Tür auf und zu ging und sich wie ein Geistersegel aus vorsintflutlicher Piratenzeit blühte.

Der alte Kolumbus blies den Leuchter aus und neigte sein ehrbares Händlerhaupt, sich feist in den Schlaf schmatzend, zur Seite. Christoph behielt, trotz großer Ermüdung, die Augen offen. Er hatte versucht, sie zu schließen, aber das Schließen schmerzte ihm. Mit der Hand betastete er die Sternkarte überm Bett, soweit er sie erreichen konnte. Manche dicken Punkte spürte er, sie brann­ten ihn an den Fingern. Er brachte die Finger fast nicht mehr weg von dem magischen Papier, unter dem die Krümel und Un­ebenheiten der Wand ungewisse Strecken anzudeuten schienen. Sterne, Sterne, Sterne! auf einer Wand, hinter der vielleicht eine Magd oder ein Knecht schlief oder vielleicht nur ein Mehlkasten, ein Sack oder ein Tisch mit ungeflickter Wäsche stand. Christoph riß die Hand von der Karte, erhob sich, über seinen schnarchenden Vater hinweg, auf den Tisch und von da herab aus den Fußboden. Mit einem mächtigen Knavenruck ritz er das Fenster auf und ließ dre Sterne der klaren eisigen Winternacht auf sich niederfallen. In einer dunklen Abwehr und Versunkenheit faltete er die Hände über dem Kopf. In Weiten blickte er, in denen kein Mensch mehr wohnte, deren Grenzenlosigkeit und gläserne, eherne Oede aber öennrch Paradiese in einem andächtigen Herzen entzündete.

Der Vater, durch den kalten Luftzug gestört, wachte auf, sah stch um, streß den Tisch beiseite, sprang aus dem Bett, riß den schon halb hinausgeveugten Sohn weg, schloß das Fenster. Chri­stoph, der von den harten Sternen selige Märtyrcrwunden fühlte, ließ alles willig mit sich geschehen. Eine schwere Müdigkeit war über ihn gekommen. Der Vater legte ihn grob und doch behutsam rns Bett, er warf ihn erzürnt und doch liebevoll an die Wand, daß die Karte leicht knisterte, band ihn mit einem langen dünnen Riemen locker, aber doch sicher an sich. Nur drei Hand breit spannte die lederne Schnur zwischen Vater und Sohn. Als sich der Alte gegen Morgen auf die linke Seite drehte, zog er den Kna­ben gleich einer Last auf den Rücken, die er keuchend und stöhnend unb schlafend in den Tag trug.

Das war die Nacht im Ctzausieehaus. Bei der Abfahrt stand Wamba, der Wirt und Leichenverkäufer, mitten auf der Straße. So wie einer dasteht, der unter allen Umständen zu seinem Geld kommt und dazu noch die Miene eines gemütvollen Menschen- freundes macht.Prächtige Pferde", sagte er. Und da Vater und Sohn nicht gesprächig und etwas übernächtig waren, plapperte er mit dem Gespann weiter:Prächtige Pferde seid ihr, mit leuchten­dem Fell und gut gekämmten Schwänzen. Prächtige Ueberland- pferbe. Hafengäule kämen hier nicht herauf und nicht so stämmig hinunter. Die Jungfrau mit euch! Die Jungfrau mit euch!"

Germanische Götter.

Von Wilhelm Schäfer.

Er.

Im Anfang war Er, der himmlische Gott,' die Erde grünte in Seiner Sonne.

Im ewigen Gleichmaß kam Er zu schauen die Schönheit Seiner Cenebten, die im blinkenden Glanz der Gewässer, im stummen Stand der reifenden Halme, in den Untiefen schwellender Kelche oie Seligkeit Seiner lustwandelnden Liebe genoß.

Wenn Sein Himmel die Erbe umspannte mit Bläue, wenn Sein Auge den Himmel burchsonnte mit Licht, das Meer und die Berge beschüttend mit wärmendem Feuer, wenn der Mittag stand über der Welt, daß sie den Atem anhielt, erschauernd in Fülle: daun war Seine Stunde.

Stark und selig im Gang Seiner steigenden Bahn lietz Er den Morge» erröten, Er trank den Tau aus dem Gras, daß Blätter

und Halme kristallisch funkelten, ihrem Glück Seinen Bogen zu bauen.

Wonnig und warm lietz Er den Abend abschwellen zum Segen der Nacht,' Sein Geleucht blieb zurück in der Lohe und wartete still im Glanz Seiner Gestirne!

Und wie den Tag hielt Er das Jahr in unverrückbarer Schwebe: Er lietz die Sehnsucht der Erde blühen im Schaum des Frühlings, Er begoß ihre Träume mit zärtlichem Regen, Er lietz ihre Brüste schwellen in himmlischer Nahrung und ihren Leib schwer werden im Segen der Frucht.

Er war Gott, und die Welt war im Gang Seiner Tage ge­ordnet, Mond und Sterne standen in Seinem Gedächtnis, über allem Tun thronte Sein ewiger Wille, über allem Sein lag der Blick Seiner Sonne.

Die Götter.

