Ausgabe 
8.10.1934
 
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Dem unbekannien Gott.

Don Friedrich Nietzsche.

Noch einmal, eh' ich weiterziehe und meine Blicke vorwärts sende, heb' ich vereinsamt meine Hände zu dir empor, zu dem ich fliehe, dem ich in tiefster Herzenstiefe Altäre feierlich geweiht, daß allezeit mich deine Stimme wieder riefe. Darauf erglüht tiefeingeschrieben das Wort: dem unbekannten Gotte. Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte auch bis zur Stunde bin geblieben: Sein bin ich und ich fühl' die Schlingen, die mich im Kampf darniederziehn und, mag ich fliehn, mich doch zu seinem Dienste zwingen. Ich will dich kennen, Unbekannter, du tief in meine Seele Greifender, mein Leben wie ein Sturm Durchschweisender, du Unfaßbarer, mir Verwandter!

Ich will dich kennen, selbst dir dienen.

Oer Maler der galanten Feste.

Zur 250. Wiederkehr von Wakkeaus Geburtskag.

Von Ernst v. Niebelschütz.

So herrsche denn Eros, der alles begonnen! Goethe.

vor kurzem

war Lands- Traditionen Paris auf-

Sohn eines Dachdeckers getauft wurde. Die Stadt war erst an Frankreich gefallen.

Watteau hatte also olämisches Blut in seinen Adern, er mann des Rubens, Erbe der erlauchtesten malerischen

Wer in der Kunstgeschichte ohne Etikettierungen nicht auskommt, gerät Antoine Watteau gegenüber, in dessenfetes galantes" schon der große Friedrich den Inbegriff französischer Anmut verehrte, in Ver­legenheit. Wo wir ihn zu fixieren suchen, entzieht er sich oder zwingt uns doch, einem Satz, den man über ihn ausspricht, sogleich einaber" hinzuzufügen. Er lebt in einer Uebergangszeit, steht zwischen zwei Zu­ständen, zeitlich und räumlich, der Geburt und dem Stil nach. Mit seinen traumhaft schönen Bildern, die fast alle der sinnlichen Seite des Lebens, der Liebe und der Galanterie gewidmet sind, hat er das französische Rokoko vorweggenommen, und doch fällt der weitaus größere Teil seines kurzen Lebens in das Zeitalter des Sonnenkönigs, formengeschichtlich ge- prochen des Barock, oder, wie die Franzosen den Stil nennen: des .ouis quatorze. Wir huldigen in Watteau den besten Eigenschaften des ranzösischen Geistes, auch wenn wir wissen, daß er gar nicht Franzose, andern aus Valenciennes gebürtig ist, wo er am 10. Oktober 1684 als

Flanderns. Und wenn wir den Achtzehnjährigen 1702 in . tauchen sehen, so wissen wir heute, was das in der künstlerischen Situation der Jahrhundertwende zu bedeuten hatte. Ein hervorragender Mensch erscheint nicht irgendwo und irgendwann ohne eine innere Sen­dung. Watteaus Aufgabe war, als der letzte und größte der zum Pariser gewordenen Vlamen den alten Streit zwischen der französischen Regel­kunst und dem germanischen Naturgefühl, den Streit zwischen Linie und Farbe, zwischen Rhetorik und Wirklichkeit, man kann auch sagen: zwischen Poussin und Rubens zugunsten des niederländischen Kolorismus zu schlichten.

Die Entwicklung drängte in den letzten Lebensjahren des vergotteten Selbstherrschers zu einer solchen Entscheidung. Man war des steifen Zeremoniells am Hofe zu Versailles längst überdrüssig geworden. Die Periode der Allongeperücke, der geschnittenen Taxushecken, der marmor- oerkleideten Prunkgemächer und der heroischen Stoffe auf der Bühne und in der bildenden Kunst neigte sich ihrem Ende zu. Man verlangte nach mehr Freiheit von der Etikette am Hofe, nach größerer Farbigkeit und gebrochenen Tönen, nach anmutigen Gegenständen und einer aus­gelockerten Komposition im Bilde. Als 1715 der alte Despot nach einer unwahrscheinlich langen Regierung endlich starb, war der Sieg der Da- einsfreude entschieden. Die einstimmige Aufnahme Watte aus, als maitre des fetes galantes" in die Pariser Akademie war das äußere Zeichen dieses Triumphes. Die ihm noch zugemessene knappe Lebenssrist bis 1721) gehört der Zeit der Regentschaft (Regence) des Herzogs Pht- ipp von Orleans an. Den eigentlichenLouis quinze", der unserem deut- chen Rokoko entspricht und als dessen Begründer Watteau gefeiert wird, )at er also nicht mehr erlebt. Sein Genius, der etwas Einmaliges war, !«ht sich weder in das abklingende Zeitalter der Lebrun und L a r - Jilliere, noch in das neue der Boucher, Fragonard und Chardin einordnen. Zwischen hohler Grandezza und ausschweifender Frivolität hält er die harmonische Mitte.

