Bagdad, eine aufblühende Kunststadt.
Von Dr. Schmidt-Dumont, Bagdad.
Kaum eine Stadt des Vorderen Orients weist in den letzten fünf Jahren im Hinblick auf den Fremdenverkehr eine so große Entwicklung auf wie Bagdad, die Hauptstadt des Zweistrom- landcs. Gewiß berührten auch vor fünf Jahren schon eine große Reihe von Fluglinien die aufstrebende Handelsstadt am Tigris. Aber damals waren diese Flugverbindungen eben noch Angebot, dem die Nachfrage fehlte. Heute nimmt fast die gesamte Post des irakischen Geschäftsverkehrs mit dem Auslande den schnellen Weg mit dem Flugzeug, und fast täglich verlassen ein englisches, ein französisches oder ein holländisches Flugzeug den Bagdader Flughafen. Nur die Flugverbindung mit Persien fehlt, die einst von der Junkerslinie mit so großem Erfolge gestellt wurde.
Diese Entwicklung der Verkehrsmöglichkeiten mit dem Auslande ist die Folge des Aufblühens der Stadt Bagdad selbst, die sich nach allen Seiten hin ausdehnte. Ueberall sind neue Vororte entstanden, die — mit Waffer braucht ja nicht gespart zu werden — sich nach einem Jahre schon mit einem grünen Kranz von Gärten schmückten.
Schwelle seiner kleinen Villa entgegengeeilt und nach einer Stunde war das Blut zum Stehen gebracht, die gequetschten Glrederchen bandagiert und eingerenkt, und Anna atmete ruhig unter der Wirkung des schmerzstillenden Morphiums. .. ,
O Gott! Die alte Dame seufzte zum zweiten Male an diesem Tage tief auf und kehrte aus ihrer Verzauberung wieder. Dieses- mal lächelte sie nicht wie über die kindlichen Betrachtungen, die sich an das Wesen feuerspeiender Berge knüpfte. Sie grübelte vielmehr darüber nach, ob da nicht ein geheimer Zusammenhang bestände zwischen der Entrückung der Zwolsiahrigen, die sich so vollkommen in die Rolle des verzweifelten Vater» hineingclebt hatte und zwischen der Mutter, die vor Schmerz erstarrt zwanzig Jahre später ihr zu Tode verwundetes Kind durch den schaurigen
„Sehr merkwürdig", sagte die alte Dame vor sich hin und schüttelte abermals den Kopf. t
J Sie zögerte einen Moment, ehe ste die nächste Seite umschlug. Und zugleich wurden ihre Augen starr. „Was der Mond in der Neujahrsnacht sah" stand da als Ueberschrift über dem nächsten Aufsatz. has geht nicht mit rechten Dingen zu", murmelte
ste vor sich hin und erhob sich schwerfällig. Sie zog mit zitternden Händen ein kleines Spitzentaschentuch aus ihrem Pompadour und putzte sorgfältig die Brillengläser, als ob sie schuld seien an der Behexung, die aus diesen simplen, kindlichen Aufsatzhemen stieg.
Dann setzte sie sich wieder hin und nahm das Heft abermals in ihre feinen, weißen Greisenhände.
Viererlei sah der Mond in der Neujahrsnacht: Einen Menschen im Gefängnis, ein weinendes Kind im grünen Zigeunerwagen, eine lustige, weintrinkende Gesellschaft mit bunten Kappen und einen Mann auf dem Sterbebett.
Dieses Bett stand auf einmal vor ihr, herausgeruckt aus der Reihe der anderen Bilder, es schwoll an, wurde groß wie em Monument, und die Gestalt ihres Mannes zeichnete sich deutlich unter dem Weitz des Lakens ab. .
Die alte Dame versuchte die kindlich sentimentalen Worte zu lesen, die den Tod ihres Mannes beschrieben, aber es war ihr nicht möglich. Ein ganzer Schwarm von Gefühlen durchströmte sie, als sei sie Zuschauer bei einem erschütternden Drama. Dreißig Jahre lang hatte sie nun schon jedes Neujahr als den Todestag ihres Mannes mit stiller Trauer begangen und jedesmal war sie neu vom Kummer gepackt worden darüber, datz er ihr so früh entrissen worden war.
