„Wollen wir ein leichtes Abendbrot nehmen?" schlug Peter vor und bestellte Pfirsichbowle.
Katarina wünschte kein Abendbrot.
Wil wollte zwischen sieben und acht wieder in Berlin sein und sich mit einem berühmten modernen Komponisten treffen, mit dem er einmal auf einem Ozeandampfer gegondelt war. Wil wollte Katarina mitnehmen. Der Meister werde sie bestimmt ertragen. Peter bestimmt nicht. Fremde Herren streng verboten — nach Wils Ansicht.
Ein Donner krachte, daß die Erde bebte. Die Spree schäumte und wogte, wie ein Meer.
Peter goß Bowle ein.
Wil lachte: „Ich dachte eben an Rostock und Onkel Mönckes Garten! Erinnern Sie sich an das Gewitter, Kat?"
Katarina erschrakt tief innen im Herzen. „Natürlich!" Ihr Gesicht strahlte, als zeige er ihr ein unerwartetes großes Glück. „Julia und ich saßen hoch oben im alten Birnbaum..."
„Ich saß tiefer, mit dem Pflückbeutel und dem Korb, und — fraß."
„Aber es kam noch viel toller herauf als hier, Wil! Von der Ostsee herüber — es war in fünf Minuten da. Julia stieg still herab, ich rutschte auf Sie, Wil, und plötzlich lagen wir alle drei unten, mit einigen gebrochenen Aesten, die unser Glück waren."
Sie lachten leise. Es blitzte wieder grell. „Oh, ich weiß noch! Julia sagte: ,Es hat den Baum getroffen!' und betastete sich vorsichtig. Sie, Wil, lagen lang ausgestreckt auf der Erde und lachten lautlos — und ich hing immer noch zitternd an Ihnen und betastete mich auch und war wütend über Ihr schüttelndes Lachen, das ich bloß spürte."
Er nickte und lachte, wie damals in sich hinein. „Ja, Kat —!"
Kat erinnerte sich unheimlich genau an jede Einzelheit. Es hatte bis dahin immer bloß ein harmloses, geschwisterliches Hin und Her zwischen ihnen gegeben, Wil war ein hart in sich versponnener, etwas scheuer und täppischer Anbeter und Verehrer gewesen — aber als sie so dicht an ihm gehangen und die krampfhafte, wilde Erschütterung seines Körpers gespürt hatte, da war ein Schauer in ihr Blut geschlagen, zum erstenmal in ihrem Leben, daß sie sich stumm und erschrocken losgelöst und rasch erhoben hatte. Damals war sie Studentin der Musik gewesen, blutjung, und Wil ein etwas älteres Semester der Rostocker Universität. Die Ferien waren fast zu Ende; es waren Katarinas letzte Ferien in Rostock gewesen ...
Sie sahen einander, blaß in dem Gewitterlicht, an. Peter war nicht mehr da.
„Noch ein wenig Bowle, gnädige Frau?" fragte Herr Peter Geyck.
„Und dann die Fahrt bei dem andern Gewitter Über den See, Kat —! erinnerte Wil. „Wissen Sie noch, Kat?"
Sie leuchtete und nippte an ihrem Glas.
Peter trank bekümmert.
„Oh, ich weiß noch genau, Wil! Oll Schwarz, der Schiffer, hatte das .Schwert' vergessen und jammerte über das fehlende .Swert'. Zwölf Leute im Kahn und ohne .Schwert'! — .Man bloß nicht versupen, oll Schwarz!' mahnte Julias Papa. Und Sie, Wil, arbeiteten rasend mit einem Brett, das das .Swert' sein sollte."
„Es war herrlich: die schönste Fahrt meines Lebens, Kat! Wissen Sie auch, Kat, daß sich dabei mein Leben ein bißchen entschied? Als ich damals schwitzte, sluchte und mit dem Brett herumtobte, da lösten sich mit einemmal alle verhedderten Stricke meines Wesens, und das Abenteuer und die große Welt lachten über mir, wie eine stürmische Verheißung. Es war, wie mit einem Schlage, klar entschieden: Bloß fort, mit Füllfederhalter und Frechheit! Und ich machte schleunigst meinen Doktor und gab alle Futterkrippenweisheit reuelos auf."
„So ist es immer, Wil!" sagte Katarina leidenschaftlich. „Man kann nichts gegen fein Schicksal tun! Ich kenne das. Mit einemmal, wenn man ganz verzweifelt ist oder unentschieden dumpf — beim Strümpfeanziehen oder mitten in der Badewanne — ist es plötzlich da, und man springt auf..."
