Ausgabe 
7.5.1934
 
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firtfen. Denn, waS immer für den einzelnen oder für die Gesamt­heit der Stadt geschah, es wurde, seit er in öffentlichen Diensten stand, von derselben Herzensforderung bestimmt: Gerechtigkeit! Gerechtigkeit gegen die ilnterdrückten, die Armen, die Bedrohten. Aber Gerechtigkeit auch gegen die Angesehenen, die Vornehmen, die Wohlhabenden.

So duldete Gust bei den Dingen, die seiner Aufsicht und Ver­waltung unterstanden, keinerlei Uebergriffe, nicht von oben nach unten, aber auch nicht von unten nach oben.

Seine Vergangenheit stand ihm zu nah, als daß sein Innerstes nicht den Bewohnern der Hinterstratzen hätte gehören müssen. Aber er hatte sein Mannestüm auf der Hohen Straße ausgelebt, zählte zu den Angesehensten, zu den Reichsten der Stadt. Wie also hätte der Siebte des Pantoffelmachers Schorsch Micheelsen sich mit irgendwelchem städtischen Tun gegen seinesgleichen kehren sollen?

Schwankte Gust dennoch einmal, wohin der Weg genommen werden mußte, so sah er auf das große Ziel, um dessentwillen alles geschah: Deutschlands Sieg!

Deutschland! damit stand Gust auf. Deutschland! damit legte Gust sich schlafen.

Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat brachte Gust seinem Rikelchen Siege nach Hause.

Im Westen, im Osten, im Süden, sogar im Norden auf dem Meer hatte immer wieder Deutschland gesiegt.

Während des Laufes der Kriegsjahre wurden die Stunden der Freudenbrandung über Deutschlands Siege in Gusts Herzen zwar seltener. Freudestill aber war es beim Blick auf Deutsch­lands Bewährung der feindlichen Welt gegenüber nicht einen Tag; so wenig die See, die auch nicht ununterbrochen hoch in Wogen geht, jemals aufhört, über den Strand zu wellen.

Kam Gust mit einem neuen Sieg zu Rikelchen, so freute auch sie sich. Freilich immer häufiger, immer sichtlicher galt ihre Freude nicht eigentlich dem Sieg, sondern der Freude Gusts. Aber je öfter Rikelcheu sich auf seinen Wunsch hin freuen, mitfreuen mußte, desto stiller, desto gedämpfter kamen die Freudensworte aus ihrem Mund.

Eines Tages stellte Gust seine Frau deswegen zur Rede.

Warum sie sich nicht mit ihm über Deutschlands Siege freue? bedrängte der von Jahr zu Jahr Lautergewordene die nun ganz der Stille verfallene Lebensgefährtin.

Doch, sie freue sich, gab Rikelchen leise zur Antwort.

Nicht so wie er!

Vielleicht nicht ganz so laut. Aber sie sei ja eine Frau. Und Frauenfreude sehe immer anders aus als Männerfreude.

Laut weniger laut, da liege der Unterschied ihres Freuens über Deutschlands Siege nicht. Sondern hier: sie freue sich nicht so sehr, nicht so tief, nicht so im Inwendigsten wie er.

Das wöge wohl stimmen.

Warum? wollte Gust wissen. Warum nur?

Ob der Grund wirklich schwer zu erkennen sei? fragte Nikel- chen zurück.

Er habe ihn nicht finden können, obwohl er Tag und Nacht darüber nachgedacht hätse.

Sie müsse ihn, so schwer es ihr auch werde, wirklich mit Wor­ten sagen, den Hinderungsgrund für ihre reine Freude?

Natürlich!

Obgleich er ganz nahe liege?

Nicht länger sperren! Da er den Grund, weswegen sie sich nicht von ganzem Herzen und von ganzer Seele mit ihm über Deutschlands Siege freue, trotz allen Nachdenkens nicht finden könne, so müsse sie ihn allerdings endlich aussprechen!

