Schau vieler» nieder. Mit entblößtem, grün uno rvi oeniuuem vy . körper tanzen böse Geister verzückt zu rasenden Zymdeltoncn. Auch die
Die Häuser
«erantwortlich: Dr. Hans Lhyriot. - Druck und Dertag: Brühl'sche Universitäts-Duch- und Steindruckerei. A. Lana«, Gießet
wie eine Mumie steht die Sängerin mit verschränkten Armen vor der Brüstung. Keine Linie ihres weiß und rot bemalten Puppengesichtes bewegt sich. Immer höher schraubt sich ihre Stimme, immer weinerlicher tönt ihre Klage — während ihr eine Dienerin mit einem bunten Papier- facher Lust fächelt — bis sie mit einem einzigen schrillen Laut abbricht. Jetzt wendet sie sich um, dem großen goldenen Spiegel zu — mte einfach, sinnreich — und zupst ungeniert lange an Haar und Kleid. Wieder steht sie bann unbeweglich da und blickt singend träumerisch mit ihren dunklen Augen in eine unbekannte Ferne. Ihre schlanke, kleine Gestalt umfließt ein blaues, seidenes Prachtkleid mit roten Stickereien übersät.
Plötzlich ist ein alter Mann mit langem Bart da, er zerrt es fort — bas arme Kinb — unb zwingt bie sich Weigernbe unb Zappelnbe, mit ihm runb um bie Bühne zu laufen. Aha, benke ich, bas ungeratene Töchterchen wirb mit aus bie Reise genommen. Unermüblich rennen sie um bie Bühne, bas Mäbchen kreischt, der Vater flucht, endlich fchemt er müde zu sein unb ab.
Aber jetzt wirb es seltsamer. Männer in fardenrauschenben brokatenen Gewänbern mit falschen Bärten, Tier- unb Göttermasken stehen tm Rubel herum, erzählen mit harmonischen, geschwungenen Armbewegungen offenbar Bebeutsames unb verschwinben roieber. Andere kommen
Es erscheint bie Helbin. Ein riesenhafter Eisvogelfedernschmuck ziert ihr Köpfchen. Run begleitet sie aber ein bartloser, schlanker Jüngling, prunkvoll getleibet unb in einem wehmütigen Duett vereinigen sich bie Stimmen zur Liebesklage. ot.
Soll bas Stück schon zu Ende sein? Was wollen bie fingenben Akro- baten biefe keulenschwingenden Jongleure unb goldbehelmten Kneger, die eben zu wütenden Gongschlägen mit Streitaxt und Lanze Schwer- tern und Speeren blitzschnelle Attacke führen? Ein Krieger laßt sich jai) mit der ganzen Schwere seines Körpers zu Boden fallen — die Frauen auf der Galerie kreischen auf — aber schon erhebt er sich, lächelnd sich verneigend. Born Schwerte des Gegners durchbohrt fallt ein anderer wie tot rücklings nieder. Unter begeistertem „Chan-Chan" grüßt ihn das Publikum. Ein Schaufpieler tritt an die Brüstung unb beginnt seinen lang herabhängenben Zopf burch geschickte Kopsdrehungen zu schwingen, baß er wie ein Kreisel unb immer schneller unb in rasender Geschwindigkeit über dem Kopf dahinsaust. Ist das Ekstase des Zornes oder nur Akrobatenkunststück? Wie besessen johlt ihm die Menge Bewunderung zu.
Die Gold- und Seibengewänder verwirren meine Augen mit ihrem Glanz unb Reichtum an Farben. Wehende Febernzierben wallen von tau Köpfen ber Krieger, Brokate mit Blumen llberslickt fließen an Den Schauspielern nieber. Mit entblößtem, grün unb rot bemaltem Ober-
zur Bühne zurück.
Eben winken sie mit ben Hänben unb rufen wie wütend unb sekundenlang ,Chan-Chan". Ich muß über mein Erschrecken lächeln. Was mag ber Chinese bei unserem Applaus unb Bravorufen benken? Enblich fitze ich irgenbroo in einer Ecke fest. Die Chinesenweibchen am Balkon hinter Gittern mustern mich neugierig. Ich lächle nicht zurück. Die Männer sollen hier keinen Spaß verstehen, hat mir Tun-Fu verraten.
Shakespearisch einfach bie Dekoration. Kein Vorhang trennt erhöhte Bühne unb Zuschauerroum. Eine eintönig bemalte Kulisse ist Hinter- grunb unb nur in ber Mitte strahlt ein großer golbumrahmter Spiegel. Ich kann keinen Souffleur sehen.
Vor bem Spiegel kauern sechs Musiker. Das finb bie Helben bes „Höllenlärms". Ans bem Gedächtnis reprobuzierenb, begleiten sie einen rauben Tanz grell geschminkter unb mit greulichen Masken brohenber Gestalten. Die bösen unb guten Geister kämpfen um eine Seele wie im Reiche des Misthos, wo ihnen bie phantastische Seele bes Chinesen einen unermeßlichen Tummelplatz geschaffen.
