Geburt, Taufe, Hochzeit, Jubiläum, Weihfeste wesentliche Anlässe zur Gestaltung der handgearbeiteten Sachwerte. Das tiefere Wesen der deutschen Volkskunst kann nur aus der Kenntnis dieser Stationen des Jahresringes und der Lebenseigenheiten, den frohen und ernsten Bräuchen des bäuerlichen Menschen verstanden werden. Für Konrad Hahm, der die Grundlagen und das Wesen der Volkskunst am klarsten, sinnfältigsten und überzeugendsten formuliert hat, ist „ihre geistige Voraussetzung die ewige Gleichheit des Lebens, die unerschütterliche Wiederkehr der Jahreszeiten, die den Lebensablauf und die Jahresarbeit der Menschen geleiten und lenken".
Wie schon gesagt wurde, bestimmen Brauch und Glauben Formen und Inhalte der Volkskunst, die durch die Stammes- und Landschaftseigenheiten zu einem mannigfaltigen Werkgut von unerschöpflichem Phantasicrcichtum und elementarer Ausdruckskraft wird, so daß von diesen Dialekten der Volkskunst in der Denkschrift zur deutschen Volkskunstausstellung, Dresden 1929, als von einer Muttersprache der Hand gesprochen werden kann. Dabei muß stets bedacht werden, daß es den anonymen Volkskünstlern nicht um die Schaffung „schöner Gegenstände", sondern um die Schaffung von Gegenständen des täglichen Lebens- und Arbeitskreises, also um Gebrauchsgut, zu tun war. Was als Erlebnis der Natur in der Volkskunst sichtbar wird, lebt in ihr in ihren Elementen, nicht als „objektive Naturwahrheit". Die Perspektive ist kein Problem für Vauernkünstler. Wir finden im allgemeinen keine realistischen Naturdarstellungen, sondern Abstraktionen. Das bäuerliche Werkschaffen äußert sich vor allem in einer zweidimensionalen Flächenkunst unter Bevorzugung geometrischer Strenge und ornamentaler Behandlung der Gegenstände. Interessant ist hierbei das Zurückgehen auf ältestes Ornamentgut. Die Motive sind dem Zauberglauben, der volkstümlichen Magie, dem Mythos und den christlichen Glaubensübungen entnommen und erhalten somit, oft in abstrakter Lösung, gewandelt und verändert, sinnbildhafte Bedeutung. Lineare Schmuckformen sind besonders beliebt, und selbst naturalistische Motive werden gern und oft in ornamentalen Linien aufgelöst. Schon aus dieser Aufzählung einiger Grundelemente kann man den künstlerischen Reichtum der gestaltenden Kräfte des Volkstums ersehen.
Dem Werkstoff nach umfaßt die Volkskunst alle schöpferischen Möglichkeiten des volkstümlichen Schaffens. Aus der Verarbet- | tung und Gestaltung des ältesten Werkstoffes der deutschen Volkskunst, des Holzes, besitzen wir eine ungeheure Fülle der schönsten Lösungen als Mobiliar, Geräte für Wohnung, Küche, Wirtschaft, Stall, Acker. Hiervon wie ebenfalls von den anderen Sondergruppen der nach Werkstoffen gegliederten Volkskunst (Metallbearbeitung, Gewebe und Kleidung, Töpferei, Glasmacherei) bergen staatliche und Privatsammlungen und Heimatmuseen eindrucksvolle aufschlußreiche Zeugniffe schöpferischer Kunstfertigkeit und volkstümlichen Formwillens, von denen wir den natur- und gemeinschaftsgebundenen Volkscharakter deutscher Stämme und Landschaften in seiner geistigen Eigenart und vielströmigen Lebenskraft ablesen können.
ßin Mann namens Schmitz.
Novelle von Wilhelm Schäfer.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Der Doktor hatte sich stark in die Hitze geredet und zuletzt kollerte er so, daß er die Hände zu Hilfe nehmen mußte, seinem Kerzen Luft zu machen. Als darum das Fräulein zu seinem Zorn hellauf lachte, da sah er wohl, wie dieses Lachen ihr Gesicht verschönte,' aber es war ihm nun auch genug, von dieser hochmütigen I1 Dame komisch genommen zu werden.
Fräulein Petersen, wenn Sie auch das noch komisch finden, dann kündige ich den Vertrag! grollte er.
