Okioberlied.
Don Theodor Storm.
Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holdenl Wir wollen uns den grauen Tag Vergolden, ja vergoldenl
Und geht es draußen noch so toll, Unchristlich oder christlich. Ist doch die Welt, die schöne Welt, So gänzlich unverwüsllichl
Und wimmert auch einmal das Herz, — Stoß an und laß es klingenl Wir wissen's doch, ein rechtes Herz Ist gar nicht umzubringen.
Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holdenl Wir wollen uns den grauen Tag Vergolden, ja vergoldenl
Wohl ist es Herbst; doch warte nur. Doch warte nur ein Weilchen I
Der Frühling kommt, der Himmel lacht, Es steht die Welt in Veilchen.
Die blauen Tage brechen an.
Und ehe sie verfließen.
Wir wollen sie, mein wackrer Freund, Genießen, ja genießen!
An die See.
Aus meinen Kindheitserinnerungen.
Von Wilhelm v. Scholz.
Wilhelm v. Scholz gibt demnächst unter dem Titel „Berlin und Bodensee" bei Paul List in Leipzig den ersten Teil seiner Selbstbiographie heraus. Das mit Zeitbildern geschmückte Werk behandelt die Jugend des Dichters in dem kaiserlichen Berlin, in dem sein Vater der erste Staatssekretär des Reichsschatzamtes und der letzte Finanzminister Bismarcks war, ehe er auf seinen Ruhesitz Seeheim am Bodensee übersiedelte. Wir entnehmen dem Buche folgenden Abschnitt:
In diesem Jahre ging die Sommerreise nach Heringsdorf — zum ersten Eintauchen in die See. Die noch nicht für lange aufnehmenden, noch hilflosen Augen eines einjährigen Kindes hatten zwar schon Nordsee und Ostsee — weit außerhalb des Umkreises der kleinen greifenden Händchen — sehen dürfen. Aber die Eindrücke so früher Zeit haften nicht, vergehen in die sich erst bildende Seele, wie später morgens die Träume in den Erwachenden, bildlos. Die Freude auf die Reise an die See war die Freude auf etwas Neues.
Ich glaube, daß jeder Junge einmal Seemann werden will. Für mich war es lange Jahre meiner Kindheit der heißeste Wunsch — ein phantastischer, romantischer, ganz unwirklicher Wunsch; so stark vielleicht nur, weil er letztes, fast am Ursprung lagerndes Menschheitsurtum in_ sich trägt; vielleicht, weil er die größte, sich über alle Meere und Küsten dehnende Freiheit vortäuscht und Abenteuer über Abenteuer verheißt. In den Werdewünschen des Knaben spiegelt sich alles frühe Sein des Mannes als des Kämpfers gegen eine erst feindliche Umwelt. So will der Junge Seefahrer werden: das ist das erste Erobern des Meeres, das in ihm anpocht; Kutscher, Reiter, Jäger: die Bezwingung des Tiers; Heerführer, Soldat: die Niederwerfung der anderen, der benachbarten Menschen. Jeder Berufswille geht auf eine Macht aus; und seine Steigerung aus dem Machtwillen des allgemeinen ursprünglichen Mannestums ist die Ueberbetonung zuletzt des eigenen Einzel-Jchs im persönlichen Ehrgeiz und in der überheblichen Einbildung.
Seemann! Es ist auch das Fahren, die Schönheit des großen Segelschiffes, wenn es sicher und stetig durch die Wellen gleitet, und die Beglückung, am Steuer stehend durch Drehen einer Griffstange, eines Rades die Kräfte alle, die in diese Segel drücken, in der Hand zu haben, anstrengungslos von ihnen gefahren zu werden. Fast: verwirklichter Zauber — der meine Kindheit hindurch mein Traum, Wunsch, phantastischer Gedanke war, und später ernüchtert in meiner sehnsüchtigen Vorstellung sich in Maschinen verwandelte, die auch alles leisten konnten wie der Zauber.
Die Eindrücke von Heringsdorf — zusammen mit der Lektüre von „Robert der Schiffsjunge" und „Robinson Erusoe", die ich nicht mehr der Zeit nach bestimmen kann — haben jedenfalls meine Seemannslust und den Wunsch, zur Marine zu gehen, kräftig genährt.
