Ausgabe 
8.1.1934
 
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Gießener Zamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 195^

Montag, den 8. Januar

Nummer 2

An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang.

Von Eduard Mörike.

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!

Welch' neue Welt bewegest du in mir?

Was tst's, daß ich auf einmal nun in dir Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun, Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen; Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn. Dem Eindruck neuer Wunderkräfte offen. Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft Zuletzt ein Zauberwort vor meine Seele ruft.

Bet Hellen Augen glaub' ich doch zu schwanken, Ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche. Seh' ich hinab in lichte Feenreiche?

Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken Zur Pforte meines Herzens hcrgeladen, Die glänzend sich in diesem Busen baden, Goldfarb'gen Fischlein gleich im Gartentetche?

Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge, Wie um die Krippe jener Wundernacht, Bald weinbekränzter Jugend ßuftgefüuge; Wer hat das friedensselige Gedränge In meine traurigen Wände hergebracht?

Und welch Gefühl entzückter Stärke, Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt! Vom ersten Mark des heut'gen Tags getränkt, Fühl' ich mir Mut zu jedem frommen Werke. Die Seele fliegt, so wett der Himmel reicht, Der Genius jauchzt in mir! Doch sage, Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?

Jst's ein verloren Glück, was mich erweicht? Ist es ein werdendes, was ich im fienen trage? Hinweg, mein Geist! Hier gilt kein Sttllestehn: Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehnl

Dort, sieh, am Horizont lüpft sich der Vorhang schon! Es träumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn,- Die Purpurlippe, die geschlossen lag, Haucht, halb geöffnet, süße Atemzügen

Auf einmal blitzt das Äug', und, wie ein Gott, der Tag Beginnt im Sprung die königlichen Flügel

Winter in einem Städtchen.

Von Norbert Jacques.

Wir standen zum erstenmal auf, und die fremde Stadt war lautlos in weißen Schnee gedeckt. Die Luft stand wie still über dem Städtchen und schloß seine hängenden Gassen, seine kahlen Mulden und Hügelkanten eng und dicht unter dem schweren, nre- beren Himmel ein. Die ersten Schlitten klingelten in den Gassen, als ob°sie in einer großen Stube läuteten.

Am ersten Abend rodelten wir schon zwischen den Mädchen und Burschen die lange Kirchgasse hinab. Vom Kavuzinerkloster aus kroch sie in vielen Windungen in die Stadt. Wo wir oben ansetzten, stand der heilige Bischof Gebhard und hatte einen üpvigen Halspelz aus Schnee. Er deckte weich seine steinernen Schultern ein und reichte noch ein Stück über den Arm. Dort rodelten wir los und hopp! mitten ins Herz des Städtchens ^'"Älle diese Oertchen am Gebirge sind des Nachts mit Fluten von elektrischem Licht ausgestattet, das von fernen Gebirgsfallen hergetragen ivird. Kommt man von draußen aus der Finsternis, so siebt man in die Stadt hinein, wie in einen festlichen erstrahlen­den Saal. Auch die Ktrchgasse schwamm voll Licht, in dem der Schnee in Pünktchen flimmerte. Flog vor dem bremsenden Schub ein Svringbrnnnen von Schnee auf, so sprang auf mnmal ein Feuerbrunnen um einen ... So waren wir vom ersten Abenv an wie daheim in diesem fremden Winterstädtchen, und da» ' doch das wonnesame Ziel des Wanderers, dap er von Fremde zu Fremde geht und überall ein wenig Heimatgefuhl erobert uno zurückläßt.

Am Morgen durchzogen wtr gleich Straße um Straße. Der Schnee überdeckte die Stadt wie ein kühles, weißes Zeltdach. Wtr gingen durch die gleichgültigen neuen Straßen und durch die alten Straßen und durch die alten Gassen, kletterten die Hügel- stcigen zum alten Schloß hinan und streiften zu den Klosterge­bäuden ins Tal hinaus. Sie lagen dort verborgen wie tausend Meilen von Stadt und Mensch entfernt.

