Ausgabe 
5.3.1934
 
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SiehenerZaMenblütter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang Montag, Sen 5. März Nummer l8

Das Paradies.

Von Ruth Schaumann.

Ich bin dir lieb, ich bin dir wert. Der schönste Engel trägt ein Schwert, Es funkelt vor des Gartens Tor.

Sind wir darin, sind wir davor?

Sind wir darin, wie kann dann sein Die Träne an den Wimpern mein?

Stehn wir davor, was gäbe kund Das Lächeln über deinem Mund?

Es blüht ein Srern, es blitzt das Schwert Du bist mir lieb, du bist mir wert. Sind wir davor, sind wir darin?

Ich weiß nur eines: daß ich bin.

O gib vom seidnen Pfühle ...

Eine Liebesgeschichte von Paul Ernst.

Bei der Regierung zu H. wurde ein Assessor von Weither beschäftigt, ein sehr tüchtiger und begabter Mann, von dem icder annahm, daß er eine große Laufbahn vor sich habe, wenn es ihm wenigstens glücken sollte, eine wohlhabende Frau zu gewinnen, denn er war vermögenslos. Aber man durfte wohl annehmen» daß es ihm glücken würde, denn er sah stattlich aus, war gesund, hatte ein liebenswürdiges Wesen, und es hätte nicht der geringste Grund vorgelegen, weshalb ein Mädchen, das er begehrte, ihn nicht lieben sollte. , . .

Der Präsident der Negierung hatte mehrere Söhne und eine einzige Tochter namens Anna, welche nun eben im Heiratsalter "°Anna galt in ihrer Gesellschaft als ein ausnehmend schönes und begabtes Mädchen. Die jungen Herren von der Regierung pflegten ja einen durchaus auf das Wirkliche gerichteten Sinn zu haben, aber beim Gericht findet sich immer der eine oder andere schwärmerische Referendar, der ja dann meistens Rechtsanwalt wird: aus diesem Kreise, welcher sich sehr schnell ändert, empfing Anna besonders, viele Huldigungen,- freilich waren dre Huldigun­gen eben immer junge Männer ohne Gewicht. Bei den ernsthaften Bewerbern stand im Wege, daß die Vermogensverhaltnisse der Eltern als nicht günstig galten, denn durch die Erziehung und Ausstattung der drei Brüder war das kleine Vermögen auf­gebracht, welches Annas Mutter von ihren Elter ne r e r bi h a tt e.

5>err von Weither saß bei einer Gesellschaft neben Anna. Herren im Frack mit Orden, in weißer Hemdbrust, mit funkelnden Brillen, in bunten Uniformen, Damen in ausgeschnittenen Klei­dern, mit blitzenden Edelsteinen, Geräusch und.Gesurr der Stim­men über den Tisch Klappen von Fachern, nickende Blumen in Gesäßen Körbchen mit Obst und Süßigkeiten, Weingläser ver­schiedener Art neben den Tellern, das Kommen und Bedlenen der Leute, das in ganz anderem Schrittmaß geschah bas seltsam aufregende Ganze des Festmahles wirkte auch auf die beiden, daß plötzlich eine Gemeinschaft zwischen ihnen war, eine Vertrautheit und Heimlichkeit, ein Gefühl des Zusammengehörens in einer fremden Menge, wo denn Türen der Seele sich offnen und Worte gesagt werden, die den Menschen sonst nie über die Lippen kom­men würden aus Scheu und Befangenheit. hpT11

Was war es denn, das sie sich sagten? Als sie am andern Morgen sich jedes die Worte bedachten, die sie ja genau aus­wendig gemerkt hatten, da war ihnen, als seien das ganz gleich­gültige Gesellschaftsgesprache gewesen, die sie: gewhrt- Es mutzten tn jenen Augenblicken doch diese nun gleichgult gen Geivrache einen geheimen Sinn gehabt haben, der uumfttelba: das Gefühl anregte, die Gespräche mußten nicht das Wichtige gewesen jem. Sie hatten aber vom Theater geredet, von einer Sängerin, welche Lieder aesunaen, von einem Buch, welches gerade von allen Leuten gelesen wurde,- es war dasselbe gewesen, das sie in frühe­ren Gesellschaften schon gesagt und in spateren noch sagen wurden und das alle Damen und Herren ^"8 Alters in ihrem Kreise auch sagten, wenn sie sich in einer Gesellschaft trafen.

Die Präsidentin sprach mit ihrem Manne ub" Anna. Sie bat ihn, Herrn von Weither etwas an sich heranzuziehen. Der l. ra- sident sah sie mit einem müden Gesichtsausdruck an und nickte

mechanisch mit dem Kopf. Die Frau erschrak, umarmte ihn und fragte besorgt:Ist dir etwas. Lieber?" Er schüttelte den Kopf, küßte sie auf die Stirn und ging.