„Genau so. Man kann sich bloß heranwühlen. Oder noch anders und besser, Katarina: es nicht zu ernst nehmen. Zuviel Ernst macht fchwer- sällig, dämlich und ängstlich!"
„Ja, Wil: Nicht zu schwer nehmen ..."
Peter war anderer Ansicht. Blitz und Donnerschlag... Das Wasser spritzte unter dem dicken Regen, und weit drüben stand die Waldmasse in scharfem Umriß, ernst, dunkel und schön, wie das gefährliche Leben vor blaugrauem Schicksalshimmel. Lord Peter räusperte sich. „Wollen wir nicht doch ein leichtes Abendbrot--?"
Da sank der Kleinmut wieder auf Katarina herab, wie eine brennende Verzweiflung. Ach, Peter, du störst mich — du störst mich entsetzlich! dachte sie und sah in dem magischen Gewitterzwielicht alles seltsam klar und endgültig wahrhaftig. Es kam immer einmal dahin, daß man litt... Nichts zu ernst nehmen —I Lieber, guter, famofer Wil! Ja: Jede Entscheidung kommt plötzlich, wie Blitz und Schlag. Eine grelle z Flamme zischte über den Himmel. Sie schloß die Augen davor. Wie in [ einer Vision sah sie Louis Hasselbrink in der Ferne, ganz fern, blaß und seltsam deutlich, merkwürdig fremd, ernst und bedrohlich, gespenstisch s und doch leibhaftig, und mit einemmal wurde ihr blendend klar, was es i hieß, gebunden zu fein, ewige Bürgerin am Tulpenweg, ohne Weite —
Echo — Gefahr und Glück, ohne Angst und Lust und--
i Der blonde, braune Wil sagte etwas und lachte hell. Das tat ungeheuer wohl. Sie hatte nicht darauf gehört. Vielleicht war es wieder eine Erinnerung ober ein neues tröstliches Wort? Sie fror in der Schwüle. „Ob wir es wagen können?" fragte sie (aut.
„Natürlich!" sagte Wil Lieber, prachtvoller Wil! „Also ich denke, wir riskieren es?" schlug er vor und nahm, als müsse er sie beruhigen oder wecken, mit langsamem Griff ihre fiebernde Hand.
(Fortsetzung folgt.)
weiß, was ich sage. Ich liebe Sie sehr. Ich möchte Sie haben. Ich wage viel und alles. Gut: Ich bin toll!"
Also er, Peter, war die richtige, die leibhaftige, lebfrische Zukunft? Ach nein! Äch nein! Da saß er wieder selbstgefällig fid) feines pra$t= vollen Wertes, feiner älteren Rechte und feiner jüngeren Jahre bewußt, als großartiger Lord Peter, der die Dinge einfach und unverwickelt nahm und die Welt mit fröhlich-entschlossenem Ernst in die Tasche fterfte, soweit er sie nicht schon drinhatte. Zum Lachen und Umstchhauen. Verschwinde! Löse dich auf! Verdufte und verfliege!
Er dachte nicht dran. Er faß mit festem Fleisch da und sah sie mit hellen, runden Truthahnaugen an, die durch ein strahlendes Licht vom Fenster her verschönt wurden. ..
Also- Ich danke Ihnen, lieber Herr Geyck. Es ist alles gründlich überlegt Das geht wirklich nicht. Und das geht alles bestimmt vorüber — in Ihren Jahren... Und nun wollen wir verständige Freunde sein und nicht mehr davon reden."
„Also — keine Chance?"
„Nein: keine. Noch weniger als — Scribles.
„Ach, der! Tut mir leib... Tut mir unaussprechlich leib, Katarina... Es "ist meine Schuld. Ich verdiene es natürlich. Unaussprechlich leid.... Ich habe es manches Mal geahnt... Ich bin traurig. Furchtbar traurig, Äataj)as gel)t vorüber, Peter. Es ging auch damals vorüber. — Holla, da 'ist Wil!" , , ■. ■
Durch die Tür schritt gelassen der lange, gebräunte Herr mit weizen- hellem Haar, etwas tief liegenden Augen von der Farbe frisch gebrochnen Eisens und mit spöttischer Unterlippe, wie bei Julia. Ein Möncke-Erbe. Dieser lange, braune Mensch sah ganz genau so aus, als roenn er im nächsten Augenblick mit Katarina allein davonfahren mochte. Er tat immer, was ihm gerade einfiel und andern Leuten nicht behagte. „Mama nicht daheim?" fragte Wil.
