„Etwas schwül, ich mutz es sagen, Wurde mir dabei zumute, Doch ich zwang mein stürmisch Pulsen, Dachte an die Ordensritter, Jene Schirmer und Beschützer."
Aber bitte, nicht im Buche weiter nachlesen, denn vom folgenden Verse an stimmt's nicht mehr — Diensteid!
SInberen Morgens um sechs hat's derb an meine Stubentür gepocht, die Wirtin war schon auf, und bald sahen die Studiosa und ich höcch. vergnügt bei einem prachtvoll ländlichen Frühstück.
Beim Abschied sagte die Wirtin:
„Das muh ich euch aber doch sog', das is 's erst Mal in dreißig Jahr', das mir so epp's oorkomme is. Ich hab' die ganze Nacht wach- galeg' un' obacht gebb', ob ihr net doch noch zusammenruckt. Aber mx ist passiert." Mit einiger Entrüstung: „Dees Hann ich eich zwaa nitt zugetraut, wie ihr heut nacht mitsamme daher seid komm' ..."
Ihr seht, lieber Leser und liebe Leserin, diese Geschichte hat keine Pointe.
Ihr habt es doch hoffentlich auch nicht anders erwartet?
An pcreqrina.
Von Eduard Mörike.
Die Liebe, sagt man, steht am Pfahl gebunden, Geht endlich arm, zerrüttet, unbeschuht;
Dies edle Haupt hat nicht mehr, wo es ruht, Mit Tränen netzet sie der Füße Wunden.
Ach, Peregrinen hab' ich so gesunden!
Schön war ihr Wahnsinn, ihrer Wange Glut, Noch scherzend in der Frühlingsstürme Wut Und wilde Kränze in das Haar gewunden.
War's möglich, solche Schönheit zu verlassen? — So kehrt nur reizender das alte Glück!
O komm, in diese Arinc dich zu fassen!
Doch weh! o weh! was soll mir dieser Blick? Sie küßt mich zwischen Lieben noch und Hassen, Sie kehrt sich ab und kehrt mir nie zurück.
Mörikes peregrina.
Zum 130. Geburtslage des Dichters am 8. September.
Von Ernst v. Niebelschütz.
Wie eine Botin aus einer fernen, fernen Welt steht sie in Mörikes Leben, Peregrina, die Pilgerin. In Wirklichkeit hatte sie freilich einen viel weniger romantischen Namen: Meyer hieß sie, Anna Maria Meyer. Ueber ihren äußeren Lebensgang wissen wir nicht Diel, aber doch genug, um verstehen zu können, warum die schwäbische Tugendhaftigkeit sich in diese seltsame Liebesleidenschaft des angehenden Herrn Pfarrers zu einer Landstreicherin fo gar nicht zu schicken vermochte und alles daransetzte, ein Verhältnis zu lösen, von dem sie ahnte, daß dunkle Mächte ihre Hand im Spiele hatten.
Es war ein nicht wieder gutzumachender Irrtum der Vorsehung, als Anna Maria Meyer in einem Dorfe bei Schaffhausen im Jahre 1802 in ein Jahrhundert hineingeboren wurde, das für romantische Extravaganzen kein Verständnis mehr besaß. In srüheren Zeiten wäre vielleicht etwas aus ihr geworden, jetzt mußte ihr alles zum Verhängnis werden: die uneheliche Geburt, der eingeborene Wandertrieb, eine übereizte, zum Spiritismus neigende Religiosität, eine heftige, alles auf die Spitze treibende Gemütsart — lauter Eigenschaften, die sich nur in außergewöhnlichen Verhältnissen zum Guten auswirken können, in einem bürgerlichen Zeitalter aber unter dem Sammelbegriff des „Normalen" nicht unterzubringen find. Aus der Kinderbewahranstalt entlassen, treibt sie sich unstet aus den Straßen umher; kurze Dienststellungen unterbrechen dieses Bagabundenleben, dis sie mit 16 Jahren „wegen physischer und moralischer Verdorbenheit" in ein Arbeitshaus ausgenommen wird. Ihr ungeregeltes Gemütsleben findet neue Nahrung in dem okkultistischen Kreise der berüchtigten Frau v. Krüdener, in dem sie als Medium zu allerhand dunklen Experimenten mißbraucht wird. Nicht lange, und die Sekte wird von der Polizei ausgelöst. Wieder greift Peregrina zum Wanderstabe. Halbverhungert wird sie in der Nähe von Ludwigsburg von einem Freunde Eduard Mörikes auf- gelesen und in dessen Hause als Dienstmädchen beschäftigt. Sie ist jetzt 21 Jahre alt und von jener dämonischen, durch harte Schicksale gereiften Schönheit, die wohl nicht dem Durchschnittsgeschmack zusagt, aber das Ungewöhnliche unwiderstehlich in ihren Bann zieht.
