Ausgabe 
6.8.1934
 
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Siebener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 60

Montag, den 6. August

Jahrgang 1954

Spruch für die Heimat.

Von Paul Appel.

's ist klebe Kraft, in der Heimat (ein: alles was sie mir gibt, wird Jnnenschein, muß gar nichts sagen.

Wenn mir die Farben mein Herz hintragen, wenn über Morgengrün, Mittaggrün, Abendgrün zart und schwelgend die Wolken hinziehn, wenn ich vom Ackerrain seh in den Aetherduft hinein, ist mir ja alles in Huld gegeben.

Braucht's nur mein täglich starkes Streben, glücklich zu sein, rührig und hold zu sein, und ich erkenne, zur Lust vieler Tage: Leben, du bist so schön, wie ich dich wage.

Ein Wanderer Hilst bei der Ernte.

Bon (Börge Speervogel.

In diesem Sommer kam ich durch die Heide. Ich fuhr in einem Torfkahn die Wümme hinauf und ich verlernte fast alle Worte, denn mein Sinn stand darauf, die Sterne in ihren Bildern und ihren Lauf zu erforschen, und ich hatte gesehen, daß es mit meiner Wissenschaft von Kräutern und Pflanzen nicht weit her war. Also zog ich mit zwei kleinen Büchern gesegnet durch die Heidewälder, aber eines Tages sahte es mich und ich mußte wieder hinaus zum Meer. Ich kam durch das Alte Land und das Land Kehdingen und das Land Hadeln: die Kirschen- zeit ging vorüber und ich sah die Heuwagen einfahren, das Korn blühte, der Wind trieb Wolken von Blutenstaub über die Felder, ich aber setzte vom Lande Wursten über nach Butjadingen. Es litt mich nirgends, ich fand keine Stätte und wollte wohl auch nicht verbleiben. Das Korn begann zu reifen und die Aepfel röteten sich und ich oerlor mich in den Hochmooren und war allein wie nie und halle alle Worte vergessen. Dann kam die große Hitze und trieb mich wieder ans Meer, ich zog durch Jeverland und wehte nachts in schwarzen Booten mit braunen Segeln die Fehne entlang. An der Küste des Harlinger Landes ging ich ins Sandwatt hinaus, starrte in die Priele und fühlte weder Gluck

Es wurde eine gewaltige Hitze in diesem 2ahre, die Sonne kam glühend herauf und ging schwelend hinab, die ganzen Tage lang waren die weißen Lichtgeschosse in schweren Garben herabgesturzt, und kein Wind wollte in der Glut aufkommen, auch nachts nicht. Das Land begann zu durften und die Kühe schrien wie alles Leid der Welt

Als ich eines Nachmittags aus einem kleinen Hos an der Geestgrenze um Wasser anfragte, ergab es sich, daß ich bei einer Arbeit mit anfaßte, und ich sah, daß Hände fehlten. Die Bäuerin ah blaß uick> elend aus und ich blieb. Nicht, daß ein Wort darüber gefallen wäre, ich hatte leben Augenblick weiterziehen können, vielleicht fühlte ich nur, daß es mir nötig war und-gut tun würde, einmal wieder von Nutzen zu fern. Sie hatten nur ein Mädchen auf dem Hofe und s'°. brauchten Hande. Die Bäuerin hatte ein winziges Kind mit einem rötlichen Gesicht, wie es kleine Kinder haben, und sie sah so elend aus. Der Bauer ich sah ihn am zweiten Tage in seiner Arbeit stehen bleiben und m den Himmel starren und vor sich hinmurmeln, dann schüttelte er den Kopf und riß verflucht hart an der Trense, daß das Pferd nach rückwärts fuhr und sich stieß und lange nicht zur Ruhe kommen mochte Wir brachten das letzte Heu herein, und ich schaffte den Kartoffeln Luft denn sie llanden voller Unkraut, und der (Barten schrie nach Wasser. Sann fah "h, daß über der Scheune das Dach undicht war, und daß die Stalle m mancher Hinsicht auszubessern waren. Der Bauer hatte keine Schuld daran, er konnte es ohne Hilfe nicht frhaffen. ... . ,

Di» (Mhe lieft nicht nach. Wir waren abends todmüde, aber wir hörten i^Schlaf von fernher die Tiere freien daß die Hunde aub fuhren und jammerten. Wir arbeiteten über unsere Kraft, aber wir konnten nichts ausrichten gegen versiegende Graben und Dürre in den ^'Senbs ging ich manchmal über bie Kämpe zum Langplatengrunb so hieß eine Wiese mit einem kleinen Teich, aus bem ein Bach stoß Es gab ba Bäume, bie waren niebrig unb von ben Weststurmen Prüfern aber man konnte glauben, es fei dort kühler als °nderswm Der Bach war kaum noch fo zu nennen, einige Stellen spiegelten em ^en bes glühenden Himmels, sonst feuchter Sand und wucherndes Kraut, aber

kein Rinnsal. Da legte ich mich dann ins Gras, Minze duftete und Thy­mian, an den feuchteren Stellen standen Wollgräser und Binsen, weiter­hin Windhalm, Schwingel und Wuhlekraut, dann Heideblüten und Ried- und Haargras den kleinen Hügel hinauf.

Ueber dem Meere hatten sich Abend für Abend leuchtende Wolken- türme gezeigt, schwer geballt aus dem leichtesten Stoffe; sie versetzten sich langsam nach Osten und verrauchten silbern an den bestrahlten Rändern. Morgens waren sie stets verschwunden, abends türmten sie sich neu.

