legte die Werkzeuge an ihre Plätze, stapelte säuberlich die Bretter und Arbeitsstücke, überwischte die Hobelbänke mit einem Lappen und schaffte die Hobelspäne hinaus. Auf dem großen Werktisch stand ein frischgeschreinerter Sarg, Otto hatte ihn heute schwarz gestrichen.
Der Meister torkelte, wie Juppi plötzlich gewahrte. Verworren schwadronierte er darauf los und schien seinen Lehrbuben überhaupt nicht zu sehn. Mein Gott, der Meister war ja betrunken. Aengstlich zog sich Juppi in eine Ecke hinter dem Ofen zurück.
Der Mann stand bei dem Sarg und klopfte vorsichtig mit dem Knöchel dagegen, als wollte er einen Verstorbenen aufwecken.
„Herein!" murmelte er, heimlich lachend. „Herein in die gute Stube. Frau Meisterin, hier ist Platz.. ."
Er klopfte wieder, vor- und zurückwackelnd.
„Jemand drin?" fragte er, in den Sarg flüsternd.
„Arm oder reich, bleibt sich alles gleich. Bitte Platz nehmen. Nur nicht drängeln."
Stille. Der Meister rülpste laut.
„Heda, he! Wie liegt sichs. Alte? Liegst du gut? Dicke Luft, wie?"
Juppi spähte am Ofen vorbei auf den Meister. Was er nur anstellte und für Reden führte.
Er klopfte wieder.
„Steckst du endlich drin in der Klappe, Alte? Feines Bett, he? Wie liegt sichs?"
Er legte sein Ohr auf den Deckel und lauschte. Keinen Blick verwandte Juppi von ihm. Wunderlich aufgeräumt sah der Meister aus, er zog ein Fuchsgesicht und horchte augenzwinkernd, als ob er etwas Schalkhaftes wüßte.
„Gut Nacht!" flüsterte er.
Holzstaub
die Werksein rotes
Der Meister spuckte aus und mußte kräftig niesen, mochte ihn in der Nase kitzeln.
„Hatzi ... Hatzi..
Zwei-, dreimal nieste er laut, und es schallte durch statt hinaus in den Flur. Dann schneuzte er sich in Taschentuch mit aller Kraft.
Mit einem Zuck war er still und horchte erschrocken.
R. "Lei e, leise " ermahnte er sich. „Sei leise, Wirtheim, daß sie nicht aufwacht, daß sie nicht rauskommt mit ihrem Schlotter- gebein, die dürre Hexe..."
Und doch stachelte es ihn, wieder an die Sargwand zu häm- mern. Gespenstisch klang sein Knochenbämmerchen. Aus dem Holz ballte spukhaftes Echo, auch aus dem Tisch, vom Boden herauf, überallher schien es nun geheimnisvoll zu schollen, je stärker und schneller der Meister pochte, als antworte ihm eine vergrabene Hano.
Auf der Gaffe flimmerte der Abend, fahle Schatten wischten an der Wand des gegenüberstehenden Hauses, ganz still wurde es.
„Schöner Reisekoster, was? Gute Reise, Alte. Fahr zur Hölle!" Er grunzte und stand auf seinem krummen Bein.
In den Ecken der Werkstatt knisterte das Holz, die Späne regten sich, vielleicht eine Maus, die zu rascheln begann. Auf dem Sarg lag ein toter Glanz, als spiegelten sich in seinem Lack die Augen Verstorbener.
Die Nase des Meisters schnüffelte an der Fuge zwischen Sarg und Deckel. Wie ein Schwein rüffelte und grunzte er.
_ "Ah, ah .. " klang es von seinen Lippen. „Du riechst, du riechst schon. Pfui Kuckuck! Hast immer schlecht gerochen, hä, hä... Es steht faul um dich. Alte. Bravo! Hast immer gestunken ... nach Chinapomade auf deinem Haarschopf. Dürres Gelump, Reibeisen..."
„Poch! Poch! Poch!"
Juvvi erschauerte, ibm wurde änastlich zumute.