Einer ber Musiker schlägt eine Art Zymbal. Ein anderer entlockt einer achtlöcherigen Flöte quietschende Töne, ein dritter zupft an einer zweisaiti vn Violine Holzkastagnetten schlagen hell den Takt. Eine vier- saitige Violine lägt, eine Bambusklarinette wimmert. Stundenlang sollen bie Musiker ihre bissonanzreichon Melodien aus ber Fülle von Volksliedern improvisieren können. Unb. nur mein ungewohntes Ohr, einem anderen Tonleiternsystem vertraut, ist schulb, baß ich nicht willig zuhören kann.
Kein Stuhl, kein Kasten, kein einziger Baum auf ber Bühne, ber bie Szene mich nur anbeuten könnte. Ich beneibe ben gelben Kuli neben mir um bie Kraft seiner Phantasie, die ihm alles ersetzt.
Lautlos verschwinden eben die tanzenden Geister, nur ein Mädchen singt eine Arie. Monoton zittern durch ben Raum ihre Kehllaute. Starr
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Gesichter finb grellweih, rot, grün unb blau bemalt. Jeder Charakter feine eigene Maske unb Farbe, auch ber Mann aus bem Volke ist im
flattern gelbrote, mit bunten Inschriften bebeette Lemwanbstrelfen und Fahnen. 'Der Chinese, ber Romantiker bes Ostens, erwartet sein Fest unb so begrüßt er bie „Söhne bes Birnbaumes", wie er bie Schauspieler nach einer reizvollen Sage nennt.
Bis auf bie Straßen dröhnt der gewaltige Lärm des Gongs und ber Tschinellen aus bem Theater Die große Halle ist voll Dunst unb Rauch. Nasale Fisteltöne aus Chinesenkehlen klingen zu bumtfem an- unb abschwellenbein Dröhnen ber Musik. Tänzer schwingen sich in fchreienb bunten Kostümen über bie Bühne.»
Das -Parkett ist von Arbeitern und Kulis, Solbaten unb Kaufleuten gefüllt. In fchivarzseidene Jacken gehüllt, sitzen sie an kleinen Tischchen vor einer Schale grünlichen Tees, rauchen unb kauen Sonnenblumen- ferne. Die Unterhaltung ist lebhaft, aber ihr Blick geht immer roieber
HSnden trägt. Demjenigen freier, der ihr gefällt, wirft sie die Stopfet iu was später in bem Brauch bes „Apselzuroersens feinen Nachklang gefunben hat. An vielen Orten begegnen wir ber Ansicht, daß bie Geliebte, wenn sie einen Apfel von einem Burschen angenommen hat, ihn lieben müsse unb mit den geworfenen Apselschalen wirb ein Orakel- fpiel unternommen, aus bem man bie Anfangsbuchstaben vom Jlamen des Zukünftigen herauslieft. Wer mit einem Apfel unter bem Kopfkissen zu Bett geht, bem soll ber Geliebte im Traum erscheinen.
Aus mecklenburgischen Volksüberlieserungen kann man entnehmen, daß bem Apfel auch heilfpenbenbe Kräfte beigemessen werben. Aus dem Lande ist z B vielerorts der Glaube verbreitet, daß Warzen sich durch Aepfel entfernen lassen. Man muß den Apfel zerschneiden, bie Warzen mit ben einzelnen Stücken breimal bestreichen, hieraus ben Apfel roieber Zusammenlegen, ein Band um ihn knüpfen und ihn an einen Ort werfen, wo roeber Sonne noch Monb scheint. Wenn nun ber Apfel vermodert, sollen zu gleicher Zeit auch die Warzen verschwinden.
Erwähnt soll auch eine andere Gabe des Apfels werden, feine Kraft hi richterlichen Schiedssprüchen zu einem gerechten Urteil zu verhelfen. So wurde ein Knabe durch einen Apfel und ein Goldstück, bie ihm zur Auswahl vorgelegt mürben, auf feine Fähigkeiten geprüft unb über feine Berusseiegnung entschieben. Wenn ber Knabe bas Goldstück wählte, so wurde er zur weiteren Erziehung den MännOm übergeben, weil er befähigt war, bas Nützliche bem Angenehmen vorzuziehen. Wählte er dagegen den Apsel, so war er ein „aeblebarn", ein Apfelkind, bas in bie Kinderstube gehörte. In den Tagen des Grafen Niklas von Zollern wurde diese Probe auch vor Gericht bei zwei kleinen Knaben angestellt, bie beschuldigt waren, ein Tier getötet zu haben. „Do legten die richter bem tnaben ain glitzernden neroen golbgulbin für", erzählt bie Chronik des Freiherrn von Zimmern, „unb barneben ain schönen großen epfel, darunter gaben sie ihm bie mal. Also bo name ber tnab ben epfel. Dor- mit bewies er feine kinbheit unb unoerftanbt unb erhielt ime auch selbs bas leben, und das der dolus malus bei ime entschuldigt wardt, kam also mit bem leben baoon."
Chinesisches Kleinstadttheater.
Von Heinrich B. Kranz.
Copyright by I. L. A., Wien.
