jßiFfoll ich's denn schaffen?' schreit der Gut-Herr In Verzweiflung aus. „Mit fünfzig Talern pro Tag? Für jeden Offizier? Für den Oberst achtzig? Aus meiner Kasse? Ohne Korn und ohne Vieh? Wie denn? Mit diesen Steuern und Abgaben und den ewigen Kontributionen? Ich kann es nicht leisten. Ich kann nicht! Wie stellst du dir denn das vor? 3d>„Es ist"gewih schwer, Fritz, aber sieh: es war doch gerecht, baß> der König die Erbuntertänigkeit aufhob? Für uns ist s gewih h^t, Fritz, aber die Kinder, die werdend dadurch doch einmal leichter haben! Die werden nicht mehr angefeindet werden, wie wir."
„Das glaub’ ich! Wenn sie Bettler sind, ist bie Versöhnung da!
"Fritz sträub’ dich nicht! Es ist eine neue Zeit!"
Die Tür öffnet sich: zornig, haltlos starrt Möllendors ins Antlitz der alten Wirtschafterin. „Was will Sie?"
„Gnädige Frau", zetert das Hausfaktotum, „die unlautere Weibsperson, die, die vom Zahlmeister, die will jetzt ein Bad!"
„Gib ihr's, Mariechen." . , ., ..
Bitter lacht der Gutsherr aus. „Sie ist niemalen kopuliert mit ihm! schreit Mariechen. „Wo ist das erhört? Nur Schweine baden am hellichten Tag! Ich tu’5 nicht!"
„Dann werde ich das Bad richten.'
Mit beschwörend erhobenen Armen steht Mariechen.
„Das verlaut,’ ich nicht. Ich tu’s schon!..." Aus dem Gang, >m Innern des Hauses hebt sich Streit. „Fritz!" Möllendorf reiht d,e Ture auf, er prallt zurück: Gelassen steht sein Vater in der frrderizianischen Generalsunisorm vor einem stämmigen, jungen Franzosen. „Seit ich hier bin, nahen Sie mir unehrerbietig! Sofort die Hand aus dem Brustausschnitt! Sie Gespenst, Sie!" — „Fritz!" Frau von Möllendors ringt mit ihrem Mann. Langsam, ruhig zieht sein Vater die Hand aus dem Brustausschnitt; sie hebt sich zum Hut. Die alten Beine gespreizt, nimmt des großen Friedrichs Feldmarschall den Generalshut vom Kopf. „Ist es Ihnen so recht, Herr Leutnant?" Wie ein Vater, der ein ungezogenes Kind zur Raison bringt, lächelt der Greis auf seinen Gegner nieder. Mit verwirrtem Drohblick, durcheinandergeworfen verschwindet der Franzose im Schlafzimmer der Ehegatten. Totenbleich, keuchend lehnt der Gutsherr an der Mauer. „Das sind nur Aeuherlichkeiten, Fritz," beruhigt der alte Möllendorf. Liebevoll tritt er an ihn heran. „Contenance, Fritzchen," bittet er. „Jeder Todack trocknet. Der französische Toback trocknet auch. Verlah dich daraus. Komm, Fritzchen!" Bittend umschlingt er die Schultern seines Sohnes. Die alten Augen ersuchen die Schwiegertochter um Hilfe. Sie nehmen den fassungslos um sich Stierenden unter Öen Armen, Frau von Möllendorf öffnet die Türe ins Wohnzimmer; mit gefalteten Händen kommt ihnen der Kandidat, der Erzieher der Kinder entgegen, feine Augen leuchten. „Ich bewundere Sie, Exzellenz," sagt er heih begeistert, „Sie fanden den Weg!" Schweratmend, mit verächtlichem Blick den Geistlichen zur Seite streifend, wirft sich der junge Möllendorf auf einen Sessel. „Herr Baron," stammelt der Kandidat, „Sie müssen sich fügen! Finden Sie zur Menschenliebe zurück!"
„Fritz", spricht der alte Möllendorf, aufrufenb liegt seine Hand auf der herabgesunkenen starren Schulter seines Sohnes, „Zerstöre dich nicht! Die Zukunft braucht Männer!"
„Ja, Herr Baron, die Exzellenz hat recht!' fleht der Kandidat. „Lassen Sie endlich den Haß; Sie werden erst dann wieder fröhlich fein!"
„Fritz!" spricht mahnend der alte Möllendors, „die Pferde, das Erz und" die Menschen, die wachsen in Preußen, trotz der Franzosen!" Mit einem Ruck, fragend, hoffend hebt der junge Möllendorf den Kopf.
„Nicht!" bittet der Kandidat zurückweichend.
