Ausgabe 
8.6.1934
 
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allerlei Wichtiges und Nüchternes zu tun gab, km Nebenamt Mit­arbeiter derLeuchtkugeln" und künftiger Autor großer satiriicher Werke, ein unheimlich scharfer Menschenkenner nach seiner eignen Meinung, war Vetterssohn.

Er schabte weiter. Er war neugierig, ob sie heute pünktlich rote jeden Sonntag um die Mittagsstunde, anlanzen würden, mit Grotemeyer, seiner Wahlnichte. Wie kam er, als kinderloser Papa, zu dieser Rasselbande? Leichter war es, einen Sack Heuhüpfer zu hüten I sagte er sich zerstreut und behaglich. Denn im Grunde seiner Seele spürte er eine neidvolle Sympathie für diese un­bekümmerten jungen Kerle. Er war genau so alt: knapp sechsund- zwanzigl Und in Till war er verliebt...

Den blauen Anzug, Klüter!" sprach er, voll bester Laune, in den Spiegel. Der Teufel hole die strenge Würde und Haltung! Er mußte dabei unwillkürlich mit leichtem Graus an die be­rühmten feierlichen Renaissancezimmer drüben neben den Bilder­zimmern denken, in denen er angeblich hauste und arbeitete Opa Pirre hatte dieses Märchen für seine Person geduldet, wie andere Leute in ihrer Wohnküche... Fiel ihm nicht im Traum ein!

DieDame Gugernell" wünschte das alles zu sehen? Eine entzückende Frau...

Er war dieser Dame nebst Dagobert in der Tat vor vierzehn Tagen in der Nähe des Zoo begegnet. Dagobert kannte alle mög­lichen Leute aus dem Grüngelbblauklub, trieb sich überall umher, um Porträtaufträge zu fischen unddie Augen zu sättigen", wie er sagte.Wir wollten eben ein Schlückchen Kaffee trinken... Es wäre reizend, Onkel Louis--"

Er war mit ihnen ins Hotelcafv gegangen, um nicht unhöflich zu sein. Ein Eindruck, wie er ihn in der Tat lange nicht so be­stimmt und überzeugend erlebt hatte... Er war überrascht davon und förmlich stolz darauf gewesen, angeregt und belebt, wie seit Jahren nicht. Er hatte kolossal wichtig getan, der berühmte Mann und große Sammler, als sie von seinen und ihres verstorbenen Mannes Vitus Vanderltps Bildern gesprochen hatten...

Er zog die fleischige Backe überm Jochbein straff und sah starr darauf. Sie hieß eigentlich Vanöerlip, wie er sich jetzt genau er­innerte, Witwe eines in die Wüste geschickten jüngeren Banderlip aus der bekannten Frankfurter Familie, eines waghalsigen Sammlers und geschäftlichen Draufgängers,' er konnte ihm gleich sein. Katarina Gugernell war vermutlich ihr Mädchenname? Jeder bessere Mensch kannte ihn,' aber er selbst hatte sie nie tanzen sehen. Es ^roar ein bißchen beunruhigend und störend, an diese Tätigkeit zu denken ..

Er hielt den Mund schief offen. Ein Star lachte dicht vorm Fenster. Er rieb sich ab, errötete vom scharfen Frottieren und vom Essig, schleuderte das Tuch in eine Ecke.

Klüter, rufen Sie gleich mal in der Meraner Straße an! Ich wünsche die Herren heute pünktlich zu sehen. Dann Kaffee! Hafer­brei und das übrige wollen wir von heute ab wieder streichen. Viel Obst! Sehr viel Obst, Klüter!" Er wurde zu stark,' gewiß muskulös stark aber doch zu stark...

Ob die Dame Gugernell dem Hanswurst Dagobert wirklich Grüße aufgetragen hatte? Schon möglich! Aber nicht gerade für sechs Uhr morgens...

Klüter räusperte sich. Er meldete, daß die Herren noch schliefen. Frau Schmadebach, die Portierfrau, die gerade beim Auswaschen war, würde es ausrichten.

Was ausrichten? Na, schön!" knurrte der Professor, ärgerlich über die Störung.

III.

