bis bes Korn nur noch wie ein Jnselgestade in den Stoppeln stand und wir endlich auch die Insel eroberten. Die Tage waren sonnig nut kühlenden Windstößen von den seuchteren Wiesen her, oder trübe, still und grau, wenn der Wind so schwach von Nordwesten her kam, und endlich hatten wir die letzten Schwaden geschlagen, und manches Feld war schon unter dem Psluge des Bauern zur neuen Saat bereitst Als der letzte Wagen hereinkam, geschmückt mit dem Kranz aus Lehren, Mohn und Rade, sah ich nach rückwärts, wo die kahlen Schlage sich gegen den Horizont dehnten. Ich sah voran und zur Seite die Weiden mit dem Vieh und die Werft mit Haus und Stall und Scheune unter dem großen ruhigen Dach und die Bäume darumher. und ich sah, daß alles gut bestellt war. Wir luden ab und bansten ein; wir gingen m die Stube, wo der Ernteschmaus bereitstand, der Bauer sprach den Segen, und wir schwiegen mit srohem Herzen. Nachher ging ,ch über die geputzte Diele und wußte doch schon, daß meine Zeit hier vorüber war, und daß ich nun wieder fort mußte. Ich suchte mir eine Pap^ schachtel und Bindfäden, packte meine Sachen ein und mutzte Mich zwischendurch ein wenig auf die Bettkante setzen. Dann ging ich zu dem Bauern und der Bäuerin und dem Knecht und dem Sommermad- chen Wir standen unter der Grootdöör, wir wußten nicht, was wir einander sagen sollten und sahen unter den Bäumen her auf d,e Sttaße und das Land dahinter; am Horizont stand der silbrige Dunst vom Meer. Als ich ging, brachten sie mich bis an die Straße. Ich sah mich noch einmal um und sah das Sommermädchen winken. Dann gewann ich einen Richtweg zum Deich. Abends kam ich durch ein Dorf. Auf der Straße hörte ich die Kinder singen. Ueberall sangen die Kinder, in allen Dörfern, durch die ich in den nächsten Tagen kam. Ich hätte gern eines von ihnen gefragt, ob es hier umher ein Mädchen des Namens Sverre gibt, aber die Kinder fangen so schön.
Liebhaberei der Dichter.
Von Hanns Arens.
Wir haben kein Interesse am privaten Leben des Dichters aus Neugierde, sondern aus einem viel tieferen Gefühl; wir möchten dem Dichter nahe fein; wir. haben den Wunsch, ihn in seiner privaten Lebensweise zu beobachten, wobei uns selbstverständlich sein familiäres Leben gar nichts angeht. Nein, den Dichter in feinen vier Wänden zu belauschen, ist nicht unsere Absicht. Was wir möchten, ist, ihm bei der Nebenarbeit zuzusehen, bei einer ernsten „Liebhaberei", die abseits seiner dichterischen Arbeit geht, um aus ihr den Menschen besser zu verstehen, zu beurteilen — den Willensweg des einzelnen Dichters zu erkennen.
Hier nun wollen wir einen flüchtigen Blick in den Alltag des Dichters werfen. Wir wollen sehen, warum er neben seiner Dichtung ganz bewußt eine „Liebhaberei", eine „Nebenarbeit" wählte. Wir werden bald erkennen, daß diese Beschäftigung mit anderen Dingen beim Dichter aus ganz organischen Gesetzen entspringt. Und wir wollen dabei den Dichter selber erzählen lassen.
Hans Friedrich Blunck.
Wer des niederdeutschen Hans Friedrich Bluncks „Märchen von der Niederelbe" gelesen hat, wird, wenn er seine kleine, hier folgende Plauderei liest, plötzlich wissen, warum er gerade zum Märchen und in diesem Falle, dem niederdeutschen, hinneigt. Diese Liebe für Blume, Tier und Erde — sie ist es, die den Dichter immer wieder ins Märchentraumland treibt. Wir werden ja hören:
„Meine Liebhaberei? Liebhaberei? Nein und Nein, es ist keine Liebhaberei, sondern eine verwünscht ernste Sache, wenn man aus der Stadt hinauszieht und zwischen den Wäldern sich einniftet. Es soll da draußen nämlich kein Platz für Träume und Beschaulichkeiten werden. Man folgt einem Kindheitswunsch, vielleicht auch einer alten Erbaufgabe und beide sind nicht auf die Betrachtung der Grasspitzen, sondern auf em Fordern an den Boden, auf Frucht eingestellt. So habe ich langsam in zehn Jahren Dauer eine Weide zu einem Obstgarten von hundert jungen Bäumen umgewandelt, und das kleine Haus in Rosen duftet im Herbst vom Boden bis zum Keller nach Aepfeln und Birnen und Pfirsichen — ja auch nach Pfirsichen, denn die neuen prachtvoll rotbackigen frühreifen Sorten werden den Pfirsich bald zu einer Landesfrucht wie Kirsche und Pflaume machen.
