Ausgabe 
3.8.1934
 
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Ich hatte zuletzt gar nicht auf Jens geachtet. Schwerfällig und gleich­gültig schritt er auf dem Wege dahin, stampfte mit den Beinen in den Kies und machte unnötig Staub. An einer Senkung des Weges ließ er plötzlich den Kopf hängen, kaute einige Male hart am Gebiß und blieb wieder stehen. Darüber konnte kein Zweifel sein, er blieb ohne eine Spur von Verlegenheit stehen.

Ich war ganz mit meinen Gedanken an das junge Mädchen beschäf­tigt, und es dauerte eine Weile, bis ich merkte, daß wir still standen. Da fuhr ich plötzlich zusammen! Du kannst deinem Gott und Schöpfer danken, daß ich hier sitze und an ganz andere Dinge denke! sagte ich laut zu ihm. Ich wurde plötzlich unwillig, ich konnte nicht länger meine Gefühle unterdrücken. Jens stand ganz still mit gesenktem Kopf, als wenn er den Finger an die Nase legte und über etwas nachdächte. Ich beugte mich vor, um den Weg zu untersuchen. Es konnte vielleicht ein Kind gerade, vor seinen Füßen liegen, oder ein großer Stein oder eine Baumwurzel; ich spähte überall hin, sah aber nichts. Ich hob die Peitsche und gab Jens einen Schlag. Er rührte sich nicht von der Stelle, aber er warf den Kopf zurück und schien zu sagen: Sieh dich vor!

Das machte mich wütend. Sieh dich selbst vor, antwortete ich und gab ihm einen zweiten Schlag. Da stemmte er die Beine fest in den Boden und sah aus, als hätte er die Ehre, sich vor einer ganzen Ver­sammlung auszusprechen, und ihm entschlüpfte ein Laut. Sonst sagte er nichts.

Ich sagte mir: Nein danke, mit einem Pferd streite ich nicht. Empört und stumm lehnte ich mich in meinen Sitz zurück und wartete darauf, was nun geschehen würde. Ich war von daheim mit dem festen Vorsatz fortgefahren, nicht mit jemand in Streit zu geraten.

Eine Stunde verging, wir standen noch immer still, und ich hatte die größte Mühe, mich von Gewalttätigkeiten zurückzuhalten. Zweimal richtete ich mich im Karriol auf, und jedesmal vermochte ich es über mich, mich wieder zu setzen. Jens benahm sich sehr vorsichtig, er machte keinen Lärm, rührte kein Glied, atmete nur ganz still. Endlich erhob er das eine Bein und setzte es wieder hin. Es sah aus, als sei er vom Still­stehen ermüdet. Er hob ein anderes Bein und setzte es wieder hin. Bevor ich Zeit gefunden hatte, meinen eigenen Augen zu trauen, fühlte ich, daß das Karriol wirklich weiterrollte, wir standen nicht mehr still, wir fuhren wieder.

Ich wurde sprachlos, ich konnte in keiner Richtung eine Meinung aussprechen. Das Karriol rollte schneller und schneller, ich sah Jens die lächerlichsten Bewegungen machen: er sprang. In verbissener Verbitte­rung wollte er mich selbst überreden, zu glauben, wir ständen noch still Wir stehen, wir stehen, natürlich! sagte ich. Zum Teufel, wir stehen! Und ich schloß die Augen, um nicht, zu sehen, daß wir uns wirklich vor­wärts bewegten!

So verging eine geraume Zeit, die Sonne begann zu sinken, und die Hitze nahm ab. Jens ging wieder in trägem Schritt. Ich war empört über ihn, er hatte meine ganze freudige Stimmung zerstört, mit lieber« legung meine Zeit vertrödelt; ich hatte noch eine gute halbe Stunde bis zur nächsten Station und würde kaum dorthin gelangen, bevor mein Skyßjunge von dort fortfuhr. Als wir die Höhe eines Hügels erreicht hatten, beschloß ich daher, ein wenig von der versäumten Zeit einzuholen, ich rief Jens an und hielt die Peitsche zur Seite hinaus, um ihn darauf aufmerksam zu machen. Er erhob den Kopf und glotzte ein wenig zurück, als verstände er mich nicht. Ich werde mich ein wenig deutlicher ausdrücken! sagte ich und knallte ihm eins um die Schenkel.

Er blieb stehen!

Es lag keine Möglichkeit vor, daß ich mich selbst täuschte: Jens stand zum drittenmal unerschütterlich still.

Ich griff fest um den Peitschenschaft und richtete mich im Karriol auf; ich war fest entschlossen, die Sache im offenen Kampfe zu ent­scheiden, es mochte gehen, wie es wollte. Im letzten Augenblick konnte ich mich jedoch bezwingen. Ich empfand in diesem Moment keine Spur von Furcht; wenn es ein Löwe gewesen wäre, wäre ich darauf los gegangen. Aber ich besann mich und ließ die Peitsche los.

Ohne ein Wort über meine Absichten zu äußern, stieg ich aus dem Karriol aus; ich hatte meinen Plan dabei. Es konnte nämlich keinem Zweifel unterliegen, daß dem Pferde etwas im Wege liegen mußte. Ich ballte die Fäuste, bereit, allem entgegenzutreten, und ging vor zu Jens.

Ich konnte nichts entdecken, ich blieb fast enttäuscht stehen und beugte mich zum Boden nieder, um ihn gründlich zu untersuchen. Kies nur Kies überall. Das einzige, was ich entdeckte, war ein abgebranntes Streichholz. Ich ging zurück und setzte mich wieder hinauf nun sollte es biegen oder brechen!

