Oer „Lügen-Münchhausen^.
Don Börries, Freiherrn von Münchhausen.
Der Balladenöichter Börries von Münchhausen, dessen 60. Geburtstag in diesen Tagen gefeiert wurde, ist zwar kein unmittelbarer Nachkomme der berühmtesten Persönlichkeit seiner weitverzweigten Familie, des Freiherrn Hieronymus von Münchhausen auf Bodenwerder, wie oft behauptet worden ist, aber er widmet ihm ein eingehendes Kapitel in der prächtigen Historie seines Geschlechts, die er unter dem Titel „Geschichten aus der Geschichte" bei Philipp Reclam jun. in Leipzig erscheinen läßt. Nachdem er von dem abenteuerreichen mit kühnen Taten erfüllten, tragisch ausklingenden Leben des Rittmeisters in russischen Diensten berichtet hat, rückt er seine so viel verkannte Erzählungskunst in das rechte Licht.
Ueber Münchhausen als Erzähler haben wir drei Quellen, nämlich die Erinnerungen meines Urgroßvaters, der von 1772 ab das unweit von Bodenwerder gelegene Amt Springe am Deister als Oberhauptmann verwaltete und also noch durch lange Jahre sein Nachbar und Zeitgenosse war. Dann die Aufzeichnungen meines Großvaters in der Fortsetzung zu Treuers Geschichte unseres Geschlechts, und endlich eine kurze Lebensbeschreibung, die aus der Zeit seines Todes zu stammen scheint und in Podilau aufbewahrt wird. Diese berichtet: „Fast nur im vertrautesten Kreise von Freunden und Bekannten war er zum Erzählen zu bringen, gewöhnlich nnr nach dem Abendessen, nachdem sein ungeheurer Meerschaumkopf mit kurzem Rohr in Rauch gesetzt war und ein dampfendes Glas Punsch neben ihm stand. Fing das Gespräch an, lebhafter zu werden, so wirbelten auch die Wolken seiner Pfeife immer dicker empor: seine Arme wurden immer unruhiger, das kleine Stutzperückchen fing an durch die Hände auf dem Kopfe herumzutanzen, das Gesicht ward lebhafter und röter, und der sonst sehr wahrhafte Mann wußte dann bei einer lebhaften Einbildungskraft alles völlig bildlich vorzumalen."
Mein Urgroßvater sah während der jährlichen großen Sau- jagden in den Bergwäldern des Deisters sehr viele Mitglieder des landsässigen Adels von Hannover als Gäste bei sich in Springe. Er erzählte, daß schon jahrelang vor dem Erscheinen des Buches, wenn bei Tisch die Jäger in der Aufzählung ihrer Heldentaten den Mund sehr voll nahmen, von anderen als Dämpfer eingeworfen worden sei: „Da hat der Münchhausen von Bodenwerder aber noch ganz andere Dinge erlebt!" Hier tritt uns zum erstenmal bas Sprichwörtliche an Münchhausens Ruhm entgegen, das also schon bestand, lange ehe die Druckerschwärze ihm weiteste Verbreitung gab. Auch das Berliner Vademekum von 1781, in dem, soweit wir bisher wissen, zum erstenmal Geschichten aus seinem Munde veröffentlicht sind, beginnt mit der Erwähnung dieser Sprichwörtlichkeit: „Es lebt ein sehr witziger Kopf, Herr von M—h—s—n, im H—schen, der eine eigene Art sinnreicher Geschichten aufgebracht hat, die nach seinem Namen benannt sind, obgleich nicht alle einzelnen von ihm sein mögen. Es sind Erzählungen voll der unglaublichsten Uebertreibungen, dabei aber so komisch und launig, daß man ohne sich um ihre Möglichkeit zu bekümmern, von ganzem Herzen lachen muß — in ihrer Art wahre Hogarthsche Karikaturen. Unsere Leser, denen aber vielleicht schon manche davon durch mündliche Ueberlieferung bekannt sind (1781 und in Berlin», sollen hier einige der vorzüglichsten davon finden." Und schon im Vademekum von 1783 hat der Herausgeber auch diese knappe Einführung nicht mehr nötig und kann den Lesern als selbstverständlich „noch zwei M.-Lügen" erzählen und gewiß sein, daß jeder den Namen richtig ergänzt.
