Schildhorn? Ach, es oergeffen. Ich vielmals — —"
Irrsinnig! Er daraus durch die landet ...
Sei kein Esel!
hatte sich ernüchtert wieder hingesetzt und war bald Straßen gelaufen und schließlich im Tiergarten ge-
rung zwingende Dame, das Tillchen, wie — wie--
Da knisterte es zum drittenmal auf dem Weg. Er fuhr mit einem Fluch herum. Noch einer verhext und verrückt? Er hielt den Atem an. „Wer da?!" rief er rauh. Der Wächter? Klüter? Finke?
Eine schmale Männergestalt, ebenfalls im Regenmantel, zeichnete sich breit von einem Busch ab.
Er wurde ruhig und heiter, und eine spitze Flamme schnitt durch sein Herz. Was wollte dieser mißtönende Herr und Dschingis-Khan hier? Till oder — Katarina? Da glitt wieder der glühende Bolzen durch feinen Leib. Er wünschte es ein bißchen zu wissen! Till? Oho! Oder —? Ebenfalls rasende Pein und Abwehr um die andre?! Verdammter Spitz! Versluchte Töle! Fiffi kläffte mit wachsender Inbrunst im nahen Kellergeschoß.
„Guten Abend, Herr Doktor Hasselbrinc! Freue mich sehr, Sie zu sehen! Kein angenehmes Wetter!" sagte eine, zarte und scharfe Knabenstimme, eine eigenwillige und belustigte Stimme. Das Gespenst grüßte anmutig und kam, ohne Eile, von seinem feuchten Platz herüber ...
Herr Klüter las mit gesträubten Körperhaaren die Schlußseite des 91. Bandes der weltberühmten Edgar-Trickknatsch-Serie: „Schakale der Großstadt". Fisfis Gekläff störte ihn bloß von weitem in seiner Versunkenheit. „Ruhig!" gebot Klüter männlich-tief, in der Leidenschaft des Lesens, und trank den bittern Rest der dritten Bierflasche aus.
Er hatte schweigend dageseffen, dann am offenen, frischen Fenster gestanden — neben einem Telephon: „Hier Diez Hasselbrink. Bitte, die gnädige — Frau Klawinke? Bitte um Entschuldigung wegen der vorgerückten Stunde! Ich — ich habe Karten für die Reuyorker Jazzkapelle, die erst um zehn auftritt. Würde mich freuen ... Bitte —? ...... ~ richtig! Am Abend vielleicht Tulpenweg? Ich hatte werde dort anrufen, wenn noch Zeit dazu ist. Bitte
________ _____ Er umfingerte den schwarzen Druckknopf. Er lächelte töricht. Eine Macht und Magie hatte ihn ergriffen, eine Welle hcraus- geschleudert — einerlei, was. Er ging über Till hinweg, über Tills Leiche da oben ... Er sehnte sich mit einemmal nach Till, nach ihrem hellen Gesicht, ihren kühlen, hübschen Händen, nach einem kühlen, nassen Laken, einer kalten Wasserspritze. Keine in abwehrende Urnklamme-
Regen. Hier schien für jedes erfahrene Ohr eine verschwiegene Männer- "^Klüters^Fiffi^klaffte^ beunruhigt, fern in der Unterwelt Oben, in der kurzen Seitenfront, leuchtete Tills offenes Fenster. Die Bibliothek hm- term Balkon über der Terrasse verriet sich mit mattem Schimmern.
Hallo —!" rief eine gedämpfte Stimme unten, offenbar zu dem Fenster des Hellen Till-Gemachs hinauf. Es klang seltsam anmaßend, ungeduldig und herausfordernd durch Regen und Finsternis. Der Mann verschwand hinter einem dicken Stamm. .
Der späteren Erscheinung stockte der Fuß. Sie fuhr, rote gestochen, herum. Nichts zu sehen... Keine Antwort... Ein Irrtum; Spuk der eigenen Ohren und Augen. Ein langer Wind brauste durch die triefenden
Auch da oben hatte man nichts gehört. Till zeichnete witzige Entwürfe zu abenteuerlichen und intimen Dekorationen für Großgefchafte unb Warenhäuser. Ideen haben! Die Welt will mit Lachen überrumpelt werden! Das wußte jeder Marktschreier. ,
Sie pfiff wieder und wünschte, unverzüglich em besierer Mensch zu werden, mit Marmorwanne und kleinem Zweisitzer... Sie lachte. Alles bloß Zeichen dafür, daß man ins Leben strebte. Blaß nicht wieder untern Schlitten kommen —! . „
Herrgott, wenn sie jetzt ein paar von Onkos chinesischen ober indischen Staatslappen aus der päpstlichen Mottenkiste für eine intime Szene „Morgeninterieur mit Frau Miefke und Piefke" als Modell zur Hand hätte? Aber sie würde vermutlich unwillkommen fein im ersten Stock. —
Die kleine Kellertür unter dem Seitentrakt unten konnte durch einen Knops von hier oben geöffnet werden. Dieser versteckten Tür näherte sich entschlossen die breitere Gestalt in hochgeschlossenem Mantel. Eine Steinplatte knirschte.
