rinder
und
Haare.
Aber auf einmal bäumte sich das Leid aus aus dieser rumpelnden alten Fröhlichkeit. Sie hatte von ihrem Mann erzählt, einem alten Küfer, und einem „saumäßig" lustigen Kerl, der sich zu ihr ins Haus eingeheiratet hatte. Er war vor zehn Jahren gestorben, das war eine natürliche Begebenheit gewesen. Aber dann fragte einer von uns, ob sie denn keine Kinder hätte...
Da fiel der linke Augendeckel reglos nieder. Das andere Auge blinzelte rasch, der Mund rieb die weichen alten Lippen übereinander. Tränen sprangen in die Augen, die krummen Finger drückten in der Erregung zitternd die Brotkrümchen auf, die verstreut auf dem Tisch lagen, und pickten sie schnell mit ihren Spitzen an die Lippen, die hin und her gingen und die Krümchen vergeblich zu erhaschen suchten. Die Hände wischten vorbei. Die Krümchen sielen immer wieder auf den Tisch, dazwischen Tränen ... und einige Male wischten die aufgeregten Finger ein Tränchen auf und drückten es an den Mund Aber der alte Mund merkte nicht, was Brot und was Träne war.
„Einen Sohn!" sagte sie nach langer Zeit.
Und die Lippen zermürbten die Worte, als sie hinzufügte: „Er war dreißig Jahre alt, als er starb."
Es war für uns ausgemacht, daß sie an dessen Grab täglich ging, und daß das unglückliche Ereignis sie erst vor kurzem getroffen haben mochte. Vielleicht war er im Krieg gefallen. Wir schauten zu den Fenstern hinaus und suchten nach Trostworten.
Sie sagte plötzlich nach einem langen Schweigen, in dem sie viele Krümchen und viele Tränen auspickte: „Den hielt einmal im Winter, als der Schnee lag, wie hent, das Städtchen nimmer. Da ist er in die Fremde gezogen und ist gleich nach Afrika gekommen, wo immer Sommer ist. Und da haben die Sauhunde ihn in die Fremdenlegion genommen. Und er dachte immer an seine Mutter. Da kam er ins Bett und starb am heißen Fieber und liegt, da unten im Wüstensand."
... Grinsten nicht die alten hohen Dächer zu den Fenstern herein? Der Wächterturn» über ihnen schloß die Augen, wie damals, als der Bursche zum verschneiten Städtchen hinaus in die selig nngewisie Fremde zog.
... Sie sind verdorben, gestorben ...
Und noch einmal fällt es aus dem zahnlosen, unruhigen Mund: „Jetzt zu Mariä Lichtmeß werden es fünfundzwanzig Jahre!"
Da standen mir die Haare zu Berg ... Ein Viertelsahrhundert verwahrt sich das Leid so nah unterm Schnee. Kalt wie ein Klumpen Eis liegt es in dem verschneiten Städtchen, und wenn rundum die Sonne allen Frost aufleckt, der Klumpen Eis bleibt hart und kalt
... Wir gingen. Die Alte schnalzte wieder ihr Lachen. Die krummen Finger umschloffen unsere wollenen, städtisch gesprenkelten Handschuhe mit einem lebenslustigen Druck. Am nächsten Tage finden wir sie wieder droben am Grabe stehen, das kein Grab war, sondern nur ein Symbol der Unerreichbarkeit der heißen Wüste Afrikas
Aber eines Tages strich der Südwind vom Flußtal her über die Stadt und Berghänge. Der Schnee schmolz.
Am letzten Tag, an dem wir rodelten, trieb die Luft uns schon allentbalben aus den schwarzen Tannenwäldern in schweren warmen Stößen zu. Sie schien voll heimlichen Dranges fruchtbar ge
worden zu sein. Die Dächer wurden wieder rot. Der See deckte sich auf aus der grauen, wüstenhaften Dunkelheit. Die Luft spannte sich hoch und dünn. Die Berge drängten in brauner, glanzender Kraft auf, und tm Tal erschienen die Alpen tn kahler Größe, weit und wild, mit zerhackten Rücken den Himmel erobernd Drunten in der Stadt wurde eine neue Kugel und ein neues Kreuz aus die Kirche gesetzt. Die Kugel strotzte dickleibig von Gold, und die Turmarbeiter schwebten wie schwarze und große, an die Kugel gefeffelte Vögel auf den Gerüsten umher. Zwischen Himmel und Erde ... Der Südwind umstrich sie mit schmerzvoller Klarheit. Auch der Friedhof war braun und feucht geworden, wie ein zur Saat bestellter Acker.
