Ich meine damit Erzählungen, wie ich sie von meiner Mutter hörte oder rote sie heute noch im Volk in meiner Umgebung umgehen „Das Mädchen, das sein Herz vergraben hat", heißt zum Beispiel die eine, „Jager Gundermann und Jungser Tausendschön" eine andere. Man konnte sie auch Märchen nennen, doch nicht m der Art der Bruder Grimm, sondern sie besitzen stets einen realen Untergrund, am richtigsten hießen sie vielleicht drum auch - reale Märchen. Aber mein letzter Roman „Das Jahr des Herrn", worin ich das religiöse Prinzip darstellte und zugleich meinen kleinen Helden „David" entwickle, ist mein erstes wirklich bewußt erarbeitetes Buch. Ob es mein nächstes ebenso sein wird? Ich mochte es „Fruchtbarkeit" nennen und darin (wenn man will, als Gegenstück zu "Brot") das weibliche Prinzip verkörpern: von der Erde bis zur Frau. Aber damit hat es noch ein paar gute Jahre Zeit. Schreiben ist schwer, ist eine Oual, die Monate der ersten Niederschrift, des völligen Versinkens der übrigen Welt hinter einer fast monomanen Idee, sind ein Martyrium und Papier eine ganz scheußliche Erfindung.
Bauern sind und werden wohl für lange ober für immer meine Helden bleiben. Nicht weil ich den literarifchen Ehrgeiz habe, em „Bauerndichter" zu fein, und als solcher etikettiert zu werden, sondern einzig und allein, weil ich unter Bauern lebe, sie am besten kenne und sie mir so die beste Möglichkeit geben, die menschlichen Beziehungen darzustellen. Und daraus scheint es mir anzukommenl Ich bin nichts und mein Talent mag nichts sein. Aber ich besitze es nun einmal und habe somit auch die Verantwortung dafür: die Pflicht, es auszuwerten.
^Anfangs waren seine Einnahmen sehr kärglich, allmählich jedoch- kamen Schüler und Schülerinnen aus den vornehmsten Hausern aber die Lebensfreude Friedemanns war gebrochen. Er muh die tiefere Tragik seines Lebens gespürt haben, die nicht nur in seinem „hartnäckigen und finsteren Charakter" begründet ist, sondern letzten Endes in einer künstlerischen und musikgeschichtlichen Zwitterstellung; dann glaubte er, und vielleicht nicht mit Unrecht, eine „merkwürdige Blut- Mischung" zu haben; oft war es ihm, als werde „ein Sigeuner der Puhta in ihm wach". Seit 1780 kränkelnd, starb er am 1. 3uh bes Jahres 1784 unb würbe brei Tage nachher auf dem Luisenstabt,sehen Friedhof „für arm" begraben. Wenige Jahre barauf starb seine Frau CbCffienn ’griebemann, biefes zerfahrene Genie, im Schatten feines Vaters blieb, so liegt bas nicht an seinem Schaffen, sondern an den gigantischen Massen des einmaligen Johann Sebastian. Wir gedenken seiner nicht, weil er begabter war als seine drei Bruder, sondern weil er als der tiefer Veranlagte mit feinem Dämon heißer hat ringen müssen.
jedoch gänzlich verzeichnete Romanfigur durch den Vielschreiber Albert Emil Brachvogel, dessen Roman „Friedemann Bach reißenden Absatz fand zu der Zeit, als Gottfried Kellers verzweifelter Verleger den arökten Teil der (Erftauflage bes „Grünen Heinrich" wegen „gänzlicher
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3abre N64 seinen Abschied unb lebte seitbem ohne feste Stellung ab» wechselnd in Leipzig, Braunschweig unb Göttingen. Im Mai 1774 tauchte er in Berlin auf, wo er ein Orgelkonzert gab. Die Berlinischen Nachrichten brachten solgenbe Kritik: „Vergangenen Sonntag hat sich Herr Wilhelm Friebemann Bach, einer ber größten Orgelspieler Deutschlands, vormittags in der St. Nicolai- unb nachmittags in ber St. Marienkirche öffentlich unb mit auszeichnenbem Beifall ber Kenner unb bes Publikums hören lassen. Alles, was bie Empfindung berauscht Neuheit der (Bebauten, frappante Ausweichungen, biffonierenbe Satze die endlich in einer Graunischen Harmonie starben — Force, Delikatesse, kurz dieses alles vereinigte sich unter Öen Fingern dieses Meisters: Deuben und Schmerzen in bie Seelen seiner feinem Versammlung uberzutragen. War es möglich gewesen, ben roürbigen Sohn eines Sebastians zu ver-
©er „Hallesche Bach '.
Von Hans Sturm.
