Krühwinier.
Don Helmut Bartuschek.
Von allen Tennen lärmt der Schall Der Flegel plump ins offene Land. Dumpf murrt der Weite Widerhall ... Roßatem dampft aus jedem Stall.
Süß duftet noch ein Wiefenfchwall Aus Traumkleefommern durch die Wand...
Froh seiht den hellen Kirchweihrahm Die Magd nun durch das Tuchgezott. Bald zieht der Christmarktabraham Ins Dorf mit feinem Tandelkram. Schon trabt sein Rößlern, meilenlahm. Landauf, landab, int müden Trott.
Ich stapf' dahin im weiten Feld.
Di« Glocke wiegt mein Herz in Ruh, Die einsam schwingt am Rand der Well ... Aus untern Tiefen steigt und fällt Die Erdbrust, die Schneeatem schwellt ... Wie bebt der Acker unterm Schuh!
Des Abendrotes blutiger Schein Glüht Hinterm Tannicht feuerwild ... Die Nacht bricht stumm und kalt herein. Aus dunkeln Höh'n hebt's an zu fchnei'n ... Ich stapf' im bitteren Wind allein, Der aus den Finsternissen schwillt ...
Krauenliebe.
Von Hermann Hesse.
Es ist schon seit Stunden dunkel, drüben über dem See liegen die Hügeldörfer mit roten Fenstern, eines vom andern und jedes von mir durch Regen, Wolken, Sturm und Finsternis getrennt. Sie glänzen herüber und verschwinden, je nachdem der Sturm die niedrig hängenden Wolken treibt. Von diesen Dörfern ist mir jedes bekannt und lieb, jedes ein Freund und eine Erinnerung. Dort ein Sonntag mit Freunden vertrunken! Dort ein Regennachmittag im Gespräch mit Wirtin und Wirtskindern hinter beschlagenen Fenstern verdämmert! Dort ein Abend, feucht und blau, am Rand der Weinberge, mit ausblickenden Sternen, herüberwehender Dorfmusik und leisem Rauch aus abendblassen Kaminen, der hinter den schwarzen Kronen von Pappeln und Obstbäumen aufstieg!
Der Ofen, längst erloschen, wärmt noch gelinde, im Bratloch schläft "die Katze, erwacht zuweilen für Minuten und fängt zu schnurren an. An den Wänden stehen mit tausend breiten und schmalen Rücken meine Bücher. Und so oft ich ans Fenster gehe und an den feuchten Scheiben wische, liegen jenseits überm See die Dörfer mit leis glühenden Fenstern an den Hügeln, jedes eine Erinnerung. Und auf der Welt kein Laut, als der Pendelschlag der Kuckucksuhr, das feine Tropfen am Fenster, und hie und da das zarte, schläfernde Schnurren der Katze. Ich spiele, wie nmn es an diesen langen Abenden gerne tut, mit Erinnerungen, alten Briefen und Tagebüchern und Gedichten, die ich als Knabe und als Jüngling schrieb. — Wie anders man damals war! Ich lese:
es ist seit jener Nacht, daß ich vom Leben weiß, daß es ist wie die Bewegung eines Schläsers, den ein Traum erregt, wie das Aufwallen einer kleinen Woge, wie das Lallen eines Halbwachen, und daß es kaum wert ist, gelebt zu werden." Und:
„Wie schön du warst, wenn du dein feines, tröstendes Frauengesicht über meine fiebernden Augen beugtest! Wenn du mit mir der Erinnerung eines alten Liedes lauschtest, still, vorgebeugt, das tiefe Auge in die Nacht gewendet, die helle, vergeistigte Stirn von einer losen Locke märchenblonden Haares überhangen. Wenn du das Auge senktest und schweigend meine Hand mit deiner weißen Linken suchtest. Wie schon du warst!" .
Das schrieb ich, als ich wenig über zwanztg Jahre alt war; tch schrieb es an Spätherbstabenden und hatte das Gefühl, ich nehme mit diesen Worten Abschied von meiner Jugend. Es ging mir schlecht^ ich erlebte nichts als Enttäuschungen, und nachts sah ich m meiner Mansarde wach und schrieb traurige Gedichte, ohne zu wissen, daß tch gerade in dieser Schwermut mit eine 8er süßesten Iugendwonnen durchgenoß. Nun klingt mir alles, was ich damals schrieb, so wunderlich, ein wenig lächerlich vielleicht, und doch so süß und wohllaut, wie nichts seither mehr in mir klang. — „Wie schön du warst!