Er würde die junge Dame da oben ein bißchen aufscheuchen ober bloß stören. Tat nichts. „Wie geht's? Kam vorbei unb sah bas Licht leuchten in ber Finsternis! Bitte, sich nicht stören zu lassen! Ich rauche eine Zigarette. Ein einsamer Abenb ... Immerhin: Man ist zu zweit! Unb vorher, mit einem kellerbunklen Entschluß, in einer muntern Saune, würbe er ben ersten Stock betreten, an ein paar Türen klopfen: „Ich störe boch nicht? Wollte eigentlich höher hinauf; wollte aber nicht versäumen, guten Abenb zu wünschen ... Wie reizenb, wie entzückend, daß ich auch Sie begrüßen darf, gnädige Frau —I"
Quatsch! Verfluchter Unsinn! eiferte der finstre Gast und umfaßte suchend den geheimen Klingelknopf unter der Leiste, ben bloß Eingeweihte kannten. Ihm war bampfenb heiß unter bem hochgeknopften Mantel. Sein Hutrand troff. Ihm wurde noch wärmer unter dem Gummistoff; er öffnete den Riegel am Hals.
Er hatte in ben „Leuchtkugeln" das Jubiläum eines alteren Bekannten mitgefeiert. Sie hatten nach einer sprühenden Rede von Dr. Diez Hasselbrink ein Glas Wein auf des Jubilars Wohl getrunken, ein paar Glas prächtigen Pfälzers; es waren auch Damen dabei gewesen, darunter die Verlobte eines der Herren, Schauspielerin. Nicht so groß unb apart, aber einer anberen Dame unbestreitbar ähnlich: um Mund und Nase und durch die Augenfarbe, die Arme, die Hände, den Hals, den Ansatz der Brust. Er hatte es erst nicht beachtet, aber mit einemmal war ein Blitz ober Schlag in ihn gefallen, in seinen Magen, in die Beine — ganz verrückt. Er hatte bei einem gleichgültigen Wort, bei einer Bewegung die andre Dame neben sich gesehen; das hatte ihn hingehauen, einen glühenden Bolzen durch seinen Leib gezogen.
„Fiffi, du Satan! Was ist los?" . ..
Das kleine Biest stürmte vom Sofa über einen Stuhl aufs Fensterbrett unb wollte schier burch bie Fensterscheibe brechen. ,
Das weckte Herrn Klüter aus seinem Fieber Er starrte reglos zum Fenster. Er erhob sich lautlos vom heißgesessenen Sosa. Legte vorsichtig bie Papierspitze mit bem kalten Stummel weg unb schlich noch vor- ichtiger dem Hunb nach. Er nahm bie röchelnde Fifft fest unter ben irm. „Ruhe —1" gebot er, drehte unwillkürlich das Licht aus und ging rasch an bie buntlen, vergitterten Fenster ber Küche nebenan.
Dunkel auch da draußen; pechschwarze, schwankende Bäume. Ein glimmendes, verwischtes Licht von Glänzels Wochistube drüben. Aber da auf dem Weg vorm Haus, dämmerte em Schatten ... Was war das? Ein Mann? Wer —? Der Wächter? Finke?
Klüters Herz schlug rascher. Er ging, aus lautlosen Filzschuhen, auf den Kellergang hinaus, der dicht neben der Wohnung lag, nahe an ber tlL‘'Nock/)eüi^Mann? Frembe Kerle?? Leute, bie sich im Regen ein- geschlichen hatten? Es war bestimmt nicht ber Wächter! Auch Finke und Glanzet waren es nicht! Klüters Beine wurden welch.
Er lief noch rascher in seine Wohnung zurück. Er dachte an ttna. Er dachte ans Telephon, an den Alarmkontakt, und lief wieder tn den Kellergang und war von allem ein bißchen verrückt.
Da waren sie noch beide, zwei Männer, wildfremde Kerle, dicht an der Pforte, standen Schulter an Schulter, als berieten sie sich; flüsterten.
Er lief in die Stube zurück; er atmete tief, schwitzte. Sein Herz, seine Haut tat weh. Niemand sollte ihm nachsagen — Pmgel wußte ja immer alles besser ... Bibber? Klüters Beine zitterten. — —
Louis spürte noch den festen und abwehrenden Druck ihrer warmen Sippen. Hörte den Ernst ihrer Stimme, der ihn betäubte, erschütterte und zornig machte. Sie war das Leben, das versäumte wunderbare Leben! Leben und Herrlichkeit! Es war ihm furchtbar ernst.