Was war schon der Strand für eine Wunderwelt!
Das Kinderauge sieht wie in einer Großaufnahme nur das Kleine und ist allenfalls dort, wo das Kleine fehlt, bereit, sich auf das Große einzustellen. Am Strand war es der gelbgoldene Spielsaick> — der trockene, rieselnde und der nafle, feste, in dem man nahe dem Wasser Tritte em- graben, mit dem Stock Striche und Risse hart hineinzeichnen konnte, dre dann die nächste Welle weich überspülte, verlchwemmte und wegnahm. Die Festungen und Burgen, Wälle und Knale, die sich mit ihm bauen ließen, drängten all die leere, schöne, unendliche Wecke der See hinweg zumal außer den Segelbooten der Fischer und den Nahdampfern sich nur selten und fern ein Großschifs zeigte. Nur noch dre Wellen, wo sie Zur schäumenden Brandung umbrechen, heranspulen und wieder zurZu strömen, wo sie an ruhigen Tagen sich fast als friedliche Spielgefährten
des Kindes gebärden, gehörten dazu — bei besonders unbewegter See mft den bunten behängten Wunderglocken der Quallen und den kleinen Stichlingen, die zu fangen und in einem Glasgefäß zu halten, heißer und vergeblicher Kinderwunsch war.
An kleinste Bröckchen im Sand gefundenen Bernsteins erinnere ich mich und an die vielen Tausende von erhaltenen und zerscherbten Schalen von Muscheln und Wasierschnecken, die den Strand der See als schmaler, beim Begehen knirschender Gürtel umgeben. Das wehende Strand- und Dünengras, mit dem sich nichts anfangen ließ, lag im Rücken, das Spielgebiet immer hart am Wasser
Das Kind ist unablässig erfüllt von Tätigkeitsdrang — selbst in dem Vielerlei, was es träumt, in sich vorstellt und dichtet. Es will bauen, fischen, Krieg fiihren. Auch das ruhige Sehen ist ihm Tätigkeit. Es will nicht jpazierengehen, es sinnt und träumt nicht in die Landschaft. Es will etwas zu tun haben.
Sa suchte ich im Sande Muscheln und Bernstein, ging in meinem Wolljägeranzug — von dem vielleicht gerühmt worden war, daß er vor jeder Erkältung schütze, auch wenn man darin ganz naß würde — bis an die Brust ins Wasser, um mit meinem Hute Fischchen zu fangen, oder baute Burgen. Ich glaube, daß ich diese Spiele, bei denen ich mir unter lockerer Aussicht selbst Überlassen war, sogar noch dem Eselreiten auf den Langenberg vorzog.
Ob auch dem Segeln? Kaum! Da standen auch die unfehlbaren Eltern und anderen Erwachsenen wie man selbst unter dem Oberbefehl des sachkundigen Schiffers, wobei man eine neue Art von Autorität, die verantwortungsvolle, berufliche, kennen lernte: Befehlsgewalt des Kapitäns!
Die Kurgäste von Heringsdorf hatten damals keine Pachten ober kleinen Sportboote zur Verfügung, sondern charterten für kürzere oder längere Segelausflüge oder auch nur für Stunden große Fischernachen, in denen meistens der Fischer mit noch einem Gehilfen die Fremden führte. Einmal stampfte unser Fahrzeug, als wir hart gegen den Wind fuhren, mächtig schlagend und klatschend von jedem schaumigen Wellenberg ins nächste wogende Tal hinab; ein anderesmal legte das Boot sich bei ruhiger, viel glatterer See am Wind hingleitend ganz schief — wir mußten alle auf der hohen Bord feite fitzen, von der man immer auf die niedere und ins Wasser zu fallen fürchtete. Ich habe mir damals alles eingeprägt: das Schwert vor allem, das noch seitlich angelegt wurde, das Bugspriet und den Klüverbaum, das Großsegel, die Resfbändel und was es sonst Wissenswertes gab. Denn das Seemannswesen fing doch in meiner Einbildung langsam an, mein Gebiet zu werden.