Da stehen meine Bücher, mehr als tausend, alle in Hungerjahren langsam zusammengespart, ein schöner Schatz mit vielen Perlen drin. Sie stehen auf guten, festen Brettern und liegen nimmer wie früher am Boden und aus dem Bett und Sofa herum. An den Wanden hangen ein paar gute Bilder, und der große Ofen brennt so lang wstl, ich brmtche die Scheite nimmer zu zählen und zu sparen. Sogar em Fäßchen We n liegt im Keller mit einem fteundlichen Hahnen im Spundloch, und in der alten Zinnschachtel liegt beständig Tabak genug. Es geht.mir also gut, sehr gut; selbst meine Katze wird seit, sie bekommt Milch, jo viel **e Aber seit die Wälder rot sind und der See im Herbststurm blitzt und
laubgrün und meerblau wird, feit die Ofenbehaglichkeit anfing und tch mein Segel vom Strand geholt und unter Dach gebracht habe, befällt mich öfters ein Zorn über dies bequeme Hinleben. Wenn ich abends beim Dunkelwerden zum Strand hinuntergehe, rauschen an der Schiftlände die Pappeln stark und zart, der feuchte Wind umarmt mich 8nell, springt aus den See und fährt stöhnend über das bewegte asser hin. Dann tut mir die Seele im Leibe weh, daß ich fein Einsamer und Wanderer mehr bin, und ich gäbe mein bißchen Haus und Glück gern für einen alten Hut und Ranzen, um noch einmal die Welt zu grüßen und mein Heimweh über Wasser und Land zu tragen.
Und gestern, ich war allein noch wach im Haus, schlug mir der Wind so dringlich ans Fenster und über dem Kapellenturm flogen die Wolken so eilig und begierig durch die Nacht, daß ich nicht länger sitzen bleiben konnte. So nahm ich leise Mantel, Hut und Stock und ging hinaus. Da schrie der Sturm in der Höhe, unten schlug im Dunkeln der unruhige See, im ganzen Dorfe war kein Fenster mehr hell, und nur am Ufer schritt unwillig der Grenzwächter auf und ab, tief in den dicken Mantel gehüllt, und mit ausgestelltem Kragen. Und als ich auf die erste Höhe kam, da lag weithin schwarzes Land und Wasser, See, dahinter der bleich scheinende Himmel gespannt, an dem die schweren Wolken stürmten. Die langen Bergzüge bückten sich im Schlaf und streckten da und dort Traum- hörner gegen den Himmel. Das ging wie eine breite, heftige Woge über mein Herz, als bräche meine ganze Jünglingszeit mit aller Freiheit und Macht auf mich herein, höbe mich vom Boden und riffe mich in unerhörte Weiten mit. O, du Wald, du stiller schwarzer Wald, und du Seeweite und du schlafende Insel im Wasser! O, ihr fernen Berge! Unvermerkt fiel ich in meinen Wanderschritt, als ob es in alle Fernen ginge, und die von der Nacht verhüllte Gegend lag als ein Märchenland verschwiegen um mich her. Bis nach einer Stunde der erste Kreuzweg kam. An diesem stand ich lachend still und dachte an mein Haus, auch fiel mir ein, daß ich beim stürmischen Fortgehen die Lampe nicht gelöscht hatte. Die schien nun weiter, solange das Del es vermochte, über die gelben Seiten eines alten Büchleins, über Tisch und Wände und durch die Scheiben ins schlafende Dorf hinaus.
