Denn sie hat den Blick getrübt für dle gewaltigen Leistungen des Germanentums. Sie neigt dazu, das Germanische mit dem ungerechten und unberechtigten Matzstab der Antike zu meßen, das heißt der Kultur, die gerade Germanen überwunden haben. Sie ist wiederholt das Hindernis gewesen, dah die Germanen sich frei von innen heraus, ungestört, eigengesetzlich und ihrer Volksart entsprechend, voll entwickeln konnten. Sie entfremdet dem eigenen Volkstum und macht ihm gegenüber voreingenommen und ungerecht. Diese Ueberschätzung der Antike ist dazu selbst so unantik wie nur denkbar, denn die Grundeinstellung des griechischen und römischen Volkes war ausgeprägtes Nationalgefühl und eine oft unberechtigte Geringschätzung anderer Kulturen und Völker, ähnlich dem französischen Chauvinismus. Der Athener und Römer würde des nordischen „Barbaren" spotten, der seine eigene Kultur und Geschichte gering schätzt und Grieche werden will, was er seiner Stammesart nach niemals werden kann. Gewiß haben die antiken Völker die größten Werte geschaffen und die germanische Kultur dauernd beeinflußt,- aber diese Werte sind zeitgebunden, und man soll von den Griechen und Römern gerade lernen, wie man fremde Anregungen artgemäß umbildet, nicht aber in ihnen ewige, bleibende, stets gültige, also auch für die Gegenwart verbindliche Vorbilder und Maßstäbe sehen und sie nachäffen,- denn das ist lebenswidrige Unnatur, das ist knechtische Barbarei! Es gibt noch andere Gesichtspunkte zu gerechter Würdigung eines Volkes als den ästhetischen, und auch auf dem Gebiet der Kunst haben Germanen Werke geschaffen, die den antiken mindestens gleichstehen, ja sie haben eine Kunst gepflegt, in der die antiken Völker es nie über die bescheidensten Anfänge gebracht haben: die Musik!
Mensch-
Mottke.
Von Moellervanden Bruck.
Es kann hier nicht vom Taktischen, sondern nur vom lichcn gesprochen werden. Doch müßte es seltsam sein, wenn nicht das, was Moltke als Feldherr bedeutet hat, nur ein anderer Ausdruck dessen sein sollte, was er als Mensch war — und umgekehrt. Das Genie ist immer Genie in allem, was es tut, und vor allem darin, daß es alles ganz tut. Undenkbar ist es, daß diese Ganzheit eines genialen Mannes nicht auch in seinem schlichten Sein liegen, in jeder einfachen Aeutzerung durchbrechen sollte. Hinzukommt, daß auch Strategie, wie alles Menschliche, im letzten Grunde kein Verwickeltes, sondern ein sehr Einfaches ist. Napoleon war ein rein elementarisches Genie gewesen, der mit seinem Daimonion siegte, Moltke dagegen war das vollendete kritische Genie. Er war es nicht im Sinne des „gelehrten Offiziers , den man ihm mgnchmal anhängen möchte. Er war es im Gegenteil als ein freier, selbstherrlicher Mensch, der nur das eine nie unterließ, daß er alles, was er tat, aus Gründen tat. Weit ab von sich wies er deshalb alles Schachspielertum. Daß Kricgführen „keine Wiffenschaft, sondern eine Kunst" sei, erklärte er ausdrücklich. „Nur der Laie," meinte er, „glaubt in dem Verlaufe eine» Feldzuges die vorausgeregelte Durchführung eines in allen Einzelheiten festgestellten und bis an das Ende eingehaltenen ursprünglichen Planes zu erblicken." Doch wahrgcmacht wollte er allezeit sein anderes Wort haben: Die Strategie ist die Anwendung des gesunden Menschenverstandes auf die Kriegführung.
Mit Moltke griff jene große Bewegung der Geister, die überall und auf allen Gebieten mit dem Akademischen brach, und die Dinge entschlossen wieder aus die Natur stellte, die uns ,n der Aesthetik Lessing, in der Philosophie Kant brachte, und die mit der gewaltigen Real- und Nationalpolitik Bismarcks die verlogene Kabinettspolitik der Zeit des Absolutismus au§ den Antichambren fegte — mit Moltke griff sie auch auf die Taktik und Strategie über. Im Sinne dieser Entwicklung war dann auch Moltke ein echter Denker. Denken heißt schließlich: die schwierigsten Verwicklungen mit Bewußtsein auf ihre einfachen Grundformen zurückzuführen. Genau das ist es, was Moltke meisterhaft verstanden und wonach er ebenso meisterhaft gehandelt hat.