Einfach: Jupp ist im Feld!" gestand Rikelchen ihrem Mann als Freudenhemmung zu.

Jupp werde draußen nichts gescheh«, versicherte Gust volltönen­den Mundes mit vorgeworfener Brust.

Macht unser Jupp sich draußen etwa nicht hervorragend?" Das schon. Gust, aber--"

Kein Aber! Zum E. K. II bat er vor acht Tagen nun auch noch das E. K. I erhalten. Als Vizefeldwebel! Wahrscheinlich er­langt Jnvp im Felde die Charge, zu der er es im Frieden der Teufel mag wissen warum bei seinen Reserveübungen nicht gebracht hat: Offizier des deutschen Heeres!"

Nein, nein!" schrie Rikelchen auf.

Warum in aller Welt nicht?"

Weil dann die Gefahr für ihn noch größer ist als bisher." Unsinn."

Kannst du nicht verhindern, daß Jnvp Offizier wird? Du bringst ja. feit du auf dem Ratbaus die Stadt regierst, so vieles zustande. Warnm nicht auch das?"

Gust alitt über die Torheit Rikelchens mit den allgemeinen Worten weg.

Mein Junge, mein einziges Kind!"

Halt deinen Mund! Oder ich verlasse das Zimmer. Läste­rungen Deutschlands werde ich künftig nicht ein einziges Mal mehr von dir anbören! Hast du verstanden?"

Aber btt hast doch vor wenigen Augenblicken noch gesagt, Gust: Ich mite auf mich selber blicken!"

Da fief'-n. wie Hammerfchläae. jene Worte, mit denen während der Krieasjabre die imme*- häufiger, immer heftiger werdenden Auseiua"d"'-tpkitngen der Ehegatien zu enden pflegten:Du ver­steht m1* ufcht!"

Und di" Antwort Rikelchens lautete still, wehmütia. schmerz­haft wie jedesmal, wenn wan bis zu diesem Punkt gelangt war:bas wag wobl fein. Gust."

Auch diesrmrl erwies sich die Hoffnung Rikelchens, daß ihre demütigen Worte an das Herz des geliebten Mannes rühren würden, als vergeblich.

Gust verließ türeknallend die Wohnung und ging dahin, wo man sich mit ihm lärmend über Siege freute, wo mau das Wohl des Vaterlandes über das persönliche Schicksal stellte: ins Wirts­haus.

Rikelchen sank auf einen Stuhl am Fenster nieder und meinte.

Noch als sie kurz vor Mitternacht Gust schweren Schrittes die Ackerstraße entlang kommen hörte, saß die bangende Mutter, leise vor sich hinweinend, im Dunkeln auf dem Stuhl am Fenster.

Wie ein ertapptes Schulmädchen sprang Rikelcheu hoch, lief in die Schlafstube, zog sich ohne Licht zu machen hastig und schlüpfte ins Bett.

Schläfst du?" fragte Gust, nachdem er auf den Fußspitzen die Schwelle überschritten hatte.

Rikelchen gab keine Antwort. Ihr Atem ging langsam und leise, als ob sie schon stundenlang schlafend im Bett gelegen hätte.

XI.

Zu Beginn des dritten Kriegsjahres wurde der Vizefeldwebel Josef Micheelsen an der Westfront Leutnant.

Gust fand die Nachricht eines Morgens auf seinem Büro im Nathans vor. Dorthin hatte er sich schon seit längerm, um Rikel­chen vor Briefüberfällen von der Front her zu schützen, auch seine Privatpost bringen lassen.

Einige Minuten später lief Gust vom Rathaus in die Acker­straße.

Jawohl: Gust lief. Ohne daß sein Atem ausging! Denn der Krieg hatte ihm durch das Umherhetzen von früh bis spät, durch die Schmälerung der Friedensnahrung fünfzig Pfund Fett fort­genommen.

Jupp ist Leutnant geworden!" schrie Gust schon auf der Treppe und schwenkte den Feldpostbrief wie eine Siegestrophäe.

