- Nun ja, sagte sie, und er sah, wie ihr eine warme Röte tns Gesicht stieg, während ihre Augen sich auf die Hände in ihrem Schoß zurückzogen. Nun ja, sagte sie trotzig: Ich dachte, jetzt steigt dir der Kerl auch noch nach! Pfui Teufel! dachte ich, Herr Doktor Schmitz! Und sie hob die Augen wieder auf ihn, als müßte sie noch nachträglich zu dem harten Wort stehen.
Da mußte sie nun freilich meinen, daß sie ihn doch gekränkt habe: denn, wie vorher sie auf ihre Hände, starrte er zwischen seinen gespreizten Knien auf den Boden. Sie mußte wirklich erschrocken sein: denn er hörte ihre Stimme zittern, als sie mit dem ganzen Celloklang fragte: Habe ich Sie nun gekränkt, Kamerad?
Bei dieser unerwarteten Anrede zuckte der Doktor auf, aber sein Bilck blieb am Boden haften, als ob er wirklich etwas suche. Und hob die Augen erst mit seiner Frage auf: Warum sind Sie bann doch mit mir gegangen?
Und nun schoß ihr das Blut rauschend ins Gesicht, weil sie fühlen mußte, welchen Sinn die Frage auch haben könnte: aber sie sah die wasserhellen Augen so ehrlich auf sich gerichtet, daß sie jeden Argwohn zur Seite legen konnte. Darum röar es nicht leichter, was sie nun sagen mußte, aber weil sie Pfui Teufel gerufen hatte, war sie ihm das Geständnis schuldig, daß sie anders über ihn denken gelernt hatte: Ich hätte doch blind sein muffen, den Irrtum nicht einzusehen! sagte sie ernst.
Zu diesem Geständnis konnte der Doktor nur befriedigt nicken: es war ihm genau so zumute wie am Mittag, als er ihre kölnische Stimme zum erstenmal neben seinem Ohr gehört hatte: oder es war noch schöner: so sah er sie an, den Mund leise geöffnet, als wären die Dankesworte ihm ausgeblteben.
Den anderen Irrtum, sagte Fräulein Petersen nun wieder unbefangen, den haben wir eben zu Grabe gelacht!
Das ist ja fast eine Geschichte! staunte der Doktor und stand nach seiner Gewohnheit auf, einen Kreislauf zu machen, ehe er sich wieder auf den Grasrand setzte. So also kann man in einen Verdacht kommen, schrieb er gleichsam die Schlußanwendung dazu. Und war mit seinem Latein doch noch nicht zu Ende: denn er sagte tiefsinnig: Ineidit in Seyllam, qui vult vitare Charybdim! und verdeutschte es lustig: Wer Köln vermeiden will, gerät nach Köln!
Als sie danach eine Weile schweigend gesessen hatten, sie oben auf der Aussichtsbank, er unten auf dem Grasrand ihr gegenüber, weil jeder in seinen Gedanken andern Schutt aufzuräumen hatte, begann das Fräulein zuerst wieder zu reden: Wissen Sie auch, Kamerad, daß Sie mir mitten in der Aussicht sitzen?
Verzeihung! sagte er und stand auf, in den Talgrund von Zürich hinabzustarren, der an dieser Stelle zu überblicken war.
Jetzt stehen Sie davor! blieb sie hartnäckig und fragte, viel Unfreundlichkeit wettmachend: Wollen Sie nicht zu mir heraufkommen? Hier sieht man ebensogut!
Zu Befehl, Kameradin! dankte er mit einer Verneigung und ging zu ihr hinauf, sich neben sie auf die Bank zu setzen.
Gefällt's Ihnen nicht? fragte sie dann, als er schweigend blieb.
Ich bin noch nicht fertig mit Denken, sagte er, aber gefallen tut es mir nicht, was wir da unten sehen!
Und als sie fragte: Warum etwa nicht? sah er noch eine Weile hinab, ehe er ihr erklärte: Ich mag diesen Wohnkessel nicht! das ist keine Stabt mehr, das ist eine zu ihrem Schaden vollgebaute Landschaft. Eine Stadt mutz Platz haben, wie Köln, sich ausbreiten zu können: und diesen Platz hat Zürich nicht. Sehen Sie mitten die alte, die Zwinglistadt! Die lag richtig am See hinter dem Grendel zu beiden Seiten der Limmat unten im Loch, wo die Wege sich schnitten. Dafür reichte der Raum. Aber diese Kletterübungen der neuen Häuser auf jeden Hang und Hügel hinauf und fast über die Ränder hinüber: Sieht es nicht wie eine Krankheit aus, eine Wucherung, die sich in der Landschaft ausbreitet?
