SietzenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 195^
Montag, -en 8. Oktober
Nummer 78
ßbasSHälsßand /
ROMAN
VON FRANK F. BRAUN
(Fortsetzung.)
„Wir kommen nicht darum herum", sagte sie, „es ist geradezu absuro, das zu denken, aber die Perlen muh jemand gestohlen haben, der an diesem Abend unser Gast war!" Frau Olga entstieg der Wanne und warf den Mantel um. Nach kurzer Zeit erschien sie in der Tür. Der Konsul begrüßte sie mit dem Zuruf: „Hast du einen Verdacht?" Er sah auf der Bettkante, hielt die Hände um den Kopf gestützt und wirkte klein und unscheinbar. Gar nicht mehr der große Konsul Finkendey war er, der bekannte Handelsherr; er schien auf seltsame Art zusammengeschrumpft. Frau Olga legte ihm die Hand auf die Schulter. „Lorenz", hob sie an, „geht dir das nahe? Ist es der Verlust als solcher? Doch wohl kaum. Ich will keine Perlen wieder, wenn diese sich nicht finden lassen. Ueber- haupt: Perlen bedeuten Tränen."
Er hielt ihre Hand fest. „Es ist nicht das, Olga, ich kaufe dir sofort andere Perlen, wenn du es willst. Aber begreifst du denn noch nicht? Du hast es selber ausgesprochen! Ist dir der Sinn nicht auiqegangen. Einer unserer Gäste! Soll ich sie — Reußner, Strombeck,Brendel, Zurrhelm, Luzius, dann die Damen — nacheinander vor dem Kadi aufmar- fchieren lassen, die Schwurhand erheben: ich stahl nicht die Perlen ..."
„Das geht natürlich nicht", sagte Frau Olga. Sie sann nach. Der Konsul stieß hervor: „Wenn man die Polizei überhaupt nicht benachrichtigte?"
Die Gattin nickte. „Du hast recht; Luzius ist Assessor bei der Staatsanwaltschaft, es genügt sicher, wenn wir Luzius einweihen und ihn bitten, sozusagen unter der Hand die Nachforschungen anzustellen. Uns ist nicht gedient, wenn Staub aufgewirbelt wird, Lorenz."
„Natürlich nicht. Schon Strombecks wegen möchte ich alle polizeilichen Maßnahmen vermieden wissen. Was soll der Holländer denken, mit wem ich ihn hier zusammengebracht habe!" Der Konsul sprang auf, lief durch das Zimmer und geriet in einen neuerlichen Zornansall. „Es ist doch unglaublich! Wer kann diese Schuftigkeit begangen haben? Man sagt, die Motive verraten den Täter. Was für Gründe, kann man annehmen, veranlassen eine Person, unfern Perlenschmuck zu entwenden?"
„Die Not", sagte Frau Olga sinnend, „oder die Gelegenheit." Und sie hob mit einem Ruck den Kopf. „Laß uns auch Ewald Brendel einweihen, Lorenz, zwei Augenpaare fehen mehr als nur eines; und dann — die beiden überwachen sich."
Konsul Finkendey sah feine Frau an. „Olga", forderte er gedämpft, „was steckt hinter diesem Vorschlag?"
Sie legte den Arm um seine Schulter. „Bitte, denke nicht, daß dies ein Verdacht ist oder nur die Andeutung eines solchen. Es schoß mir nur so durch den Kops: Luzius spielt, hörte ich." Der Konsul nahm den Blick nicht zurück. „Brendel hat eine Geliebte", sagte er, „eine Soubrette, wie ich hörte; die Dame wird auch seine Kasse belasten", und er sprach nut gesenktem Kops: „Wenn man so anfangen will, ist es das Ende allen Vertrauens. Zurrhelm ist in chronischer Geldverlegenheit, unser Hauslehrer ist auch nicht reich von Haus aus —"
Sie schloß mit der slachen Hand seinen Mund. „Laß das, Lorenz, es ist entsetzlich, das auszumalen. Leute, die um uns waren, die nur schätzen — ich wollte, ein Wunder geschehe!"
„Das wünschte ich auch", meinte der Konsul nickend: „ich zahle dem Dieb den vollen Preis, legte er die Perlen in den Kasten zuruck und verschwände."
„Aber du würdest wissen wollen, wer er ist?
„Natürlich", antwortete der Konsul. „Reinliche Trennung und Scheidung. Ich muß wissen, wem ich die Hand gebe." Dann nahm °r das Telephon ab und rief im Hotel Europa an und erfuhr, Herr Ägessor Luzius fei noch nicht im Zimmer. Er wartete nicht sondern lieh sich an- Ichließend mit seinem Neffen Brendel verbinden. Der wurde ja Ijoffent- lich im Haufe fein. Ja, Brendel meldete sich. Der Konsu sprach nur em paar Worte und er hatte Brendels Interesse. „Ist es nicht am besten, wir kommen zu dir, Onkel Lorenz?"
„Wer, wir, lieber Junge?"
„Ach so Assessor Luzius sitzt hier bei mir. , ..
„Ja", sagte der Konsul, „das wäre recht freundlich, wenn ihr beide kommen würdet." ~ , n
„So erwarte uns in zehn Minuten, Onkel Lorenz.
Der Konsul hängte ab. „Dein Vorschlag, Olga, muß '" der Lust gelegen haben. Brendel und Luzius wären sowieso gemeinsam hergekommem Sie sitzen noch zusammen." Und er sah seine Gattin an. „Willst du nicht i^troos anziehen, Olga, wenn die jungen Manner kommen?
