du, Olga?"
(Fortsetzung folgt.)
Ewald Brendel saß am Klavier; genau gesagt, war es ein Flügel. Es war nicht einmal so, daß Frau Konsul Finkendey bie schone Tante, ihn lange hätte bitten müssen. Er spielte gern und willig. Wahrscheinlich nicht ganz frei von einer liebenswürdigen Eitelkeit, wußte er gut, daß sein Spiel in diesem Kreis gefallen würde, und daß es mchü so war, wie wenn der eingeladene Künstler nach dem Essen für tue Bewirtung eine Gegengabe bieten muß, indem er zur Unterhaltung auf seine
Mge?stand'in der Mitte des Musiksalons Sessel und Sofa, Hocker und Stühle waren zwanglos um kleine Tischchen, che Notenblätter trugen, an den Wänden entlang geordnet. Nur die Klavierlampe brannte. Es war sehr still in dem Gemach; denn Brendel war wirklich ein Könner. Ms er ein Präludium griff, verstummte das letzte Wispern. Aber gerade da war es, daß Frau Finkendey einen leichten Schrei ausstieh, und daß jener Ton in die Luft sprang, wie wenn Seide zerreißt oder Papier. Justizrat Reußner, nächst am Lichtscha ter, knipste die Deckenbeleuchtung an. Da sah man im klaren Ampellicht die Bescherung. Es war nicht Papier, sondern wirklich Seide zerrissen worden, nämlich der Frau Konsul Kleid. Wie es geschehen war, blieb immer unklar. Jedenfalls hatte der Konsul seiner Gattm em reichlich großes Dreieck in die Hüfte gerissen, aus dem nun das lichte Unter« ^’gra^DIga war zunächst entrüstet. „Dein Ring wahrscheinlich", schalt sie- „wenn dir das nun nicht glücklicherweise bei mir passiert wäre... , und sie brach ab. Der Konsul lachte als einziger laut. „Olgachen , sagte er der Ewald wartet. Zieh' dich um. Mach' keine Reden, sei heb. Er geleitete seine Gattin in das Nebenzimmer und kam zuruck. Er schmunzelte. War nicht er der Held dieser Szene! Der Riß und das neue Kleid welches fällig war, bedeuteten Belanglosigkeiten; aber daß er in der Dunkelheit seine Gattin wie ein Don Juan hatte heimlich umarmen wollen, das war doch eine entzückende Nuance, nicht wahr?
Die jungen Männer lächelten zurück. Sie fanden nun wieder tue Freude des alten Herrn über feinen Streich reizend. Jan Strombeck begann eine feiner Geschichten. „Ich kannte einmal eine Singhalesm — , und endete damit, daß das Aufspringen einer einzigen Spange genügt hatte —, aber da sprach jemand etwas dazwischen, und dann kam auch schon Frau Olga zurück.
Sie war jetzt ganz in Schwarz. Sie hatte auch den Schmuck gewechselt. Statt der Perlen trug sie jetzt einen Brillantanhänger um den Hals. Luzius sah es; er bewunderte die stilvolle Art dieser Frau. Manches würde sicherlich auf die Tochter Mita übergegangen fein. Und er suchte mit den Blicken Mita, aber er fand sie nicht, denn Frau Olga hatte wieder Platz genommen, und der Justizrat drehte gerade das Deckenlicht ab.
Waren alle im Musiksalon, Gastgeber und Gaste? Es war nicht genau festzustellen, denn nun reichte das Licht wieder nur für Brendels Notenblatt. Luzius, noch mit der Zigarre in der Hand — die kann der frömmste Mann rauchen, Luzius, die bekomme ich direkt aus Habana —, Luzius hatte das Gefühl, mit feinem Tabakrauch zu stören. Er trat leise auf und schlich sich in das an den Musiksalon anschließende 8immer. Hier brannte kein Licht; dies Gemach war nicht mehr für die äste bestimmt. Das nächste Zimmer war das Schlafzimmer des Ehepaares Finkendey. Luzius wollte in den Musiksalon zurückgehen, aber die Tür stand offen, er hörte die Musik, und er war hier allein. Er fetzte sich in einen Sessel, der ihn fast verdeckte. Auf dem Tisch in der Nähe fand er eine Schale, die nahm er als Aschenbecher. So saß er allein. Vor dem Fenster, das unverhängt war, standen Bäume im Mondlicht. Die Blätter schienen mit Silber bestrichen. Luzius saß ganz still. Brendel spielte hervorragend. Die Zigarre war wunderbar. Er gab sich doppeltem Genuß hin und lauschte auf die Musik.
Erst als Brendel geendet hatte, und der Beifall verrauscht war, hörte er Brendel sagen: „Aber ich bitte Sie, meine Herrschaften, Sie beschämen mich ja; ich bin ein Dilettant", schlich sich Luzius in den Salon zurück und fügte sich dem Reigen wieder ein.
