feiner fast verdrängten Mitbewohnerin des Hauses als Letztes geboten hatte. Vergeblich geboten hatte! Denn die Scnatorswitwe sagte zum Aerger des Schuhmachermeisters und zum Kummer ihrer vier erwachsenen Kinder immer wieder bet den sich ständig steigernden Angeboten ihres kaufwütigen Mieters das gleiche. Dies nämlich: Solange sie lebe, sei ihr Haus nicht verkäuflich, und wenn er ihr hunderttausend Mark biete.
Gust nahm, als er zu seinem Besitzer geworden war, den letzten Durchbau des früheren Senatorhauses vor.
Aus den beiden winzigen Wohnungen im obern Stockwerk schuf er sich durch Wändefortnehmen endlich die langentbehrte standesgemäße Unterkunft. Im untern Stockwerk wurde die Werkstatt noch einmal nach hinten gerückt. Das Schreibzimmer, das in dem ehemaligen kleinen Küchenraum untergebracht roctr, hatte sich längst als Notbehelf erwiesen. Es genügte Gust in keiner Weise mehr. Dringend hatte er ein modernes Kontor nötig. Denn nur dort war ein würdiger Empfang der Reisenden und Lieferanten möglich. Außerdem waren die Hauptpfeiter des Geschäfts nicht mehr die Arbeiten in der Werkstatt und die Verkäufe im Laden. Denn das hatte seinen großen Aufschwung erst durch die Handelsabschlüsse in der Schreibstube genommen. Ihr gebührte also die vorderste, die sichtbarste Stelle: der Raum an der Hohen Straße.
Ob ein Paar Schuhe mehr oder weniger verkauft wurde, ob eine Reparatur drei oder fünf Stunden dauerte — dabei ging's nm elende Groschen, bestenfalls um einige lumpige Mark. Bei den Geschäften im Kontor aber handelte es sich um den Verdienst oder Verlust von Hunderten, von Tausenden! Vertauschen also die beiden Räume: Die Werkstatt nach hinten, in den ehemaligen Küchenraum mit Ausblick auf den Hof! Die Schreibstube nach vorn mit Aussicht auf die Hohe Straße! Selbstverständlich mutzte sie eine eichene Wanöbekleidung haben. Dann patzte die frühere Küchentür nicht mehr in den Raum. Wurde eine neue gemacht.
Als der Tischlermeister, der mit der Anfertigung der Wandbekleidung und der neuen Tür beauftragt war, Gust fragte, ob er — wie von der früheren nach hinten gelegenen Schreibstube ber — auch von seinem Privatkontor aus ein Türguckloch in die Werkstatt haben wolle, da verlachte er ihn: Wozu? Die Zeit der Läppereien sei für den Siebten seines Vaters, der freilich als Pantoffelmacher in den Baracken gewohnt habe, endgültig vorbei.
Des zum Erweis wurde der Straßengiebel des ehemaligen Senatorhauses leuchtend gelb mit Oelfarbe gestrichen und quer über seine ganze Breite auf weißen, braun geränderten Grund in halbmeterhohen schwarzen Buchstaben gemalt:
August Micheelsen, Schuhmacherwerkstatt, Schuhwarenlager, Lederhandlung en gros et en detail.
Es hatte sich nämlich im Laufe der Jahre ergeben, daß nicht nur alle Schuhmacher der Stadt, sondern auch die Schuster der Dörfer in meilenweitem Umkreis, ja Handwerksmeister der Nachbarstädte, ihr Leder von Gust, dem Sohn des Pantoffelmachers Schorsch Micheelsen, bezogen.