„Wie denn?" fragt scharf der alte Möllendorf. „Ich kenne das Leben! Ich habe mich aus großer Verwirrung zu fester Anschauung durchgerungen. Ich weiß, was ich sage! Fritz!?" Gütig lächelt der Greis seinen Sohn an. „Fritz, wir warten nur auf Reserven! Das Gefecht ist bloß abgebrochen! . ."
„Vater?!" Der junge Mann springt hoch, schluchzend umarmt er den Greis. „Erziehe deine Kinder", spricht der alte Möllendors, „zu solchem Denken!... Bist du damit einverstanden, liebe Tochter?"
„Ja, Vater." _. _,
Sie wenden sich: schüchternes Klopsen war an der Ture. Schwerfällig, linkisch schieben sich zwei Bauern ins Zimmer. Sie nicken unbeholfen einen Gruß; stoßend sucht der eine den andern vor sich zu bringen. Zurückweichend umpreßt des jungen Möllendorfs Hand die Lehne eines Sessels.
„Klaus, willst du reden?"
„Red’ du." , . ,
„Wir wollen nischt, Herr Baron! Gucken Sie uns man bloß nich so böse an; wir wollen nischt."
„Ja, nischt, Herr Baron!"
„Red’ du."
„Red' du."
„Also! Ihr Vorwerk, Herr Baron, is doch niedergebrannt? Sie brauchen’s. Ihr Flachs verfault!"
„Ihr werdet mit mir schlechte Geschäfte machen."
„Davon ist nich die Rede, Herr Baron. Wir wollen's ausbauen! Als Gegen-Echenerosität, weil Sie uns bet Vieh über ben Winter brachten, als bei uns bie Franzmänner illuminierten. Reb' jetzt bu."
„Alles finbet ber Napoljum nicht, Herr Baron; ich hab' noch Saatkorn, Herr Baron." Der Bauer faltet die Hände. „Verschmähen Sie die kleine Gabe nicht", bittet er. _
Wortlos, dankbar strecken der alte und der junge Möllendors den Bauern die Hände hin. Frau von Möllendors wendet sich ab. Sie zerrt ihr Augentuch aus der Tasche; der Kandidat schielt.
„Ihr könnt doch auch nicht eure Landmark bebauen?"
„Wir stehen aber nicht unter Sequester, Herr Baron! Das ist's. Wir können wat verstecken!" — „Und, weil die Herrschaft so gnädig ist," spricht der alte Bauer, „mit Verlaub und Respekt vermeldet, mein Hans, ber früher Ihnen gehörte, Sie haben nischt nich bafür gekonnt,
Herr Baron, ich weiß schon, der heirat' am Sonntag. Ich mach hiermit meine devoteste Einladung dazu. Er heirat' die Grete, die der Herr von Prittwitz hat nich freigeben wollen. Jetzt hab ich den Konsens^ Geben Sie uns die Ehr', Herr Major. Der Hans ist ein Stuck von hier. Ec war doch in Ihrem Regiment!" ' „
Nehmt mir's nicht übel. Mir steht der Sinn nicht nach Festen.
Aber Herr Baron", spricht der alte Bauer. „Verkümmern Sie sich nich" Das' Leben geht weiter, trotz dem Napoljum; Herr Ma,or, haben Sie man keen Bange."
„Er hat recht, mein Sohn."
, Also auch das. Ja, ich komme! Ich komme gern.
,'Gottes Dank."
hoffen!"
„Ja aber, was fall denn dann werden?
Ein Fabrikant und fein Kompagnon geraten aneinander.
Ich verstehe Sie nicht," schreit der Kompagnon, „immer das Ge- schimpse über die Franzosen! Die Franzosen handeln doch nur nach dem Friedensvertrag!"
Aber, lieber Freund?! Er wurde uns doch diktiert!?
"Wenn Sie bankerott werden, werden Sie sich bann einem Ausgleich fügen, ber bestimmt, baß alles, was Sie ober Ihre Sohne und Enkel unb bereu Kinder und Kindeskinder zu verdienen vermögen daß dies alles Ihren Gläubigern gehört? Gleichgültig, ob es das Vielfache beife@eroiM5 wäre besser ^ger^sen,° Graf Kalckreukh hätte die Höhe ber Entschädigungen festgesetzt! Aber es ist i«tzt -b-n «nmalfo!Tbin
besser gewesen, Gras Kalckreuth hätte die Höhe ber emiamengunyt.. gesetzt! Aber es ist jetzt eben einmal so!? Ich bin übrigens ber Ueberzeugung, bah bie granjofen früher ober pater “«• ben mit sich reden lassen. Der Friedensvertrag ist ,a nicht burchsuhrbar! Ich hoffe zuversichtlich aus eine Revision! Es geht ja so nicht weiter.