Wenn man seine mächtigen Taten, die drei großen Umfaßungs- schlachtcn Königgrätz, Gravelotte nnd Sedan überdenkt, so ist man zunächst erstaunt über die unerhörte Kühnheit, mit der er vor- ging und mit dem Zusammenwirken gewagtester Annahmen rechnete. Aber ebenso erstaunt ist man dann, zu erkennen, daß alles, womit er rechnete, und was er tat, doch nur genau das Notwendige war und in dem ganzen vielvcrästelten Gesamtplan nur ein paar allereinfachste, aber dafür allerdings auch um so ehernere Grundvoraussetzungen ausrollten. Womit Moltke wirkte, das war im Grunde nur das kantische Spiel von Freiheit und Notwendigkeit. lind er erhebt das Denken und die Menschheit zugleich, wenn Moltke grundsätzlich einen Gegner annimmt, der auf einer besonderen des Sandelns steht: Man hat im Kriege vielfach nur mit Wahrscheinlichkeiten zu rechnen, und das Wahrscheinlichste ist meist, daß der Gegner die richtigste Maßregel ergreift.
Nur eine so ungemein geistige Durchbildung, die sich bei allem zeigte, was Moltke zu überdenken hatte, machte es ihm dann auch möglich, all die neuen Errungenschaften wie Eisenbahn und Telegraph einzubeziehen und anzuwenden.
Das praktische Ergebnis solchen Denkens erlebte die Welt bann beim Aufmarsch der preußischen Armee im österreichischen und im französischen Feldzug. Und nicht zum mindesten auf Moltke ist seit der Zeit der Ruf zurückzuftthren, den das Preußentum ,n der Welt hat: daß es jede neue Strecke Entwickelung in der schnellsten und sachlichsten Weise zurückzulegen pflegt l^ese Modernität war auch Moltkes Modernität. Er wurde durch sie der erste Stratege schlechtweg, derjenige, dessen Beispiel Qeltyi wird, so
lange die moderne Kultur unter den modernen Zivilisationsformen steht, die zu seiner Zeit zum ersten Male fertig ausgebildet waren und die er zum ersten Male kriegstechnisch voll benutzt hat. ,
Wir sind das persönlichste Volk der Welt. Der Zusammenschluß all unseres Persönlichseins wird dereinst die Gewaltigkeit der Zukunftskultur ausmachen, die als Ziel und Möglichkeit vor uns liegt. Aber um dahin zu gelangen, dazu tut uns nichts mehr not als das eine: unterwegs zusammengefaßt zu werden von einer ordnenden Macht. Ohne sie würde im seelischen Leben alle Freiheit ewig nur Willkür werden, während sie Selbstbeherrschung sein soll.
Wir erkennen, daß es denn doch wohl im Erziehungsplane desselben Volkes, das Kant hervorbrachte, liegen muß: die Maße in der rohen Form des Soldaten ständig zu Kantnaturen zu erziehen. Kant kann nicht jeder von uns werden. Kantisch denken lernen können noch nicht einmal alle Denker. Aber kantisch handeln, das kann jeder von uns, der das rechte Gefühl unseres Volkes hat. Und vielleicht ist es der höchste erzieherische Wert Moltkes, noch über sein Grab hinaus, daß er jenes Hanüeln- können in seiner beinahe überpersönlichen, ganz und gar durchgeistigten Feldherrngestalt wie ein lebendes Symbol für alle Zukunft vor uns hingestellt hat — für das Militärische hinaus.
Krieg ist noch immer der Ausdruck für den Kampf ums Dasein gewesen. Wäre das kriegerische Element nicht in der Menschheit gewesen, so hätte es überhaupt keine Geschichte der Menschheit gegeben. Nur das kann unsere Entwicklung sein, daß wir unsere Kriege mit Menschlichkeit führen, und vor allem, daß wir sie nur aus sittlichen Gründen führen.