In jedem Haus wohnen Menschen! sagte das Fräulein nachdenklich: die möchten alle statt in Straßen und Höfe auf den See und die Berge sehen!
Er aber war eigensinnig: Ein Haus, das aus der Straße hinaus will, gehört nicht mehr in die Stabt: denn Stadt ist Straße und Straße ist Stadt! Es sollte allein auf dem Land stehen!
Das tun die Häuser ja alle: nur daß ihnen das Land knapp geworden ist in der Enge. Es geht den Häusern, wie es uns Menschen geht: wir sind zuviel aus der Erde.
Der Doktor merkte sofort, daß die Laus an ihrer Leber in der Melancholie mitsprach, mit der sie das sagte: Eben das ist es, lenkte er ein, die redlichen Zürcher selber, ehe ihre Häuser die Kletterübnngen anfingen, haben den Stadtteil da unten schon die Enge genannt. Und das Fräulein schrak leise zusammen über den Ernst des Doktors, als er sagte: Sie haben recht, vielleicht ist auch der uns anstarrende Reichtum dieser Stabt schon das Anzeichen kommender Not des Landes! wie unsere sterbenden Städte in Deutschland längst Sturmzeichen der Not sind, weil bas Land für die Menschen und ihre Häuser zu knapp geworden ist!
Wabrend das Fräulein noch über das melancholische Wort nachdachte, stand der Doktor schon mit einem Seufzer auf. Wir sollten weitergehen! mahnte er, als müßte er den Anblick dieses Wohnkessels los werden, in das junge Grün der Buchen zu kommen.
Und erst, als sie ein gutes Stück hinabgegangen waren und gleich wieder hinauf mußten, pflückte er einen Enzian ab, ihr den zu bringen. Jetzt sei er wohl an der Reihe, zu fragen, was sie mit dem Meldeamt gehabt habe und warum sie, wie man so sage, so nabe am Wasser gebaut gewesen sei, als sie herausgekommen wäre.
Sie müsse bas ihrem Kameraden sagen laut Paragraph drei ihres Vertrags.
Es war vielleicht nur ein falscher Schreck! sagte sie gleich, die sich offenbar schon im stillen auf die Frage gerüstet hatte. Meine Papiere sind angeblich nicht in Ordnung. Ich bin, heißt es, als Vergnügungsreisende hereingekommen und habe unerlaubt einen Dienst angenommen. Man hat mir„ die Ausweisung angedroht. Abscheulich ist es, als Verbrecherin gescholten vor einem Beamten zu stehen.
Es sind eben auch hier Menschen zuviel! gebrauchte der Doktor ihre Worte: allmählich bleibt einem als Heimat der Ort übrig, wo man das Armenrecht hat und nicht hinausgeschmissen werden darf! Ueberflüssig ist man auch dort! Und er wollte wissen, welches ihre Heimatgemeinde sei?
Eben das wisse sie nicht einmal, klagte bas Fräulein: Köln oder Aachen? Es sei ihr vorläufig gleich: denn sie dürfe ihre Stellung keinesfalls verlieren!
Keinesfalls? fragte der Doktor.
Keinesfalls! beharrte sie, und als er den ihm zu schwer scheinenden Ernst mit einem Scherz leichter machen wollte: ob ihr die Rüsche so gut stände, sah sie ihn mit einem Blick an, der keinen Scherz vertrug.
Weil der Weg gerade eben ging und ein kleiner Fahrweg war, schritten die beiden trotzdem nebeneinander wie Kameraden dahin. Aber der Doktor hatte bereits seine Gedanken: Es sollte sich doch in Deutschland ein Posten finden, für den sie nach ihrer Bildung und ihren Fähigkeiten eher in Frage käme! tastete er sich vor, ihre Geneigtheit zu erfahren, einen solchen Posten anzunehmen.
Es sollte sich, sagte sie einfach, aber er fand sich nicht.
