seinem Kühler vorn an der Motorhaube, seiner niedlichen roten Karosserie mit wohlgepslegtem wetnrotem Leder. Die Beine des Chauffeurs waren unter einer schwarzen Lederdecke verborgen, um die Steuerung hindurchzulassen. Geheimnisvoll folgte der Wagen dem unsichtbaren Spiel der Chausfeurfüße auf Kuppelung und Bremse. Auf jede Kurve stürzten wir in einem Höllentempo los, und es war unbegreiflich, daß man lebend durchkam, daß ein Fahrzeug so wunderbar beherrscht werden konnte. Noch mehr nahm mich von nun an der Zauber des Autos gefangen. Hatte ja doch die erste Erfüllung der Sehnsucht ganz entsprochen, ja sie weitaus übertroffen!
Und immer noch besaßen wir keinen eigenen Wagen! Das Jahr 1905 endlich brachte die Entscheidung. Mein Vater behauptete, sein Gewissen beschwichtigend, er müsse einen Wagen haben, um das Automobilwesen zu studieren; denn er wolle einen Dieselmotor für Automobile bauen. Wenn ich aber nicht irre, so trug an der Anschaffung des Wagens die große Reisesreude meines Vaters und der Zauber des Autos, dem auch er inzwischen verfallen war, die entscheidende Schuld.
Nun also waren wir Automobilisten! Jedes Jahr reisten wir im eigenen Wagen durch ein anderes Land. Ich sog begierig die Landstraße, die vorbeirauschenden Bäume, die herrlich wechselnde Landschaft, das Fahrgefühl und die Seele des tickenden Motors, das Geheimnis der Garagen, die Weisheit der Chauffeure in mich ein. Ich lernte die Kraft der Maschine im Vergleich zum Gewicht des Wagens und zur Landstraße gefühlsmäßig abschätzen, lebte und webte mit der Umdrehungszahl, dem Schalthebel, dem Getriebe, so daß ich, als ich mich das erstemal selbst ans Steuer setzte, sofort richtig fahren konnte. Vor allem lernte ich rasch sehen, ohne oberflächlich zu sehen. Die Größenverhältnisse der Welt verschoben sich in mir, sie kamen in Beziehung zur Kraft der Maschine, zur Stellung der Gashebel, zum persönlichen Macht- bewußtsein. Dadurch aber verlor die Welt keineswegs an Reiz: im Gegenteil! Wer der Blasiertheit und dem Machtdünkel zu widerstehen weiß, der wird nichts von allem, was die Erde und die Landschaft je dem Menschen bedeutete, preisgeben oder verlieren; er wird vieles hinzugewtnnen.
Jene herrliche Epoche des Autos war gleichsam seine klassische Zeit. Die grundlegenden Formen waren gefunden, ein hohes Maß von Zuverlässigkeit erreicht; aber noch waren das Abenteuer und ein ganz naiver Autostolz lebendig. Zwar war damals der Reiz und die Seltsamkeit der allerersten Autozeit abgeblaßt. Ein anderer Erlebniszustand hatte sich eingestellt. Die Wagen waren schon zu zahlreich und zu gut und sie wurden von Tag zu Tag besser. Man durste sich nicht mehr als Pionier und als Besitzer eines Autogeheimnisies fühlen. Immerhin war auch diese Zeit noch in Farben und Reize getaucht, die sich einer, der in die heutige Autowelt hineingeboren wird, kaum vorstellen kann. Die Maschinen tickten und klopften ein wenig anders als heute, die saugten schlürfender am Vergaser, und das Schalten an der Kulisse war eine andere Kunst als die mit der synchronen Kugelschaltung von heute. Die Motoren setzten nach einigen tausend Kilometern Oelkohle auf den Kolben an und besaßen nicht die allumarmende und doch sanfte Kraftreserve, nicht das schnelle An- zugsvcrmögen der Maschine. Das Ankurbeln, das Reifenmon- tieren, waren unentbehrliche Künste, der Gummi fühlte sich anders an und roch anders. Benzinduft von einem viel leichtgradigcn Benzin lag über dem Wagen, auch tropfte wohl Oel von ihm herab und auf den großen Pässen kochte der Kühler. Aber man kam mit diesen Maschinen auch vorwärts, dabei mußte man viel mehr aufpassen, mehr mit dem Geist arbeiten und sich in die Seele der Maschine versenken als heute. Die Landstraßen boten noch Widerstände. Berge und Pässe waren Probleme, die bezwungen sein wollten, an die man mit Erwartung, Freude und neugierigem Zweifel heranging. Seit dem Triumph des amerikanischen Wagens sind die weiblichen Ansprüche zu stark in das Auto hineinkonstruiert worden Diese neuen Maschinen folgen ja dem Fußspitz- chen jeder Dame so ruhig und folgsam wie das frömmste Pferd. Und das alles auf asphaltierten, mathematisch korrekten Straßen, wo die Kette der Tankstellen und Kundendienste nicht abbricht.