Und lassen mich in der Wildnis sitzen! lachte sie weiter.
Gegebenenfalls, ja! bestätigte er und wußte nicht, was das heißen sollte, daß sie kopfschüttelnd zu der Aussichtsbank oberhalb des Weges ging, sich darauf fallen zu lassen, wie er es unten in der Stadt getan hatte. . . ™ ■
Was suchen Sie da? zürnte er hinauf; und sie sagte: Meinen Lumor habe ich wiedergefunden! Und als er das ganze zierliche Persönchen im Silberkleid anstarrte, das ihn so dreist zu verhöhnen schien, fuhr sie fort und lächelte fast verschmitzt zu ihm herüber: Komisch furchtbar! haben Sie zu mir gesagt, Herr Doktor Schmitz. Und ich war es auch. Denken Sie, ich habe doch nicht gewußt, daß es zwei Doktoren Herbert Schmitz gibt!
Und haben mich für den angehenden Verlobten von Fräulein Jülli gehalten? begriff der Doktor und mutzte sich auf den Grasrand setzen, seine Ueberraschung auszulachen: Darum also! be- Artff PJ
Ja, darum! sagte sie. Schließlich ist Jülli erst neunzehn Jahre alt, wie Sie wiflen. Und ich hatte doch nur von einem Doktor Herbert Schmitz aus Köln munkeln gehört. Wie der zur Tur hereinkam, mit dem schmutzigen Seidenpapier in der Hand, da patzte der Aufzug zu ihm, und ich gönnte ihm den Fall. Hatte er nur den Hals dazu gebrochen! wünschte ich. Dann wäre der Skandal beseitigt, bah er dieses Kind heiraten will, bloß weil er in Engelberg Verrücktheiten mit ihr getrieben hat. Und dann standen Sie auf einmal noch im Meldeamt da, und ich dachte —
Das eifrige Fräulein schwieg mitten in ihrer Rede mit einem Blick auf den Doktor still, offenbar erschrocken über das, was sie ^Aber°der'Doktor berief sich auf den Vertrag: Sie müssen mir sagen, was Sie dachten: nach Paragraph zwei dürfen Sie keine Heimlichkeit und Hinterlist haben!
Was ist deutsche Volkskunst? i
Von Walther G. O s ch i l e w s k i.
Die deutsche Volkskunst als eine der aufschlußreichsten Wertsammlungen volkskundlicher Sachgüter ist bis in die jüngste Zeit hinein von der Volkskunde wie von der Kunstwissenschaft in ihrer Bedeutung unterschätzt worden. Die volkskundliche Forschung, die sich die Bestimmung, Erklärung, Sammlung und Betreuung der Lcbenserscheinungen unseres Volkstums, wie sie in der Volksdichtung, im Volksglauben, in den Weistümern, in Brauch, Sprache, Mundart, Sage, Lied und Märchen sichtbar werben, zur Aufgabe machte, ist eine verhältnismäßig junge Wissenschaft, die erst in den letzten hundert Jahren sich Schritt für Schritt ihren Arbeitskreis eroberte und sich den lebensvollen Erscheinungen der naturgebundenen Volksseele und den anonymen Schöpferkräften bäuerlicher und kleinhandwerklicher Volksschichten zuwandte. Lierder, Görres, den Brüdern Grimm, Möser, Arndt, Jahn ist als ersten Anregern der Erkundigungen deutschen Volkswesens wesentliche Vorarbeit zu danken, die dann durch den Altmeister der deutschen Volkskunde Wilhelm Heinrich Riehl zum ersten Male zu einem wissenschaftlich arbeitenden Forschungsgebiet ausgedehnt wurde. Im Raume dieser sich immer mehr erweiternden Forschungsarbeit, die uns heute eine weite Uebersicht über alle Lebens- und Glaubenswerte des geistigen und volkstümlichen Erbgutes unseres Volkes ermöglicht, wurde in den letzten Jahrzehnten auch die Volkskunde verpflichtet, sich der Darstellung und Erfassung der volkskundlichen Sach güte r in ihren typischen Erscheinungen anzunehmen. Hieran haben vor allem die Bemühungen Konrad H a h m s, des derzeitigen Leiters der Staatlichen Sammlung für deutsche Volkskunde, größten Anteil. Er ist der Unterschätzung und den vielen Mißdeutungen der deutschen Volkskunst mutig zu Leibe gerückt, und seinem Enthusiasmus, seinem ernsten und großen Sachwissen und ordnendem Geiste ver- I danken wir die Ersassung und Verlebendigung des werkmabigen Vermächtnisses der deutschen Volksstämme, dem sich auch die Kunstwissenschaft nicht mehr verschließen kann.