Silbe
Szene unb Hanblung schafft bie seltsame Phantasie bes Chinesen aus sparsamen ©ebärben. Ein junger Krieger hüpft auf einem Bein umher, bas anbere stößt er stichenb in bie Luft. Er sucht ben Steigbügel, um f* aufs Pferb zu schwingen. Schon scheint er oben zu sein und in der Haltung eines Reiters sprengt er zum Tore ber Stabt hinaus. Dieses „Tor ist eben von zwei Statisten „gestellt" worben, bie ein breites, von zwei Bambusstangen gehaltenes Flaggenbanb bereithalten.
Oder: im roilben Schwerterkampf Gefallene stürzen zu Boden, erheben sich wieder und tämpfen weiter. Des Zuschauers Phantasie wandelt Zeil unb Raum. So wirb er nicht gewahr, wie ber eben von Peking abgereiste unb auch schon in Schanghai angekommene Bote bie Szene qar nicht verließ. So merkt er nicht, daß ber überbrachte Bries verschlossen unb boch gar nicht geschrieben, gelesen unb nicht geöffnet würbe War ich nicht auch als Kinb fo gläubig unb anbachtig naiv?
Unenblid) glücklicher Kuli neben mir. Bor beinen Augen rollen bunteste Szenen vorüber: Steppe unb Königspalaft, Friebhöfe unb Meeres- ftranb .. Aus nichts erschaffen, tauchen sie auf, beherrschen bein Auge unb beine Phantasie und leuchten in dein ärmliches Dasein mit geheimnisvoller Bildkraft. Jeder Augenblick der tausend Geschehnisse, jede subtilste Nuance bringt dir Theater, weil deine über allem Irdischen sich tummelnde Seele sie selbst aus der unermüdeten Schwungkraft deiner Phantasie erstehen läßt. . .
Wo noch ilt das Theater echte Volkskunst, die Lyrik ganz „Lieb des Volkes"? Musiker unb Schauspieler improvisieren nur aus angebeuteter Hanblung, unb bie seinen Fäden, die sich zum Volk zu ihren Füßen schlingen, verbinden sie zu gemeinsamem Feste.
Auf der Bühne bewegen sich eben zwei Jünglinge (ber eine ist em verkleidetes Mädchen) — sie sind um eine spröde Dorsschöne mit einem Einkausskördchen am Arm bemüht. Doch diese weist ihre Werbungen drollig unb energisch genug zurück. Das Parkett amüsiert sich unb lacht
Ist bies roieber ein anderes komisches Stück? Ist das vorhergehende „historische Drama" vorbei? Es mag wohl sein. Auch bas Bild der Zuschauer ist ein anberes geworben Neue Gäste finb hinzugekommen. unterhalten sich lärmenb. Es ist schon spät Mitternacht vorüber. 'Die lange kann bas noch bauern? Tun-Fu meint, oft ist am Morgen noch kein Enbe. Der Kops schmerzt vom Lärm der unermüdlichen Jnstruinent- So nehme ich Abschied unb trete wie geborgen in bie klare Nacht, in Stille und Mondenglanz.
Und ba ich burch die ruhigen Straßen aufatmenb heimgehe, muß i® an unsere moderne Bühne denken. Chinesisches Theater, groteskes Widerspiel europäischer Kunst, Dekorationsarniut, Bildwirkung. Melodrama Gedrängtheit des Dioloas zu knappstem Sah und Wort, rielenhnfte Mo- nologe, Szenen voll Phantastik und Kraftüberschwang, dissonanweiche, lärmenb malende Musik! Welcher Zularnmenklang! Wie soll ich ihr nennen? Modernen Stil? Expressionistische Bühne? Es ist alte chinesisch' Theaterkunst. _
Und meinem guten Tun-Fu, der erft svät morgens heimkehren durste, werde ich kein Wort des Tadels lagen Der seltsame Theaterabend mit mich zum ersten Male mit einer Art Ehrfurcht vor diesem Volk erfüllt
Tun-Fu, mein chinesischer „Boy", — er hat übrigens schon erwachsene Töchter, stürzt aufgeregt in mein Zimmer. „Theater in ber Stabt, Herr, Theater in ber Stabt." Es ist mehr seine eigene freudige Erwartung als liebevolle Aufmerksamkeit mir gegenüber, bah er sofort zwei Plätze besorgt. Jedenfalls sehe ich dem Abend mit großen Erwartungen entgegen.
Aus wunderbaren Träumen lockt mich ber Blick in bie brunnen- tiefen Geheimnisse ber „Söhne bes Himmels". Das Theater ist überall ein Spiegel verschleierter Mysterien unb ber unversiegbare Quell jahx- taufenbe alten Ledens, nirgenbs mehr als in China.
Der Abenb kommt. Tun-Fu ist schon vorausgeeilt. Ich will allem ben Zauder genießen unb habe ihm bas anbere Billett geschenkt.
Ich schlendere ins Chinesenviertel ber manbschurischen Kleinstadt. -■ ' sind festlich beflaggt, von Laternenpfählen und Masten
ote, mit bunten Inschriften bedeckte Leinwandstreifen und


