das Mädchen Ins Elternhaus zurückbringen. Ihre Werbung hak ja noch mCl„®eroi&, Herr Konsul, es wird alles in Ihrem Sinne geregelt", sagte Luzius, „was ich vermag, werde ich tun." Zu des Konsuls Nachsatz, seine Bewerbung habe viel Zeit, äußerte er nichts. Aber er war sehr anderer Ansicht Seine Werbung hatte gar keine Zeit! Wieviel Manner liefen in Berlin herum, die Mita kennenlernen konnte.
Welche Konkurrenz erstand ihm in den Leuten vom Film! Eile tat Not. Er wartete noch, und richtig fiel dem Konsul rechtzeitig ein: „Wie steht es eigentlich mit Ihren Nachforschungen, die Sache verlauft doch ho fentlich nicht ganz im Sande? Sie wissen, ich wünsche keine Einmischung der Polizei, ich möchte den Skandal in meinem Hause vermieden wissen. Jan Strombecks Piratenstreich liegt mir schwer genug auf Gemüt und Magen. — Da fällt mir ein: wir müssen uns um Zurrhelm kümmern. Ich will ihn gleich nachher anrufen. Es muh etwas für den Mann getan werden, vielleicht kann man ein klein wemg wleder- gutmachen. Denn schließlich habe ich den Strombeck doch hier eingefuhrt und mit Barbara Zurrhelm zufammengebracht. Ewald soll sich untzehen. Dem Mann muß geholfen werden und gründlich. Ja. Wovon sprach ich? Ach so. Der Perlendiebstahl. Haben Sie gar nichts erreicht?"
.Einiges, Herr Konsul, noch nicht alles. Die gestohlenen oder richtiger gesagt getauschten Perlen sind sozusagen beschlagnahmt. Der Hehler, bei dem ich sie ausfindig machte, hält sie für uns in sicherer Verwahrung. Dem Dieb bin ich aus der Spur."
»Wer ist es?" , t . ,
„Daß weiß ich nicht, Herr Konsul, aber ich hoffe, es noch heute zu erfahren. Ich habe dem Manne eine Falle gestellt, in die er aller Wahrscheinlichkeit nach tappen muß. Es entscheidet sich alles heute. '
Sie sind ja ein gefährlicher Kriminalist", sagte der Konsul anerkennend, „die Perlen sind sicher und den Burschen, der sie stahl, haben Sie am Band, alle Wetter, Luzius, da muß ja wohl ich mal stramm stehen?
„Herr Konsul, wenn mir der Versuch, den Burschen zu sangen, heute mißglückt, geht er uns auf und davon. Wir wissen dann zwar wahrscheinlich, wer er ist, aber wir haben ihn nicht."
.jedoch die vier Perlen bleiben uns?"
„Die sind uns sicher, Herr Konsul, an die kann der Dieb nicht mehr heran."
„Nun, Luzius", sagte der Konsul, „wenn Sie bann nicht den Ehrgeiz des Staatsanwalts haben, lassen Sie den Mann laufen, wenn wir chn kennen. Ein Prozeß wirbelt ja doch den Staub auf, den zu vermeiden, es uns zu tun war."
„Gewiß", räumte Luzius ein, „darüber ließe sich reden. Aber ich muß wissen, wer uns solange hinter das Licht geführt hat!"
Sie trennten sich.
Der Konsul nahm sehr verstärkt die beste Meinung von Assessor Luzius mit sich. Luzius ging es, was den Konsul betraf, nicht viel anders. Er begann eine eilige Tätigkeit, packte einen Reifekoffer, suchte mit Sorgfalt die passenden Krawatten zusammen, rasierte sich noch einmal scharf und schmerzlich und sah dann sein Werk an. War alles besorgt? Dem Gericht telephonieren? Er hatte noch drei Tage freie Zeit. In drei Tagen würde er bestimmt aus Berlin zurück fein. Mit Fräulein Finkendey; Braut oder nicht!
Zwischendurch sah er auf die Uhr. Wie war es mit dem Postlager- brief, konnte der schon abgeholt sein? Wenn man nur den leisesten Anhalt hätte, wen ober wessen Finger man zu beachten hatte! Er überlegte. Ich muß boch Brenbel einweihen. Wahrscheinlich auch ben Konsul. Drei Menschen sehen mehr als einer. Und der Konsul und Brendel kommen für die Tat doch wohl nicht in Betracht? Er belächelte die stumme Frage. Der Entschluß war da: zuerst Brendel aufsuchen; und Luzius machte sich sofort auf den Weg.
Jetzt, da Zeit wieder kostbar war, nahm er ein Taxi und war nach wenigen Minuten im Haufe des Justizrats.
Der alte Herr war vom Bahnhof längst zurück, aber er war noch bei der Abfahrt feines Sohnes. „Er läßt Sie grüßen, Luzius", sagte er, „ich soll alle guten Freunde grüßen, aber Ihren Namen erwähnte der Junge ausdrücklich."