Immer mehr wuchs das Auto in das Schicksal des Menschen hinein. Man gewöhnte sich an das Auto rote an ein Stück des allgemein menschlichen Inventars, das eben zu unserer Kultur gehört, wie seit Jahrtausenden die Pferde oder Wagen oder Häuser zu unserer Kultur gehören. Man vernahm nicht nur von Autoreifen und Ferieneindrttcken, von Sporterlebnisien vieler Freunde, sondern auch von Fällen, in denen ein entscheidendes Ereignis, ein Schicksal, die Arbeitsrichtung, der Beruf durch das Auto hervorgerufen oder bestimmt worden war. Eines Tages teilte man uns telephonisch mit, daß ein Bekannter im Automobil verunglückt sei. Wir eilten mit unserem Wagen an die S^lle. Zwischen den Trümmern des Benzwagens erblickte man sein Blut und seinen Hut. In Schottland sahen wir einen Wagen, der von der Fjordstraße abgestürzt und in den Baumkronen unbeschädigt hängen geblieben war. Man hatte selbst gefährliche Situatwiron erlebt und war gut davon gekommen. Aber auch große geschichtliche, ja sogar nationale Ereignisse, deren Zeuge man wurde, begannen untrennbar mit dem Auto zusammenzuhangen. Bei Kriegsausbruch sah ich den Kaiser in seinem Mercedes das Schloß Bellevue in Berlin verlassen. Der große Ernst seines Ausdrucks verband sich in mir mit dem dahinstürmenden Wagen zu einem eigentümlichen Eindruck der Geschichte.
Das Auto ist heute soziologisch etwas anderes geworden. Das Kulturempfinden unserer Zeit hat sich verschoben, viele Reize sind dahingeqangen, neue Reize der Verfeinerung in Leistung, Fah^ kunst, Zielsetzung haben sich eingestellt. Vor allem aber hat sich
das Auto in unglaublichster Weise in das gesamte Bild der Nationen, der Städte, ja der Landschaften hinetngedrängt. Wir stehen vor Erscheinungen, welche die frühere Autowelt nicht kannte: Vor ungeheuren Parkplätzen, märchenhaften Garagen, Automobilstraßen, Weltstadtverkehr mit Hunderttausenden von Wagen und Millionen von Pferdekräften.
Oer Sternenbaum.
Roman von Friedrich Schnack.
lFortsetzung.) iNachdruck verboten.)
Erfreut beugte sich Gret über ihre Wäschehaufen, und die Lehrersfrau begab sich eilends in die Küche. Juppi blickte ihr ehrfurchtsvoll nach. Er sah einen weißen Küchenschrank schimmern, Tassen blinken, Töpse, Teller im weißen Tellerrahmen; er gewahrte drei schneeweiße Stühle, die standen um einen schneeweißeq Tisch. Die Augen sprangen ihm beinah aus dem Kopf. Solche Möbel gab es? Möbel wie aus einem Märchen. Die waren wohl für die Sonntage bestimmt.
Die Frau brachte ihm aus einem Teller eine Scheibe Brot, dick bestrichen mit Butter und leuchtend überzogen von einem gelben Aufstrich.
„Ei, ein Honigbrot!" lobte die Hemden-Gret. „Bedank dich nur auch schön."
Verlegen nahm er das Brot.
„Vergelt's Gott."
Das schmeckte. Ein großartiger Genuß, das Honigbrot. Als er es verzehrt hatte, leckte er die Fingerspitzen ab.
