sie wußte Ja nichts von der Gedankenverknüpfung, und hielt den Ausspruch für eine Aeußerung von Mariens Kindlichkeit. Sie sagte: „Nun mutzt du mit in die Wohnstube kommen."
Marie sah nichts, als sie in die Wohnstube trat; sie fühlte nur, wie ihre Hand hochgehoben, zart gedrückt wurde; der kurze Schnurrbart stachelte den Handrücken. Dann lag sie in den Armen des Vaters und an seiner nassen Backe. Sie dachte sich: „Weshalb weine ich denn nicht? Die Eltern weinen. Aber vielleicht ist es gut, wenn ich nicht weine, ich sehe dann häßlich aus."
Marie schlief spät ein und wachte am andern Morgen früh aus. Sie dachte, daß sie ihre Freundin besuchen mutzte, um ihr die Verlobung mitzuteilen; aber da fühlte sie einen so heftigen Kopfschmerz, dah sie bat, ob sie im Veit liegen bleiben dürfe. Die Mutter sorgte zärtlich für sie, sie streichelte der Mutter die Hand, und indem sie sich von der Freundin abgewendet fühlte, spürte sie eine besondere und neue Liebe zu der Mutter. Sie schrieb einige Zeilen auf einen Briefbogen, erzählte Verlobung und Krankheit und sagte der Freundin Grütze.
Als Anna den Brief gelesen hatte, preßte sie ihre Lippen zusammen und reichte ihn schweigend ihrer Mutter. Deren Hand zitterte, als sie las, sie sagte: „Das ist ja eine erfreuliche Verlobung. Ich habe zu Herrn von Weither immer eine besondere Zuneigung gehabt, und die gute Marie wird einen trefflichen Gatten bekommen." r ,
Anna sagte mit Anstrengung: „Die Gute hat heftig Kopfschmerzen; man kann sich wohl denken, die Aufregung war gewiß groß. Es wäre wohl richtig, wenn ich sie besuchte. Vielleicht kann ich ihr irgendwie nützlich sein."
Die Hochzeit wurde bald gefeiert. „Ich werde an der Hochzeit teilnehmen müssen, es wird ohnehin genug gesprochen werden", sagte Anna zu ihrer Mutter. Die Mutter ergriff ihre Hand, die Tränen standen ihr in den Augen, und sie wollte der Tochter ein tröstendes Wort sagen. Aber Anna wendete sich ab und sagte: „Es ist nicht so, wie du wohl denkst. Ich dachte ja wohl, was ich fühlte, das wäre — nun, das wäre etwas anderes. Du mutzt nicht lachen; ich habe „Romeo und Julia" noch einmal gelesen. Ich bin keine Julia. Ein Mädchen aus guter Familie ist wohl nie eine Julia. — Du mutzt nicht denken, daß ich das bitter sage. Ich bin nur verwundert."
Die Mutter machte eine Bemerkung über Herrn von Werther. „Ach", erwiderte Anna, „gute Mutter, auch er ist ja ganz anders, als du denkst. Er ist ein braver Mensch, er ist vielleicht nicht sehr entschlossen, denn sonst hätte er nicht so viel bei uns verkehrt; baß er mich nicht heiraten konnte, das wußte er ja, wie ich es wußte; aber es war ja bei ihm wohl noch so etwas da, das man gewöhnlich Liebe nennt." Sie dachte — sie dachte das nicht wörtlich so, aber sie dachte es fühlend: „Wenn er ein Romeo gewesen wäre, vielleicht wäre ich dann eine Julia."
Herr von Weither'ging unruhig in seinem Zimmer auf und ab. Gedankenlos griff er zu dem Band Goethescher Gedichte und schlug ihn auf. Da fiel sein Auge auf die wunderschönen Verse: „O gib vom seidnen Pfühle Träumend ein halb Gehör."
Sein Auge füllte sich mit Tränen, und eine Träne tropfte auf das Buch.
Fndtjof Tlansen, her Held.
Von Knud Rasmussen.
Wir entnehmen den folgenden Abschnitt dem bei Brockhaus in Leipzig erschienenen „Heldenbuch der Arktis" von Knud Rasmussen, dem kürzlich verstorbenen bedeutenden dänischen Polarforscher.
