SiehenerZamilienblStter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1954
Zreitag, den 9.8ebruar
Nummer \\
Nachtiied.
Von Paul Appel.
Schlafe! Es ist nun genug.
Laß dir die Glieder entsinken, Sie wollen von Segen trinken, Der anders am Tag dich schon trug.
Schlafe! Der Tag hat's vollbracht. Folg ihm aus seinem Lichte!
Meng nicht mehr bange Gesichte Neu in die ruhige Nacht!
Schlafe! Dir wird jetzt geschehn, Daß aus den Ewigkeiten
Heilige Zärtlichkeiten In deine Poren eingehn.
Schlafe! Schon bist du beschenkt.
Atme und laß dich verwallen: Kannst nur der Huld verfallen, Die er, der eine, dir denkt.
Schlafe! Er denkt sie dir groß.
Alles, was trüb dich gebildet, Wird dir vertauscht und gemildet. Morgen gleich hellt sich dein Los.
Schlaf nur! Und gib dich dem Bann! Feierlich wird dir Genüge, Und für die Atemzüge
Dankt dir ein sinnender Mann.
gemacht, und Chri-
Nütten & Loening der Landung. Eine
licher Genehmigung des Verlags dem neuen Buch „Kolumbus vor Legende" von Emil B e l z n e r.
Kolumbus im Chausseebaus.
Von Emil B e l z n e r.
Die folgende Episode entnehmen wir mit freunö-
Der alte Kolumbus hatte eine Kundenreise „ . . , ,
stoph durfte ihn begleiten. Es war in einer Winternacht. Ein in dem südlichen Lande ungewöhnlicher Schneesturm hatte eingesetzt. Das Chausseehaus lag an einer unheimlichen Wegbiegung ttn Gebirge, auf einem kleinen Plateau, das nach vielen «eiten hin ziemlich steil abfiel und jenseits der Schluchten und kurzgestrcckten Täler von schroffen Bergrücken umstellt ivar. Fast schien es, al» hätte der Schneesturm das Haus in die Ecke des kleinen Stem- bruchs gezwängt, der sich hinter dem Hof mit seinen verwitterten Zinnen erhob. Während der Knecht Pferde und Wagen unterbrachte, gingen der alte Kolumbus und sein Sohn in der Hauptstube, die ohne Licht war, fröstelnd auf und ab. Die Fenster waren bis zur Hälfte verweht und zugcschneit, aber durch die Lucken in Glas und Eis drang die weiße stürmische Helligkeit der Winter- nacht herein. Christoph konnte kaum die Blicke von diesem ungewohnten Schauspiel hier oben im Gebirge wenden. Von Eis- und Schneenächten im Norden hatte er wohl schon gehört und auch von weißen Bären, die unterm Polarlicht aufrecht wie Manner über die Einöde gehen. Aber dieser Schneesturm hn Gebirge übertraf doch eigentlich alles, was er sich an kühlen winteriichen äte- gentagen in der dumpfen Küche der Mutter oder in der Teigstube des Bäckers Augusto, in der er gelegentlich Zucker und Gewürze abwiegen durfte, unter Kälte und Endlosigkeit vorgestellt patte. Und als die Fenster ganz zugefroren und zugeweht waren, schien es ihm, als sähe er noch viel weiter und al» gewönne das Licht von draußen an natürlicher Stärke und geriete in wc^enfvrnng haushohe Bewegung, als lechze es herein, um ihn auf _fernen schimmernden Rücken fortzutragen, hinauf und hinunter und
^rad^wollte ihn die Angst packen, nWe er nad) üervand oder dem Gürtel des Vaters, um sich festzuhalten, öa kam zum Glück der Wirt die Treppe herunter, hinter ihm eine „Magd mit einem Leuchter. „Die Jungfrau segne euch Kolumbusse ,^ sagte der Wirt, „es ist eine grausige Nacht. Die Magd machte ein Feuer und stellte Töpfe und Pfannen auf. ^b man bald etwas zu essen haben könne, fragte der Vater, und ob es warme Betten gäbe und
wie die Pferde und der Wagen mit den Waren untergebracht seien. „Gut, gut", sagte Wamba der Wirt, „im Chausseehaus ist noch kein Vernünftiger erfroren. Wenn ihr freilich Nachtwandler seid wie der Astronom vom vorigen Jahr, dann will ich euch lieber mit einem derben Strick ans Bett binden und zur Vorsorge außerdem Glasscherben und Nägel vors Bett streuen."
Was denn das wieder für Possen seien, fragte der Vater, und ob er denn keinen heißen Wein holen wolle. Wamba holte die Weinkanne aus dem Schrank und brachte Gläser. Und während die Magd am Feuer ein Essen wärmte und das Feit sudderte und gluckste, erzählte Wamba von dem ausländischen Astronomen, der im vergangenen Jahr in einer ebensolchen Winternacht angekommen und jämmerlich erfroren sei.