Im Laufe der Jahre war der Schmerz etwas weniger hart geworden und endlich hatte sie sich darein gefügt wie in etwas Unvermeidliches. m
Und nun ganz plötzlich riß sie diese kindliche Beschreibung aus ihrer Ruhe. Sie kniete am Bett, wie damals, den Kopf auf ferne Hand gebeugt, die kälter und kälter wurde. . ± m
Auf einmal bemerkte die alte Dame, daß sie wernte. Ganz unversehens waren ihr die Tränen in die Augen geschossen und fielen in großen Tropfen aus die erloschene Tinte des vergilbten Heftes und bildeten dort einen kleinen See, der das Papier runzlig werden ließ.
Sie suchte blind von Tränen nach dem Löschblatt, das an einem Faden ordentlich in der Mitte des Heftes baumelte, und drückte es auf die nasse Stelle. Es war ein rosafarbenes Löschpapier und die kritzelnde Hand der Schülerin Annemarie Schmidtlein hatte allerlei Weisheitssprüche darauf gemalt, die mit einem Kranz von Blümchen umgeben waren. „Und hundert Jahre sind ihm wie ein Tag!" stand da aus einem Gedicht zitiert.
Die alte Dame legte die Hefte wieder sorgfältig aufeinander, umband sie mit dem roten Baumwollfaden und stand auf, um sie wieder in das Bücherregal zu legen. Einen Augenblick, wie sie so durchs Zimmer ging, sah sie sich erstaunt um, als ob sie das vertraute Zimmer nicht mehr kenne.
Sie hatte in dieser kurzen Zeit so vieles durchlebt, ein ganzes Menschenleben mit Freude, Angst und Trauer.
Auf dem Brillenglas bemerkte sie noch einen Tropfen von ihren Tränen. Sie putzte ihn nachdenklich mit dem Taschentuch fort. Jetzt erst dachte sie wieder an das Buch, das sie gesucht hatte. „Und ich muh es doch verliehen haben", sagte sie vor sich hin. Aber die Verdrießlichkeit, die ste vor einer halben Stunde bei diesem Gedanken umfangen hatte, war wie fortgewischt.
Daß auch das Stratzenbtld minder farbig, ruhiger und weniger orientalisch geworden ist, sei nur am Rande vermerkt. Immer seltener sieht man die fröhlichen bunten Farben der Jsare, der Brokattücher, mit denen sich Bagdads Bewohnerinnen beim abendlichen Gang durch die Straßen zu schmucken pflegten. Nereinzelt nur erscheint der Beduine oder Kurde noch cm reic n- farbigen Sechenmäntel. Auch er gibt mehr und mehr dem Braun, dem Grau oder dem Schwarz den Vorzug. Dag die Irakische Beamtenschaft, die Händler und Kaufleute sich europäisch kleiden, liegt schon länger zurück. Aber neu ist, daß die Sldara, die irakische Kopfbedeckung, nicht mehr rote früher den Fes ersetzt, sondern wie ein Hut in geschlossenen Raumen abgenommen wird.
Der Verkehr auf der großen Straße — die ein)t von den xtung- türken durchbrochen, in die winkligen Gasten des alten Bagdad Licht und Luft und Sauberkeit gebracht hat — ist inzwischen so dicht geworden, daß einschneidende Verkehrsmaßnahmen für lerne ungestörte Abwicklung Sorge tragen mutzen. Eine zweite solche Verkehrsstraße, die die ganze Stadt durchzieht, ist im Entstehen. Daneben ist auch der Bau einer großen Brücke über den Ttgrt» geplant, die den unzulänglichen Fährverkehr und die einzige heute für Lastkraftwagen benutzbare Schiffsbrücke ersetzen soll. Aber damit, und mit "einem Ausbau des Eisenbahnnetzes einer Beschleunigung des Zugverkehrs und manchen anderen Dingen bat cs gewiß noch gute Weile. , , .
Erstaunlich sind die Fortschritte vor allem auf einem anderen Gebiete der Fremdenverkehrswerbung, einem Gebiete, au, dem roie im Flugverkehr zahlreiche Nationen sich die i.iand zum Wettbewerbe reichen: die Fortschritte der archäologmhen Grabungen, die ihren Niederschlag im Bagdader Museum finden, das in den letzten Jahren unter deutscher Leitung stand.
