Ausgabe 
7.5.1934
 
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der Mitte flammte es wie Rubin. Das war der Fasan, der Fasan von heute morgen!

Hinrich lachte häßlich auf, aber Johanna verschloß ihm mit der Hand den Mund.Nicht böse sein", sagte sie hastig,ich hatte ihn versteckt, sei gut..."

Nein, Hinrich wollte nicht böse sein, er biß sich aus die Lippen, er würgte seinen Zorn herunter, Johanna rührte ihn, so blaß, wie sie dastand. Es kam auf den Fasan nicht an, nur wenn der Herr erfuhr... Ja, du lieber Gott, es war Unterschlagung, nichts anderes.Der Fasan muß fort, sogleich, mutz geschlachtet..."

Nicht schlachten!" stietz Johanna heraus, und dann erzählte sie hastig: sie war beim Herrn gewesen. Jetzt eben kam sie vom Guts­hof gelaufen. Erst hatte sie lange in der Küche warten müssen, und dann war der Herr gekommen. Ein wenig zum Fürchten sah er aus mit dem weißen Mundtuch um das bärtige Gesicht.

Der Fasan," fragte er mehrere Male,welcher Fasan denn? Ach so, den ich über Ihrem Garten abgeschossen habe? Ist wieder da? Großartig, dann guten Appetit. Behalten Sie ihn, junge Frau, machen Sie einen guten Braten für Ihren Hinrich. Wird sich freuen, der Hinrich," sagte er und faßte Johanna unterm Kinn.

Nun ist der Fasan unser," sagte Johanna zum Schluß.Er hat ihn mir geschenkt. Er gehört mir."

Herrlich. Hinrich war ein Stein vom Herzen gefallen. Es war also gut gegangen, und Johanna sollte nur die Lehre daraus ziehen, aber das wollte er ihr später bei Gelegenheit sagen.Nun aber los, schnell. Gerupft und gebraten und dann..." Hinrich schnalzte mit der Zunge und zog seine Frau an sich.

Johanna aber machte sich los.Nicht schlachten," sagte sie. Sie beugte sich über die Stallwand und hob das Tier, das sich kaum regte, auf. Sie hielt den Fasan wie ein Kind in den Armen und richtete große Augen auf Hinrich.

Mach keinen Blödsinn," sagte Hinrich, er ging an den Block und holte das Beil.

Komm, gib das Tier her."

Ich gebe das Tier nicht her, es ist meins."

Hinrich wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Meinte Johanna, daß man einen Fasan zum Spatz fütterte und nachher ausstopfte? Gib das Tier jetzt her," sagte er gutmütig, er wollte keinen Streit, aber er konnte doch diese Verrücktheit nicht dulden.

Johanna hielt das Tier fest umschlungen.

Da kam die Wut doch über Hinrich. Wollte Johanna ihn zum Narren halten? Wollte Johanna die Weltordnung umstürzen? Sollte man plötzlich alle Tiere nur päppeln und nachher noch

begraben?

Hinrich sah nicht mehr recht, vor seinen Augen tanzten rote Flammen, er faßte das Veil

Da schrie Johanna auf.

Er stirbt," schrie Johanna. Sie setzte das Tier zur Erde und fiel Hinrich um den Hals, Hinrich fühlte, wie ihr Leib geschüttelt wurde. Sie bückte sich, auch Hinrich bückte sich tief herunter, das Beil ließ er vorsichtig fallen. Sie sahen, ein Zittern lief durch den Leib des Tieres. Selbst die schönen, langen Schwanzfedern bebten. Die Füße streckten sich und zogen sich zusammen, der Schnabel öffnete sich zur stummen Klage, der Kopf schlug ein-, zweimal auf den Boden und bettete sich dann tief in das flammende Feder­kissen der Brust. Der Fasan starb.

Johanna und Hinrich gaben sich die Hand. Hinrich war es, der das Tier aufnahm. Johanna holte einen Spaten. Zwischen Son­nenblumen, Mohn und Stocknelken machten sie eine Grube.

An diesem Abend saßen sie noch lange auf oer Bank. Sie sahen die Blumen immer heftiger aus dem Dunkel leuchten. Sie hörten den Ruf der Tauben aus dem Wald und das süße Gequirl der Drosseln, hörten die Mäusebussarde schreien und sahen unhörbar den Vogelräuber, die Katze, schleichen. Sie hielten sich an der Hand. Hinrich verstand immer noch nicht ganz, aber er fühlte doch, er mutzte sehr behutsam, sehr leise mit seiner Frau umgehen.