„Es ist kindisch, zu Hessen, daß der andere anständig sein wird, weil wir bumm unb verantwortungslos waren! Dieses leichtsinnige Hoffen ist eine furchtbare Frivolität! Jal Was man unterzeichnete, ist Bindung Wofür hätte rnan's sonst unterzeichnet? Die Franzosen werben uns mäst helfen, sie wären schön bumm, gäben sie Rechte auf, bie wir ihnen feierlidjft zugebilligt haben. Jrn Gegenteil! Davon ist gar nichts zu
.Mein!" schreit erschrocken ber Anbere auf. „Um Gottes willen, nur | keinen Krieg mehr!"
„Er kommt boch!"
„Das wäre ja fürchterlich?" rrn,
„Die Wahrheit ist nur bem Feigen fürchterlich! Wir toten ben Farbstoff um zu färben, wir töten ben Wolf, ber in unsere Hurben brich!, ber Mensch muß töten, um fein Allerheiligstes zu erhalten! Napoleon kann nicht aus Besenstielen Solbaten schnitzen, er kann bie Menschen nicht zu Rauf- unb Diebsorganen umschaffen, er kämpft gegen lli- elemente; seine Retorte wirb zerplatzen burch eine gewaltige Explosion, i Nur burch Zerstörung wirb geschaffen! Es wirb nur erhalten dmih Vernichtung!" (Fortsetzung folgt.)
Scheidender Sommer.
Von Bruno Brehm.
Jetzt, ba sich in ber früh herabsinkenben Dämmerung Gegenwart unb Vergangenheit bie Hänbe reichen, ba sich biefer bahingehenbe Somme» zu allen anbern Sommern unseres Lebens gesellt, wollen wir ihren, bie unsere Jahre gekrönt, gewärmt unb beglückt haben, so gebenfen, als wären sie alle einer gewesen, in welchem wir selig an ber Brust Dielen guten Erbe gelegen finb. •
Cinberfommer, nach grauen Schuljahren, gebückt im kühlen Schal- ten des Waldes, auf der Suche nach braunen Schwämmen, herum kriechend zwischen Stachelbeeren unb Johannisbeeren, mit einem Buttei - I brat in ber Hanb, bas nicht schmecken will, weil bie Butter in ber Sonn« j zergangen ist — unb auf einmal ist man von ben längerroerbenbem Abenben überrascht, sitzt lange im Finstern unb hört bie Geschichten von, j bem gerechten, aber grausamen Räuberhauptmann Schinberhannes, kam gar nicht begreifen, baß dies noch ber gleiche Sommer fein soll, zu dessen' Beginn man zwischen stacheligen Brombeersträuchern und bösen Bren ; nessln auf ben weiten Schlägen so viel Erbbeeren gepflückt hat, baß man, , abenbs vor bem Einschlafen bie roten Küglein burch ben heraufziehendm Traum rollen sah. ,,, „ |
Kinbersommer am Meere, mit bem weichen Sanb ber Dunen zwstchm ben Zehen — unb bie Frage ber Mutter: „Wo finb denn alle Kirsche" ferne hin?" — „Die habe ich alle verschluckt!" — Beileibe nicht am- Uebermut oder aus Bosheit, nur weil während des Spielens roinli® keine Zeit zum Ausspucken war. Dann aber dürfen alle baden gehe» und der Kerneschlucker muß im Bette liegen. Da besucht ihn eines Tages der gute Onkel, der Kopfschmerzen hat und die Brille abniwnii „Ich wußte gar nicht, wie schön man von diesem Fenster aus das Men \ sehen kann. Ja, das Meer, es ist ein erhebender, ein berrlidier Anblicks
Da richtet sich der kleine Junge mit der Gelbsucht ein wenig im Bet# auf und blickt dem Onkel über die Schulter, er will auch wissen, welch-" Meer der Onkel denn da sehen kann und da merkt er, daß cs das große, i in der Sonne blitzende Blechdach dort drüben über dem Hof ist, was ort Onkel für bas Meer hält. So habe ich zum erstenmal erfahren, was em Dichter ist, ber sich auch über ben Schein freut, aber es kam mir ein wenig lächerlich vor, weil der Onkel wirklich ein erhabenes Gesicht machm Die Brille versteckte ich, denn ich war ein gutes Kind und wollte dem Onkel keine Enttäuschung bereiten. Aber ein paar Tage fpäter lag- bie Tante zu mir: „Ich weiß schon, warum du so grün im Gesicht mein Kind, das ist nicht die Gelbsucht, sondern die Bosheit."
Bubensommer dann — mit Kopfsprüngen in das kühle, ausspritzem Wasier, dazu das Zählen des Schwimmeisters: ei—ne, zwei—e! -iw chen nach Geldstücken in die geheimnisvolle grüne Tiefe mit den auir ■ perlenden Lustbläschen, eine Freischwimmerprüfung über einen New Fluh, Kahnfahrten mit Umwersen unb unter dem Wasser unter o°-