Hier in Ludwigsburg lernt der 19jährige Mörike seine Peregrina kennen, der fromme Zögling des Tübinger Predigerseminars die „physisch und moralisch Verkommene", der künftige Pastor das zigeunernde Mädchen ohne Eltern und Heimat Und nun geschieht das nach dem bürgerlichen Sittenbegriff Unmögliche, das nach den unerforschbaren Gesetzen der Liebe immer Wiederkehrende: zwei Lebensschicksale gehen für kurze Zeit in eines zusammen.
Für kurze Zeit! Denn die „Welt" und ihre Konventionen waren stärker als dieser Liebeszauber, die Stimme der Vernunft lauter als die des Herzens. Zeit feines Lebens mehr geneigt, sich von den Ver-
hältnissen treiben zu lassen, als sie mit fester Hand zu meistern, schnell erschöpft in dem aufreibenden Kampfe mit wohlmeinenden Freunden und Verwandten, hat Mörike auch gegen Peregrina die Tugend der Entsagung geübt und sich in das Unvermeidliche einer raschen Trennung ergeben. Aber wie tief dieses Jugenderlebnis und wie schmerz- lich-füh der Abschied gewesen sein muh, das bezeugen die herrlichen Peregrina-Strophen im „Maler Nölten":
Und mit weinendem Blick, doch grausam, hieß ich das schlanke, zauberhafte Mädchen ferne gehen von mir.
Ach, ihre hohe Stirn war gesenkt, denn sie liebte mich; Aber sie zog mit Schweigen fort in die graue
Welt hinaus.
Wir haben nicht das Recht, über die Einzelheiten einer Dichter- liebe mehr erfahren zu wollen, als uns der Dichter selber zu enthüllen für gut hält. Aber fragen dürfen wir, welche geheimnisvoll verborgene Mach! es gewesen fein mag, die in fo ungleichen Menschen eine so flammende Leidenschaft aufkeimen ließ. Das Rätsel löst sich, wenn mir tiefer in Mörikes Leben hineinblicken und versuchen, die letzten Antriebe dieser seltsam zwiespältigen Natur zu ergründen. Frühzeitig und wider fein besseres Wissen in das theologische Studium hinemgedrangt und später im geistlichen Amt niemals Befriedigung findend, ist Monk alles andere als ein guter Pfarrer nach dein Herzen feiner Tübinger Lehrer gewesen. Es war geradezu die Tragik seines Lebens, in einem Berufe wirken zu müssen, zu dem er sich nicht berufen fühlte. In eine? ihm wesensfremde Welt hineingewarfen, sucht er bei Göttern, (Elfen und Feen feine wahre Heimat, findet er vermöge der „edlen Kraft der Rückerinnerung" in Orplid, dem sagenhaften Eiland fern van der Prass des Alltags, das Königreich seiner Seele. Dort ist er zu Hause, nicht in dem klaren, kalten Tageslicht des wissenschaftlichen Jahrhunderts, bas« die Götter verlassen haben, und in dem sich der Dichter, der Götterfreund, wie ein Fremdling ausnimmt.