Wer versucht, sich ein Bild davon zu machen, wer und was Nansen wirklich war, der faßt kaum, wie soviel Reichtum in einem Menschen vereinigt sein konnte. In Nansen ergänzten sich die beiden großen Kräfte des Lebens: Wille und Gefühl, Verstand und Instinkt in wunderbarem Gleichgewicht.
Ich habe kaum je einen Mann kennengelernt, den die Natur mit solchen Vorzügen des Körpers ausgestattet hatte. Er schien immer einen Kops größer zu sein als alle andern. Seine Schönheit lag weniger in den Gesichtszügen als im ganzen Auftreten. Eine große, durch körperliche Uebung geschmeidige Gestalt, ein willensstarker Mund, helle Augen, blondes Haar — das war Nansen, von Ansehen und in seinen kühnen Plänen ein Wiking. Hätte man uns erzählt, er sei irgendein der nordischen Saga entstiegener König, wir hätten es geglaubt. Er war hart, wie einer es sein mutz, um über andere zu gebieten, und zugleich weich genug, um mit andern fühlen zu können. Seinen starken Willen beflügelte jene Kraft der Anschauung und Vorstellung, ohne die niemand ein großer Mann wird.
Nansens Name gehört zu meinen frühesten Kindheitserinne- rungen. „Fridtjof Nansen hat Grönland auf Skiern überquert" — so ging es an der grönländischen Westküste von Mund zu Mund, von Gehöft zu Gehöft. Damals war ich neun Jahre alt und wohnte bei Jakobshavn. Wir Grönländerjungens verstanden sehr wohl, was das für eine Großtat war. Wir kannten das Inlandeis, hatten es von den Felsgipfeln aus gesehen, die wir so gerne bestiegen. Endlose Massen von Eis und Schnee bis an den äußersten Gesichtskreis, giftgrüne grundlose Spalten, die an unserm heimatlichen Eisfjord den weißen Gletscherrücken zerriffen. Wie konnte Nansen diese Wanderung wagen und vollenden?
Der fremde Mann wurde unser Vorbild und Held. Das erste war, daß wir alle Skier haben mutzten. Niemand in Jakobshavn
hatte bis dahin Skier besessen. Die unfern waren nicht so ganz nach allen Regeln der Kunst gemacht. Da waren welche aus gemeinem Kiefernholz, andere aus kurzen Fahdauben, aber das war ja gleichgültig, wenn es nur Skier waren. Wir trieben von morgens bis abends das neue seltsame Spiel. Wer am besten fahren konnte, durfte sich Fridtjof Nansen nennen. Das weckte den Ehrgeiz. Wer sich den Ehrennamen verdient hatte, trug den Kopf noch einmal so hoch wie vorher.
Nansens erste Tat war also die Grönlandfahrt im Winter 1888 bis 1889. Bis dahin wußte man nichts über das Binnenland. Einige Forscher, darunter auch Nordenskiöld, vermuteten hinter den Gletschern eisfreie Landstriche mit milderem Klima. Alle früheren Expeditionen waren von der bewohnten Westküste ausgegangen. Nansen dagegen wollte es vom rauhen und öden Osten her versuchen. Er meinte: „Die gepriesene Rückzugslinie ist eine plumpe Falle. Wer ans Ziel kommen will, mutz die Schisse hinter sich verbrennen und die Brücken abbrechen. Dann verliert er keine Zeit mit Umsehen. Ich will mich durch den Treibeisgürtel an die Ostküste durchkämpfen und von dort aus zur Westküste den Lockungen der Zivilisation entgegenwandern." Dieser Grundgedanke erschien vielen Kritikern dummdreist, sie meinten, er verrate völlige Unkenntnis der Verhältnisse, aber Nansen blieb fest, ging seinen Weg und kam zum Ziel.
Fridtjof Nansen war am 18. Oktober 1861 geboren. Obwohl tcin norwegischer Abstammung, hatte er viele Verwandte in Dänemark, sein Ahnherr war der berühmte Kopenhagener Bürgermeister Hans Nansen. Schon als junger Mensch war Fridtjof ein hervorragender Sportsmann, übte sich vor allem im Skilaufen. Während seines naturwissenschaftlichen Studiums bewies er schon eine bedeutende Begabung und die Fähigkeit, neue Wege einzuschlagen. Mit 27 Jahren las er die Beschreibung von I. A. D. Jensens und Nordenskjölds Wanderungen über das Inlandeis. Damals faßte er den Plan, Grönland zu überqueren. Der unbekannte junge Mann hatte es nicht leicht, in Norwegen bas nötige Geld aufzutreiben, aber der dänische Staatsrat Augustin Gamel stellte ihm durch Vermittlung der Dänischen Geographischen Gesellschaft den erforderlichen Zuschuß zur Verfügung.