Die Traglast war mittlerweile wieder geschnürt, und so konnten sie nun weiterziehen Die Gret hatte das Geld in ihren Geldbeutel getan. Mit vielen Worten verabschiedeten sie sich, und Juppi hielt seine Mütze in der Hand.
Sie gingen noch in manche Häuser, ehe sie wieder zum Ort hinausstrebten.
Siebenelle«.
Sie zogen aus der langen Waldstraße voran. Die Fichten hatten ihre dunklen, undurchdringlichen Hallen ausgebaut, die Sonne hatte nicht Kraft, den Forst zu durchleuchten. Schweigend wuchs das Holz. ,
„Sieben Schneiderellen haben die Straße ausgemessen", sagte die Gret, um anzudeuten, wie lang der Weg nach Sicbenellen sei zur Frau Försterin, der sie fünf Meter Batist und einige Kleinigkeiten zu bringen hatte.
Aber für Juppi war die Straße nicht zu lang; jede war ihm recht, die nicht nach dem Einsamerhof führte. Was lag ihm an müden Beinen. Ucberdies war er nicht ein bißchen müd.
Hier war es schön und still, düsterten auch die Felsen zwischen den Stämmen. Wild übereinandergeworfen belagerten die Blöcke Hang um Hang. Gleich Herden von Granit wucherten sie da, behängt mit langen Moos- und Grasbärten. Wurzelhörner krümmten sich aus ihren Flechtenleibern. Und sie lauschten in ihre uralte Waldstille, als warteten sie lautlos aus ihren steinernen Hirten. Doch den hielt das zuchtlose Heidelbeerkraut in den Schluchten gefangen und überwuchert.
Andere Felsen wiederum, steilwandige Quadern, waren knapp an die Straße hingetürmt; sie waren groß rote Häuser, und ihre granitenen Türen waren für alle Zeiten verschlossen. Auf ihren Moos- und Pflanzendächern buckelten die Eichhörnchen, mit ihren fuchsroten Fahnen spielend.
Wer schlief in diesen Steinburgen? Juppi bevölkerte sie mit toten Holzfällern, Jägern und Fuhrleuten.
Sie kamen nach Rinqolay. Die Häuser standen regellos in der engen Landschaft, vor der die Wälder um ein paar Acker- und Wiesenlänqen zurückwichen.
Gret blieb stehn, um das kleine Dorf zu Überblicken.
„Kein Mensch zu Haus", sagte sie und ging weiter.
Juppi spähte nach den Schwellen. Wo blitzte es silbern von Ringelnattern? Nichts zu sehn. Keine einzige Natter schlief vor den Türen der Bauernhäuser.
„Die Ringelnattern sind bereits tn ihre Winterquartiere gekrochen", erklärte die Gret „Um diese Zeit ist es abends und nachts im Wald schon recht kühl."
Oh sie schliefen vielleicht in den steinernen Hausern rechts und links von der Straße da hinten. Juppi war gar nicht enttäuscht. In seinem Ringolay, das er sich im Innern gegründet hatte, blitzten die Ringelnattern aus den Schwellen.
Um Mittag, als die Sonne senkrecht über der Straße stand und mit einem leichten, grauen Dunstschleier ihr Antlitz sich bedeckte, machten Gret und Juppi Rast.
Gret setzte den Korb ab und beklopfte ihn. „ r
„Oben muß es abnehmen, unten muß es zunehmen", sagte sie und meinte den Ballen auf dem Korb und das Geld in ihrer
^Fuhrwerke, mit Stämmen schwer beladen, krachten vorbei.
„Verkauf uns ein Hochzeitshemd, Gret!" riefen die Fuhrleute ntU^t Schelme!" erwiderte sie. „Ihr seid ja längst verheiratet. Kinderwäsche könnt ihr haben."
Sie lachten und schüttelten die Köpfe. Ihre Peitschen knallten, die Achten stöhnten.
Die Wäschekaufleute aßen. Sie hockten an einem Tisch, der war von Stein. Ihre Stühle waren Fichtenwurzeln. die klobig aus dem Boden auollen Es gab Brot und Ziegenkäse. Den Nachtisch beschloß ein Apfel. Dazu speisten sie die Waldlust und den Geruch der Räume. Er schmeckte ihnen sehr gut.
So alt werden müßte man, wie die Baume im Bayerischen