Das faustische Wesen des germanischen Menschen.

Von Profeffor Dr. Hermann Güntert.

Wohl kaum ist die Geistesart eines Volkes gründ­licher und unheilvoller mitzverstanden worden als die des deutschen, das immer wieder im Laufe seiner Ge­schichte gezwungen wurde, sich gegen eine irrige Welt­meinung zu behaupten. Diese Verkennung hat jedoch nicht nur jenseits der deutschen Grenzen großen Schaden gestiftet, sie hat auch im Innern zu einer falschen Ein-, schätzung unserer kulturellen Leistungen geführt. Der Heidelberger Indogermanist Professor Güntert, hat es in seinem bei Carl Winter, Heidelberg, erschienenen BuchDer Ursprung der Germanen" dem der fol­gende Auszug entnommen ist unternommen, Weg und Wesensart unserer germanischen Vorfahren zusammen- fafsend darzustellen, um das Verständnis für die Wur­zeln des deutschen Volkstums hüben und drüben zu wecken und zu fördern.

Die Germanen haben die Unendlichkeitssehnsucht, den schaffen­den Willen und die Organisationskraft der Jndogermanen be­wahrt, aber dem wirkt der bäuerliche Trieb nach Freiheit und Un­abhängigkeit entgegen. Es kommt zu keinem vollen Sieg einer einseitigen Elternanlage, sondern beide Richtungen, die jenseitig­geistige und die erdgebundene, praktische und beharrende halten sich das Gleichgewicht und erzwingen in jedem Sonderfall immer neuen Ausgleich. So entstand die germanische faustische Seele. Gegenüber den anderen indogermanischen Völkern erscheinen sie feelisch zerrissen, von Gegensätzen gespannt und daher nicht abge­

klärt, widerspruchsvoll und rätselhaft. Das ewige Spannungsver­hältnis zwischen tätigem Wirklichkeitssinn und träumerischer Jen­seitssehnsucht macht den persönlichkeitsstolzen Germanen unsicher und schwächt sein Selbstvertrauen,' aber er läßt sich doch nie'oon den vorwiegend düsteren und ernsten Empfindungen ganz unter­jochen, sondern kämpft dagegen in wildem Trotz, wie ein Krieger, der trotz überwältigender Uebermacht um seiner Ehre willen kämpft, solange es möglich ist. Mit tiefem Ernst strebt er viel mehr nach gedanklicher Deutung als nach sinnlichem, genieße­rischem Hinnehmen der Welt, über deren Wesen ihn ewige Zweifel plagen, und haßt jede Form, jede Regel und jeden Zwang,' gesell­schaftliche Bindungen, soziale Regelungen lehnt sein trotziges Freiheitsgefühl ab. Unbekannt sind ihm die Künste der Verstel­lung,' in schlichtem Wahrheitsgefühl traut er auch dem andern und wird dabei dauernd übertölpelt. Alles Rauschartige, Fana­tische, die flammende Begeisterung, die leidenschaftliche Geste bleibt ihm wesensfremd. Seine Freiheit soll aus Notwendigkeit und in selbstgewählter Bindung hervorgehcn,' der Freie, der auch stets das Bewußtsein ursprünglicher Selbständigkeit behält, hat sich frei­willig gebunden, aber diese Verpflichtung hält er, gerade weil selbst gewählt, bis zum äußersten- so entwickelt sich der Treue­begriff, wie ihn kein anderes Volk kennt. Trotz innigster Ueber- zeugung von überirdischen Mächten sind für den Germanen selbst seine Götter vergänglich, ein geradezu erschütterndes Zeichen sei­ner düsteren Weltanschauung! Jede Form, Abgewogenheit, Regel­mäßigkeit, Ausgeglichenheit ist dem Germanen am tiefsten ver­haßt, aber keineswegs aus Formlosigkeit und Chaosfreude als Grundsatz, wie Fremde verständnislos zu urteilen pflegen, son­dern aus tiefster Einsicht in das wahre Wesen des Lebens. Was anderen, einseitiger veranlagten Völkern bei den Germanen als unbeherrscht,barbarisch", unbegreiflich, widerspruchsvoll erscheint, ist in Wahrheit äußerst gesteigerte Lebensspannung, die ganz von dem gewaltigen Kräftekampf erfüllt ist, den man Leben nennt. Der Germane ist nie befriedigt, nie berauscht er sich an seinem eigenen Volkstum,' bei seinem ewigen Streben und Sehnen achtet er leicht das Eigene gering und bestaunt das Fremde, das er in seiner Sehnsucht nach der Ferne überschätzt und seinen Wunsch­träumen gemäß ganz gegen die tatsächliche Wirklichkeit umdeutet und idealisiert. Diese die Wirklichkeit maßlos verklärende Wunsch- Sehnsucht insbesondere nach dem Süden ist geradezu zum Fluch der Germanen geworden,' sie hat der Heimat zahllose Stämme und viel Volkskraft entführt, aber kein Germanenreich hatte unter der Sonne des Südens dauernden Bestand! Ob Goten, Lango­barden, Vandalen oder Normannen: sie wurden von den südlichen Sonnenflammen vernichtet, wie der Falter, der ins Licht fliegt. Der Heimat verloren, dienten diese Stämme nur zur Vlutauf- frischnng freipder Völker. Freilich wurde anderseits dadurch fast ganz Europa von germanischem Blut durchsetzt, was man viel zu wenig zu beachten pflegt. Germanen haben in Norditalien Reiche gegründet, die Lombardei erzählt heute noch im Namen von den Langobarden,' in Süditalien und Sizilien herrschten die Norman­nen: Frankreich, la France, ist von dem Frankcnstamm begrün­det: die Normandie, d. h. Nordsrankreich, ist eine nordische Wikin­gerkolonie gewesen: in Südfrankreich, der Bourgogne, siedelten die Burgunder, in Westfrankreich und Spanien die Goten. Eng­land ist von Westgermanen den Kelten abgerungen, und die Nor­mannenherrschaft brachte im Grunde nur neues Germanenblut hinzu. Nordgermanen haben das russische Reich begründet, und germanische Leibwachen waren die letzte Zuflucht der west- und oströmischen Kaiser. Germanen haben das stolze Römerreich zer­brochen, Germanen haben Mauren im Westen und Türken im Osten von Europa ferngehalten!