„Poch du nur!" Hämisch lochte der Meister
^naer trommelte. Der Tischler wiegte sieb auf seinem Hinkebein, schaukelte guter Laune bin und her, sein Kopf wackelte vor'^ir "6irt 9nte' 58ciforat Der Wirtheim hat Ruh
War der Meister verrückt geworden? Juvpi reckte den Hals vor lauter Anast Das Nerz klovste ibm rasend
„Ich trink mein Gläschen. Prost. Aas! Jetzt hältst du endlich deine Golche wie? Hast lana aeschimvft, Satan "
Sckelmisch sebte er sein Klopsgespräch fort.
.äUoch' Noch' Poch!«
Schnell rübrte er den gekrttmmt-n Zeigefinger wie einen Trommesschleael. Er schlug einen Wirbel, einen Totenmarlch. Lustig summte er seine Bearäbnismustk. ahmte Trompeten und Poiannon nam fana:
- der - Wüste — der - Saba — a — ra —
Ging — der — Natban — mit — der — Sa — a — ra_"
rubrte er die Beine am Ort. Sein Leichenzua batte sich gerade in Beweguna gesetzt, nach einem dumvsen Foustschlao auf 6° n,tfcrifc der Deckel zur Seite, und der Sarg l llYTTlC OUT.
einen Schrei und warf sich mit aller Wucht über den Sara. Se,ne Hande versuchten den Deckel sestzubalten und ,bn wieder in die richtige Laae zu bringen. Seine Arme rumo^lten und volterten aus dem Sara herum
steb'u verstandene"^ tDt bMbcn'" brüllte der Meister. „Nicht auf- Bon Entseben war sein Gesicht kreuz und quer verzerrt. Die Lust ,n der Werkstatt, durchzogen vom Dunst toten Holzes, war
noch dumpfer und moderiger geworden und die Gaffe abendlicher. Gleich Nachtschatten hingen die Spinnweben in den Ecken, von Holzmehl beäschert. Stumpf drohten die Werkzeuge, Hämmer, Heile und Sägen.
„Liegen bleiben, liegen bleiben!" heulte der Tischler.
Aber der ungebärdige Deckel widerstand den Bemühungen der betrunkenen Hände: wie ein schwarzer Hobel schlitterte der Sarg auf dem hellen Holz des Werktisches. Aufgedunsen glühte das Gesicht des Mannes, seine Adern an den Schläfen schwollen, das Haar verwirrte sich.
„Daß du drin bleibst!" rief er. „Weg die Hand, zurück...!"
Juppi zitterte, schreckensbleich. Die Furcht trieb ihn hinter dem Ofen hervor, er wollte zur Tür hinausstürmen da stockte er im Anlauf. Unter der Tür stand die Meisterin, die von dem Geschrei ihres Mannes herbeigerufen worden war. Schmal, spitz, wie ein Eulenkopf starrte ihr Gesicht auf den Betrunkenen, der sich mit dem Sarg herumschlug.
„Bleib drin, Alte. Leg dich wieder um!" beschwor der närrische Mann. „Latz mich in Ruh. Du darfst nicht raus. Hin bist du, mausetot bist du, Sakra! Endlich ... bin ich dich los, Hauskreuz. Hinlegen, htnlegen: Deckel zu ...!"
Er stöhnte und japste, angeloht vom Hahblick seines Weibes.
Mit einem Schwung flatterte sie wütend auf ihn los, ihre Röcke flogen wie Äogelflügel, sie krallte ihn am Hals, rüttelte ihn und gellte ihm in die Ohren:
„Vierlump!"
Und sie umfaßte den Strauchelnden, zerrte ihn weg und schleifte ihn die Treppe hinauf. Der Sargdeckel war vom Tisch in die Hobelspäne gefallen, der Sarg hatte sein weißes Inneres aufgetan. Juppi bückte sich und legte den Deckel zurück.
Oben in der Wohnung schallte die schrille Stimme der Frau. Juppi lauschte benommen. Rundum schwankten die Wände, er war schrecklich verwirrt. Lange Dämmerungsstreifen fielen durch die Scheiben herein, körperlose Hände, Schattenfinger tasteten über die Werkzeuge und langten nach den Hobeln Der Sarg stand schwarz. Ausgespielt war das Totenspiel des Meisters, doch glänzte bas Holz wie Gebein, gleich abgefetzter Haut raschelten die Hobelspäne. Der Staub, den Juppi mit seinem Besen aufwirbelte, wölkte aschengrau, knochenbleich.