„Bridge in Babelsberg."
Tüinnfuhren sie in Peters offenem Leihwagen ab. Wil faß bescheiden auf dem Rücksitz und sprach nicht viel. Seine Zähne blitzten mitunter, als lächle, „grinse" er — wie damals in Park-Avenue am East River. Jetzt war man allerseits unbefangener und gereifter.
Bloß Peter, der Großarchitekt von drüben, sah noch verdächtig jugendlich und elastisch aus und war dazwischen munter und lärmend, wie em Mann, der es geübt und gelernt hat, mit den Dingen „einfach und nüchtern" fertig zu werden... ' „
Es war bezaubernd hübsch da draußen: Blaues Wasser mit Dampfern und Booten und an den Ufern Helle Terrassen mit bunten Blumen und Menschen. Sie hielten an der Bogendrücke zur Abtei und gingen hinüber auf die Insel mit den schönen, alten Bäumen. Es war voll auf der Insel; die Berliner Konditoren feierten ein Fest, viele blühende, lebhafte Gestalten, zu denen Peter vorzüglich paßte, natürlich als Großkonditor. Katarina sah belebt und befreit umher: Das war luftig. Sie saßen vor einer großen Kaffeekanne. Musik schmetterte: richtige Blechmusik mit stampfender Pauke, so war alles in bester Ordnung. Hinter den Saalbauten aber gab es eine „Festwiese" mit hohem Betrieb; man hörte ihr Juchhe, wenn die große Pauke sich erholte.
Wil schien wieder seinen Schönholzer Tag zu haben. „Kommen Sie mit, Katarina?" fragte er nach einer Weile. „Aber jemand muß auf den Tisch aufpaffen!" sagte er höflich, die Zähne zeigend, zu Lord Peter.
Katarina erhob sich, nach kurzem Besinnen, rasch.
Und Peter steckte sich entrüstet eine frische Zigarre an. Dieser Möncke hatte eine unbefangene Art, die in der afrikanischen Steppe vorzüglich am Platz fein mochte... Doch als auch er auf der Festwiese anlangte, schwebten Wil und Katarina eben auf einer Luftschaukel in den Himmel empor. Möncke winkte tröstend mit der Hand zum Abschied herab.
Als sie wieder herunterkamen, schossen sie felbbritt an einer bunten Bude. In den Saalbauten klang Tanzmusik. Es mußte nach sechs fein, aber es war über den großen Bäumen auffällig dunkel Peter fah hinauf. Auch Wil sagte: „Nanu?" Da oben war ein seltsam wirbelnder Betrieb: Die Kellner gingen eilig daran, die roten Tischtücher zufammen- zulegen. „Kommt was?"
„Unsre Wetterecke!"
„Ich schlage vor —", sagte Peter und wies auf den massiven Loggienbau am Rande der Insel.
Katarina war willenlos und gleichgültig. Ach, was sollte man noch hier? Sie ging folgsam zwischen den Herren.
„Kann nicht sehr lange dauern, Kat", tröstete Wil, dicht an ihrer Seite.
Vor dem herabgelafsenen breiten Fenster war ringsum Wasser; links drüben eines Strandlokals leergespülte Terrassen mit festlichen Blumentöpfen; rechts drüben Rummelsburg; Dampfer und Kähne dazwischen; vor ihnen, weit drüben, dichter, dunkler Wald: der Treptower Park.
Es zog kühl und stürmisch herein. Vorhänge und Tischtücher flatterten; Speisekarten flogen zu den Fischen ins Wasser. Blitz und Schlag schon ganz nahe. Man atmete auf, genoß die rauschende einsame Weite, das aüfgreöenbe Licht vor bem schwarzen Wald, bas ganze büster-klare Bilb, burch bas bie Dampfer gebückt hinter einem Regenvorhang zogen.
Man war bem Element ganz nahe — bas war herrlich! Katarina siirchtete sich nicht. Ihre Augen blickten groß; ihre Lippen schimmerten wärmer; ihre Haut war blaß.
Peter fah bekümmert auf sie. Auch Wil hatte einen harten, heitern Silberglanz im Auge, warf einen langen prüfenben Blick zu ihr hin ... Sie selbst war bas Element. Nixe. Melusine. Kein Wesen bie,er Tränenwelt! Balb Frau Katarina Hasselbrink ... Wils Augen würben klein und schmal vor Hohn
Man mußte bas Fenster schließen. Nun war es stiller, bürgerlich- alltäglich.
kLeran'wortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerel, R. Lange, Giehen.