Der Lederhändler an der Hohen Straße borgte seinen Kunden auf das bereitwilligste. Er borgte mehr, er borgte länger als irgendwer. Eines Tages aber schickte Gust die Gesamtrechnung zuzüglich sämtlicher Verzugszinsen mit der Aufforderung um Bezahlung bis zum nächsten Monatsersten. Erfolgte diese nicht — und das ereignete sich in solchen Fällen fast immer —, dann vermochte kein Bitten und Drohen der Männer, kein Flehen und Weinen der Frauen längere Stundung bei ihm zu erwirken. Der Gerichtsvollzieher erschien, und Gust brachte mit seiner Hilfe mancherlei Hab und Gut um einen Spottpreis an sich. Mehr als ein Handwerksmeister, dessen Zahlungsverpflichtungen durch Zwangsverkäufe nicht zu decken waren, mutzte auf der Hohen Stratze Nummer 78 als Geselle unterkriechen und sich durch jahrelange Lohnabzüge für nichtbezahltes Leber drückende Schuldknechtschaft gefallen lassen. Verheiratete, von dem langjährigen Meisterthron herabgesunkene einheimische gesellen nahm Gust ohnehin lieber in Arbeit als vagabundierende Handwerksburschen aus fremder Herren Länder, die bei den widersinnigsten Anlässen, oft schon nach wenigen Wochen, von einem Sonntag auf den andern Sonntag kündigten. Ohne jedes Gefühl der Verantwortung. Ohne jedes Verständnis für die gemeinsamen Interessen.
Schließlich arbeiteten vier ehemalige Meister, zwei Gesellen und ein Lehrling, der als Laufbursche nicht entbehrt werden konnte, in Gusts Werkstatt. Drei Verkäuferinnen waren in seinem Laden angestellt. Ein Schreiber vermochte die Führung seiner Bücher und die Erledigung seines ständig wachsenden Briefwechsels nur durch häufige freiwillige Ueberstunden zu bewältigen.
Immer noch stand zuoberst in der Werkstatt der Schusterhüker Gusts: jenes dreibeinige blankgewetzte, armselige Sitzgestell, auf welchem er seine ersten Kunden erwartet hatte, oftmals über deren Ausbleiben so verzweifelt, daß er mehr als einmal seinen Knieriemen mit der Frage angesehen hatte: „Aufhängen?" Der Herr Lederhändler nahm zwar an manchem Tag nicht mehr auf seinem alten Arbeitssitz Platz. Dennoch wäre es selbst für die damaligen Meister in der Werkstatt — wieviel mehr für einen der Gesellen! — ein Verbrechen gewesen, das nur mit sofortiger Entlassung gesühnt werden konnte, falls sie auch nur eine Minute lang während seiner Abwescnbeit sich darauf niedergelassen hätten.
.nocILtJrurt von sechs bis zwanzig, einundzwanzig Uhr die grüne L>chusterschürze. Auch dann, ivenn er während dieser Zeit keinen Pickdraht in die Hand nahm, keine Ahle durch das «eder bohrte, keinen Holzplück in die Sohle hämmerte, keine Sticfelichäste znschnitt.
"VeranIW »rUtch,- Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl
Immer noch ging Gut ohne Rock durch seinen Tag, des Sommers mit aufgekrempelten, des Winters mit herabgekrempelten Hemdsärmeln. Dafür lag eine sachliche Notwendigkeit längst nicht mehr vor. Aber man sollte da, wo sie der Entwicklung des Geschäfts Geichäfts nicht hinderlich waren, die guten alten Bräuche ehren!
Immer noch verschmähte Gust des Alltags Schlips und Kragen. Nicht nur die geschniegelten Reisenden, sondern selbst seinen Oberstleutnant, seine drei Grafen und seinen Baron empfing er so. Es machte einen weit biederen Handwerkereindruck als jede „feine" Kluft. Auch feilschte es sich in Schusterschürze und sichtbaren Hemdsärmeln besser als mit Vorhemd und Manschetten. Sodann wurde niemand in der Stadt durch sonntägliche Wochenkleidung zum Nachdenken darüber verleitet, wieviel Geld er wohl schon auf Hypotheken fortgeliehen hätte. Denn obwohl es sich nicht verheimlichen ließ ,datz er zu den bessergestelltett Bürgern der Stadt gehörte, wie weit er schon nach vorn gerückt war, wußte keine Menschenseele. Nicht einmal Rikelchen!
Immer noch glaubte Gust der alte zu sein, und trotzdem war — unbemerkt von allen, doch nicht von Rikelchen — nach und nach mit ihm eine Wesenswandlung vorgegangen.