Wie Münchhausen als Antwort auf die Aufschneidereien anderer den Augenblick zu fassen verstand, davon erzählte mein Urgroßvater Börries, der Oberhauptmann, noch folgendes eigene Erlebnis: Bei einem Festessen in Hannover hatten mehrere Fühn-. riche in ihrer angewärmten Stimmung sehr über ihr Glück bei den Damen geprahlt. Münchhausen, bis dahin wenig bemerkt, hatte ganz trocken eingeworfen: „Dergleichen ist kaum des Erzählens wert im Vergleich zu einer Hofschlittenfahrt, der ich, auf Einladung Ihrer Majestät der Kaiserin in Petersburg beizuwohnen die Ehre hatte." Dann beschrieb er so lebhaft, daß die Hörer alles mit den Augen zu sehen wähnten, den riesigen Hofschlitten mit Audienzzimmer und Ballsaal und (mit deutlichen Anklängen an die Prahlereien der Fähnriche) wie auf dessen Plattform die Junker in Handschlitten die Hofdamen im frisch gefallenen Schnee herumgezogen hätten. Diese Verdoppelung des Einsatzes, die Münchhausen in knappen Worten über den Tisch warf, rief ein schallendes Gelächter hervor, der Gutsherr von Bodenwerder aß ruhig weiter, aber die Prahlereien am Tisch wurden merklich vorsichtiger. Mein Großvater erzählt, daß Hieronymus -mit seiner Gabe „so wenig irgend zudringlich als je durch Wiederholungen langweilend" gewesen sei. Seine Gabe kam nur bei Gelegenbeitcn, die der Augenblick bot, oder, wenn er von seiner Gesellschaft, besonders bei und nach der Tafel, in richtiger Weise hineingeführt ward, zum Vorschein, aber sie verließ ihn auch, trotz aller Niedergeschlagenheit der letzten Jahre, bis auf sein Sterbebett nicht. Als wenige Tage vor seinem Ende die Haushälterin Frau Nolte, die Frau seines letzten treuen Jägers, beim Zudecken gesehen hatte, daß an seinem Fuße zwei Zehen fühlten — sie waren ihm in Rußland erfroren und abgenommen —, rief sie ganz erschreckt: „Ach, Herr Baron, was ist denn das?" lind der Greis mit den brennenden Augen unter den schlohweißen Brauen richtete sich mühsam auf: „Tie hat mir einmal ein Eisbär auf der Jagd abgebissen..."
Später mag die lustige Quelle spärlicher geflossen sein, und der Siebenundsiebziger wird dem Schicksal seiner Jahre so wenig entgangen sein wie irgendein anderer. Der Vater jenes Dr. Ellissen, der 1849 die erste ausführlichere Nachricht über Hieronymus in der Einleitung zur sechsten deutschen Originalausgabe (Göttingen, Dietrich) brachte, sah und sprach in seiner Jugend den alten Münchhausen in dessen Garten zu Bodenwerder. Er nennt ihn einen abgestumpften, mißtrauisch und wortkarg gewordenen Greis, vernahm von dem dortigen Pastor Claudius, der bei dem Gutsherrn sehr in Gunst stand, die volle Bestätigung alles dessen, was von seinem „Capitaltalente", wie er es hätte früher leuchten lassen, nur immer in der Welt verlautete. Münchhausen habe seine Geschichten wahrhaft freiherrlich, mit soldatischem Nachdruck und Feuer, aber mit der leichten Laune des Weltmannes zum besten gegeben, als Sachen, die sich von selbst verstehen.
Wie stand der „Lügen-Münchhausen" nun der Veröffentlichung seiner Erzählungen gegenüber? Er war ein Edelmann der alten Schule, die Veröffentlichung eines vornehmen Namens erschien ihm unvornehm, er glaubte diesen dadurch in den Schmutz der Literatur gezogen. Wäre die Veröffentlichung ohne unseren Namen erfolgt, so hätte er sich vielleicht an dem Büchlein erfreuen können, denn man muß immer wieder betonen, daß er sich nicht etwa der Schnurren schämte, seine Vaterschaft bestritt oder sich im Freundeskreise der Neckerei als „Narrierer" entziehen wollte! — Glaubt's nur, ihr gravitätischen Herrn: Gescheite Leute nar- rieren gern", ist mit Recht der Wahrspruch der deutschen Ausgaben. Er glaubte nur, was auch heute noch eine große Zahl seiner Standesgenossen im tiefsten Herzensgründe glaubt.
