Ausgabe 
8.6.1934
 
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SietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1934 Zreitag, -en 8. Juni Nummer 43

Abendlied.

Don Matthias Claudius.

Der Mond ist aufgegangen, Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar,- Der Wald steht schwarz und schweiget. Und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille, Und in der Dämmrung Hülle So traulich und so hold!

Als eine stille Kammer, Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen, Und ist doch rund und schön!

So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen, Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder Und wissen gar nicht viel,- Wir spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns dein Heil schauen, Auf nichts Vergänglichs trauen. Nicht Eitelkeit uns freun!

Laß uns einfältig werden Und vor dir hier auf Erden Wie Kinder fromm und fröhlich fein!

Wollst endlich sonder Grämen Aus dieser Welt uns nehmen Durch einen sanften Tod!

Und wenn du uns genommen, Latz uns in Himmel kommen, Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder, In Gottes Namen nieder,- Kalt ist der Abendhauch.

Verschon uns, Gott, mit Strafen, Und latz uns ruhig schlafen Und unfern kranken Nachbar auch!

Fünf Minuten ein Leben!

Erzählung von Mars Stahl.

Die alte Dame hatte den ganzen Morgen über auf dem Bücher­regal nach einem Buch gesucht. Dann war es ihr ganz plötzlich eingefallen, datz sie es verliehen hatte. Sie setzte sich verdrietzlich auf den Sesiel am Fenster und überlegte, wem sie es wohl ge­geben haben könnte. Dabei hielt sie immer noch ein kleines Päck­chen Hefte mit schwarzen Wachstuchdeckeln in der Hand, die sie beim Suchen gefunden hatte.

Sie waren mit einem roten Vaumwollband sauber zusammen­gebunden und auf dem weißen Etikett des obenliegenöen Heftes stand: Deutsche Aufsätze von Annemarie Schmidtlein. Sie setzte die schwarzgerandete Brille auf die Nase und las ihren Mädchen­namen mit einer kleinen Rührung. Die Schrift war komisch steif, die Tinte, verblaßt und unter dem Nachnamen befand sich statt des vorgeschriebenen Striches ein leichtfertiger Schnörkel. Sie besann sich ganz genau, daß ihr dies eine Rüge von Fräulein Hein, der Deutschlehrerin, eingetragen hatte.

Sie schlug den Deckel auf und las die Neberschrift:Vesuv und Aetna". Mit einem Laut des Erstaunens ließ sie das Heft sinken. Vor ihrem Auge tauchte die Bucht von Neapel auf, der Vulkan stieß eine seine, dünne Rauchsäule in die perlmutterfarbene Luft und das Schiff, auf dem sie sich befand, steuerte gerade auf den bläulichen, geheimnisvollen Berg zu.

Sie roch den Geruch des Wassers, sah das Gewimmel der Fischerboote, das Gewirr der farbigen Segel. Sie atmete tief auf: Wunderbar, daß es ihr vergönnt gewesen war, diese paradiesische

Landschaft zu sehen und neben sich den Menschen zu fühlen, der ihr der liebste auf der Welt war.

Die ganze Reise war wie ein Traum gewesen, ein unendlich glücklicher, farbenreicher Traum. Venedig, Florenz, Rom wie überwältigend schön war das alles! Die alte Dame lächelte und senkte den Blick auf die steilen, korrekten Schriftzüge der Zwölf­jährigen:Der Vesuv ist eine vulkanische Erhebung des Subap- penin, er ist dreizehnhundert Meter hoch. Der Aetna sogar dret- tausenddreihunöert." An diese geographischen Ziffern knüpften sich Betrachtungen über die Gefahren, denen die Dörfer am Fuße der Vulkane ausgesetzt sind. Die Verlockung, die darin besteht, seine Weinstöcke auf der zerbröckelten, fruchtbaren Lava anzu­bauen, war geschildert, und getreulich standen alle Ausbrüche aufgezühlt, die sich in historischer Zeit begeben hatten. Hinter der Verschüttung Pompejis war in Klammern bemerkt: Jüngerer Plinius und Bulver.

