Gießener Kmnlienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1934 Sreitag, den 6. Juli Nummer St
Oie Sommernacht.
Von F r t e d'r t ch G o t t l i e b K l o p st o ck.
Wenn der Schimmer von dem Monde nun herab In die Wälder sich ergießt, und Gerüche Mit den Düften von der Linde In den Kühlungen wehn,
So umschatten mich Gedanken an das Grab Der Geliebten, und ich seh in dem Walde Nur es dämmern, und es weht mir Von der Blüte nicht her.
Ich genoß einst, o ihr Toten, es mit euchl
Wie umwehten uns der Duft und die Kühlung, Wie verschönt warst von dem Monde Du, o schöne Naturl
Unter Tiroler Bauern.
Von Karl Heinrich Waggerl.
Zu meiner Zeit lernte man in der Schule auf eine seltsame Weise Geographie. Heute noch klingt bisweilen in unruhigen Nachtschlaf die Alptraumfrage hinein: „Wie heißen die Grenzen zwischen den Zentralalpen und nördlichen Kalkalpen?" Im Traum beginnt es sogleich abzuschnurren: Klostertal, Arlberg, Stanzer Tal, Inn, Salzach, Wagrainer Höhe, da bricht es ab. Und heute steht ein hochgewachsener blonder, sonnverbrannter junger Mann vor seinem Besucher und erzählt von den letzten vierzehn Jahren, die er seit seinem späten Kriegsende in Wagrain in Pongau, seinem ständigen Aufenthaltsort, verlebt hat, ganz anderen Dingen hingegeben als der Scheidung zwischen Urgestein und Kalk — ein junger Salzburger Dichter und Erzähler, der in den drei Jahren seines Auftretens die nähere und die weitere deutsche Heimat aufhorchen machte: Karl Heinrich Waggerl.
Meine väterliche Familie stammt aus Schwaben und gehörte dem Bergmannsstande an. Als im achtzehnten Jahrhundert die protestantischen Bergleute aus dem Salzburgischen auswandern mußten, zog man katholische aus Schwaben herein und so kamen meine Vorväter ins Gasteiner Tal und gruben nach Gold. Die Ahnen mütterlicherseits waren „Zehentner", also eine Art erzbischöflicher Steuereinnehmer. Mein Vater war Zimmermann beim Bergbau in Badgastein, kam aber schon in die Zeit des starken Rückgangs der Grabungen und mußte zu mancherlei Nebenberufen greifen, zeitweilig betätigte er sich als Bergführer, wie auch ein Onkel von mir Pächter und Wetterbeobachter auf dem Sonnblick war. In diese recht kärglichen Verhältnisse wurde ich 1897 in Badgastein hineingeboren, mußte schon in der Volksschule mitverdienen, wo es ging, und der aufblühende Kurort gab immer wieder Gelegenheiten dazu. Mein Stolz war erfüllt, als ich zwischen meinem achten und zehnten Lebensjahr die Schacht- und Förderkorbfahrten meiner Vorfahren ins Moderne übersetzen konnte: als Liftboy. Mein Schullehrer aber baute mehr auf meine sogenannten geistigen Fähigkeiten und befand sie genügend, um meine Entsendung ins Lehrerseminar nach Salzburg zu rechtfertigen, als ich vierzehn war.
Drei Jahre hielt ich's aus, dann meldete ich mich mit siebzehn noch vor Vollendung des Studiums freiwillig zum Kriegsdienst. Das Liftboyleben mußte mir schlecht angeschlagen haben: ich war damals noch so klein und unansehnlich, daß man auf meine Offizierswerdung wenig Gewicht legte und mich nach kurzer Ausbildung ins Feld schickte. Eru als ich acht Monate bei den Sieben Gemeinden gestanden war, hatte ich mir zugleich den Leutnantsrang verdient.
Die letzten Kriegstage brachten mich wie so viele in italienische Kriegsgefangenschaft: in Monte Cassino und dann in Amalfi sah ich zwei Jahre in herrlichster Umgebung, aber (bis auf meinen alten Freund Matthias Claudius) vereinsamt und krank. Das Emporschießen zu meiner jetzigen Höhe war meiner Lunge zuviel geworden und als ich 1921 m die Heimat zurückwanderte, nach rasch abgelegtem Examen glücklich Lehrer in Wagrain wurde, mußte ich in Jahresfrist den für mich zu schweren Berus aufgeben und es begannen nun schwere Jahre des riechens, der Entbehrung, des Hungers. Aber trotzdem gab mir die ländliche Abgeschlossenheit, die idealen Gesundheitsverhältnisse des wind
geschützt in einer weiten Talmulde gelegenen Wagratn, Skifahrten im Winter und Wanderungen im Sommer die Gesundheit wieder, schriftstellerische Arbeit half mir mein Brot verdienen und so lebe ich mit meiner Frau, meiner treuesten Helferin, in unserem kleinen, ganz außerhalb des Ortes gelegenen Häuschen, einstweilen noch zur Miete, bis ich mir selbst kraft meines väterlichen Zimmermannstalentes mein eigenes Heim bauen kann, pflege meinen Garten, ziehe meine eigenen Kartoffeln und habe, wen ich nicht gerade einen 3tomjm schreiben muß, meine mindestens vierzehn Liebhabereien, vom Häuslichen bis zum Zeichnen, Modellieren und Schnitzen, Anfertigen von Scherenschnitten oder Metallarbeiten.