Daß Hieronymus in Pyrmont G. A. Bürger kennengelernt und ihm dort seine Wundergeschichten erzählt habe, ist nicht nur, wie Ellissen meint, eine unverbürgte Sage, sondern nach dem Obigen eine sicher unwahre Geschichte. Wer die ständische Schichtung des 18. Jahrhunderts kennt, mußte es schon ohnedem für sehr unwahrscheinlich halten, daß der Baron einem Bade- bekannten gegenüber so aus sich herausgegangen sein sollte. Münchhausen hat, außer dem kleinen allernächsten Kreise seiner Umgebung (Pfarrer, Haushälterin, Jäger), nur den Herren seiner Gesellschaft erzählt.
1794 — drei Jahre vor Hieronymus Münchhausen — starb verarmt und schwindsüchtig Bürger, im gleichen Jahre erlag bei seinem verunglückten irischen Kohlenbergwerk der landflüchtige Dieb Raspe dem Fleckfieber. Sie haben alle kein glückliches Ende gehabt, der erste Herausgeber und der Nebersetzer so wenig wie der große „Wundermann von Bodenwerder", der als letzter 1797 auf der alten Weserinsel starb. Seinen müden Leib legten sie in die Gruft der Klosterkirche des braunschweigischen Dorfes Kemnade.
Oer Fall Pirelli.
Kriminalgeschichte von Lindy.
Jim verlangte von der Garderobenfrau eine Bürste, befreite seinen Hut von einem Stäuhchen, warf der Frau einen Vierteldollar hin und verließ das Kino, nicht ohne, vorher noch dem Mädchen an der Kasse freundlichst zugelächelt zu haben.
Das schnippische Naserümpfen, das er dafür erntete, brachte ihn durchaus nicht aus seiner guten Laune, und indem er die Hauptmelodie aus „Fallen Angels“ vor sich hinpfiff, ging er nach Hause.
In der Portierloge warteten zwei unauffällig gekleidete Gen- tlcmen auf ihn, denen er die Kriminalbeamten ansah, noch bevor sie den Mund aufgemacht hatten.
„Der Inspektor wünscht Sie zu sehen, Mr. Durant," meinte der Größere der beiden, „wir wollen mal gleich hinsahren!"
Jimmy hatte nichts dagegen einzuwenden, aus der richtigen Einsicht heraus, daß das doch wenig Erfolg gehabt Hütte, und betrat zehn Minuten später die Office des allgewaltigen Inspektors Wells, immer noch die Schlagermelodie auf den Lippen.
Bei näherer nnd öfterer Bekanntschaft verloren diese Polizisten doch bedeutend an Nimbus, mußte Jim denken, als er den Inspektor am Schreibtisch sitzen sah. Er ähnelte mit seiner dicken Zigarre doch eher einem behäbigen Rentner oder vielleicht auch einem putzigen Seelöwen oder...
„Na, mein Lieber", unterbrach Wells die unehrerbietige Ge- öankenreihe, „wie gehen denn die Geschäfte!"
Wahrlich eine indiskrete Frage...
„Die Zeiten sind schlecht, Inspektor, man schlägt sich so durch, schlecht und recht...
Der Beamte lachte. „Mehr schlecht als recht, vermute ich, aber um zur Sache zu kommen: wissen Sie schon, daß Ihr Freund Tomeo Pirelli vor einer Stunde in seinem Hotelzimmer erschossen wurde?" ♦
Jim verfärbte sich leicht. „Tomeo ... ist ... tot? Um Gottes willen — soll ich damit etwas zu tun haben?"
Der Inspektor gab darauf keine Antwort und zog an seiner Brasil, die offenbar nicht brennen wollte.
„Das Stubenmädchen war zwei Minuten nach dem Schuß zur Stelle und beobachtete einen Mann, der aus dem Hotel kam, einen weißen Sportwagen bestieg und in rasendem Tempo davonfuhr...."
Jim fuhr hoch. „Einen weißen Sportwagen ... einen Studebaker vielleicht?"
Wells nickte. „Der Mann trug einen hellen Staubmantel, Kappe und Brille und war nicht zu erkennen. Aber was wissen Sie von einem Studebaker?"