Die alte Dame las interessiert über die steifen Buchstaben hin, die in trockenen Worten und leicht dozierend die Vorzüge und Nachteile einer Ansiedlung in der Nähe von feuerspeienden Ber­gen abwogen. Aber die Zwölfjährige war zu keinem Schluß ge­langt. Sie schloß mit der altklugen Betrachtung:Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten."

Kleine Moralistin!", murmelte die alte Dame vor sich hin und schüttelte lächelnd den grauen Kopf. Was wußten diese kindlich, spröden Zeilen von der Begeisterung der vierundzwanzigjährigen Frau, die auf einem Märchenschisf einem geheimnisvollen blauen Berg entgegenfuhr.

Sie schaute über die Brille fort auf die Straße, in die Kronen der Lindenbäume hinein, die von Sonnenstrahlen ganz golden überspült waren.

Dann seufzte sie, als ob sie aus weiter Ferne wiederkäme, und las den nächsten Titel:Gedanken über Goethes Erlkönig".

Hier war mit einem Schlag der trockene, lehrhafte Ton ver­schwunden. Ganz erstaunt gingen die Augen der alten Dame über die Reihen. Die Worte galoppierten fast über die Linien, sie wußte es noch ganz genau, es war ein Klassenaufsatz gewesen und sie hatte sich richtig in das Thema hineingekniet. Sie war für zwei Stunden vollkommen aus dem staubigen Grau der Schul­stunde verschwunden, auf einem Pferd durch einen nächtigen Wald gerast, von nebelhaften Spukgestalten verfolgt und die Angst­schreie des sterbenden Kindes hatten sie zu immer schnellerem Tempo angespornt. Sie erinnerte sich, wie sie aus der Versunken­heit aufgetaucht war: Mit verwirrtem Haar, heißem Gesicht und tintenbeklecksten Händen Der Aufsatz hatte von Jnterpunkttons- fehlern gewimmelt, Kommas und Punkte waren in der Auf­regung des Schreibens vergessen worden. Aber trotzdem hatte es eine Eins dafür gegeben, und der Aufsatz war der beste der Klasse gewesen. Fräulein Hein hatte ihn vor der versammelten Schule vorgelesen und gesagt:Das hat Annemarie vorzüglich gemacht, geradezu, als ob sie es selbst erlebt hätte". Und Annemarie, vor Stolz brennend und mit niedergeschlagenen Augen, hatte stehend dieses Lob entgegengenommen. Die alte Dame empfand heute noch einen leisen Stolz, als sie die Zensur, die sauber mit roter Tinte am Ende des Aufsatzes stand, betrachtete.

Aber plötzlich schrak sie zusammen. So etwas Aehnliches hatte sie ja auch tatsächlich erlebt: Ein röchelndes Kind, gespenstisch vor­beifliegende Bäume, Schnauben von aufs äußerste angetriebenen Pferden ... und Angst bis ins Mark.

Ja, so war es gewesen, als sie mit ihrem Töchterchen Anna mitten in der schauerlichen Herbstnacht zum Arzt gefahren war. Sie war ganz allein, ihr Mann nicht zuhause, der Kutscher be­trunken. Zuerst hatte sie eine Anwandlung von Ohnmacht gehabt, als Anna blutend ins Zimmer getragen wurde. Das Hausmäd­chen hatte sich benommen wie eine Wahnsinnige und geschrien, das Kind sei tot. Aber dann hatte die Mutter gesehen, daß es lebte und sie wußte heute noch nicht, auf welche Weise sie die Pferde aus dem Stall gezogen und vor den Wagen gespannt batte. Das Mädchen, das vollkommen kopflos war, hatte jammernd Tücher und Decken herbeigebracht und sie selbst das von dem Stier böse zugerichtete Kind hineingewickelt und neben sich in die Wagenpolster gebettet.

Jeder Stoß des Wagen hatte ihr so wehgetan, als wäre sie selbst voller Wunden. Hundert Gebete hatte sie zum Himmel ge­schickt darum, datz der Doktor doch zuhause sein möge, o hätte sie den Pferden Flügel geben können!

Nochmals durchlebte die alte Dame die Angst und Qual, das Vorbeihuschen der nebelverhangenen Tannen, das Wimmern des aus der Betäubung erwachten Kindes. Und bann hatte man die Lichter des Dorfes gesehen, der gute, alte Arzt war ihr auf der