Die Vorfahren ber Musikerfamilie Bach stammen aus ben fruchtbaren Donautälern um Preßburg. Diese bliihenbe Stabt war bie Residenz bes mächtigen Erzbischofs von Gran, war Freistabt unb Krönungsstadt der böhmischen Könige, als der Ahnherr Vitus Bach sie verließ, donau- aufwärts wanderte und sich — es war um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts — nach vielen mühseligen Wanderfahrten in Wechmar bet Gotha niederließ, ein Weißbäcker feines Zeichens. Von ihm heißt es in einem alten, handschriftlich erhaltenen Stammbaum: „Er hat sein meistes Vergnügen an einem .Cythringen', also an einer Zither oder Laute gehabt, welches er auch mit in die Mühle genommen und unter wahrendem Mahlen darauf gespielt. Es muß doch hübsch zusammengeklun- gen haben! Wiewohl er doch dabei den Takt sich hat imprimieren lernen. Und dieses ist gleichsam der Anfang zur Musik bei feinen Nachkommen oetüclcn “
Die nächsten Nachkommen des Vitus Bach sind tüchtige Handwerker, nebenher aber auch musikalisch begabt und tätig. Merkwürdig ist es, daß drei Generationen später ein Hoforgelspieler in der Familie auftaucht, der gleichzeitig ein begehrter Hofbildnismaler war. Die vielen musikalischen Begabungen dieser Familie hat man schon früher zu erklären versucht mit der Tatsache, bah viele Bachs Töchter von Gerne,ndeorgel- spielern ober Stabtpseifern heirateten. Daß bie tonkünstlerische Veranlagung wirklich bas Merkmal ber Familie war, sollte bie vierte Generation beweisen, beren bebeutenbfter Vertreter ber Hof- unb Städtische Musikus Johann Ambrosius Bach gewesen ist unb ber „Eisenacher" Bach genannt würbe zum Unterschiebe von bem „Arnstabter Bach, feinem ihm außerorbentlich ähnlichen Zwillingsbruber Johann C h r i st o p h. Von biesen beiben berichtet ber Stammbaum: „Diese Zwillinge stnb vielleicht von biefer Art die einzigen, die man weiß. Sie liebten sich aufs äußerste. Sie sahen einander so ähnlich, daß sogar ihre Frauen sie nicht unterscheiden konnten. Sie waren ein Wunder für große (gelehrte) Herren unb für jebermann, ber sie sah. Sprache, Gesinnung, alles war einerlei. Auch in ber Musik waren sie nicht zu unter- scheiben, sie spielten einerlei, sie buchten ihren Vortrag einerlei, war einer krank, so war es auch ber anbere. Kurz, sie starben halb hintereinanber.
Des „Eisenachers" Johann Ambrosius Sohn ist ber geniale Johann Sebastian Bach, einer ber größten Tonmeister aller Zeiten, von bem ein Beethoven sagte, er „müsse eigentlich ,Steer' heißen". Der Stammbaum erwähnt sechs Söhne Johann Sebastians, von benen vier weit über bas Durchschnittsmaß sich als Virtuosen unb Komponisten betätigt haben: Karl Philipp (Emanuel, ber „Berliner" ober „Hamburger", I o h a n n E h r i st o p h F r i e d r i ch, ber „Bückeburger , Johann Christian, ber „Mailänber", ober „ßonboner unb schließlich der älteste und begabteste, Wilhelm Friedemann, der „Hallesche Bach".
Im stillen Weimar wurde er am 22. November 1710 geboren unb als Erstling von Mutter unb Vater verhätschelt. Er kam bereits als Drei» unbzwonzigjähriger als wohlbestallter Organist nach Dresben an die altehrwürdige Sophienkirche. Hier amtierte er dreizehn Jahre und schrieb seine ersten Kirchenmusiken; 1747 ging er in gleicher Eigenschaft nach Halle, wo er einen eigenen Hausstand begründete und bis zum Jahre 1764 blieb. In dieser Zeit entstanden einige seiner nicht gerade zahlreichen Kompositionen, zum Beispiel die Phantasien für Orgel und Klavier, eine große Symphonie für Orchester, mehrere Konzerte für Klavier unb einige Sonaten. Schon bie Zeitgenossen lobten bie wirkliche (Eigenart dieser Musikdichtungen", die geschickte Gegenüberstellung unb Verarbeitung ber einzelnen Themen unb vor allem bie roarminnige Ausdrucksweife. In helle Begeisterung gerieten bie Zuhörer, wenn Friebemann selbst auf ber Orgelbank saß. Im Mai bes Jahres 1747 nahm ihn sein Baker mit nach Potsbam, wo ber große Thomaskankor bie Silber- mannschen Flügel prüfte unb über ein von Friebrich bem Großen an- gebeutetes Thema improvisierte; am anberen Tage spielte Johann Sebastian in ber Poisbamer Heiligengeist-Kirche unb forberte Friebemann auf, auch ein wenig zu improvisieren; ber aber meinte, bas sei so, als wenn ein Sohn gegen seinen Vater ben Stock hebe.