Von hier aus wird es verständlich, daß Mörike in Peregrina, der Landstreicherin von Ludwigsburg, so etwas wie eine Abgesandte seiner eigenen Urheimat sah. Was die nüchternen Kinder der Welt an diesem Mädchen aus der Fremde „hysterisch" und „ekstatisch" schalten, für ihn, den Sänger aus Orplid, war es die Bürgschaft einer edleren Herkunft. War ihr beider Schicksal, mißverstanden zu werden, heimatlos zu fein, nicht das gleiche? Ist nicht auch der wahre Poet der ewige „Wanderer zwischen zwei Welten", und geschieht es nicht zuweilen im Leben, daß durch das Dazwischentreten eines Menschen der Vorhang, der uns von der „anderen" Welt trennt, plötzlich fällt und das Geheimnis offenbar wird? Ganz fo schildert Mörike im „Maler Nölten" feine Begegnung mit der Zigeunerin Elisabeth, hinter der sich natürlich keine andere als Peregrina verbirgt: „Es war, als erleuchtete ein zauberhaftes Licht die hintersten Schatten feiner inneren Welt, als bräche der unterirdische Strom seines Daseins plötzlich laut rauschend zu feinen Füßen hervor aus der Tiefe, als wäre das Siegel vom Evangelium feines Schicksals gesprungen."
Dieses Springen des Spiegels hat für Mörike die Peregrina-Begeg- nung zum Peregrina-Erlebnis gemacht. Gewiß sah er mehr in ihr, als sie war; cs ist das göttliche Vorrecht der Liebenden. Sicher hätte das Verhältnis bei längerer Dauer Irrungen und Wirrungen über ibn gebracht, und so war es wohl gut, daß dieser schöne, aber beunruhigende Traum so rasch verflog. Durch Peregrina ist Mörike der Blick in die dunklen und geheimnisvollen Hintergründe des Daseins geöffnet worden. Sein Dank war üderfchwenglich: er hat der unbetonntee Vagantln im Liede das ewige Leben geschenkt.
Oie Ahnen Friedrichs des Großen.
Von Professor Dr. Erich Brandenburg.
Eine aufschlußreiche Untersuchung des bekannten Leipziger Historikers Brandenburg über die Ahnen Friedrichs des Großen ist in den von der Zentralstelle für Deutsch» Personen- und Familiengeschichte herausgegebenen „Ahnentafeln berühmter Deutscher" erschienen. Professor Brandenburg schreibt darin u. a.:
„Die Zeit, wo man Ahnentaseln fabrizierte, um sich die Gunst hoch' gestellter Persönlichkeiten zu erwerben, ist längst vorüber. Wenn wir heule die Vorfahren eines Menschen festzustellen suchen, so geschieh! es aus der Erkenntnis heraus, daß zum Verständnis einer Persönlichkeit die Erforschung des Milieus, in dem er lebte, niemals den Schlüssel bieten kann. Denn das, was dem Menschen seine Eigentümlichkeit verleiht und ihn zu Leistungen befähigt, die den Durchschnitt überragen ist ja gerade jenes schwer faßbare Etwas, das ihn von feinen Zeitgenossen unterscheidet und über das Milieu emporhebt.
Niemand wird so tollkühn sein, zu glauben, daß er dies Geheimnis der Persönlichkeit durch die Erforschung der Blutzusammensetzung DÖllig entschleiern könne. Es wird stets nur dem verstehenden und künstlenstz nachschaffenden Geiste soweit faßbar fein, wie es überhaupt möglich Üi: Aber vielleicht läßt sich doch der verstandesmäßig unfaßbare Rest des persönlichen Daseins um ein paar Grade weiter verkleinern, wenn man die genealogischen Faktoren berücksichtigt. Denn alle Eigenschaften, oie ein Mensch besitzt und die er nicht etwa durch Erziehung und Erfahrung