Luzius sprach die konventionellen Worte und versuchte rasch wieder loszukommen, denn er hatte Brendels Zeichensprache bemerkt. Draußen — in den Garten mußten sie gehen, um allein zu fein — sprang ihn Brendel mit allen Zeichen der Aufregung an. „Eine Neuigkeit von schwerwiegender Bedeutung. Wissen Sie, wer ben Bries gestern an bie Frau Johanna Auerbach eingesteckt hat?"
„Sie sagten es, beschworen es fast: ber Iustizrat selbst."
„Nein", sagte Brenbel, „ich habe ihn gefragt. Er besann sich erst gar nicht, bann fiel ihm ein, daß er gestern noch einmal umgekehrt war, weil er etwas vergessen hatte, die Geldtasche ober einen Ausweis, unb wissen Sie, wen er auf dem Wege zum Bahnhof getroffen, und wer sich erboten hatte, die Post mitzunehmen, da er sowieso zum Bahnhof müsse!?"
„Einer? Sagen Sie: wer also!?"
„Der Hauslehrer bei Finkenbeys, Doktor Bellmann."
Sie sahen sich an. Sie hatten beide das Gefühl, daß in dieser Sekunde die Entscheidung schon gefallen war.
„Haben wir gerade den Mann übersehen?" Luzius sann nach. „Aber ich erinnere mich, als Bellmann die Schuhe der Frau Konsul hereinholte, neulich an jenem Abend, als ich am Boden hockte vor der Puberspur, ich erinnere mich genau, baß ich auf feine Schuhe sah. Sie waren breit, Brenbel."
„Wißen Sie noch, wie lange ber Bellmann unterwegs blieb, als er die Schuhe, die vor der Tür standen, hereinholen sollte? Erinnern Sie sich, er hatte sie — übersehen und im Erdgeschoß danach gesucht!"
„Das ist wahr", sagte Luzius, „daran hat keiner gedacht. Bellmann kann in der Zeit gut lein Schuhzeug gewechselt haben. Er war ja gewarnt. Er hatte alles mit angehört." Er nahm eine Rose in die Hand, die da über ben Weg hing, er hielt sie auf ber flachen Hanb, wie bie Lösung bes Geheimnisses. Er sagte: „Bellmann hat auch bie Figur wie Zurrhelm. Man kann sie in ber Dunkelheit ganz gut verwechseln." Unb
er ließ die Rose zurückschnellen. „Er war zu vorsichtig, ber Doktor Bellmann; er wollte ganz sicher gehen. Das warb sein Verberben. Nicht einmal einen Schristzug seiner Hanb, ber ihn verraten konnte, sollten mit besitzen, wenn wir schon den Berlebach ausfindig machten. Er unterzog sich der Mühe, da ihm der Zufall Ihren Bries an Frau Auerbach in bie Finger spielte, da ihm bie Chiffre passenb lag, bie Abresse durchzupausen. Die Stadt'konnte er weglassen. Er brauchte keinen Buchstaben hinzu, zufügen."
Brendel nickte. „Vielleicht wollte er auch seine Spur verwischen, roenn eine bestand. Er mußte annehmen, falls diese Briefe nicht an bie richtig« Adresse gerieten — also in Ihre Finger —, daß Sie zögern wurden, gegen mich vorzugehen, daß er Zeit gewann. Meine Festnahme würde für ihn das Zeichen zur sofortigen Flucht sein."
„So kann es sein", sagte Luzius, „es kann aber auch ganz anders sein. Ich bin vorsichtig geworden. Ich gehe nur vor, wenn ich den klaren untrüglichen Beweis in Händen halte."
„Das wäre ja wohl nur eine photographische Aufnahme der Tat!
„Noch ein Mittel habe ich, Brendel. Hören Sie zu. Ich habe in einem dieser Briefumschläge vorbereitetes Geld weggeschickt. Wer den Bries öffnet — und nur der Dieb kommt dafür in Frage — färbt sich bie Hände mit einer Aetzfarbe, die er so leicht nicht entfernen kann. Ich fahre jetzt zu Finkendeys. Es ist gut möglich, daß wir in zehn Minuten ben Täter kennen. Uebrigens habe ich es eilig damit, ich will mit dem Abend, zug noch nach Berlin."
Brendel schaute dem Freund nach, ber im Sturmschritt baoonhef Die Geschichte ist aus, buchte er, Bellmann ber Heimliche ist ber Sieb. Wir werden ihn mit blauen Fingern überraschen, jetzt oder später. Er hatte keine Ahnung, in welch schreckliche Verwirrung der Gefühle fein Freund Luzius noch geraten sollte, und daß man den Hauslehrer nicht mit gefärbten Fingern finden würde. Er gab sich, beruhigt schon übet die sichere Aufklärung des Perlendiebstahls angenehmeren Gedanken hin. Der Luzius fährt nach Berlin. Sieh an. In Berlin ist die liebe Kusin« Mita. Nachtigall, ich hör dich trampeln ...