Da begann das Höllenkonzert, die feenhafte Beleuchtung ...
Katarina blickte erstaunt, aber gelassen, wie es ihre Art war, zu dem großen Mann auf, der zornig aussah. „Was ist da los?" fragte sie.
„Ich weiß es nicht!" ~ , .. _ „ ,
Sie erhob sich rasch, mit sehr hohen Brauenbogen, von ihrem Sessel unleugbar belustigt und neugierig. . .
Es war Lärm unb Gepolter vorm Haus und darin. Souis machte
große Schritte zur Tür.
Oben, im Gartenbau, hing Till zum Fenster heraus und staunte auf die zauberisch helle, bewegte Welt hinab, in der Pingels Heerscharen mit benagelten Absätzen klirrten, Klüter gestikulierte, Fiffi klaffte, Frau Glänzel, Finke, Lina Klüter in Margenrock unb Häubchen, jeher Zentimeter Mussolina, unb in der Mitte zwei schlichte Männer in Regen- Mänteln... Du liebe Zeit!
„Mein Gott!" seufzte Klüter. „Wo kommen die Herren her?
„Ich wollte zu Fräulein Grotemeyer in einer künstlerischen Angelegenheit", sprach ber nasse Herr von Glod mit zartem Lächeln unb zog zum Beweis ein paar aufgeweichte fremblänbische Zeitschriften unterm Arm hervor.
„Ich ebenfalls — mehr privat!" schmetterte Diez.
Till rounberte sich über ihre späten Gäste. „Zu mir? rief sie hinunter. „Was wollt ihr benn, mitten in der Nacht, mit der ganzen Schupowache?"
„Guten Abend, Till", rief Dienz, ergötzt, empor.
„Guten Abend, gnädiges Fräulein!." rief, heiter, Herr von Glod.
Oberwachtmeister Pingel machte ein finsteres Gesicht, und die andern blickten auch nicht klüger. ,
Da schmetterte ein Rolladen hoch, und eine mächtige Gestalt tn festlichem Weiß erschien auf der Terrasfe: Onkel Louis persönlich
„Tut mir furchtbar leid, Onkel Louis! Kam zufällig hintenrum durch den Garten .'. Ein schauerliches Mißverständnis ... Klüter braucht
kalte Umschläge!" ,
„Tut auch mir außerordentlich leid, Herr Professor! sprach kachelnd der andre Herr, als sei er Arm in Arm mit seinem Freund Hasselbrink hierherspaziert. Diez hätte ihn mit einem sanften Tiefschlag erledigen mögen.
Da stand auch Till unten unb besah sich nachbenklich die beiben Einbrecher in ber Nähe. Diez? Auch ungewöhnlich: Er kümmerte sich seit einiger Zeit nicht viel um sie. Das mußte geheimnisvoll mit einer anbern Dame Zusammenhängen! mutmaßte sie hellsichtig. Denn er sah verwegen aus, vom Regen aufgeweicht unb verwahrlost. Unb ber anbre späte Gast? Sie würbe rot um bie Augen, bloß von innen her spürbar. Niko- bem verfügte, wie sie immer argwöhnte, über eine etwas selbstherrliche Art, sein Interesse zu beweisen ...
Onko war nicht erfreut unb hielt eine kleine Ansprache. „Danke, meine Herren!" schloß er kurz zu Herrn Pingel, Sommanbeur. „Tut mir leib, baß Sie bemüht würben! Klüter, Sie finb ein — Angsthase!"
Der bienenbe Mulla flüsterte tonlos unb — bibberte.
„Drehn Sie bas verbammte Licht aus. Klüter!" befahl ber Professor. „Ich wußte gar nicht, baß bu hier bist, Till!" So fchrosf hatte Onko noch niemals zu ihr gesprochen.
Diez ließ bas kalt. „Ich konnte biefen Empfang nicht voraussehen, Onkel Louis. Herr Klüter, nehmen Sie abenbs Brompillen — alle zwei Stunben zwei bis brei! Auf ein anbermal! Guten Abenb, Onkel Louis! Verzeih mir gnäbig!"
Der ftanb breit unb gebieterisch ba, Bewahrer unb Herr aller Frauenwunder. Aber baran mochte Diez jetzt nicht mehr benten; sonst begann roieber ber glühenbe Bolzen in ihm zu gleiten
„Bitte um Verzeihung, gnäbiges Fräulein — Herr Professor!" Zwei anmutige Verbeugungen, bie wie prinzliche Belustigungen wirkten.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriok. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Duch» und Eteindruckeret, 2L Lange, Gießen.