Winterliches Brückenbild.
Von Fritz Gräntz.
Goldqer Brückenhahn erglänzt, Weiß von Möwenflug umkränzt. Blitzend in des Winters Sold Kreist das Silber um das Gold, Grüben Freie den Gefangenen, Huldigt Heute dem Vergangenen, Schwirrt das Leben um den Tod. Unten treiben, Boot an Boot, Runde Schollen, weiß umzogen, Klingend durch den Brückenbogen. Morgenwilder Dreigesang, Möwenruf und Eisesklang Und ein Geisterhahnenschrei, Hallt am Brückenfirst vorbei. Sonnigster der Wintertage Ueberflutet Schrei und Sage.
Das Epos des Autos.
Von Eugen Diesel.
Die Entwicklung vollzieht sich in unseren Tagen in stürmischem Tempo. Das zeigt besonders deutlich der Siegeszug des Autos: Vor 30 Jahren noch ein angestauntes Wunder, heute eine Selbstverständlichkeit des Alltags. Dieses „Epos des Autos" läßt Eugen Dresel in einem prächtigen Film in dem soeben beim Bibliographischen Institut in Leipzig erscheinenden Vilder- Werk „Wir und das Auto, Denkmal einer Maschine" an uns vorbeirollen. Wir geben aus der geistvollen Einleitung einige Abschnitte wieder.
Wann ich zum ersten Male ein Auto gesehen habe, weiß ich nicht mehr. Aber vor dem Jahre 1889 muß wohl jeder Großstädter schon einmal einem Auto begegnet sein. Das Jahr 1807 hatte tn deutschen Automobilkreisen eine lebhafte Garung ge- i bracht Der Mitteleuropäische Motorwagenverein war gegründet worden, Daimler baute ein sechspferdiges Phaeton mit Vierzylindermotor für „Schnellfahrt", das die RekordEwindigkeU von etwa 42 Kilometern in der Stunde erreichte. Robert Bosch machte die ersten Versuche mit seinen Zündapparaten für Automotoren. Auf der Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung m München im Jahre 1898, die auf dem Gelände stattfand, aus dem jetzt das Deutsche Museum steht, waren auch einige Automobile ausgestellt. Ich erinnere mich, daß ich diese Automobile als Erscheinungen wieder erkannte, die ich schon auf der Straße gesehen hatte. Ich freute mich über die Steuerhebel oder Räder an senkrechter Steuerstange. Neben ihnen auf parallel zur Steuerung hinabsührenden besonderen Stangen bedrückte mich ein wichtiges Gewirr von Hebelchen aus gezähnelten Segmenten. Noch bedeutsamer tat sich die große Gummihupe hervor; mit ihrem stattlich gewundenen blitzenden Horn. Außer den auf der Ausstellung puffenden Motoren machte nichts auf mich einen so zauberhaften Eindruck wie diese rot und grün gepolsterten, in allen Gestängen hübsch vernickelten, reizenden Wagen mit gerippter Kühlschlange hinten und vorn, stehendem oder liegendem Motor hinten oder vorn, mit kleineren Vorder- als Hinterrädern, die mit schwachen Pneumatiks oder auch Vollgummiräbern versehen waren. Ueberall unter den Sitzen und Bodenbrettern steckten Gehcimniffe, die ich verehrte obschon ich von der Unvollkommenheit dieser Maschinen, von Zünddesekten, versagenden Vergasern, Reifenpannen und Unglücken schon viel häufiger gehört hatte, als mir Autos begegnet waren. Damals sang man in München ein Schnaderhüpfel: „Und an Automobil, ist a Wagen, der net will."