Und nun es soweit ist, nun man den Garten vollgepflanzt hat, meinen viele Freunde — tappt man mit Zipfelmütze und Obstschere die Wege entlang und vertriebe sich den Tag damit, die geilen Triebe zu beschneiden? Beileibe nicht! Aber eine Umstellung vollzieht sich doch: Der Raum des Gartens wird einem ein wenig eng. Die Frau hat für den Geflügelhof, für Blumen (und Blumenkohl) mehr Platz nötig. Man selbst ist eines Tages überrascht, daß man eine neue, erprobte Sorte nicht recht unterbringen kann, man wirst sich nachts hin und.her vor Zorn, daß man nicht zu Beginn den Garten größer anlegt, man zermartert sich das Hirn, ob man's wagen darf, noch ein wenig Land anzukaufen. — Und dann kommt der schwere Entscheid: Nein! Würde man sich aus- breiten, erforderte es zugleich volle Verantwortung, volle Tagesarbeit für den neuen Acker. — Land kaufen und brach liegen lassen, ist ein beispielloses Unrecht. Und der Acker ist eben doch nicht der Hauptberuf. Sie mie’s jetzt liegt, fülle ich jene Stunden, die andere beim Fußball ober an der Börse verstehn, mit Gartenbau aus. — Nach bleibt das Häuschen der Rahmen für Gespräche mit Freunden, ist es die Umwelt der jämmerlichen Arbeit des Dichters, bedeutet es Fürsorge für geistige Frische, Trieb zu naher Verbundenheit mit den Dämmerungsgezeiten. Drang nach Ausgaben im kleinen, die man im großen ungelöst rund um sich sieht. Aber es ist kein Hauptberuf!
Also doch Liebhaberei? Nun' die Rosen finb’s, und die Betrachtung der Sonne ift’s und die Frucht für den Gaumen, die nirgends, und sei es die köstlichste, fremdländische Birne, so schmeckt, wie die eben gebrochene reife Frucht des eigenen Gartens. Also meinetwegen, Liebhaberei! — Indes, so etwas Äehnliches sollte nach meinem Plane jedem fruchtbringenden Menschen zustehen und zugute kommen. Und weil man
eifert und andere nachzulocken sucht, ist es am Ende doch keine — entscheiden Sie, lieber Freund, was ich treibe!" —
Karl Heinrich Waggerl.
Man muß Blunck ein wenig kennen, um zu wissen, daß es ihm sehr ernst mit seiner „Gartenarbeit" ist; ebenso muß man den Dichter kennen und beobachtet haben, der uns nun einen Blick in feinen Zllltag gewährt: Karl Heinrich Waggerl, ein junger, sehr vielversprechender Erzähler, auf dessen letzten Roman „Das Jahr des Herrn , vom Insel- Verlag verlegt, auch an dieser ©teile jnod) einmal nachdrücklich hinge- wiesen wird. Hier nun ein flüchtiges Spiegelbild.
„Mein allererstes darstellerisches Erlebnis hatte ich als Zeichner, ich erinnere mich dieses Vorganges mit ungemeiner Deutlichkeit, obwohl ich damals erst zwei Jahre alt war. Ich machte also im Kalender einen Strich, wie ich vorher schon so viele gemacht hatte. Dann aber fugte ich am einen Ende eine Menge kleinerer Striche hinzu, und plötzlich wurde ich gewahr, daß ich ein Ding getroffen hatte, einen Pinsel, ich erkannte ihn auf dem Papier. Ich lief mit dieser Schöpfungsurkunde im ganzen Haufe umher, freilich ohne das geringste Verständnis für meine Leistung zu finden — eine Enttäuschung, die sich heilsamerweise noch oft in meinem Leben wiederholen follte. Ich kann gar nicht deutlich machen, wie tief mich dieser Vorgang damals berührte, es war mir zum ersten Male klar geworden, daß man ein Ding von seiner Erscheinungsform löfen, es darstellen könne. Später kam ich dahinter, daß es viele verschiedene Möglichkeiten der Darstellung gebe, und das hat mich sehr verwirrt und gehemmt. Es gibt wohl kein Ausdrucksmittel, kein Handwerk, an dem ich mich nicht zu irgendeiner Zeit und in irgendeiner Form versucht hätte. Ich glich gewissermaßen einer schadhaften Brunnensaule, die ihr Wasser aus vielen Ritzen verschwendet, statt in einem kräftigen Strahl aus dem Rohr. Erst im Kriege, in der Gefangenschaft begann ich mich und wurde der Mensch, der ich bin, nicht besser, aber mit der Gnade eines Zieles begabt. Auch jetzt noch find mir die Dinge auf rätselhafte und verlockende Weife gefügig. Ich muß mich schämen, bei soviel guten Gaben eigentlich wenig wirklich gelernt zu haben. Ich kann ebensowohl einen Schlüssel machen wie eine Dreschmaschine reparieren, ich beschaffe mir einen Treibhammer und schlage eine Schale aus Kupfer, ohne Umstände, ich weih einfach, wie man sie macht. Mitunter scheitert ja wohl ein Versuch an der Unzulänglichkeit des Werkzeuges, wie etwa beim Buchbinden, beim Schnitzen, bei den Scherenschnitten oder beim Photographieren. Aber nur selten mißlingt etwas grundsätzlich außer in der einen Kunst, die ich fliehe und der ich doch widerstandslos verfallen bin, die mich meiner Leichtigkeit und meines Leichtsinns beraubt, zu Tränen erschöpft und immer wieder an den Anfang zurückwirst..."