Welch ein Wahnsinn, ein solch tätiges kraftvolles, unvergleich­liches Volk einseitig ästhetisch mit dem Maßstab der sogenannten klassischen" Kultur und ihres Schönheits- und Vildnngsideals messen und aburteilen zu wollen, wie es bis in die Gegenwart, dazu von eigenen Volksgenossen, geschieht!...

Und doch gründet sich das ungerechte, weitverbreitete Urteil über dengermanischen Barbaren" fast einzig aus diese völlige Verkennung seines Verhältnisses zur Kunst! Statt die Tiefen der germanischen Seele zu verstehen, legte man für ein noch heute weitverbreitetes Werturteil über Germanen den Maßstah einer südländischen Bevölkerung an, die selbst, wie auch die Römer, kein anderes Volk als sich ebenbürtig anerkannt hat! Für den Athener war ja jedes nichtgriechisches Volk ohne weiteresBarbar", der römische Bürger erkannte kein anderes Volk dem seinen auch nur als gleichberechtigt an! Warum lernt man nicht von Griechen und Römern, wenn man sie trotz ihrer südländischen Heimat unbe­dingt als Vorbild hinstelleu muß, und aus dem von ihnen gepräg­ten Varbarenbegriff auch Vaterlandsliebe und Vaterlanbsstolz? Warum lernt man nicht von ihnen, wie man von fremder Kultur nur das Brauchbare und Wescnsgemäße annimmt und es der eigenen Volksart anpaßt? Der Franzose, der nicht einmal leine alte indogermanische Sprache mehr besitzt und sic mit dem Latein seiner römischen Herren tauschen mußte, liebt glühend sein Vater­land und seine Kultur: mit welch höherem Recht kann der Ger­mane auf sein Volkstum stolz sein, das sich in Heldentaten und weltweiten Kriegsfahrten ohnegleichen bewährt hat seit ältesten Zeiten bis zu den Wundern an Tapferkeit im letzten Weltkrieg? Wann wird man endlich erkennen, daß die Sehnsucht nach dem Süden für den Germanen schädlich und ein törichtes Wunschbild ist? Wann endlich wird man das fremde, untaugliche Wertmaß endgültig aus der Hand legen und den Germanen aus sich heraus zu verstehen imstande sein? Wann endlich wird man Ehrfurcht haben vor den einzigartigen Lcistun.gen des eigenen Volkes? Noch einmal: die Sehnsucht nach dem Süden, die Ueberschätzung der Antike ist der Fluch des Germanentums bis zum heutigen Tag!