Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1934 Montag, den r.Mai Uummer 55
Idyll.
Von Paul Appel.
Sitzen sinnend vor der weißen Wand, die Vier, Duft um sich, gekoste Luft und Wind.
Eine trägt ihr weißes Kleid, die zweite auch, Eine trägt zum Weiß die kleine Borte, Und die Vierte, Gast der Drei, Trägt zum Weiß den schönen Latz, Dichtes Gelb, Gelb von Orangenfeldern. Und sie sitzen, zärtlich fortgesunken, Stirnen wendend, Lippen öffnend. Vis der Himmel vor den weißen Mädchen Noch sein letztes Wolkenziehen abnimmt. Jetzt tst's blau und weiß und rieselhell, allüber. Groß einfältig, mild und mädchenrosig. Schöne Arme schließen sich im Nacken, Schultern, weichqestaffelt, schmiegen zueinander, Schenkel heben sich und ruhen neu, Werden Kissen für die jungen Hände.
Und du siehst die Eine mit dem blonden Haar, Und die Zweite, ihre Schwester, gleich und schön, Und die dritte, tue ist braun uno alemvoll, Und die Vierte, sie ist schwarz und still.
Und die Atemvolle mit dem klaren Hals Geht jetzt vor zum Beet Vergißmeinnicht, Bricht und wirft der Blonden Büschel hin, Bricht und schwingt's der schwarzen Stillen zu, Und ohn Anlaß, plötzlich, treiben sie das Spiel, die Vier, Werfen, was zum Schoß fällt, weiter zu, Ueben in der jungen Heiterkeit den Takt, Werden rasch und werden langsam, Werfen lächelnd ihre Kettenblumen.
Ach, du Frieden in der zarten Welt!
Ach, die Wimpern jetzt! die leichten Augen!
Ach. das «usie früh» Blut, das Hoeft!
Und das Blut der kleinen Frauen tut es weiter: Eine von den Hellen hat's gemerkt, Wie die blauen Dolden reicher schimmern Bei dem gelben Latz der Freundin, Und ein Äugenwink den Andern: Gleich da liegt Vergißmeinnicht gehäufelt Vor der dunkelhellen Stickerei, Und die Mädchen drangen um den Gast, Schimmern, staunen, streicheln und ergurcken, Freuen sich der leeren Hände und des Glucks. d“r Ga^ nimmt seEae Wüte an.
Schließt die Hände um die Büschel, lacht und schimmert, Uno dann teilt er freundlich sein Geschenk zuruck, Und die Mädchen sitzen wieder sinnend, Fede mit dem blauen Gruß im Schoße.
Fasan mit rotflammender Brust.
Von Waldemar Augustiny.
Johanna nahm Korb und Gemüsemesser und trat aus dem Dunkel der Tenne, aber in der Tür blieb sie stehen,. so traf sie^ber Glanz dieses Morgens. Sie sah durch die Schatten ihrer Wimpern einen Fasan von den Wipfeln der Allee her über den Hofplatz kreuzen und fern ins Blau abstreichen. g. < h .
Eorb und Messer ließ sie fallen und sah dem Vogel nach uno fühlte seine Lust, im grenzenlosen Licht zu rudern, und ichaute, bis er, ein grauer Strich, in der zitternden Luft sergcng.
So mar Johanna: eine Pächtersfrau, die ihre Arbeit tat, ja= wohl, darin konnte maü ihr nichts nachsagen. Aber sie konnte auch so dasieben und gedankenlos, rote Hinrich, ihr Mann, sagte, gegen den Himmel oder in den Kelch einer Blume starren und die Hande übe?ö?r Brust falten Eine Pächtersfrau, die wußte, daß d,e Dinge um sie her nicht nur nützlich oder unnützltch, sondern auch
©et“&n war lange verschwunden, aber immer noch stand Johanna und war erfüllt von der Wohligkeit des jungen Sonnen- taqes. Und jetzt, Johanna hatte ihn nicht kommen sehen, war der ftaian wieder da, er stieg und ließ sich sauen und war wie ein Rurfcke der von seinem Mädel kommt und den die Lust zwickt, n, i 's s.Nächterüaus hielt er zu, war vielleicht schon über dem Garten, da zerriß ein Knall wie Peitschenschlag den Morgen,
Johanna griff nach ihrem Herzen, wie ein Stein fiel der Fasan, Federn stoben durch die Luft. Johanna stand auf den Tod er« ^^Zwischen den Beerenbüschen flatterte es dunkel, Johanna lief herzu, da trippelte der Fasan über den Steg, den einen Flügel spreizte er seitwärts und fegte mit ihm den Sand. Jetzt hielt er und legte den Kopf schief aus seine rotflammende Brust.
„Schönes Tier", sagte Johanna, „gutes Tier", kam näher urck>, o Wunder, der Fasan rührte sich nicht, er biß nicht und schlug nicht mit dem gesunden Flügel, er ließ sich aufheben und Johanna ging mit ihm ins Haus.