Ernst Penzoldt.
Von Waggerl sührt uns unser Weg zu Ernst Penzoldt: Wüßten die Bücherfreunde von (einem herrlichen Roman „Der arme Chatterton , sic würden glücklich fein über diese „Entdeckung". Seine neuere „Powenz- banöe" wird hoffentlich dem leisen „Chatterton" gute Dienste leisten. Mit seiner „Portugalesischen Schlacht" hat sich Penzoldt auch die Bühne erobert. ....
„Meine literarischen Neigungen sind sozusagen eine Knegsbeschadi- gung, und sie begannen in einer dem Kriegshandwerk und der Bildhauerei, die mein eigentlicher Beruf war, ganz entgegengesetzten Weise. Ich schrieb zuerst Gedichte und Idyllen, die zum Umblasen waren, und erst allmählich wurde die altgewohnte Bilderschrift der Studienjahre auch für meine Geschichten lebendig. Im Grunde waren die mancherlei Weisen, in denen ich arbeitete, die Scherenschnitte, Federzeichnungen, Radierungen, die Reliefs, Figuren und Bildnisse nichts anderes als ein Schreiben in Hieroglyphen in ihrer sinnfälligsten Form. Es scheint mir heute nicht mehr so wunderbar und fremd, daß ich nun mit Schrist- charakteren einen Menschen zeichne ober modelliere; die Freude am Sehen und das Idol, das immer neu sich wandelnde Bild und Gleichnis des geliebten Menschen, sind geblieben. Sichtbarer freilich mag die von Dürer „innerlich voll Figur fein" genannte Gnade, in Ton und Erz mitzuteilen, fein. Ewiger auch scheinen diese Künste als Wort und Musik, denn sie sind auch da gleich deutlich und bedeutsam, wo der Mensch nicht ist, vergraben in der Erde, ober fast unereidjbar dem Blick im obersten Spitzbogen eines Kirchensensters und sie sind seltsam genug auch dort für die Nähe gemacht. Aber dennoch, wenn es auch sterblicher ist, liebe ich mehr das vom Atem lebende Wort. Darum aber werde ich nie aufhören zwischen den Manuskripten zu zeichnen, immer wieder zu versuchen, ein herrliches Angesicht zu bilden und immer wieder zu spüren, wie nahe sich Wort und Stein oder Erz sein können in der sonnenden Hand. Das unbeschreibliche, nur selbst zu erlebende Gefühl dieser Einheit, der Augenblick, wo Gedicht und Akt, Figur und Schauspiel einander berühren, ist Lohn genug für die taufend Nöte solcher Zwiespältigkeit."
Felix Timmermans.
Wir müssen einen kleinen Sprung machen; denn nun wenden wir uns einem ganz anderen Dichter zu: Felix Timmermans. Wer unter uns kennt seinen herrlichen „Pallieter" nicht? Ich hasse, es werden nicht viele sein! Timmermans entstammt einer alten flämischen Handelsfamilie und ist am 5. Juli 1886 als dreizehntes von 14 Kindern in Lier geboren. Seit Urväterzeiten treibt die Familie Timmermans den Spitzenhandel; und auch unser Dichter war Handelsmann, landauf, landab. Daneben spielte er Theater und vertrieb sich die Zeit mit dem Erzählen von Geistergeschichten.
„Meine größte Liebhaberei ist Malen, wenn man das eine Liebhaberei nennen will, denn ich bin eigentlich ursprünglich Maler gewesen. Bevor ich schreiben konnte, bevor ich einen Buchstaben gelernt hatte, malte und zeichnete ich schon. Ich habe stets gedacht, einmal Maler zu werden. Aber nachdem ich lesen und schreiben konnte, konnte ich es doch nicht unterlassen, Erzählungen und Gedichte niederzuschreiben. Das Malen blieb meine große Freude; aber man weiß nicht, warum und wieso: mit meiner Schriftstelleret hatte ich mehr Erfolg, obwohl ich das