Sie würden also — wollte er weiter fragen: aber sie kommandierte: Halt! Kameraden sind wir nach Paragraph zwei für diese drei Stunden, die wir über den Albis gehen: aber diese Frage zielt darüber hinaus. Ich möchte meinem Kameraden keinesfalls eine Verpflichtung aufbrängen, die er mit nach Köln nehmen muß. Wenn er heute nacht tat Zug sitzt, soll ich für ihn vergessen sein!
Glauben Sie wirklich? fragte der Doktor, indem er über ihr Halt hinaus sachgemäß weiterging, glauben Sie ernsthaft, daß Ihr Kamerad so vergeßlich ist? Wenn er im Zug sitzt, sind Sie immer noch die Tochter eines Mannes, mit dem er einmal befreundet war. Und eine Erinnerung wird ihm diese Kameradschaft wohl bleiben dürfen! Aber ich habe nun eine andre Frage, auf die Sie freilich die Auskunft verweigern können. Wenn wir Männer etwas tun, was nicht alltäglich ist, wirb leicht gefragt: Wo ist die Frau? Darf ich in Ihrem Fall fragen, ob ein Mann im Spiel ist, daß Sie lieber unter solchen Umständen in Zürich als unter anderen irgendwo sonst sind?
Sind Sie Kriminalist? fragte das Fräulein und blieb stehen in der ersten Ueberraschung. Ich kündige hiermit unter sofortiger Wirkung unfern Vertrag, Herr Doktor Schmitz!
Und lassen mich in der Wildnis sitzen? versuchte er feinen Scherz zu wiederholen. Sie aber sagte: Nein, ich möchte Herrn Doktor Schmitz Bitten, mich aus der Wildnis hinauszuführen. Nur sich in meine Dinge einmischen soll er nicht!
Die angebliche Wildnis, in der sie mit ihrer gekündigten Kameradschaft standen, war der Albisrücken über Hinterberg. Es wäre für den Abenözng des Doktor Schmitz vernünftiger gewesen, wenn sie von hier ans den Rückzug angetreten hätten: aber der Nachmittag schien das ganze Tor der Himmelsbläue aufmachen zu wollen, und die Luft, die von den Bergen her unverbraucht wehte, schmeckte nach Reinheit.
Es wäre schade! sagte der Doktor, als ob sie davon gesprochen hätten, und lud seine widerspenstige Partnerin mit einer Handbewegung ein, zwar nicht die Kameradschaft, aber den Weg fortzusetzen, der gleichsam emsig über den grünen Waldrücken des Albis hinauf und hinab auf die Berge zulief.
Sie wollen sich also nicht helfen lassen, Fräulein Emilie Petersen? fragte der Doktor nach einer langen Schweige, in der er den tapferen Stolz in der verweigerten Antwort überlegt hatte: und als sie wieder ein schroffes Nein! sagte, fragte er warum? Nicht als abgelegter Kamerad, aber als eben der Mann, dem sie anscheinend schon die Ueberlegung einer solchen Hilfe übelgenommen habe, dürfe er noch, ehe sie über die Berge und Wolken, über den steinichten Weg und die Blumen Konversation machten, diese Frage stellen.
Sie habe ihm gar nichts übelgenommen! sagte das Fräulein, den bei seiner Frage verzögerten Schritt wieder beschleunigend: sie habe die Tür zu Mißhelligkeiten zumachen wollen, die sie genügend erfahren habe. Die Hilfsbereitschaft in der Welt sei gewiß nicht kleiner geworden, eher größer: nur die Möglichkeiten der Hilfe wären eingefchrumpst. Jeder fchleppe seine eigenen Sorgen herum, und manchem, der noch dazu lächle, stünde das Wasser selber bis an die Kehle. Weil eigentlich keiner mehr dem andern helfen könne, liefe alles auf Schiebung hinaus.
Lieber Herr oder liebe Frau, ich habe da einen Schützling, dem Sie unbedingt helfen müssen! wird in all den Variationen gesagt, die wir ans Not gelernt haben. Der aber, der einem dann Hilst, tut es einem andern zu Gefallen: ihn selber aber geht dieser Eine gar nichts an. Und so behängt einer den andern mit Verpflichtungen, die er selber auf diese Weise nicht leichstnnig losgeworden ist, sondern die er loswerden mußte.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche UniversitätS-Duch» und Steinbruckerei, R. Lange, Gieße».