Elftes Kapitel.
Der Herr Konsul würde erst in einer Viertelstunde zurück (ein; aber die gnädige Frau lasse bitten.
Assessor Luzius wartete. Er hatte im Augenblick bie Meinung, bas Mäbchen zu fragen, ob Doktor Bellmann im Hause sei, aber er unterließ es bann boch. Frau Olga Finkenbey ließ ihm zubem nicht lange Zeit, barüber nachzubenken. Sie kam ihm herzlich mit ausgestreckter Hand entgegen.
„Mein Mann hat mir gesagt, baß Sie sich opfern wollen unb nach Berlin fahren werden. Das ist nett, Herr Assessor. In Ihnen wird Mito nicht den Abgesandten des Familienrates sehen, unb Ihrem Zuspruch wird sie eher zugänglich sein.
Sie lud zum Sitzen ein.
„Ich bin nicht einmal so sehr der Meinung", fuhr sie rasch fort, als wollte sie diese vermutlich nur kurze Zeit des Alleinseins mit Luzius benutzen, dem Assessor ihre Ansicht klarzumachen, „daß Sie Mita um jeden Preis mit zurückbringen müssen. Im Gegenteil. Ihr Besuch mag unserer Tochter eine gewisse Sicherheit geben. Sie soll empfinden, daß sie dort nicht allein ist; daß ihre Eltern zwar überrascht sind unb kaum entzückt von ihrer Eigenmächtigkeit, aber baß man sie roeber enterbt noH verstoßen hat."
Luzius starrte bie Frau an. „Jawohl", stotterte er, „natürlich; ganz Ihrer Meinung, gnäbige Frau."
Sie wunderte sich. Was war mit diesem sonst so sicheren Mann? Sie sah ihn an, aber er wandte den Blick weg wie ertappt. Als sie ihn zögernd beobachtete, fand sie, daß seine Augen zurückkehrten und die Blicke an ihr hängen blieben. Aber nicht ins Gesicht schaute er ihr Ge sah starr auf ihre Hände, die sie leicht ineinandergelegt vor sich im Schoß hielt. Frau Olga folgte dem Blick. Sie errötete ein bißchen; sie fah, ihr« Fingerspitzen ber rechten Hand waren noch immer blau. Ging diese« Farbstoff denn überhaupt nicht ab! Sie tat eine Handbewegung, bie dies« beschmutzten Finger verbeckte unb versteckte. Luzius nahm seinen $lil sofort zurück.
„Sie haben Farbe berührt, gnäbige Frau", warf er leiblich gefaßt hn Plaudertone hin. „Wird im Haufe gestrichen? Ein schönes leuchtendes Blau."
Da sah sie ihre Fingerspitzen boch nochmals an. „Es geht einfach nicht roieber ab", geftanb sie mit gesenktem Kopf.
„Wissen Sie, woher bie Farbe flammt?" wagte er sich vor. „Wenn es eine Delfarbe ist. hilft Terpentin."
„Ich habe keine Gelegenheit, mit Delfarben in Berührung ja kommen", versicherte Frau Olga, „aber es ist ja möglich, baß Terpentin bie Flecke entfernt." Sie rettete sich. „Es sieht häßlich aus, ich habe schon so viel baran herumgebürstet ... Entschulbigen Sie mich einen Augenblick. Da kommt auch gerabe mein Mann Ich will biefem Farbstoff I noch einmal mit Terpentin zu Leibe, auf Ihren Rat."
Er sah ihr nach, ftanb an ben kleinen Messingtisch gefettet unb schaut« abwesend noch auf bie Tür, als Frau Olga längst verschwunben war Ueberhärte er bes Konsuls Schritte? Erst als ber neben ihm ftanb, ih« bie Hanb auf bie Schulter legte, schrak er auf.
„Herr Konsul! Gut, baß Sie kommen. Ich muß Ihnen etwas sagen. Er nahm ben Konsul beim Arm unb zog ihn an bas Fenster, weit weg von der Tür, hinter welcher Frau Olga davongegangen war. Er sah den Konsul nicht an, während er sprach; cs schien, als rede er leise, febofl eindringlich zu jemanden, der unten im Garten stände unb zu ihm auf' blicke. Das ist geschehen. Das habe ich herausbekommen. So ist mein Plan. — „Gut, nicht wahr? Er mußte gelingen. Unb nun denken Si« sich, ich trete vor Ihre Frau Gemahlin, und sehe —"; er brach ab; bet Konsul hatte verstanden. Er drehte sich um, tat einen Schritt ber TÜ« entgegen, hinter ber irgenbroo Frau Olga zu finben sein würbe, unb hieU sich wieder an. „Das ist doch Wahnsinn", sagte er, „bas ist boch - unb ber Atem reichte nicht für ben zweiten Satz.
(Fortsetzung folgt.)