Die Art der Vorbereitung ist für Nansens Sorgfalt bezeichnend. Er reiste vor Antritt der eigentlichen Expedition mit einem Robbenfänger zur Ostküste von Grönland und machte sich mit den Eisverhültnissen vertraut. Nur fünf Männer solltew ihn begleiten. Die Ausrüstung mußte so leicht wie möglich sein, denn er wollte keine Zugtiere mitnehmen. Die fünf Schlitten waren nach besonderen Angaben nur mit Bindungen, ohne einen einzigen Nagel gebaut. Die Schlafsäcke waren aus Renntierfellen, die Kleidung, auch die Unterkleider, nur aus reiner Wolle, damit sie nicht von der Körperausdttnstung feucht wurde. Die Fußbekleidung bestand aus Lappenschuhen. Pemmikan, Fleischschokolade, fette Erbsensuppe und Tee bildeten den Lebensmittelvorrat. Der Spirituskocher war eigens für Nansen erdacht. Außer den Skiern waren auch kanadische Schneeschuhe beschafft worden.
Die Mitglieder des Trupps waren außer Nansen selbst der Kapitän Sverdrup, Leutnant Olav D i e t r i ch s o n, der Norweger Christian T r a n a und die beiden Lappen Ragna und Salto. Im Juni 1888 brachte der Robbcnfänger „Jason" Nansen und die Seinen an die Ostküste. Das Eis machte die Landung unmöglich. Die Expedition bahnte sich in den Booten mühselig, aber mit großem Geschick den Weg zum Kap Bille. Am 22. August begann die Jnlandwanderung. Nach zwei Tagen war die Höhe von 2600 Meter erreicht. Auf dem weichen Eis des Küstenstrichs waren die kanadischen Schneeschuhe am besten geeignet, später setzte Nansen auf dem festeren Inlandeis die Wanderung mit Skiern fort. Am 17. September war der höchste Rücken erreicht, die Eisfläche fiel nach Westen ab. Drei Tage später wurden die Gipfel der Westküste bei Godthaab sichtbar. Nansen kam nach vierzigtägiger Wanderung am Ameralikfjord an, aber von dort bis zu den ersten menschlichen Wohnungen bei Godthaab waren noch 100 Kilometer. Nansen und Sverdrup bauten ein Bootsgerippe aus Bambus, Skistöcken und Weidenzweigen und bespannten es mit Zeltleinwand. Die Ruder bestanden aus Bambusstäben, die Ruderblätter aus Gabelzweigen, die mit Segeltuch bespannt wurden. In diesem kümmerlichen Boot ruderten die beiden nach Godthaab und fchickten von dort eine Hilfstruppe zum Rand des Inlandeises, wo die vier Kameraden zurückgeblieben waren.
Das Hauptergebnis der Expedition war der Nachweis, baß Grönland im Innern von einer ununterbrochenen Eisdecke überzogen ist. Die Gletscherkunde fußt bis heute auf den Beobachtungen, die Nansen auf dieser Fahrt gemacht hat. Die wetterkund- lichen Feststellungen waren nicht minder wichtig. Nansen hat in den Höhenlagen der grönländischen Eis- und Schneewüste Reihenmessungen der Lufttemperatur vorgenommen und dadurch einen Kältepol nachgewiesen, der vielleicht das Wetter weit über Grönlands Grenzen hinaus beeinflußt. Die Wärmestrahlung in der dünnen, trockenen Luft über dem eigentlichen Jnlandseis war erstaunlich stark. Zwischen dem 11. und 15. September sank die Temperatur nachts bis auf minus 20 Grad Celsius, die Unterschiede zwischen Tag- und Nachttemperatur waren so bedeutend, wie sie sonst nur in Wüstengegenden, etwa in der Sahara, vorkommen.
Nach erfolgreicher Durchführung dieser Reise erschienen zwei Bücher, die uns beweisen, daß der Künstler und Schriftsteller Nansen dem Forscher und Sportsmann ebenbürtig ist. „Zu Ski durch Grönland" und „Eskimoleben" sind volkstümlich-wissenschaftliche Werke höchsten Ranges.