Wenn hier von der Unterschätzung der Volkskunst durch die Volkskunde und die Kunstwissenschaft gesprochen wurde, so handelt es sich dabei, wenn man die Ursachen erforscht, nicht zum geringen Teil um eine Unterschätzung aus falscher Fragestellung heraus. Auf diese hinzuweisen, ist notwendig, wenn man die Schwierigkeiten der begrifflichen Erfassung der Volkskunst und ihrer Wesenheit bewältigen will. Fragt man sich also, weshalb die Volkskunst bis in die jüngste Zeit hinein noch nicht das Jntereße größerer Volksschichten erobern konnte, so liegt die Antwort in dem Mangel der bisher verwirrenden mißverständlichen Meinungen begründet. Wenn man z. B. mit den Vorstellungen eines künstlerischen Individualismus an die Erscheinungen der bäuerlichen Kunstubung herangeht, wird man nie ihr Wesen und ^'re originale Besonderheit begreifen und erspüren können. Die Volkskunst laßt sich nicht nach nur künstlerischen Qualitäten und ästhetischen Gesichts- pnnkten einordnen. Wer von den Werken „hoher Kunst beeindruckt, sich mit den Begriffen ästhetischer Logik um die Volkskunst bemüht wird und muß enttäuscht werden. Voraussetzung sur die innere Eroberung der ererbten und typischen Ausdrucksformen 6er deutschen Stämme und Landschasten ist die Erkenntnis, daß es sich hierbei um eine völlig anders geartete schöpferische Grundlage bandelt. Nur wenn man die natur- und traditionsgebundenen Gegebenheiten des deutschen Volkstums, wie sie in Boltsbrauch unö Volksglauben vorhanden sind, nahezukommen versucht, sind die Vorbedingungen für eine erschöpfende Beurteilung gegeben. -Die tandläufiae Auffassung, daß es sich bei der Volkskunst leoig- licki um gesunkenes städtisches Kulturgut handele, hat zu vielen Mißverständnissen, Mißdeutungen und falschen Einschätzungen An- laß gegeben Das künstlerische Eigenleben der bäuerlichen Erleb- Wwelt wt-d' bestimmt durch Brauch und Glauben einer boöen- ständiaeu Tradition. Die Gebundenheit an die eigene Scholle bestimmt ihren Rhythmus. Sippe, Stamm, Volk bilden die ltche7 Grundlagen d^r Volkskunst und sind ihr uatürlichcr Nahr- bvden: die soziologischen liegen in der geschlossenen Wirtschafts- sni-m des Loses des Dorses, und in einem gewissen Sinne trifft das in diesem Zusammenhang auch für die bau^werkliche Kunst sen Kleinstädten zu, rote Überhaupt die Volkskunst ucy Nicyr aus die primitive bäuerliche Kunstübung beschränkt, sondern auch das kleinstädtische Handwerk, soweit es im Dienste bestimmten Brauchtums steht, mit einbezieht.
Was nun aus der uralten Einheit der Erb- und ^obensgemeln- krbasteu als volkstümliche Kunst hervorwachst, will den Bedingungen der Zweckmäßigkeit und den Bedürfnissen nach schmückender repftnthtnn eutsvrechen Dabei erfolgt die künstlerische Geitaltun! nicht im ME der Verzierung des betreffenden Gegenstandes sondern als „Versinnbildlichung gültiger und gläubig festgebalteuer Auffassungen". (Konrad Hahm.) Es kommt hierbei aucb viel weniger auf die individuelle Gestaltung an als „i s:p t v v i s cki e. Alle Sachgüter der Volkskunst 'stehen in unmittelbarer Beziehung zu der Gesinnung des Besitzers. Sie
< nnT1 einer für unsere Begriffe ungewöhnlichen Einheitlich- kett die aus dem geschaffenen Charakter der ländlichen und
Jnlml e und Formen deg Volkskunst; sie wird zur Materiali- saston der naiven Lebensanschauung der bauerglichen Volksschichten und ist nur denkbar ,n enger Verbindmig mit der Erlebnisfolge des alten Jahres- und Lebensablaufes. So sind z. B.