Den Rodelschlitten zogen wir immer hinter uns her, und wo eine Gasse bergab ging, da sausten wir los. Am schönsten war es da oben tm Schloßstetg. Das Schloß liegt um die Kante eines Kegels gebaut und drückt einen stillen kleinen Stadtkreis in die Arme seiner angenagten Festungsmauern. Das bescheidene, dicke Kirchlein des Heiligen Martin und ein Torbogen, der ein Haus durchbricht, und einst das Burgtor tn sich schloß. Durch ihn glitten wir hinaus und den Hohlweg hinab und die wett über die Mauer geneigten mächtigen Bäume warfen uns den Schnee wie Blumen ins Gesicht. Eine heimtückische Biegung an einer Laterne mußte mit Kunst eingelettet und genommen werden. Das sah zunächst immer so aus, als wollte man den Laternenpsahl anrennen. Aber dann hui! die Schwenkung. Und gleich darauf der Graben, der die Gasse durchschneidet, und der einen wie ein Sprungbrett davon wirft, bis mir ruhig und flach tief tn die ebene Gasse htneinfliegen. Mitten in eine Bauernhochzeit hinein, die mit vielen Schlitten und Geklingel, mit gewaltigen breitbcsteißten Pferden vor einer Wirtschaft hält. Im ersten Schlitten sitzt die Braut, und alles ist schwarz gekleidet, nur sie hat einen kleinen weißen Schleier, und ihre Backen leuchten wie Aepfel. Die Rosse stampfen tn den Schnee und ihre gewaltigen Köpfe werfen die schweren Kltngelhalfter auf. Die kalte Luft wirbelt vom Getön. Wie ein Lied fliegt es durch die Gassen. Die Frauen haben die spitzen Chtnesenhüte der Gegend auf und ihre Reifröcke bauschen sich in hundert Fältchen. Die Männer in ruppigen Zyltuderhüten scherzen, und die Frauen nehmen die Scherze mit breit lachenden Gesichtern an.

Tagsüber steigen wir bald immer zum Rodeln zur Fluh hin­auf. Man ging anderthalb Stunden bergan zwischen Tannen­wäldern, die schwarz gedrängt die weißen Blumenscharen des Schnees trugen. Dann und wann hörten sie vor einem freien ^ang auf, der von Schiern kreuz und quer durchzeichnet war. Wir sahen unten das Winterstädtchen über seine Hügel und tn seine Tälchen geschmiegt. Es lag da dunkel verworren und weiß ein­gedeckt wie ein geometrisches Exempel: wohlig verwirrt und zu­sammengehalten, wo es aus alter Zeit erhalten geblieben und in freudlose Gradliniqkeit aufgelöst, wo die neuen Stadtteile an­setzten. Der See schnitt auf einmal grad ab, wie eine graue Mauer. Man sah nichts von ihm. Man wußte nur: dort liegt er, dieses endlose Graue ist der See. Im weißen Plan vor der Stadt vereinsamten sich die Klöster. Selbst die Türmlein ihrer Kapellen lugten kaum über die Mauer hinaus.

Wenn wtr bann den Berg überquert und lange nichts mehr vom Städtchen gesehen hatten, und unter uns auf einem Felsen die kleine uralte Kapelle scharf wie eine Burg ins graue Tal vor­sprang, ... setzten wir an. Die Tanneumassive, die im Berg hingen, die Schneehalden von Schiern durchzeichnet, die plötzlichen Bie­gungen flogen! die weiße Straße raste unter uns bergan ... zu­rück ... die Luft rauschte, der Schnee sprang und zirpte und um­wirbelte uns ... der dunkle See ... bas aufgehäufte Winterstädt­chen drunten ... Es war, als wollten wir ihm in die Arme fliegen. Alles eine wunderbar aufgestaute Masse Landschaft, die wie ein Strom sich uns ins Herz schlang ...

Drunten mußten wir den Schlitten ein Stück ziehen, wenn wir heim wollten. Wir kamen daun zum Friedhof hinauf. Er lag wie auf einer Altane über dem Städtchen ... ein weißer Schnee­garten mit den traurigen Blumen der alten überdachten Holz­kreuze. Dort saben wtr täglich eine alte, verhutzelte und einqe- lullte Frau. Und eines Tages, als wir, von der Fluh heim- kebrend. am Frieöbof verweilten, kam sie den schmalen ausge­kehrten Weg zwischen den Gräbern heran und sagte: Grüß Gott! Dabei lachte sie mit einem hohen Glucksen und klapperte lustig mit einem Augendeckel. Ihr Mund schloff sich nicht mehr, und wenn einmal keine Worte kamen, so stieß sie ihre hohen Lach­gluckser dazwischen, um von der kostbaren Zeit nur nichts lautlos verstreichen zu lassen. t

Sie ging mit uns bis zum Heiligen Gebhard, wo die Kirch gasse anfing zu fallen Vom vielen Schlitteln war die Gasse ganz alatt geworden und die Leute strauchelten schimpfend an wreu Rändern binab. Wir wollten uns aufsetzen und sagten: Auf Wie- berieben! Aber die Alte kräbte: So nehmt mich doch mit! Wir lachten. Nun ja. meckerte sie, so eine Gaffe ist nichts für eine Alte ... gluckerte und klapperte mit dem linken Auge.