Nun wußte ich wohl, daß ich morgen zurück sein müsse, und mein heißes Wandergefühl fiel langsam an, geringere Wellen zu schlagen. Aber die schöne Nacht war mein und ich wollte sie nicht von mir weisen, wie sie wartend vor mir lag. Und wie ich erwägend am Kreuzweg zögerte, begann ein starkes Heimweh mich zu ziehen. Hinter Wald und weiten Hügelwiesen wußte ich eine alte Stadt mit runden Türmen liegen, nach der es mich schon lang gelüftete. Ich hatte aber in all der Zeit nicht gewagt, einmal hinüber zu wandern, denn es lag dort ein Stück schöner Jugend von mir und lauerte auf meine Wiederkunft, um mich mit Heimweh zu überfallen. Jetzt in der Nacht schien mir die Stunde gut. Ich ging den schönen bergigen Weg durch Wald und Matten, tch saß eine Weile und rastete vor dem Tor der Stadt, hörte dem Brunnen zu, nahm einen kühlen Schluck von ihm und lief wieder weg und heim, noch ehe die Morgenhelle kam und die wohlbekannten Häuser aus der schönen schlummernden Dämmerung weckte. Da war mir fast, als hätte ich eine Tat getan.
Auf dem Heimwege war mir sonderbar zu Mute, indem ich an vergangene Jahre dachte und an die alte Stadt mit den runden Türmen und an bas, was ich dort einst erlebt habe. Nichts zum Erzählen. Eine Liebesgeschichte, einfach und schön, aber nicht frei von Schuld, und ihr Schatten hat mir ganze Jahre verdeckt. Nun schritt ich träumend durch die schwarze Nachtwelt, meinem lieben Dorf entgegen, hoch am Hügel hin über dem finsteren See. Und allmählich liefen meine halbwachen Gedanken weiter und ich dachte an alle die Frauenbilder, vor denen ich in Jünglingsjahren gekniet war, bereit, ihnen mein Liebstes und Bestes zu schenken, nur um näher ans Innere des Lebens zu kommen, nur um eine Antwort zu finden auf die dunkel in mir fragenden Stimmen. Und wie haben alle diese Versuche, diese ersten Flüge ins Land der Liebe, geendet! Alle ohne die rechte Antwort, alle unfroh und unerlöst, und die meisten nicht ohne Reue und Schuldgefühl!
Und von fast allen meinen Freunden wußte ich dasselbe und sah es an Fremden täglich. Es stirbt ja kaum einer daran. Wir werden älter, werden Männer, tun den Kranz aus den Haaren und finden unsere Ruhe. Aber wie ist es mit jenen Frauen, mit den Mädchen, um die wir einst so sehnsüchtige Irrgänge taten, die uns den ersten Morgenglanz der Liebe schenkten? Was fühlen sie, wenn wir von ihnen geben? Und was fühlen sie, wenn sie am Ende einer an hohen Träumen reichen Jugendzeit dem Letzten Ja sagen und die Hand geben? Wir Männer, wir treiben hundert Dinge, wir schaffen und forschen und arbeiten, wir haben Amt und Beruf und Schaffensfreuden — aber was haben sie, die Frauen, die nur in Liebe leben, nur auf Liebe.hoffen können? Wie feiten geschieht es, daß ihnen jener Letzte auch nur einen Teil von dem zu geben hat, was ihr die Ersten, die Jünglinge und schüchtern-kühnen Anbeter versprochen haben!
Der Sturm lief lärmend auf mich an und warf mir Regen und harte welke Blätter ins Gesicht. Vorwärts kämpfend, gab ich den Klagen Abschied und lieh die ungelösten Rätsel hinter mir liegen. Ich dachte daran, was wir alle einst als Knaben, als kühne, freche Knaben vorn Leben als unser gutes Recht erhofften. Und wie verzweifelt wenig davon wahr geworden ist! Und doch ist das Leben gut, und ist schön, und rührt uns jeden Tag mit heiligen Kräften ans Herz. Vielleicht geht es auch den armen Frauen mit ber Liebe so. Man erzählte ihnen von Märchenwäldern und mondbeglänzten Gärten, und sie finden nachher ein rauhes Stück Land, wo statt Rosen geringe Kräuter wachsen. Don denen binden sie sich einen Strauß, stellen ihn ins Fenster, und wenn abends das Dunkel die Farben auslöscht und der singende Wind aus der Ferne herkommt, liebkosen sie ihren Strauß und lächeln, und es ist, als wären es Rosen und als wäre das Ackerland draußen ein Märchengarten.
Genug, genug! Was brennt die Lampe noch? In meinen Iugend- gedichten kann ich morgen weiterlesen.