Wagrain, an der einst verkehrsreichen Straße von Salzburg über den Radstädter Tauern nach dem Süden gelegen, ist mit der Bahnentwicklung stark zurückgegangen und zählt heute etwa dreihundert Einwohner. Ich lebe mit und unter den Bauern, sie haben mich, wie mir scheint, ganz gern, ich kenne ihre Sorgen und Nöte, sie wiederum betrachten mein „Kalendergeschichten-Schreiben" mit einiger Scheu, lesen aber auch bisweilen meine Bücher, sind gar nicht ungehalten, wenn der eine oder andere sich darin wiederzufinden glaubt, und eine Bauersfrau dankte mir mit tiefer Rührung für eine meiner Erzählungen, weil ich ganz unabsichtlich das nicht schwer zu erfindende Motiv darin verwendet hatte, daß eine Bäuerin im Gebetbuch eine Locke ihres verstorbenen Kindes mit sich trug, es war auch ihre Gepflogenheit (eit Jahren.
Allerdings mit meiner ersten Veröffentlichung ging es mir schlechter. Und dabei war ich so unschuldig. Ich fing eigentlich ziemlich spät mit dem Schreiben und Dichten an. Ein phantasievolles Kind war ich vielleicht, zumindest nach meinen Streichen zu schließen. Im kleinen David meines „Jahr des Herrn" ist einiges von dieser Zeit festgehalten. Literarische Jugendsünden gab's wohl auch, aber wirkliches inneres Gestalten begann erst in der Kriegsgefangenschaft, aus Einsamkeit und Heimweh heraus. Aber auch da wurde nichts Rechtes ausgezeichnet. Und erst in den beruflosen Krankheitsjahren der Nachkriegszeit setzte ein völlig absichls- und zweckloses Schreiben ein, ohne Ehrgeiz und Erwerbsabsicht. Freunde brachten meine ersten Skizzen ober Erzählungen in der „Deutschen Rundschau" und der Münchener „Jugend" unter und die „Rundschau" verhalf mir denn auch 1927 zu meinem ersten Druck, der Erzählung „Die Entfesselten", die mir — in ganz mysteriöser Weise — die unverschuldete Peinlichkeit brachte, deren ich oben gedacht habe.
Das kam so: Zu meinem todkranken Vater war ich nach Badgastein gereist und dort stieg mir, ganz unbewußt, die Vision jener Erzählung auf: Vierzehn Holzknechte, die aus tiefstem Frieden in grauenhaften Streit geraten, ausbrechen wie Amokläufer und förmlich das Dorf vernichten. Die Erzählung wurde, wie gesagt, in der Deutschen Rundschau gedruckt — noch während meines Aufenthaltes in Gastein. Ich komme von dort nach Hause zurück — wenige Tage nachher trägt sich im Dorfe eine schreckliche Geschichte zu: vierzehn Holzknechte geraten in Streit, brechen aus und so weiter — kurz, meine Geschichte in der Wirklichkeit! Sogar bas Haus, bas ich beschrieben hatte, stimmte in Aeußerlichkeiten überein. Aber jetzt kommt bas Peinliche: ein Salzburger Blatt hatte meine Erzählung zum Nachbruck angenommen unb sie erschien jetzt — nach ben realen „Vorfallenheilen". Natürlich glaubte alles, ohne jenen ersten Druck zu kennen, ich hätte bie Wirklichkeit kopiert, unb ba sie für ben Ort nicht sehr auszeichnenb war, richtete sich aller Groll gegen mich unb ich mußte gerabeju für einige Zeit mein liebes Wagrain meiben.
Wie es bann weiterging mit ber Schriftstelleret? Nun, biese wenigen gedruckten Skizzen kamen durch Freunde dem Professor K i p p e n b e r g vom Insel-Verlag zu Gesicht. Eines schönen Tages erscheint bet mir der Postbote and zählt mir Krankem, Ziellosem, Verzweifelten ohne eine Zeile bisheriger Gegenleistungen den Wert von fünfhundert Mark auf ben Tisch. „Vom Insel-Verlag" sagt er unb verschwinbet. In bie,en Zeiten war in bewußter Anlehnung an Knut Hamsun unb seinen „Hunger" mein Erstlingswerk „Brot" entstauben. Als literarische Stubte zunächst unb als Hebertragung bes norbischen Schicksals in mein so ähnliches süblicheres. Natürlich war an ben Druck niemals gebucht, niemals zu benten — ich warnte den Verlag, er druckte das Buch und es war mein erster Erfolg, hält heute beim siebzehnten Taufend. Ich habe darin versucht, das männliche Prinzip zum Ausdruck zu bringen, ben Mann, ber immer roieber von vorn anfangen muß, alte Schulb löscht unb sich burchrtngt, bis bie Erbe ihm „Brot" gibt. Es ist bies Simon, ber Etnöber, ber schließlich ben Steg baoonträgt über ben spekulativen Dorfmüller, ber mit feinen Beglückungsplänen (er hat eine Heilquelle entbedt) unterliegt. Natürlich will ich damit nicht sagen, daß es heute ohne Maschinen geht. Aber die Maschine ist für den Menschen ba, nicht ber Mensch für bie Maschine.
Habe ich in „Brot" zu lernen begonnen, wie man ben Faben einer Komposition sesthält, so habe ich in meinem nächsten Werk „Schweres Blut" diese mühsam genug gehandhabte Technik wieder verlassen zugunsten einer eher losen Aneinanderreihung von — sagen wir Legenden.