Louis Haffelbrink saß auf einer der weißen Bänke des Gras­platzes in der Sonne und las bei einer Zigarre seine Zeitung. Die Sonne war mächtig stark. Er raschelte mit den trockenen Blättern und blickte starr in das flimmernde Licht über dem papageienbunten Tulpenbect.

Jetzt huschte ein leichter Schritt über den Kies. Das war natürlich: Till Grotemeyer, Tochter seines besten Freundes, die ihm vor Jahr und Tag als Waise und junge Dame in die Wahl­onkelarme gelaufen war. Das war jetzt das richtige: die kleine Till, das blanke, frische Weib, ein furchtbar gescheites Mädchen, das eigenwillig mit Menschen und Dingen umging.

Morgen, Onko!" Till lachte mit rotem Mund.Ich hörte schon von Lina Klüter von dem Ueberfall. Gib es ihnen, Onko!" Till nahm auf der heißen Bank Platz, schnurrte, wie eine Katze, und hakte sich zärtlich ein.Stör' ich? Ich wollte eigentlich in meiner Himmelsbude noch ein bißchen arbeiten. Eine vollendete Lebens­lage hier!"

Sie liebten einander: Onko hatte ihr oben im Seitentrakt des Rosahanscs für die Sonntage und andre freie Zeit eine Art Stu­dio eingerichtet: sonst wohnte sie für ihr eigenes Geld am Sa- vignyplatz in einem Zimmcrchen bei Frau Rektor Prings. Sie wünschte, selbständig und. für alle Fälle, auf sich selbst gestellt zu sein.

Dachte ich eben auch, Till. Solltest ganz herziehen!"

Würde mich verweichlichen. Du würdest mich unvernünftig verwöhnen Du bist auch noch zu jung, Onko: ein eleganter, ge­pflegter Herr in der allerbesten Blüte. Das ist es!" Sie kuschelte sich an ibn

Katze!" Er sah auf das. schmale Gesicht mit den spaßig schrägen Braue» hinunter. Die Oberlippe war in der Mitte durch die Nasenrinne tief eingebuchtet, ein bißchen herb und kindlich. Stach­lig, das ganze Persönchen, wie ein Kaktus, der plötzlich an einer unerwarteten Stelle blühte! sagten die beiden Jungen. Das

andere schnurrte die hübsche, schlaue Bestie so hin, weil sie wußte, daß er sie von jeher bewunderte.

Er hatte sie ein paar Jahre aus den Augen verloren gehabt. Onko?" hatte sie eines Tages schüchtern bei ihm angerufen, als sie gerade von der Münchener Akademie nach Berlin gekommen war, um sich an einem Modcnblättchen mühselig durchzuschlagen. Er war eben,, nach Adeles Tod, beim ungeduldigen Kofferpacken gewesen, um allerlei Druck, Einsamkeit und Oede loszuwcrden: Wenn ich zurückkomme, Till, hörst du? Ich werde mich sehr freuen, Till! Brauchst du was?"Nein, Onko!" war es, fast kläglich, von drüben gekommen. Aber Till hatte sich nicht ge­meldet: denn es war ihr schlecht gegangen, noch schlechter als in München, einfach dreckig ... Bis sie eines Tages in der Nahe des Charlottenburger Knies auf den stattlichen Onko gestoßen war. Sie schien größer geworden zu sein, war auch schreck­lich blaß.Till? Bist du das?" Er hatte sie gleich mit in ein Cafe genommen, wo sie unheimlich viel Kuchen vertilgt und schließlich gebeichtet hatte. Und von Stund an war Till ein seiner selbst bewußtes, völlig neutrales Weib geworden und hegte bloß noch das stärkste Zutrauen zum Onko: hatte ihr beinahe fettes Auskommen als Zeichnerin in der großen Reklameabteilung der Vegumag" lVereinigte Gummi-A.-G.) gefunden, wo auch Diez Haffelbrink, mehr wissenschaftlich, wirkte, und war berstend voll von Ideen, Ehrgeiz und Betriebsamkeit.

Sie kniff die hellen Augen mit dem bedrohlich schwarzen Seh- loch vor der Sonne zusammen.Auch Diez war sehr komisch wie?"

Furchtbar komisch!"