Herr von Weither wurde von der Präsidentin auffallend bevor­zugt. Er war eine Waise, seine Eltern waren früh gestorben, er war in bedrängten Verhältnissen ausgewachsen,- es fehlte ihm an der Leichtigkeit, welche notwendig ist, und er hatte außer den gesellschaftlichen Beziehungen, welche sich aus seiner Stellung er­gaben, keinerlei Verkehr in Familien. So war ihm die Freund­lichkeit der Präsidentin sehr nützlich. Er wußte ja wohl, daß der Präsident und seine Gattin seine Neigung zu Anna gemerkt hat­ten, er bekam auch Anspielungen von Amtsgenossen zu hören, daß er seine Laufbahn sehr geschickt einleite,- zuweilen dachte er auch an ein späteres Leben mit dem lieblichen und klugen Mäd­chen, und eine tiefe Sehnsucht nach Glück überkam ihn. Es geschah ihm sonst nie, daß er Dichtung las: nun nahm er sich Goethes Gedichte aus dem Schrank, blätterte und las und dachte an Anna.

Anna hatte eine Freundschaft, wie so die Mädchenfreundschaften sind, mit der einzigen Tochter eines sehr reichen Fabrikanten, welche den Namen Marie führte. Marie war vielleicht nicht häß­lich, aber unschön: sie war klein gewachsen, hatte ein gewöhnliches Gesicht, ausdruckslose graue Augen, und vielleicht verlieh nur ein Schein einer großen und harmlosen Güte, der über ihr ganzes Wesen strahlte, ihr eine gewisse Anziehung. Marie mit ihren Eltern war durch ihre Freundin in die Gesellschaft der Beamten und Offiziere gekommen, wo sie denn als der Goldfisch galt. Anna hatte auf Bällen gewiß nie Mangel an Tänzern, vielleicht mußte Marie eher einmal einen Tanz aussetzen: aber die beiden Mäd­chen fühlten doch genau, daß Marie umschwärmt wurde und Anna fast einsam blieb. Sie sprachen einmal darüber, und Marie meinte, daß Anna für die jungen Herren zu klug und gebildet sei,- sie dachte an Herrn von Weither, zu dem sie eine siille, ja unein­gestandene Liebe fühlte, und sie war stolz darauf, daß der statt­liche Mann die Freundin auszeichnete, der als der begabteste in dem ganzen Kreis anerkannt war: sie konnte es nicht sagen, aber sie fühlte, daß Herr von Weither ihrer Freundin alle anderen Verehrer ersetzen konnte, die möglich gewesen wären.

Herr von Weither war auch mit Mariens Eltern bekannt geworden, er hatte Besuch gemacht und war eingeladen. Marie freute sich, daß er Gast im Hause ihrer Eltern wurde und machte sich nicht klar, ob er besondere Gründe haben mochte: sie fühlte eine leichte Verstimmung ihrer Freundin: aber kaum hatte sie die gefühlt, als Anna auch durch vermehrte Herzlichkeit den Eindruck verwischte, den sie wohl bemerkt hatte. Wie ost wissen wir nicht, welche Gründe uns bewegen, was wir eigentlich erstreben: die beiden jungen Mädchen spürten wohl, daß zwischen ihnen eine Entfremdung kam, aber sie machten sich deren Gründe nicht klar, mochten sie sich vielleicht nicht klar machen: und so blieb denn ihr Verhältnis das alte, mit Küssen, Tändeln, Schwatzen und Kichern und allen jenen oft scheinbar kindlichen Aeußerungen der weib­lichen Jugend, die noch immer einen tief verborgenen Sinn h"*An einem Abend ging Marie allein nach Hause, nachdem sie sich von der Freundin verabschiedet hatte. Es lag Schnee auf den Straßen, die Tritte der Menschen knirschten, und sie fühlte einen unerklärlichen Jubel int Herzen. Ihr Elternhaus war durch ein Vorgärtchen von der Straße geschieden. Sie sah das Zimmer des Vaters erleuchtet, das Zimmer der Mutter, das Wohnzimmer: und plötzlich wußte sie:Er ist da." Sie erglühte vor Beschämung und zögerte, den Drücker in die Hand zu nehmen: aber dann schüttelte sie den Kopf, griff fest zu, öffnete; die Glocke schellte, das Mädchen kam, nahm ihr die Sachen ab; am Kleiderhaken hing sein Hut und Mantel, das Mädchen erzählte:Der Herr Assessor ist da"; sie sprach:So? Ich gehe auf mein Zimmer."

Sie saß aus ihrem Zimmer im Dunkeln auf einem Stuhl vor ihrem Schreibtisch, ihr Herz pochte. Die Mutter trat ein. Mit freundlicher Stimme fragte sie, weshalb sie im Dunkeln sitze; sie antwortete nicht. Die Mutier trat zu ihr, Marie barg ihren Kopf an der Brust der Mutter und weinte, die Mutter streichelte ihr das Haar und sagte:Wir wollen dir ja nichts in den Weg legen. Er soll uns recht fein als Sohn, er ist ein tüchtiger Mann und wird dich lieb haben." Tränen tropften auf den Kopf Mariens.

Marie dachte an die Freundin. Hätte sie das fassen können, was sie fühlte, dann hätte sie sich gesagt, daß sie schuldig sei gegen Anna. Aber dergleichen blieb tief im Untergrund ihrer Seele, und durch eine eigentümliche Verknüpfung der Gedanken war das erste, das sie ihrer Mutter sagte:Wird er sich mit mir auch so gut unterhalten können wie mit Anna?" Die Mutter lächelte;