An einem kleinen Tisch saß Brendel bald darauf und stärkte sich mit einem kühlen Getränk. Reginald Zurrhelm — wann war er überhaupt zurückgekommen? — setzte sich zu ihm. Luzius machte den dritten.
„Nun", fragte Brendel, „wie war es denn, Reggy? Lag eine günstige Nachricht bei dir im Haufe?"
Reginald Zurrhelm schüttelte den Kops. „Nein", sagte er kleinlaut, „wie immer eine Absage. Ich bin nicht unter den Preisträgern."
„Also bann das nächste Mal", tröstete der gutmütige Brendel. „Wir sind ja noch jung."
Zurrhelrn schüttelte nervös den Kopf. „Wir sind eben nicht mehr jung", jagte er, „wir bilden uns das nur ein, weil wir unsere Jugend verpaßt haben. Inzwischen ist die junge Generation längst da, und wir sind bestenfalls Mittelalter."
Brendel wollte lachen, aber dies blaffe ekstatische Gesicht des Sprechers verbat sich das. Er betrachtete ihn. „Was ist mit dir? Du hast dies Nein schon einige Male im Leben erfahren, nicht wahr?"
Reginald Zurrhelm antwortete nicht gleich; er nagte die Unterlippe. „Ich will gehen", sagte er plötzlich. „Was soll ich hier? Ich fühle mich nicht wohl. Barbara ...", und er brach ab. Aber er ging noch nicht. Er schlug ein Bein über das andere, traf bei der Bewegung unsanft Luzius mit der Schuhspitze und vergaß es, sich zu entschuldigen. Luzius spürte den Schmerz unerwartet stark. „Ah, — was für efiig spitze Schuhe tragen Sie denn, Zurrhelm?" sagte er, und rieb die getroffene Stelle an der Wade.
Zurrhelm erschrak, als habe ihn jemand gellend angerufen. „Bitte?"; bann oerftanb er unb entschulbigte sich. Aber es war wirklich, als habe ihn jetzt jemanb angerufen. Er erhob sich unb gab ben beiben Freunden die Hand. „Ich gehe", sagte er nochmals, „ich fühle mich nicht gut."
Luzius unb Brendel schauten ihm nach. „Ob er gemerkt hat, daß der Holländer hinter seiner Frau her ist?", meinte Brendel. Luzius zuckte die Achseln. „Vielleicht wäre selbst das in seiner Lage von Vor»
teil. Er würde sich aufraffen unb nicht auf ben Sternfall für bas j brave Kind warten. Denn er liebt seine Frau."
Brendel antwortete nicht mehr, es kam gerade der Doktor Bellmann heran. „Dars ich mich zu Ihnen setzen?" „Furchtbar gern, Doktor sagte Brendel freundlich. Doktor Bellmann brachte eine Spatausgabe der Zeitungen mit Funkmeldungen. „Der Zeppelin ist angekommen. Haben die Herren es schon gehört?" Er gab bas Blatt an Brenbel; der überflog bie Schlagzeilen, bas Resultat genügte ihm. Luzius las sorgfältiger. „Vierunbsechzig Stunben", sagte er, „eine Leistung. Das , Blaue Banb bes Ozeans und bas ber Lüfte haben mir nun. Doktor Bellmann nahm die Zeitung auf, bie Luzius hinlegte "D'erunbfunfzig , Stunben, Herr Assessor, wenn ich nicht irre." Er überflog bie Seite, j fand bie Stelle und wies mit bem Finger barauf. Luzius sah ihn an. „Sie lesen ja ohne Brille", sagte er, benn der Hauslehrer hatte du Gläser zurückgeschoben. „ .
Doktor Bellmann lächelte gezwungen. „Ich bin wettsichttg, erklärte er, „lesen kann ich gut ohne Gläser."
Luzius schüttelte ben Kopf. „Merkwürbig, ich habe bas immer genau । umgekehrt gehört. Weitsichtige tragen nur beim Lesen Brillen sonst nicht ; Lassen Sie. mich Ihre Gläser sehen, bars ich bie Brille einmal aussetzen? Sie wissen wahrscheinlich nicht, bah Sie kurzsichtig, nicht weitsichtig sind. Er streckte bie Hand aus, bie Brille bes Herrn Bellmann zu empfangen, aber er bekam sie nicht. Der Hauslehrer ftanb horchenb auf. „Entschuldigen Sie mich bitte", bat er, „der Herr Konsul ruft mich.'
Luzius unb Brendel lauschten. „Ich höre nichts', sagte Luzius. „6m komischer Angsthase", äußerte Brendel, „wenn mein Onkel ruft, lauft bet Mann beinahe im Trabi" Luzius beharrte: ,Lch habe ben Konsul gar nicht rufen hören." Brenbel sah ihn an. „Sie sinb ,a auch bestimmt nicht gerufen worden", fügte er trocken. „Äder was ich Ahnen fügen roollte, in der Karlstrahe 63 ...", unb er hatte eine Jbee, wie Luzius zu einer Wohnung kommen könnte. .