Wenn ich von nun an Rad fuhr, dachte ich mich in den Besitz eines Autos und in seine Handhabung hinein. Bedienungshebel befanden sich irgendwo am Gepäckträger, der Laterncn- schraube, dem drehbaren Glockendeckel. Die paar Autos, die in München herumfuhren, wurden stets als Bekannte und Freunde ^Aber immer hatten wir noch keinen eigenen Wagen! Immer noch hatte ich selbst in keinem Auto gesessen! Ein Traum wollte und wollte nicht in Erfüllung gehen. Einige Male ergab sich eine Möglichkeit. Aber die Eltern halfen nicht nach. Man hatte zu viel von Autounglücken gehört. Schließlich erhielt ich unter unver- i hohlenem Mißbehagen meiner Eltern die Erlaubnis, mit dem Onkel eines Schulkameraden zu fahren. Das war im ;,ahre 1904 in einem zwölfpserdigen Deauville-Wagen mit Batteriezündung. Unbeschreiblich war das Gefühl des Stolzes, als ich vorn zum Chauffeur hinaufstieg. Die Fahrt gestaltete sich ln einem Höhepunkt meines jungen Lebens. Aber dieses Wägelchen war ja auch schon etwas mit seinen vier Zylindern, seinem recht ruhigen Gang,
Also koS! Sie seht« sich hinten auf, wir glitten ab, die Leute jauchzten auf, die Alte gluckerte in hellsten Tönen ... Aber wer waren bald unten. ...
3* hab einen eigenen Wein im Keller!
Wir mußten mit zu ihrem Häuschen. Küserswitwe Merkle stand auf einem Holzbrett. Die Muhme wackelte mit uns in ein holz- actäseltcs Stübchen. Das ist nun mein Kammer!, jagte sie selig. Und sie drehte sich unter hundert Ausrufen und Aufgluckiern mit ihrem verdorrten, verbogenen Leib und mit plätscherndem Geplanter um nns"'hernm, schob uns Stühle unter, schob uns von ihnen aufs Sofa. Es quietschte auf, wie ein Starenslug. Auf mal stand Brot da und bald auch ein Steinkrug, aus dem Wein hart duftete, wie eine Hecke im März.
Wir saßen und tranken Der Wein gärte noch ein wenig war blaßrot. Die Alte plauderte dazu und wenn wir etwas sagten über ihr Brot, oder ihren Wein, oder das Stübchen oder so, dann wackelte sie mit freundlicher Glückseligkeit wie ein angestoßenes Stehaufmännchen. Mit ihren krummen Fingern nahm sie den Krug und goß ein tn die dicken Gläser. Dabei schaute sie uns an, und immer ging ihr Mund, und man verstand auch noch, wenn selbst keine Worte aus den alten Lippen fielen. Es war ein seliges, sinnloses Sich-Ausplaudern-können.
So saßen wir da, tranken den erdigen Wein und sahen zu den Fenstern hinaus in das weißeingekleidete Gärtlein der Witwe Merkle und auf die mit Schnee behangenen Dächer und Häuser, die hinter dem Gewirr kahler Birnbäume behäbig niedergeduckt zu träumen schienen. Sie hatten alle Sonderlingsgestalten. Ueber ihnen schob sich der dicke Martinsturm in die graue Luft
Wir sagten der Muhme, wie das Städtchen unterm Schnee für uns versunken sei und schlummere, wenn wir vom Bergwald heruntergerodelt kämen . und sie lachte mit lauten Kehltönen, mit gell aussteigenden und plötzlich stehenbleibenden Juchzern: Ja ... ja! und klapperte mit dem linken Augendeckel dazu wie mit Kastagnetten. Sie wuchs, während wir ihren saueren Wein tranken, mit ihren 78 Jahren, ihrer glucksenden Fröhlichkeit und ihrem klappenden Augendeckel, mit ihren gebogenen Fingern und ihrem ausgelassenen wackelnden Leib ins Städtchen hinein, wie eines der Häuser, wie die Gaffe unterm Schnee. Es war dieselbe schlafende Unbekümmertheit, die vor der Welt versunkene Sorglosigkeit, das unbewußte, absonderliche Lachen in der Tiefe des alten verschrumpsten Herzens unter dem deckenden Schnee der weißen