Das Lebensholz.
Juppi tischlerte nun schon ein paar Wochen voll Eifer. Zu seinen ersten flotten Schrctnerhandgriffcn hatte er neue hinzugelernt. So mehrten sich seine Kenntniffe. Er wußte, wie man einen Drillbohrer gebraucht. Und er hatte Einblick in die Kunst der Leimbereitung. Auch war ihm die Dunkelheit der Grafenauer Sprache, die ihm anfangs so schwierig vorgekommen war, stellenweise aufgelichtet, wenn er auch noch über manches Wortgestrüpp purzelte. Reichlich vertraut war ihm die Zungenfertigkeit der Meisterin, ihre böse Weisheit wußte er bereits nach kurzer Zeit auswendig. Wiederholt hatten ihm die Kraftsprüche Mürks ihren Sinn geoffenbart: beide, Meisterin und Obergesellc. erläuterten gern mit Maulschellen oder beendeten durch sie ihre Reden. Darin waren sie nicht unterschieden, mochten sie auch sonst auf dem Kriegsfuß einander gegenüberstehn. Aber Ohrfeigen waren, wenn Juppi den Nachrichten Ottos glauben durfte, das tägliche Brot der Lehrlinge, und man brauchte nicht erst darum zu bitten, wie um das vom Bäcker, das nicht so leicht zu erlangen war.
Zuweilen brummte ihm arg der Kopf von dieser billigen Nahrung. Dann hatte jeweils Mürk seinen schlechten Tag oder die Meisterin war in Siedehitze geraten wie ein Dampfkessel, und seitdem sie den wilden Auftritt mit ihrem Mann gehabt hatte, schäumte sie besonders leicht über
Mit dem Meister hingegen ließ sich gut wirtschaften und umgehn. Niemals teilte er Ohrfeigen aus, er prügelte nicht: er hatte wohl einen Widerwillen gegen Prügel, mit denen seine Frau nicht an ihm sparte. Der Meister sagte: mach das und mach das! und er ordnete es an mit einer so guten Bestimmtheit und Zuversicht, daß man seinen Auftrag umgehend und gern ausführte und gut dazu. Er zeigte einem seine Hand: genau so mußte man seine eigene Hand halten, wenn man das Werkzeug packte —und er ließ einen gründlich die Kniffe und Fertigkeiten erkennen. So wird es gemacht, sagte er in aller Ruhe, und so geschah es. Da saß einem der richtige Schwuna im Arm, der Druck in der Hand: wie geschmiert folgte das Werkzeug dem Lebrstnas- willen, war es nun ein Schiffshobel, der die krummen Werkstücke abbobelte, ober war es eine Säge, die wie Butter glitt.
So wie der Meister, verstand keiner zu hobeln, nicht einmal Mürk, der doch nach eigener Ansicht alles besser machte und eigentlich viel zu schade war für eine solche Bude, wo man verkam und verschlunzte. Wie ein Rasiermesser zischte der Meisterhobel über das Arbeitsstück. Papierdünn schwirrten die Späne wea, die reinste Birkenbaut
Bon den Gesellen konnte man nichts lernen. Zinn war mundfaul, Mürk ungeduldig. Gleich batte man eine sitzen, wenn man nicht sofort begriff, was er erklärte.
, -Streng deinen Kürbis an!" schrie er und langte einem so kräftig hinter die Obren, daß über das Wort „Kürbis" kein Zwei- fel blieb. Dann gab er einem den Rat, das Tischlerbanknverk aufzusteckcn und bester Feldkonditor zu werden, Ziegelbrenner Jedoch mit Lehm wollte Juppi nichts zu schaffen haben, er liebte oas Holz.
Fortsetzung folgt.)
verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'sche Univerjitäts-Vuch- und Steindruckerei. A. Lange, Gietze