Seltsam ist es, baß Wilhelm Friedemann Bach nicht mit seinen auch heute noch von Kennern geschätzten Werken auf die Nachwelt gekommen ist, sondern lediglich als sentimental und sensationell aufgedonnerte,
Badereisen in aller Zeil.
Don Dr. Valerian Tornius.
Der arbeitende Men ch hat das unabweisbare Bedürfnis, zum mindesten einmal im Jahr ich aus dem Umkreis feiner Tätigkeit loszulosen, frei von allen Berufspflichten in der Natur sich zu erholen und dabei Kräfte für neues Schaf en zu sammeln. Das Reisen ist aber nicht nur eine Auffrischung des Körpers, sondern auch ein hygienisches Mittel der Seele Man wird finden, daß die Menschen, wenn sie aus ihren Ferien wiederkehren, viel lebendiger, gehaltvoller und gesprächiger sind als vorher. Die Nerven haben sich erholt und die große Mannigfaltigkeit der Eindrücke wirkt anregend auf Gemüt und Geist. Wir befinden uns beim Reifen gewissermaßen in der Sage eines Sammlers, der alles, was er mit Augen und Ohren vernimmt, in seinem Hirn aufspeichert, um bann baheim aus ber Schatzkammer ber gesammelten Einbrucke zu schöpfen unb bie Erinnerungen fruchtbar für Beruf unb Leben zu verwerten. Denn bas ist ber tiefe Sinn jeber Reise, baß sie unsere Bilbung vertiefe Niemanb hat bas besser erkannt unb banach gehanbelt als Goethe. Mehr als Bücher unb Wissenschaften hat ihn, biesen aufnahmefähigsten Menschen, bie Kenntnis frcmber Gegenben unb ihrer Bewohner gebilbet. .
Das Reisen ist eigentlich erst in ber zweiten Halste bes 18. Jahr- hunberts Mobe geworben. Doch nur ablige unb wohlhabenbe Bürger konnten sich ber Kostspieligkeit wegen biesen Luxus erlauben. Söhne aus begüterten Häusern machten, bevor sie ihre Rolle in ber Welt zu spielen begannen, immer erst eine Reise, bie meist bie Bebeutung einer Bilbungsreise hatte, weswegen auch ber in Sprachen, Sitten, Wissen- schäften unb Kunst wohlbewanberte Hofmeister nie als Begleiter bes jungen Herren fehlen burfte. Denn für einen angehenben Oranbfeigneur galt ber Grunbfatz: die Grammatik ist die Welt. Man denke nur wie Goethes Vater sich sorgfältig für feine Jtalienreise vorbereitet, wie er alles was er beobachtet unb hört, peinlich aufzeichnet unb wie dieses Tagebuch ihm ein unentbehrliches Nachschlagewerk bis in sein hohes Alter wird Nun verweilte man damals auch viel länger an den verschiedenen Orten, knüpste Bekanntschaften mit bedeutenden Persönlichkeiten an, erfreute sich an ihrer belehrenden Unterhaltung und gewann fo eine Menge Anregungen und Kenntnisse. Jeden, der nur irgendwie Sinn für das (Erlebte hätte, drängte es natürlich an seinem neugewonnenen geistigen Besitztum gute Freunde daheim Anteil nehmen zu lassen. Und so führt jeder fein „Reisejournal", aus dem er selbst unb anbere später Nutzen ziehen sollen
Ehe biefe Dergnügungs- unb Bilbungsreisen eine Modeeinrichtung wurden qnb es schon Reisen zum Kurgebrauch. Das Mittelalter kannte bereits Mineralbäder, die gegen Krankheiten und Seuchen Anwendung fanden. Manche von ihnen, wie Aachen und Wiesbaden, reichen in ihrer Entstehung sogar bis in die Römerzeit zurück Man unterscheidet im Mittelalter streng zwischen Heilbrunnen, die von Kranken aufgesucht wurden und sogenannten Jungbrunnen, die die Eigenschaften besaßen, Häßliche schön und Alte jung zu machen. Die Jungbrunnen, von denen die Sagen und Dichtungen der Ritterromantik soviel zu erzählen wissen, spielen damals ungefähr die gleiche Rolle, wie das alchimistische Schönheitselirier in der galanten Zeit. Im späteren Mittel- alter fiel die strenge Scheidung zwischen Jung- und Heilbrunnen fort; das Mineralbad umfaßte beides, lieber das Leben unb Treiben In ben alten Bcibern besitzen wir einige brastische und ergötzliche Berichte, die uns zeigen, daß man es mit der Moral hier nicht sehr genau nahm. Beide Geschlechter badeten gemeinsam, allerdings durch Scheidewände