Weder in der Werkstatt noch in dem Laden, ja nicht einmal in seinem immerfort verbesserten, mit Stolz betrachteten Privatkontor schwächt sind, werden zwar die aufgesetzten Edelreiser annehmen hielt der Schuhmachermeister, Schuhwarcnverküufer und Lederhändler August Micheelsen es tagsüber länger als Minuten aus. Er redete sich ein — daß es so sein müsse. Oder stockte etwa nicht alles, sobald er unterließ, hüben und drüben, vorn und hinten nach dem Rechten zu sehen? Niemand war zu trauen! Keiner Verkäuferin — keinem Schreiber, keinem Gesellen — keinem Exmeister. Alles Faulenzer! Alles Lügner! Alles Betrüger! Jeder dachte nur ans Drücken, ans Rechen zu eignen Gunsten, ans heimliche Mitnehme. Jeder wollte nichts als persönlichen Vorteil. Keiner, auch ber Zuverlässigste nicht, der — wen er auf sich gestellt war, wenn er sich unbeobachtet wußte — die Interessen des Geschäfts vertrat. Von dem doch ihr Wohl und Wehe abhing. Denn wo befänden sie sich allesamt ohne das Gedeihen seines Geschäfts, insbesondere der Lederhandlung? Auf der Straße! Was blieb ihm also, nicht nur zu seinem Besten, sondern ebenso zum Besten seiner Leute, anderes übrig, als daß er ihnen — damit sie nicht einschliefen — fortwährend auf die Hacken trat? Zeitvergeudung? Aber nein! Erhöhte werthaftere Ausnutzung der Zeit, als wenn er auf seinem Schusterhüker obenan in der Werkstatt saß und tat, was andere ebensogut tun konnten, während er mit dem Aufsichtführen jene Arbeit vollbrachte, für die außer ihm niemand in Frage kam.
In Wahrheit lief Gusts Geschäftigkeit von Jahr zu Jahr leerer. Sie lärmte nur mehr als früher. Wie Mühlsteine, die um so lauter klappern, je weniger Korn sie zwischen ihren steinernen Zähsten haben.
Einmal rief Rikelchen den Ruhelosen an.
Gust begriff nicht. „Stehe ich morgens später auf?" fragte er verwundert. „Nein", mußte seine Frau antworten.
„Liege ich mittags zwei — drei Stunden im Bett, statt mich mit einem Nicker von zehn Minuten in der Sofaeckc zu begnügen?"
„Nein."
„Gehe ich eine Minute vor Geschäftsschluß nach oben?" „Nein, Gust."
„Was willst du also eigentlich von mir?"
„Versuch es doch mal wieder einen Tag lang in der Woche mit Arbeiten auf deinem lieben alten Schusterhüker."
„Daß der Schreiber und die Verkäuferinnen denken: Heut hat der Alte Stattwache! und mich durch Faulheit oder sonst wodurch bestehlen!"
„Du brauchst den Tag ja nicht festzulegen — kannst wechseln, brauchst ihn nicht anzukünüigen — kannst sie darüber im Zweifel lassen."
„Nach einer Stunde merken die, was meine Glocke geschlagen hat."
„Also zweimal in der Woche einen halben oder viermal einen Vierteltag."
„Hast du nie das Wort gehört, Rikelchen: Des Herrn Fuß düngt besser als Mist? Mein Baron, der nicht einmal seinem Inspektor über den Weg traut, geht den ganzen Tag mit dem Stock in der Hand auf seinem Acker spazieren. Nichts tut er, wenn man die Sache mit den Augen ansieht. Und trotzdem schafft er, ivenn man es mit dem da, mit seinem Verstand, betrachtet, mehr als zwei von seinen zwanzig Spann Pferden. Mindestens drei Spann, und das sind — was du trotz deiner rheinischen Herkunft wohl schon weißt — zwölf Pferde, mindestens achtundvicrzig Pferdebeine müßte er mehr einstellen, wenn er nicht von früh bis spät als Faulenzer auf seinem Acker spazrerengingc."
„Ich will dich ja gar nicht von dem Aufsichtführcn wegreden. Aber versuch doch mir zuliebe, täglich eine Stunde lang auf deinem alten Hüker zu sitzen und wieder Schuster zu sein."
„Wenn ich dir einen Gefallen damit ue — meinetwegen!" willigte Gust ein.
Drei Tage lang mühte er sich ehrlich, wenigstens eine Stunde an jeener Stelle, auf welcher er früher zwölf, vierzehn Stunden zwischen Schlafen und Wachen hämmernd verbracht hatte, auf seinem Schusterhüker zu arbeiten. Aber die innere Rastlosigkeit ließ es nicht zu.
(Fortsetzung folgt.)
fche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, D. Lange, Siehe».