Wohin? dackte sie, in den Hühnerstall? In einen leeren Schweinekofen? Da sah sie durch die offene Tür, rote Hinrich über die Gartenhecke setzte, und hinter der Hecke erschien, rote ein verspäteter Mond, rot und fett, das Gesicht des Gutsherrn. Schnell klappte Johanna die Häckselkiste auf und tat den Fasan hinein. Dann trat sie auf den Hofplatz.
Hinrich ging auf Johanna zu und faßte sie um die Hüfte. Er hatte blitzende Augen, nicht nur von der Jagd und weil bet der Jagd ein guter Groschen für ihn abfiel, er sah Johanna gern an, er liebte die Sanftheit in ihrem Blick und ihre klare Stirn. Keine Frau im Umkreis, wußte Hinrich, hatte hinter ihrer Stirn solche Gedanken und Träume rote Johanna, Hinrich war sehr stolz aus seine Frau. Trotzdem war er bei der Arbeit hinter ihr her, er schalt sie, wenn er sie müßig stehen sah, er predigte immerzu, daß Müßiggang auf die Laudstratze und ins Feld führte, nicht aber zu eigenem Hof und zu eigenen Feldern. Es dämmerte ihm zuweilen, daß er so bei seiner Frau austrieb, was er an ihr liebte, dann packte ihn die Wut, er hätte sich selbst schlagen können. Ach, Hinrich war eben ein armer Teufel, ein Pächter, der die Groschen mühsam zusammenkratzte, der scharf rechnen mußte, Tag um Tag, um endlich mal zu etwas Eigenem zu kommen.
„Hast du den Fasan gesehen?" fragte Hinrich. Er hielt seine Frau in der Hüfte nnd bog ihr mit der andern Hand das Gesicht ^^Nein," sagte Johanna schnell und blickte fort. Sie" fühlte sich nicht wohl bei dieser Lüge, sie fühlte, es stieg ihr heiß ins Gesicht. Sie hatte sich an Ausflüchte gewöhnt in ihrer jungen Ehe, aber sie war nicht geschickt int Lügen.
Hinrich aber sah ihre Verlegeitheit, er bekam etnett dunklen Blick, er fühlte, Johanna verbarg ihm etwas. „Wo ist der Fasan, sagte er mit schmalen Lippen, „du mußt ihn gesehen haben.
„Such ihn doch, wenn du glaubst, daß er hier ist," sagte Johanna und machte sich los. r c _
Da suchte Hinrich Garten und Haus ab, auch 8er Herr erschien, mit dicken Segeltuchbeinen kam er angewackelt. Sie schauten über die Stallwände, rückten Säcke. An die Häckselkiste dachten sie nicht. Ohne Gruß stiefelten die Männer endlich davon.
Johanna aber machte sich an die Arbeit, plünderte die Erbsen- biische und legte die Schoten für den Händler in Körbe. Einmal ging sie ins Haus und schob einen Stock unter den Deckel der Häckselkiste und streute Futterkörner hinein. Dann ging sie wieder hinaus nnd schaute nicht um sich. Der Tag hatte keinen Glanz mehr für Johanna.
Spät, als die Schatten der Allee bis ans Haus langten, kam Hinrich zurück. Er pfiff sich eins, denn es war ein guter Jagdtag aewesen, sieben, acht Hühner hingen ihm am Gurt, und einen Taler hatte er vom Herrn dazubekommen.
Er ging in die Küche, Johanna war nicht da, aber es roch gut und würzig nach frischer Gemüsesuppe. Er ging auf die Tenne und wartete, Johanna würde nun mit Geschrei aus etner Ecke hervorspringen. War es nicht gut, daß seine Frau über Scheuern und Flicken, über Gartenarbeit und Füttern der Tiere den Mann nicht vergaß? Daß sie Blumen zog, und daß es in bett Fenstern, aus den Tischen rot und gelb und weiß blühte? Es war wohl schön so. Heute aber blieb es still. Hinrich schlenderte die Tenne heraus, herunter, das Pfeifen verging ihm, es lag etwas in der Luft. Die Katze strich mit scheuem Blick vorbei. Htnrich stand still und merkte erst nach einiger Seit, daß seine Augen auf das Beil stierten, das kalt neben dem HoUblock blinkte.
Aber da war Johanna. Sie stand in der Dielentnr, Gott sei Dank, daß Johanna wieder da war. Sie sah blaß au», ihr Atem ging heftig.
„Bist du gelaufen, Johanna?
Ja sie war gelaufen, sagte Johanna, weit war sie gelaufen. Dann'schwieg sie und hakte Hinrich unter und zog ihn an einen Schweinekofen. Hineich blickte hinein. Durch das blinde Fenster siel etwas Sonne. Auf dem Boden lag ein graues Bütidel und in