Aber Himmel und Erde kamen ins Wanken,' Wolken stiegen vom Abgrund, das zärtliche Auge verhüllend; die Wasser begannen zu strömen, und alle Sonne versank.

Stärker als Er schien die entfesselte Kraft und höher als Liebe der Aufruhr: Umir, das rauschende Naß, erfüllte die Welt; Seine Söhne, die Reifriesen, herrschten über dem Abgrund.

Aber aus Urgebrausdunkel kamen die Mächte: Urluft, Ur­wasser, Urfeuer; sie hoben das Erdenrund wieder und schieden Midgard vom Meer.

Noch irrten die Sonne, der Mond und die Sterne planlos um­her, sie setzten sie ein in die ewigen Bahnen: dann schien die Sonne auf Midgard unb lietz wachsen das erste Grün.

Als sie gingen am Strand, fanden sie Bäume dastchen und weckten Menschen daraus: Urluft gab die suchende Seele, Urwasser die wachsamen Sinne, Urfeuer den flackernden Geist.

Sie hießen nun Götter: Wodan, Hoenir und Loki genannt von den Menschen; sie legten der Welt den Richterspruch auf ihres neues Gesetzes und fingen bas goldene Zeitalter an ihrer heiteren Spiele.

Sie kannten nicht Schuld und Schicksal; aber die Urgebraus­töchter kamen aus Imirs Geschlecht, die weitaus gewaltigsten Weiber: Urd war die älteste Schwester genannt, der Herkunft heilige Norne; Verdandi die zweite, des Werdenden Mahnung: die dritte der Zukunft drohende Schuld.

Sie schnitten die Runen, warfen die Lose unb sagten im Wer­den, Sein und Vergehen bas Schicksal voraus; sie saßen am Brunnen des Lebens, die Wurzeln zu gießen am Welteschcnbaum, daran das Sein der Götter nur ein Ast war im ewigen Leben der Welt.

Der Kamps mit den Baue«.

Aber Er war nicht tot; aus unendlichen Fernen blinkte Sein Gold und entzückte die Gier der Götter nach Seinem gleißenden Glanz; sie schufen den lichtscheuen Schwarm der albischen Geister und Zwerge, das Gold zu erlisten für ihre Burg, die sie bauten in Asgard.

Die aus dem Urdunkel kamen und aus dem Kampf mit den Riesengcwalten, die hoch gestiegenen Götter sagten der himmlischen Herkunft Urfehde an.

Da wurde die Walstatt laut vom Kampf der alten und neuen Gewalten; Vanen hießen die Kämpfer des Himmlischen da, und Äsen die Urdunkelsöhne: die Erde barst und der Äbgrund erbebte, als Vanen und Äsen um die Herrschaft rangen der neugewor- dencn Welt.

Aber der brausende Sturmwind entwand der leuchtenden Fülle das Schwert, und müde schwand in die himmlische Ferne der Gott, Wodan, der wehenden Unrast die Welt überlassend.

Nun kam Er nicht mehr, zu schauen die Schönheit Seiner Ge­liebten; abgelöst von der ewigen Fülle ging sie ein in die Schuld und bas Schicksal der asischen Götter, denen Wodan Allvater war.

Freya unb Fro, Sie lieblichen Kinder der Vanen, wurden den Äsen vergeiselt; die im ewigen Licht spielten, spürten den Wind und die Wolken um Asgard, und die Schicksalsansagunq der Nornen.

Wodan.

Die Äsen sandten Hoenir als Geisel und gaben ihm Mimir zur Seite, den Weisen aus Urwassertiefe, daß er ihn heimlich beriete; Hoenir aber war blöde, darum erschlugen die Vanen den Mimir und sandten sein Haupt den Äsen zurück.

Wodan sprach seinen Zauber über dem Haupt, daß es nicht wese, und hütete seiner im Brunnen an Ygdrasils Wurzeln, des Welteschenbaums.

Täglich ging er hinunter zum Wafler, die Weisheit Mimirs zu wecken, und setzte dem klagenden Haupt sein Auge zum Pfand: so saß er einäugig da im Rat der asischen Götter, der ihr Not- sorger und Wahrsager war.

---Scharf spähte sein Auge trotzdem wie keins in Walhal, und höhere Weisheit ward ihm als einem der Götter; auf seinen schultern saßen die Raben Gedank und Gedenk, ihm täglich Kunde zu bringen von allem Ereignis der Welt.

Auch hieß er der Wanderer, weil er im Wind unterwegs war: wo öic Rader der Wolkenlast rollten, wo die Bäume sich bogen rm Sturm und die Wellen schäumten wie Rosse, war Wodan im flatternden Mantel.

Denn nicht mehr im ewigen Gleichmaß die Tage zu füllen, war der Götter und Wodans Geschick; im elementarischen Auf­ruhr zur Herrschaft gekommen, in Schuld und Schicksal den Vanen verschworen, von der Rache der Riesen bedroht, im Bangen um Bgdrastl, dem von drei Aesten schon einer verdorrt war: hielt Unrast ihr Dasein, und Wodans Allvaterteil war die Sorge.