Was hatte sie bloß immer gegen Diez? Viel zu schade für den Wichtigtuer! dachte Onko belustigt.Wieso Diez? Er ist ganz ordentlich. Ich glaube: rauchbarer als der lange Dagobert wozu nicht viel gehört!" t

Ein unerbittlicher, in Eis gekühlter Lebensdurchschauer, voll mitleidigen Hohns für uns Gefühlvollere und Begehrlichere und vielleicht für sich selbst!" spottete sie, zog den Mantel aus und zündete sich eine Zigarette an.

Aber Louis war plötzlich zerstreut. Nun würden auch die beiden Jungen gleich auftauchen ... Er lächelte plötzlich.

Was ist komisch, süßer Onko?" forschte Till.

Er lachte in seiner raschen, lockeren Art.Dieser verrückte Bengel Dagobert bestellte mir gestern abend Grüße von einer ihm bekannten Dame von Frau Gugernell, der berühmten Tänzerin. Sprach ungeheuer anerkennend und seelenkundig von ihr..."

Furchtbar komisch!" beteuerte Till.Natürlich wird Dagobert sie malen? Das ist die Art seines Flirts."

Louis wurde breiter und schwerer in der Sonne.

Sie soll riesig bezaubernd sein, die Dame Gugernell. Findest du auch, Onko?"

Louis saß unzugänglich auf der Bank, was Till nicht liebte.

Sie sind seit einiger Zeit erfüllt von ihr, Dagobert und der unbezwinglich sachliche Spötter Diez."

Was soll ich finden?" fragte Onko kurz, so daß Tills Oehrchen spitzer wurden und sie beinahe leise unter der eingebuchteten Ober­lippe gepfiffen hätte.

Da kommen die Verbrecher!"

Da kamen sie quer über den Nasen: frisch von der Morgen­dusche, leicht verlegen, aber gefaßt.

Louis erhob sich und wurde eine gebieterische Erscheinung.Ich möchte ein Wort mit euch reden!" sagte er und ging voran.

Till schlenderte, schadenfroh singend, durch den leuchtenden Garten.

Eine stumme Prozession ... Louis Haffelbrink machte einen Umweg: Sie sollten ein bißchen in der Vorhölle schmoren, ehe er ihnen mit zwei Worten die Leviten las. Sic durchschritten oben das berühmte Tizian-Zimmer, das in Kunstwerken und Zeit­schriften alsArbeitszimmer" abgebildet wurde: ein üppiger Raum mit Brokaten, schwerem Arbeitstisch nebst Seffelthron, den noch Raffael benutzt hatte, Riesenteppich, an den Samt- und Bro­katwänden Porträte von Tizian, Madonna von Bottteelli, Herren­bild von Bronzino, als seien es Bilder der biederen alten Haffel- brinks ans Berlin C und SW, Plastisches, Intarsien und Truhen.

Dagobert und Diez fühlten sich als arme Sünder, die einem feierlichen Scheiterhaufen zugeführt wurden.

Danach das Tiepolo-Zimmer aus dem Palazzo Porto: dann das venezianische Spiegelzimmer, das Zimmer mit großartigen Brüsseler Wandteppichen.

Dagobert schlich mit weichen Knien, Diez mit dumpf schmer­zendem Halswirbel vor dieser verehrungSwttrdtgen Pracht.

Nun kamen die Bilderzimmer, wo meist gebetet, gemartert oder heitre Nacktheit gezeigt wurde. Nebenan alte, prächtige Holländer. Danach die letzte internationale Großkonjunktur: Schotten und Engländer.

Dagobert versuchte wieder, wie ein lebendiger Mensch zu atmen, aber er blieb noch gedampft. Diez, als Letzter des Zugs, machte ein Gesicht wie ein Marabu, der einige Pfund Staub geschluckt hat. Onkel Louis' Papa hatte eine kleine Wäschefabrik in der Alexaudrinenstraße betrieben: Der gegensätzliche Gedanke richtete den jungen Spötter auf.

Louis schritt groß und schwer voran, sah nicht rechts, nicht links. Auch er konnte diese kostbaren Dinge nicht an jedem Tag mit Hingabe betrachten.

(Fortsetzung folgt.)

Deran'wortlich: l)r. Hans Thyriot. Druck und Derlogi Drühl'jche Univerjitäts.Duch» und Lteindruckerei, R. Lange, Gießen.