Ich lag im Gras und sah die Wolken an. In meiner Müdigkeit mußte ich an das Mädchen aus dem Hofe denken. Sverre, kennst du den Namen Sverre? Es ist ein komischer Name, ein ungewohnter und seltsamer dazu, aber bas Mäbchen hieß so: Sverre. Ich weiß nicht, wo sie her war, vielleicht war es auch nicht ihr richtiger Name. Möglich, baß du sie nicht leiden möchtest mit ihren roten Haaren, denn lange rote Haare, die hatte sie, und ganz weiße Haut und dichte, dunkle Augenbrauen. Die Augen darunter habe ich niemals ansehen können, so waren sie beschaffen. Ich konnte sie nicht ansehen, ich brachte es nicht fertig, so traurig waren sie und wild zugleich, traurig und stolz und überhaupt alles, was du dir unter Augen vorstellen kannst. Furchtbar stark, bas ist vielleicht bas Wort bafür. Sie biente auf bem Hofe, bas ist alles, was ich über sie erfahren habe. Als Sommermäbchen, wie man bort- zulanbe bafür jagt.

Ich lag in ber Wiese, bis es bunkel würbe. Ich wollte schließlich fort- gehen, ba sah ich biefes Mäbchen Sverre an einen Baum gelehnt ba- stehen. Weiß Gott, wie lange sie ba schon ftanb. Unb im gleichen Augen­blick sah ich, baß bie immer noch sirahlenbe Wolke über bem Meere größer geworden und näher gekommen war. Das Mädchen sagte etwas, eine Stimme hatte sie wie Sand, eine sandige Stimme, wie Verdurstende sie haben mögen, so rauh unb zersprungen. Sie setzte sich unb wir hörten die Grillen und Heuschrecken singen und schrillen, immerzu, immerzu.

Wir haben es nicht gemerkt Ich mußte an allerlei denken. Plötzlich hörte das Singen und Schrillen und Rascheln im Grase auf, und schon ging es los. Ein Wind packte die Bäume, zerwühlte und bog sie gefähr­lich. Es knirschte unb ächzte, unb ber Winb holte Atem unb tarn durch bie Dämmerung bahergezogen unb fang. Es war ein Gewitter, wie es nach solchen Tagen wie bleien immer kommt, vollüftig unb roilb. Es mürbe schnell bunkel, bas Wetterleuchten über ber See mürbe heftiger unb tarn naher, ber erste Donner tarn mit bem ersten Trapsen.

Ich blieb liegen und lieh den Regen auf mich fjerunterpraffeln, es krachte und blitzte, donnerte und raste. In dem rauschenden, brausenden Aufruhr, als ein weißer Blitz bie Wiese erhellte, sah ich bas Mäbchen Sverre im zuckenben Licht mit roilben Armen unb Haaren über bie Wiese laufen unb wie gefällt hinstürzen. Ich machte bie Augen scharf unb sah sie weiterrennen unb fah: sie tanzte. Ich hörte sie fingen, ach, bas war keine gewöhnliche Art von Gesang, sie schrie unb jubelte unb jauchzte unb stöhnte; es war bas gleiche Lieb, bas die Erde in dieser Stunde fang Immer wenn ein Blitz kam, stürzte sie nieder. So tanzte sie. Solange das Gewitter währte, tanzte sie und fang. Sie wurde mit dem Wetter müde, und als es abklang, lag sie erschöpft an der Erde.

Schließlich, vielleicht hatte sie sich meiner erinnert, kam sie ganz langsam, hilflos unb schwach zu mir her unb legte sich nieber. Sie war sehr schön, mußt bu wissen, ihr nasses Kleib klebte am Körper, sie war fo arm unb verlassen unb klein. Wenn ein Wetterleuchten über bie Bäume kam, zuckte sie. Unb ich hatte Angst, verstehst bu bas? Du darfst nicht lagen, ihre Augen wären doch nicht zu fehen gewesen, nein, das waren sie nicht, aber trotzdem, sie lag da unb atmete. Die Bäume tropften, ber Bach rauschte, bas Sommermäbchen Sverre zitterte unb lag neben mir Es waren lange Stunben. bie wir ba reglos unb stumm verbrachten. Gegen Morgen würbe es kühl, wir froren. Heute glaube ich, sie hat bie ganze Nacht gemeint. Als bie Sonne kam, ftanb Sverre auf unb ging fort. Als ich auf ben Hof kam, war sie verfchwunben. Sie hatte wohl irgenb etwas in ihrem Blut, bas sie krank machte ober rief, unb bem ist sie gefolgt.

Die Bäuerin hatte glänzenbe Augen unb sie rief mit heller Stimme über ben Hof. Der Bauer ftanb unter ber Türe unb pfiff fröhlich vor sich hin.

Es bauerte nun nicht mehr lange unb wir begannen eines Abenbs die Senfenfchneiden zu hämmern, und bann ftnnben wir in ber Frühe bcs nächsten Tages vor bem großen Roggenfchlag unb wir mähten zu zweit fünf Tage daran. Dann kamen die zwei Kleefchläge, das (Brummet war gut aufgekommen, die Obstbäume brachen fast unter dem Segen und der Hafer wurde schon bleich. Die Bäuerin nahm das Kind mit auf den Acker, und wenn sie die Garben £anb. lachte sie, unb wenn sie bie Hocken stellte, lachte sie, unb wenn wir bie Magen heimfuhren, lachte sie auch. Dann bekamen wir Hilfe, ein neues Sommermäbchen zog auf den Hof und ein paar Tage später ein Knecht. Wir mähten, der Knecht und ich, und die Frauen gingen hinter uns her unb banben bie (Barben. Wir gingen gegen bie großen golbenen Flächen an, bie im Winbe wogten, wir umkreisten sie mit bem Sirren ber Senfe vor uns her,