Der Abend endete denn auch recht vergnügt. Brendel spielte noch zu einigen Tänzchen auf, unb gegen Mitternacht ging man auseinander. Jetzt erst vermißte man Reginald Zurrhelm. Brendel und Luzius begleiteten Frau Barbara gemeinsam nach Hause. Es war kein weiter Weg. Frau Barbara war heiter und unbeschwert. Doch, Reginald habe sich regelrecht verabschiedet, aber er habe ihr versichert, es sei nur Abgespanntheit; so fei sie ohne Sorge. Beide Ritter küßten ihr vor der lür dien Hand. Barbara Zurrhelm war eine entzückende Frau.
Luzius und Brendel gingen noch ein Stück die Straße zu Ende. „Warum Jan Strombeck sie wohl nicht nach Haufe begleitet hat?"
„Entweder hat er mehr Takt, als wir bei ihm annehmen, oder er und Barbara Zurrhelrn sind sich längst einig und brauchen diesen fpaten.
I Heimweg nicht mehr." .
„Das wäre ein Jammer um den armen Reggy , sagte Brendel. Luzius. zuckte bie Schultern. „Da", sagte er unb hielt Brendel beim Arm fest,, „da hören Sie!"
In einer Loggia sang ein guter Tenor — Radio oder Grammophon. — als sei er für diese Pointe bestellt, das Lied des Herzogs von: Mantua.
... auf flächt'gern Sande habt ihr gebaut ...
„Kommen Sie noch mit zu mir auf einen allerletzten Kognak-Soda?
„Danke, ja", sagte Luzius. — Sie schritten burch die mondhelle Straße;: das Geräusch ihrer Tritte wanderte im Takt hinter und vor ihnen her..
Zweites Kapitel.
Im Schlafzimmer brannte Licht. Konsul Finkendey warf die Jacke ob- und knöpfte feine Weste auf, da erreichte ihn das Plätschern aus dem I anschließenden Badezimmer. „Olga?", meinte er fragend.
Frau Olga Finkendey in der Badewanne unterband alle Plantsch- geräusche. „Lorenz", sagte sie, „du stellst manchmal Fragen! Als«> wer, ich bitte dich, könnte sonst jetzt hier in der Badewanne sitzen!? Aber dann unterbrach sie sich; es gab ja Wichtigeres zu sagen, als diese! Plänkelei. War es angebracht, dies Geständnis im Wasser zu machen! Sie legte den Gummischwamm aus der Hand. Die Tropfen rannen wi« Perlen an ihrem Arm herunter. Perlen, — ja bie Perlen waren weg!! Sollte sie es sagen, jetzt? Würde er sich erregen? Sie sah an sich herab,, fand sich in diesem fremden, wenn auch keineswegs ungewohnten Element; ihr Körper nahm unter Wasser seltsame Formen an unb leuchte!!! so sehr weih, baß es fast geheimnisvoll schien; und ba, als sei sie nm Wasser fern von bem etwaigen Zorn bes Gatten unb sicher, sagte st! kurz unb knapp: „Mein Perlenhalsband ist verschwunden, Lorenz."
Der Konsul vernahm den Satz unb verstand ihn gut, aber er sagte,, was jeder in dieser Situation und Minute gesagt haben würde. „Wie: bitte?" „ , et*.
„Mein Perlenkollier ist aus dem Schlafzimmer verschwunden.
habe es selbst abgelegt, als ich mich umzog. Ich fand, die Perlen pahtm nicht recht zu dem schwarzen Kleid. Ich erinnere mich genau: ich leg« die Perlen in ben offenen Schmuckkasten auf ben Nachttisch. Vorhin, als ich meinen anderen Schmuck dazutun wollte, stellte ich fest, daß dar Kollier weg war. Futsch." Sie sagte das Futsch mit spitzem Munde; es klang fast wie ein Pfiff. .
Konsul Finkendey knöpfte seine Weste wieder zu. Er wanderte auf om Bettumrandung einmal rings um das Lager. Dann sagte er: „Das verstehe ich nicht!" ....
Frau Olga stimmte aus der Badewanne sofort zu: ,,3cf) auch wW- Don den Dienstboten hat niemand mehr das Zimmer betreten. Ich h? zur Gewißheit auch noch nachgeftagt. Sie waren alle unten beschaing^ Man hätte auch gehört, wenn jemand die Treppe heraufgekommem
Der Konsul trat an die Tür. „Komm heraus aus dem Wasser", fot" berte er nervös. m
„Geh weg aus der Tür", stellte Frau Olga eine entrüstete Eeger. bebingung. Der Konsul zog sich zurück. „Also", meinte er. „was glau