„Aber das Allernotwendigste hinaus habe ich ihn kaum verstanden", sagte Wamba. „Er begab sich, nachdem er ein wenig gegessen und getrunken hatte, gleich auf sein Zimmer. Ich trug ihm den Koffer nach, sah, wie er ihn auspackte. Er rollte eine große Landkarte auf und schlug sie an die Tür; eine zweite Karte, eine Sternkarte, schlug er überm Bett an die Wand. Da ich außerdem sah, wie er einen Zirkel und ein Fernrohr auf den Tisch legte, überkam mich ein etwas unbehagliches Gefühl, und ich sagte ihm Gute Nacht. Er hat übrigens keinen Augenblick Notiz von mir oder von sonst jemand im Hause genommen. Auch die Magd hat das gesagt, die ihm noch einige Kerzen brachte, um die er gebeten hatte. Als sie unter der Tür stand, nahm er ihr die Kerzen ans der Hand und fuhr mit seiner Beschäftigung fort, als befände er sich in einer Zauberherberge, in der alles gerade ginge, wie er es brauchte."
Wamba machte eine kurze Pause. Dann fuhr er etwas leiser fort: „Wahrhaftig, der Sturm läßt nach. So war es damals auch: gegen Mitternacht ließ der Sturm nach und hellte sich der Himmel auf. So viele Sterne habe ich im Winter nie am Firmament gesehen wie in jener Nacht. Ich wollte aus dem kleinen Fenster meiner Kammer nachschaneu, wieso es mit einemmal so ruhig geworden war, erschrak jedoch über die scharfe, schneidende Pracht der Gestirne, so sehr, daß ich die vereiste Scheibe sofort wieder schloß, mich nur halb ausgekleidet ins Bett legte und die Decke verdutzt über den Kopf zog. Sv konnte ich vermutlich nicht recht hören, wie der Astronom später sein Zimmer verließ und aufs Dach stieg. Es ist merkwürdig, daß ich es nicht hören konnte; ich habe lange die Ohren gespitzt, wie man das in der Angst ja immer tut, denn so blöd ich bin, so habe ich doch gefühlt, daß noch etwas kommen müsse. Rätselhaft ist mir auch heute noch, wie es dem Gast, der kein besonders starker Mensch zu sein schien, gelang, die schwere, angefrorene Falltür, auf der doch außerdem noch eine tüchtige Schneelast lag, in die Höhe zu drücken. Und genau so rätselhaft ist mir, wieso er die Falltür von oben so lautlos wieder schließen konnte, zumal da doch der eiserne Ring kürzlich abgerissen war und demnächst wieder angebracht werden sollte. Ein Riese hätte sie an der Kante mit den Fingern allein kaum halten können. Ich fand in dieser Nacht keinen rechten Schlaf. Ein Gespenst rumorte in mir, das nirgends heraus konnte. Erfreulicherweise hatte ich einen Rosenkranz in der Tasche, den ich hervorzog und mehrmals unter der Decke durchbetete, um den Angstteufel in meinem Leib kleinzukriegen. Ich muß sehr unruhig geschlafen haben, denn als ich im Morgengrauen erwachte, lag ich quer im Bett, die Beine in den Rosenkranz verstrickt. Notdürftig brachte ich mich in Ordnung, dann ging ich, nach dem Gast zu schauen. Die Magd sagte mir, baß er sich noch nicht gerührt hätte. Um so mehr brannte ich nach der ausgestandeneu Furcht darauf, ihn zu sehen oder zu vernehmen. Festen Herzens klopfte ich an die Tur. „fierr Passagier", rief ich laut, „die erste Post wird, da der Schnee bis weit ins Tal hinunter liegt, mindestens drei Stunden Verspätung haben. Wollen Sie dann die erste nehmen oder lieber die zweite am Nachmittag? Herr Passagier", rief ich, „wenn Sie zum Mittag bleiben, dürfen wir Ihnen dann mit einem kastanien- qefüllten Huhn und breiten Nudeln aufwarten? Herr Passagier, rief ich zum drittenmal, „soll man Ihnen die Wäsche ein bißchen am Ofen wärmen oder lieben Sie etwas Essenz im Waschwasser? K>gben Sie Wünsche für die Andacht? Wissen Sie, wo's zum Ausguß geht?" Die verworrensten Sachen fragte ich vor der Tür. Fast war es mir, als lache mich die Tür ans ihren Rissen und Masern wie aus menschlichen Runzeln an. Schließlich drückte ich auf die Klinke; die Tür war unverschlossen, das Zimmer leer. Es befand sich alles noch am selben Platz wie am Abend; nur Fernrohr und Zirkel fehlten. Ich betrat d' ; Zimmer nicht, sondern schloß die Tttr rasch wieder. Da sah ich Wasserlachen ans der Treppe, die zum Dach führt. Irgendwie war Schnee durch die