Frau Olga lachte auf. „Lorenz", sagte sie, „du redest manchmal ganz reizende Sachen und beliebst an Selbverständlichkeiten im Frageton zu erinnern." Der Konsul nickte; er hatte zu dieser Stunde kein Gesühl für dieses kleine Wortgefecht.
Brendel und Luzius betraten das Haus durch den Vorgarten. Im Zimmer zu ebener Erde brannte Licht. Konsul Finkendey empfing die beiden Freunde und führte sie sofort in den ersten Stock in bas Schlafzimmer. Frau Olga blieb zunächst unsichtbar, aber Assessor Luzius bat den Konsul, die Gattin zu rufen. Mit Frau Olga zugleich tauchte Doktor Bellmann auf; er hatte bas Hin unb Her im Hause gehört unb war, ba er lesenb noch aufgewesen, gekommen, sich zur Verfügung zu stellen. Der Konsul klärte ihn unb bie beiben Juristen mit einigen Worten auf. Er wußte ja selber nicht viel. Seine Gattin beschrieb noch einmal ben Vorgang, wie sie sich umgetleibet hatte, borthin waren von ihr die Perlen gelegt worben, ganz ohne jeben Zweifel! Dann war sie sofort zur Gesellschaft zurückgekehrt.
Luzius sah sich im Zimmer um. Er trat vor ben hohen Ankleibefpiegel, blieb aber in genügendem Abstand vor dem Glas stehen. „Sie haben sich gepudert, gnädige Frau, bei dem Kleiderwechsel? Erinnern Sie sich an den Vorgang?"
Frau Konsul Finkendey sah Luzius an. „Gewiß, rote kommen Sie darauf?"
„Sie haben in der Hast eine ziemliche Menge Puder dort auf den Teppich geschüttet. Bitte, treten Sie nicht zu nahe, es ist wichtig, daß die Fußabdrücke dort vorm Spiegel erhalten bleiben."
„Wahrhaftig", sagte Brendel, „ein Schuh hat sich abgedrückt; nicht sehr deutlich, aber man erkennt, der Schritt kam von der Tür und ging in die Richtung zum Fenster, also vielleicht auf den Schmuckkasten zu."
Luzius nickte. „Es ist ein spitzer Schuh", sagte er und kniete am Boden. „Würden Sie die Schuhe, die Sie vorhin trugen, zum Vergleich herholen, gnädige Frau, wir werden dann sogleich wissen, ob es Ihre eigene Fußspur ist."
Ich habe die Schuhe schon herausgestellt", sprach Frau Olga. „Warten Sie ..." „Darf ich? Gnädige Frau bemühen sich bitte nicht." Doktor Bellmann war bereit und ging hinaus, die Schuhe hereinzuholen. „Ihre Fußspur, Herr Konsul", stellte Luzius mit einem Blick fest, „haben wir hier nicht, das ist gewiß; wenn auch die Schuhe der gnädigen Frau breiter oder länger find, dürften wir hier die Spur des Diebes haben. Jedenfalls einer Person, die dieses Zimmer betrat, nachdem Sie, gnädige Frau, den Perlenschmuck abgelegt halten."
„Daß Sie die unauffällige Fährte sogleich fanden, Herr Assessor .. Luzius war kaum geschmeichelt. „Es ist sozusagen etwas aus meinem Beruf", meinte er, „ich bin mit dem Kriminalkommissar ständig der erste am Tatort eines Verbrechens." „Glauben Sie, daß sich an Hand dieser Spur der Dieb ermitteln läßt?" „Das ist nicht ausgeschlossen. Wir haben jedenfalls einen Anhalt. Der Dieb kam durch jene Tür herein; er war offenbar ortskundig, denn er schritt sofort auf den Schmuckkasten zu."
„Das können Sie nicht behaupten, Luzius", sagte Brendel. „Wie lange die Person an der Tür gestanden hat, vielleicht das Licht einer Taschenlampe im Zimmer herumwandern ließ und sich orientierte — darüber jagt die Puderspur nichts aus."
Luzius, noch am Boden, sah zu Brendel auf. „Das mag auch fein", räumte er ein. Er richtete sich auf. „Wo bleibt der Herr Doktor Bellmann mit den Schuhen?"
Frau Olga ging zur Tür und öffnete sie, aber sie brauchte nicht zu rufen oder Umschau zu halten; gerade kam der Gesuchte. Er war außer Atem; die Schuhe jedoch hielt er in der Hand. „Wo bleiben Sie denn so lange, die Schuhe standen doch hier vor der Tür!"
„Das übersah ich, gnädige Frau; ich bin in den Keller gegangen, habe in der Putzkammer gesucht unter den vielen Schuhen, die bas Mädchen dort zusammengetragen hatte."
„Sie sind ein Held, Doktor, Sie geben dem Dieb ja Vorsprung."
Doktor Bellmann gab die Schuhe an den Assessor. „O nein", entschuldigte er sich verlegen, „bas buch gewiß nicht."
Luzius nahm bie Schuhe, kniete sich vor her Puberspur hin unb prüfte unb verglich. Dann kam er roieber hoch. „Es ist ganz sicher nicht Ihre Spur, gnäbige Frau. Brendel, Herr Konsul, sehen Sie sich das an. Aber warten Sie, daß nicht ein Zufall die Fährte verwisch, " Er breitete einen Schreibebogen, den er aus der Brusttasche nahm, auf dem Teppich aus und zeichnete die Fährte ab; sehr genau und auf jede Einzelheit