Ein buchenumstandener und umschilfter sonniger Teich, zu dem ein oder zweimal nachmittägliche Kafieeausslüge gemacht wurden, ganz nahe bei Heringsdorf, ist wie ein Bild zu Lenaus Schilfliedern in meiner Erinnerung. Es gab dort ein an einem niedrigen Brettstege angekettetes Boot, von dessen Bordrand man in die nur leicht überspiegelte flargrüne Tiefe hinabsehen konnte, in die Grundgewächse mit ihren langen ziehenden Fäden, die über Steine ober abgebrochene Schilfrohrstümpfe sich hinstrählten. Seerosen, Frösche und Wasserspinnen werden dort gewesen fein; und sicher die schnellenden und dann, von ihren eigenen rasenden Flügelchen umschwirrt, reglos an derselben Stelle stehenden grünblaublitzenden Stäbchen der Libellen. Mit ein paar Schaukelbewegungen des Boots ober einem geworfenen Stein konnte man bas ganze stille Wasserreich in Bewegung bringen, große, immer größere Kreise auf bem Spiegel entstehen lasten und zusehen, wie die Wellchen fern vergliiten und noch lange in dem unergründlichen Wasserurwald zwischen dem Schilf ober ben Binsen nachwogten
Es war September geworben. Ein Tages- ober Halbtagesausflug auf bem guten alten Schraubendampfer „Sequenz" nach Misdroy war vorangegangen; ein Vortakt. Wenige Tage später fuhren wir dann bei ziemlich welliger See auf einem der Ruderboote, die den Ankunfts- und Abfahrtsverkehr der Reifenden besorgten, an den in freiem Wasser haltenden Dampfer „Kronprinz Friedrich Wilhelm" heran. Das Heran- bringen und Holen der Fahrgäste war für die Schiffer wohl ein leidlicher Verdienst, für ängstliche Reisende, namentlich Damen, aber nicht immer leicht. An windigen Tagen war man besonders froh, wenn man erst den llebergang vom schneller schaukelnden Boot auf das mit dem Schiff anders und ruhiger schwankende Fallreep und das Hinaufsteigen auf der Außenbordtreppe hinter sich hatte. Nach einer schönen frischen Fahrt war das Ausbooten in Saßnitz nicht weniger harmlos aufregend, als das Einsteigen gewesen war.
In Rügen fiel mir gleich auf und erschütterte mein Wissen um die Welt, in dem längst der Sandstrand fast zum Begriff des Meeres, mindestens der Ostsee, gehörte, daß hier der Strand ein steiniges Kieselgeröll war. Saßnitz verblich rasch gegen das, was ich nun zu sehen bekam: die Kreidefelsen von Stubbenkammer! Das leuchtende Weiß gegen das Blau der See, des Himmels und der Ferne — das ist mir doch damals schon als etwas Neues, Herrliches aufgegangen; die leise beginnenden Herbst- farben der Wälder dazu. Vielleicht fing hier die eigentliche landschaftliche Ergriffenheit an, sich in mir vorzubereiten. Freilich gestehe ich, daß mir der abendliche Lichtzauber, den man für die Reisegäste in den geisterhaft weißen Felsen veranstaltete, noch bleibenderen Eindruck gemacht hat. Das war noch eine gute alte Zeit: große brennende Reisigbündel, die man in einer Rinne der Felsen hinunterstieben ließ, wobei sie vom Zugwind des Falls feurig aufglühten und vom Streifen am Stein Funkengarben um sich schleuderten, während die Kreideriffe rötlich angestrahlt waren.
Ob wir in Stubbenkammer selbst übernachtet haben ober nach dem Abbrennen wieder ins „Hotel zum Fahrenberge" in Saßnitz zurückgekehrt sind, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls find wir einige Tage auf Rügen geblieben. Denn bestimmt habe ich noch den Herthasee gesehen und nicht ohne Schauder von den grausamen Gebräuchen der Nerttzusseiern bei den stützen Vorbewohnern der Insel gehört. Für das Kind, welches, umhegt und behütet, das Wesen der Erwachsenen sich natürlich nach den Eltern bildet, die es lieben und von ihm geliebt werden, ist es ein grund- haftes Erschrecken, wenn Erzählungen von Menschenopfern, welcher Art sie fein mögen, plötzlich an die Abgründe unserer gemeinsamen Natur