Schon die Titel seiner meist kleinen Gemälde - viele sind erst spater spekulativer Absicht erfunden und klingen liederlicher als ihr^ Inhalt ft - lassen die veränderte Zeitstimmung erkennen Seheri wir von den ruhen Bildern aus dem Soldaten- und Bauernleben °b, die deutlich pnug die vlämische Herkunft verraten, und halten uns an dieWerke einer Hauptschaffensperiode von etwa 1710 bis 1721, so weistn alle Mdbezeichnunaen auf die mehr oder weniger harmlo)en Freuden der vornehmen Gesellschaft hin: der verwirrende

Vorschlag, die unruhig Liebende, die Abendtoilette, der Nebesunterricht, der Fehltritt, das Liebessest, die Musikstunde, ländliche Vergnügungen, und wie sie sonst noch heißen mögen. Zahlreich sind die Darstellungen aus der französischen und italienischen Komödie und die Bilder mit musikalischen Themen, deren innere Klangfülle es verständlich macht, daß man Watteau denMozart der Malerei" genannt hat. Die Farbe ist hier in einem höheren als dem stofsgebundenen Sinne musikalisch; sie bevorzugt die gedämpften Töne: ein Resedagrün, ein silbriges Blau, ferner Rosa und Taubengrau, und verbindet sie mit Darstellungen, die gegenständlich viel wenigerinteressant" sind, als die Bildtitel erwarten lassen. Junge Paare in Parklandschaften sind auf grünen Matten ge­lagert oder vertreiben sich die Zeit mit Gitarrespiel und Blindekuh. Diese seidigen Damen und ihre Kavaliere sind da, zu lieben und geliebt zu werden. Dem feurigen Begehren antwortet ein nüancenreiches Spiel von Versagen und Gewähren, aber nie mischt sich in diese Grammatik der Liebeskunst der dem späteren Rokoko geläufige Ton der Frivolität. Watteaus Malerei ist dem Kultus des Weibes gewidmet, er opfert feinem Idol in so zarter und verehrender Weise, daß sich selbst ein Bild wie die berühmteEinschiffung nach C y t h e r a", der Aufbruch der Liebespaare zur seligen Insel, mehr in einem holden Märchenlands als in der Wirklichkeit abspielt. Dieses Gemälde des Louvre das Exem­plar des Berliner Schlosses ist eine zweite, in den Figuren veränderte Fassung darf als die Krone von Watteaus mittlerer Zeit gelten, be­sonders in der wunderbaren Kunst der Verschmelzung des Figürlichen mit einer traumhaften, nur in der Sehnsucht existierenden Landschaft, in deren Schoß sich die Einschiffung der Liebenden wie ein Wunder voll­zieht. lieber diesem Stimmungsmäßigen sollte man aber den Fortschritt in der Bildkomposition nicht übersehen: wie es Watteau erst hier ge­lungen ist, vom Einzelmotiv loszuksmmen, wie er Figur mit Figur ver­knüpft und die Gruppen einer Art Figurengirlande einreiht, innerhalb deren kein Glied ohne Stärkung des unerhört durchdachten Gesamtauf­baus wegzudenken ist. Diese Kunst der Gruppenkomposition hat dann noch einmal in einem Spätbilde, dem berühmten Firmenschild für Kunst Händler Gersaint, einen der herrlichsten und unwieder­holbaren Triumphe der französischen Malerei ermöglicht. Das Bild, eine der vielen Watteau-Erwerbungen Friedrichs des Großen, hängt heute im Vorraum der Goldenen Galerie des Schlosses in Charlottenburg.