Was ist mit Gust?" stürzte Rikelcheu dem «ach oben Stür­menden bis zu der Wohnzimmertür entgegen.

Nichts ist mit Jupp. Gut ist es mit Jupp. Offizier ist Jupp! Endlich Offizier!"

Dann seh ich ihn nicht wieder."

Rikelchen sank mit totenblassem Antlitz auf den Stuhl neben der Tür.

Unsinn!" schalt Gust.

Inwiefern?"

Unsinn. Alles Unsinn, was du zusammenredest. Deine Nerven lassen dich im Stich. Du bist krank. Nicht körperlich, sondern seelisch. Kein Wunder bei deiner Sorge Tag und Nacht."

Gust sab feine Fran an und erschrak. Nicht der winzigste Schim­mer von Röte dnrchfchien die Haut ihres eingefallenen Gesichts, dessen Backen ehemals geleuchtet hatten, als könne jeden Augen­blick das Blut herausfvringen.

Komm!" bat der Erschreckte.Leg dich hin. Aufs Sofa dort. Komm! Ruh dich ans!"

Rikelchen nickte, der Versuch aufzustehen mißlang freilich.

Gust schob seinen Arm unter den ihren, hob sie von dem Stuhl neben der Tür in die Höhe und geleitete sie wie eine Kranke durch das Zimmer.

Warum habe ich nur den einen?" klagte Rikelcheu.

Ganz langsam gehn!" mahnte Gust.Ich stütz dich. Siehst du wohl?" Hättest 6u zehn Zungen wie meine Mutter, wäre deine Sorae zehnmal so schwer."

Müßte ich dann einen hergeben, blieben mir zum Trost noch neun."

Da wären wir also, ^lieben noch neun? So sündhaft darf man nicht einmal denken. Wieviel weniaer reden! Hinleaen! Lanq- fnm... Wozu bin ich denn da. wenn nicht zum Helfen? Nun also! Schön, baß du die Beine nicht mehr auf der Erde hast?"

Wenn ich aber den einen bergeben muß..."

Die Füße ansstrecken... Noch weiter... So... Du brauchst nicht, wie ich, mit hochgezogenen Knien zu liegen. Für dich ist das Sofa lang genug."

Wenn ich aber den einen heraabeu muß, den einen, der mir auch bald noch halb gegen deinen Willen geschenkt ist..."

Liegt eigentlich dein Kopf hoch genug? Nein! Zu niedrig. Aber wie abhelfen? Ein Kissen, außer dem kleinen, das du unter dem Kops hast, ist nicht mehr da. In die Kammer lauf ich nicht. 5lch nehm die Tischdecke. Sie wird nachher beim Liegen von selber wieder glatt. Und wenn nicht, dann fährst du einmal mit dem Bügeleisen darüber, und schon ist der Schade gebessert."

Wenn Jupp fällt, wenn ich den einen, welchen ich habe, nicht wiedersehe. dann..."

Nun liegst du aber gut: ganz ansgeftreckt ... den Kopf so hoch, wie du es nun mal am liebsten magst... Jetzt könntest du zu schlafen anfanaen. Oder fall ich dich zndecken? Das ist bei dieser Augnsthitze doch wohl nicht nötig?"

Wenn ich Jupv nicht wiedersehe, dann will auch ich..."

Still fein... Die Angen zumgchen... Fester... Viel fester... Tiefer atmen... Noch tiefer... Schlafen... Still fein ... ganz still ... Nicht bloß mit dem Mund... Auch inwendig in dir... So ... fo .. "

Und Rikelcheu wurde still. Schlief unter dem Streicheln Gusts am hellen Taae ein.

Nach Stunden erst erwachte die Erfchöpfte.

l^ortfetzung folgt.»

Derav wörtlich: Dr. Hans THyriot. Druck und Verlag: Vrühl'sche Universiläls-Vuch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.