Was hat die Menschheit bis heute anderes getan als gekämpftl Wovon handelt alle Kunst, alle Dichtung? Was ist unsere ganze Kultur anderes als ein Ausdruck unserer Siege und um diese Siege will man die Menschheit der Zukunft betrügen?
Sehr bald vielleicht werden es die Kämpfe von ganzen Raßen und Erdteilen sein. Auch in ihnen wird sich wieder nur entscheiden, wer der wertvollste Mensch ist. Aus der Vergangenheit wissen wir, daß es wieder nur der geistigste Mensch sein kann, daß auch im Kampf der Geist entscheidet, und daß jede Weltherrschaft und Weltkultur der Zukunft nur die Verwirklichung der Weltanschauung der Zukunft sein wird.
(Aus dem „Ewigen Reich" Band 2, herausgegeben von Hans S ch w a r z bei Wilh. Gottl. Korn in Breslau.)
Mit dem Krieg begann auch für Gust die große Zeck.
Nur noch dem Schein nach regierte seit dem August 1914 der Bürgermeister die Stadt. Tatsächlich lag alle Macht in den Händen des zum Stadtsprecher aufgestiegenen Pantoffelmachersohnes.
Bei Erklärung des Allgemeinen Kriegszustandes gründete Gust unverzüglich eine Bürgerwehr.
Sobald dann Mobilmachung befohlen war, wurden das Weidetor und das Wiesentor der Stadt mit Stricken gesperrt. Tag und Nacht mußten zehn Angehörige der Bürgerwehr die beiden Tore bewachen. Gust stellte durch häufige Inspektion fest, ob sie ihre Schuldigkeit taten. Sogar des Nachts tauchte er einige Male unvermutet aus dem Dunkel auf.
Jedes eintreffende auswärtige Gefährt wurde vor den Toren der Stadt angehalten, nach dem Woher und dem Wohin, dem Zweck der Fahrt gefragt, auf Waffen und Munition untersucht. Auch verdächtige Fußgänger mußten sich ein umständliches Verhör gefallen lassen. Als einwandfreister, am schnellsten für ausreichend erklärter Nachweis der Unverdächtigkeit galt: daß der Angehaltene Plattdeutsch konnte. Erst wenn mindestens drei Stadtwächter zustimmend mit dem Kopf genickt hatten, dursten die Stricke entfernt und das Tor zur Durchfahrt freigegeben werden.
Am zweiten Kriegstag schüttelten vor dem Weidetor alle fünf Bürqerwehrangehörige so einmütig den Kopf, daß dem zum Stehenbleiben gezwungenen Auto die Weiterfahrt verweigert "'"Man schickte zu Gust, er sollte entscheiden, ob die Stricke fortgenommen werden durften, oder ob man endlich auch — wie viele andere Städte — einen „Spion" gefangen hatte.
Der Besitzer des Autos, ein Badenser, der in einem der mecklenburgischen Ostseebäder zur Kur gewesen war und wegen Unzuverlässigkeit der Eisenbahn schnellstens mit einem frisch gekauften Wagen heimkehrcn wollte, gab bereitwillig auf alle Fragen Gusts Antwort. Aber er hatte keine ausreichenden Papiere Bet sich, konnte nicht Plattdeutsch und sprach obendrein das Hochdeutsch mit unverkennbar ausländischer Betonung.
Von früh bis spät kam Gust nicht einen Augenblick zur Ruhe.
Seinen Mittagsschlaf, seinen Nachmittagsspaziergang mußte er dem Wohl des Vaterlandes opfern. Zum Abendskat sand sich nur noch des Sonntags Zeit. Während der Woche hatte er innner- sort Besprechungen, Verhandlungen, Beratungen, Sitzungen. Keine Kommission zur Durchführung der öffentlichen Angelegenheiten I wurde gewählt, welcher Gust nicht als Mitglied angehorte. In ; den meisten war er Vorsitzender.
Bei allem aber, was Gust sagte und tat, plante und ausfuhrte, 1 vorschlug und durchsetzte, stand auf dem Wegweiser seines Lebens das Wort: Gerechtigkeit! Seine Herkunft und sein Aufstieg rvirk- i ten zusammen, um ihn mit einem allumsaßenden Gefühl auszu-
Oie Gchusterkugel.
Roman von Hans Franck.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)