®eroif; können die Nuinenstätten des Zroetstromlande» sich an eindrucksvollem Umfang und gewaltiger Größe nicht mA den Zeugen der Vorzeit mesten, wie sie uns das Niltal bietet, oder wie sie die neuesten Grabungen in Persien zutage gefordert haben. Aber das sind Aeußerlichkeiten, die nur den oberflächlichen Betrachter über die Tatsache Hinwegtäuschen können, daß alle öteie Tempel und Denkmäler nur der Ausfluß einer einzigen, roieder- bolten und stets wieder abgewandelten Kultur sind, die tm Niltal gewiß mehrere Jahrtausende und in Persien kaum ebensomele Jahrhunderte umspannt. Ob altes Reich, ob neues Reich, ob Perser, Griechen oder Römer — stets wurde tm Niltal ägyptisch gedacht und gefühlt und ägyptische Kunst geübt,- und nicht viel anders ist es auch in Persien. Ganz anders der Reichtum der Völker, der Kulturen, der Sprachen, der Bauten, der Erzeugnisse des Kunstwollens und Gewerbefleißes im Zweistromland.
Nach den ersten Ergebnissen der deutschen Vorkriegsgrabungen in Babylon und Astur waren es vor allem die Funde der englisch- amerikanischen Grabungen in Nr, die die gelehrte Welt und die historisch interessierte Laienschaft auf die Möglichkeit Hinwlesen, die der Boden des Zweistromlandes barg. Die Goldfunde uni) der Silberschmuck, die Edelsteingehänge und die kunstvoll geschmiedeten Waffen von Ur bilden zwar heute noch wie vor fünf Jahren den Mittelpunkt der Sammlungen des Altertumer- museums in Bagdad und ziehen immer wieder Scharen von Fremden in ihren Bann, auch wenn ihnen der Durchflug nur wenige Stunden Zeit zur Besichtigung der Stadt läßt. Aber wie anders nehmen sich diese Funde heute aus, wo weitere Grabungen sie in den Mittelpunkt einer ganzen Entwicklnngsreihe gestellt baßen, — wo sie nicht mehr Einzelstücke darstcllen, die man fassungslos bestaunt, sondern als Gipfelleistungen einer Kultur verstehen kann! Hinzu kommt, daß die Funde nach den neuesten Methoden der technischen Chemie präpariert worden sind, so daß aus einem Gewirr grauer Schlacker fein ziselierte Silberarbetten herausgeschält werden konnten, die in liebevoller Aufmachung weit mehr an das Kunstempfinden des Beschauers rübren als ehedem an seine Neugierde.
Wie ist vor allem der Nahmen gewachlen, der beute die Kulturen des Zweistromlandes umschließt! Schon die ältesten Funde zeigten eine technische Entwicklung z. B. der Färbeknnst in der Töpferei, die der in anderen Ländern der späteren Steinzeit ent- svricht, hier aber viele Tausende vor Christi Geburt znrückretebt. Viel später ist die Erfindung der Schrift, die den wahrscheinlich vom iranischen Hochland in die fruchtbare Ebene einst berab- wandernden Sumerern zu danken ist, und deren erste Anfänge wir auf Tontafeln aus den deutschen Ausgrabungen in Nruk-Warka als eine Bilderschrift ermittelt haben. Auf die Sumerer folgten die semitischen Akkaden, und in immer wieder neuen Völkerwellen: die Kassiten aus dem persischen Hochlande, die Babylonier, die Subaräer und Assyrer, schließlich Griechen, Römer, Parther, Sastaniden, Araber und Türken. Das einigende ; Band bildet hier nicht wie in Aegypten Kunst und Lebensform, \ sondern die Schriftz die nicht nur im Zweistromland geübt wurde, : sondern einst dem diplomatischen Verkehr im ganzen Vorderen ; Orient diente, die im oberen Niltal und auf der Hochfläche Australiens wiederkehrt und vermutlich ihre Ausstrahlungen auch durch Persien bis nach Indien sandte. Die Keilschrift wurde durch die Buchstabenschrift abgelöst, die ebenfalls eine Erfindung von Böl- i fern ist, die denen des Zweistromlandes nahestehen und lange j Jahrhunderte hindurch als persische Staatsbeamte in die Frsih- ! geschichte Vorderasiens und damit auch in die Vorgeschichte Grie- ! chenlands führend eingriffen.
Alles dieses lehren uns die Ergebnisse der neuesten Grabungen von fünf Nationen, wie sie in einziger Vollständigkeit im Museum von Bagdad vereinigt sind. Aber die R^nme dieses Museums reichen schon jetzt, wenige Jahre nach der Gründung dieser Pfleg- tätte für Kunst und Wissenschaft durch Gertrude Bell, nicht mehr aus, um alles zu fasten und gebührend zur Schau zu stellen,