Wer aber war der Schöpfer dieser malerischen Köstlichkeiten? Doch wohl ein verzogener Liebling der Götter, eines jener seltenen Kinder des i Glücks, denen des Lebens goldener Baum die Früchte reif in den Schoß j fallen läßt? Weit gefehlt. Ein armer Schwindsüchtiger, häßlich von Ange- i sicht, menschenscheu, ein Enterbter, der von den Märchenprinzen und Prinzessinnen, die fein Pinsel gemalt hat, wahrscheinlich nie eines Blickes gewürdigt worden ist. Watteaus Malerei, so sehr sie Ausdruck eines Zeit­alters ist, wenn auch freilich mehr eines erdichteten als eines wirklich so gewesenen: im tiefsten Grunde ist sie doch die Bestätigung eines Nietzsche-Wortes, wonach sich alle wahre Kunst als ein gegen das Elend des Lebens ausgerichteter Wall zu erkennen gibt.

Oer Eroberer JRomö und der Seeräuberkönig.

Ein originelles Schwindlerpaar des 18. Jahrhunderts.

Von Hans Haucke.

Copyright by I. L. A., Wien.

Die Bewohner von Amsterdam konnten im Jahre 1715 ost einen Mann von ungewöhnlicher Erscheinung durch die Straßen ihrer Stadt i wandeln sehen. Schon seine Kleidung verriet, daß er sich in schwerer finanzieller Bedrängnis befand. Er trug die zerrissene und abgenützte Uniform eines österreichischen Generals, deren Tressen und Knöpfe längst erblindet waren. Seine Perücke war unfriesiert und ohne Puder, seine Stiefel waren nur notdürftig geflickt und ließen an vielen Stellen den nackten Fuß sehen. Gleichwohl war die majestätisch daherschreitende Per­sönlichkeit auf allen ihren Bettel- und Bittgängen ständig von einem untertänig ihr nachgehenden Diener begleitet, der sich in noch defekterem Bekleidungszustand befand. Man kannte den Mann, der unermüdlich an allen Stellen erschien, wo Bedürftigen Unterstützung gewährt wurde: beim französischen protestantischen Konsistorium, bei den Haushofmeistern der ausländischen Gesandten, bei den großen Handelshäusern. Man wußte von dem unruhigen und abenteuerlichen Lebenslauf dieses Philipp Marquis von Langallerie, der sich als Gewaltmensch und Querulant in allen Armeen Europas unmöglich gemacht hatte, und der nun hier, in Amsterdam, getrennt von Frau und Kindern, ein jämmerliches Bettler­dasein führte.

Plötzlich, im Mai des Jahres 1716, nahm man mit Erstaunen wahr, daß sich in den Verhältnissen des Marquis von Langallerie eine auf­fallende Veränderung vollzogen hatte. An Stelle des zerlumpten Dieners waren mit einem Male vier glänzend livrierte Lakaien getreten. Nicht genug damit, nahm der Marquis noch einen Kammerdiener und einen Haushofmeister auf, bezog ein prächtiges Quartier und zeigte sich in einer eleganten Equipage in den Straßen Amsterdams. In seiner Ge­sellschaft sah man ständig einen anderen Herrn, von dem man nicht mehr wußte, als daß er sich den Namen eines Grafen von Leitungen ; beilegte. Allerhand wurde über den Ursprung dieses plötzlichen Reichtums i gemunkelt.

Was dagegen vor aller Augen offen dalag, war erstaunlich und auf­sehenerregend genug. Langallerie, bis vor kurzem noch eine ständige Er- : scheinung bei allen stadtbekannten Wohltätern, kaufte zur namenlosen Verwunderung aller, die ihn kannten, mit barem Geld eine Fregatte, sodann eine zweite, die er zur Hülste bar bezahlte, nahm zu ungewöhn­lich hohem Lohn Matrosen auf, stellte einen ehemaligen Offizier als I feinen Adjutanten in feine Dienste und bald daraus einen gewissen l Linvier, der in Amsterdam ein Büro errichtete und förmlich als Ge­sandter Langalleries auftrat. In dieser feiner Funktion erschien Linvier bei dem dänischen Gesandten in Amsterdam, von Stöcken, und erklärte ihm, er beabsichtige im Namen feines Herrn mit dem König von Däne-