Ich schrie Jens fürchterlich an, schwang die Peitsche und gab ihm einen Klaps. Jens sprang mit dem Hinterteil in die Höhe und stand wieder still, wie vorher. Das half also nichts, ich mußte wieder hinunter. Ich ging wieder vor zu Jens, drückte mich dicht an ihn und sah ihm ins Gesicht. Er tat in seine Verstocktheit, als merke er es nicht Ich kniete nieder, blickte hinauf in ferne Augen und folgte der Richtung feines Blickes. Worauf starrte er? Ich fiel aus den Wolken, es war wirklich das kleine Streichholz, auf das er starrte!

Ich schämte mich für ihn. Hatte es denn einen Zweck, von einem solchen Streichholz soviel Wesens zu machen? Ich ging mehrmals um das Karriol herum, um zu überlegen, wie ich dem Tier zusprechen sollte.

Wie er nur daraus komme, mir all die Ungelegenheiten zu bereiten? Hätten wir etwa im Voraus verabredet, daß wir bei jedem Streichholz, das wir am Wege finden würden, Haltmachen wollten? Ob er wohl meine, daß er das verantworten könne? Ob er ein Pferd von Ehre sei, was?

Er verzog keine Miene.

Ich setzte ihm scharf zu, ich machte ihn in schlimmster Weise zum Narren, hatte ihn ganz offen zum Besten. Ein Streichholz! sagte ich verächtlich, eine Ware, die ich in ganzen Paketen fortschenken konnte, -ob er das verstehe! Es hätte Tage gegeben, an denen ich in allen Tafchen Streichhölzer gehabt hätte, so wenig reich ich auch aussahe. Wirf em

Streichholz auf den Boden, sagte ich, bitte mich, es aufzuheben und sieh, ob ich es tue!

Er ließ sich durchaus nicht stören, er senkte den Kopf und starrte wie bisher vor sich hin.

Da wurde ich äußerst wütend, ich hatte den Eindruck, daß er mich ganz überhörte, und daß er tat, als kenne er mich nicht. Was sollte ich tun? Ich ging auf dem Wege hin und her, fluchte und zuckte wütend die Achseln. Mit zitternder Stimme wandte ich mich dann wieder zu ihm und versuchte ihn mit schlagenden Argumenten zu überreden. Ob es vielleicht ein bedeutenderes Streichholz fei? Stehe es wenn ich fragen dürfe auf der Weltkarte? Wollte er mir etwa einbilden, daß es ein ungewöhnliches Streichholz sei, das kennen zu lernen ein wahres Ver­gnügen bereite?

Ich schrie lauter und immer lauter und focht mit den Armen herum.

Jens blickte schließlich auf; er merkte, daß es Ernst war. Ich wollte den günstigen Augenblick benutzen, ergriff die Zügel und stieg hinauf. So, endlich konnte ich die Fahrt fortsetzen. Na? Es galt also nur zu erreichen, daß er den ersten Schritt machte, bann ging die Sache ganz von selbst. Er muhte ein Bein aufheben, bann folgten bie anbern nach. Natürlich, welches Bein er selbst wollte, er hatte bie Wahl. Na?

Aber Jens ging durchaus nicht. Er senkte roieber ben Kops und begann von neuem vor sich hinzustarren. Da ergab ich mich, ich fiel wirklich zusammen. Nun war es mir ganz gleichgültig, wie es enben würbe. Ich zog bie Decke über mich unb begann mich für die Nacht einzurichten. Jens zog ich überhaupt nicht mehr in Betracht. Wer wußte, wie lange er ba noch stehen wollte? Wer konnte bafür bürgen, baß er überhaupt noch an bie Reife bachte? Kein Teufel konnte riechen, ob er sich vor morgen früh von ber Stelle rühren würbe! In jebem Fall, sagte ich zu mir selbst, habe ich getan, was ich konnte; es ist nicht mehr meine Schulb, ich wasche meine Hände.

Da sehe ich unten am Hügel ein Karriol, bas uns entgegenkommt, selbst Jens stellt bie Ohren auf unb wiehert. Es war mein Skyßjunge, ber sich auf ber Rückfahrt befanb. Er machte erstaunt halt und betrachtete uns. Da sprang ich ab und erzählte ihm, was mir widerfahren war. Der Junge wandte sogleich sein Pferd um und erbot sich, voranzufahren; Jens sei störrisch, sagte er, Jens müsse sozusagen mit einem andern Pferde gefahren werden.

Ich stieg wieder auf. Dieser Einfall, mit einem Führer, einem Vor­reiter, war würdig eines Mannes in guter Stellung und gefiel mir sehr; es war wirklich dasselbe, als wenn man mit zwei Pferden fuhr. Ich vergaß und vergab, was sich vorhin zwischen Jens unb mir ereignet hatte. Ich kam in beste Stimmung und begann ein Lied zu summen.

Unb Bäume unb Steine unb Häuser tanzten an meinen Augen vor­bei, inbem wir baran vorüber sausten. So fuhr ich mit zwei Pserben in bie Station ein.

Katarina kann sich nicht entscheiden.

Roman von Viktor von Kohlenegg.

Copyright 1932 by August Scherl G. m. 6. H., Berlin.

«Fortsetzung.»

Katarina lachte unb setzte sich zurecht, inbem sie schwungvoll bie Knie kreuzte, nahm eine Zigarette unb bot auch Peter eine an.Sie sind ganz unmöglich, lieber Peter Geyck! Ihr Selbstvertrauen ist erstaunlich."

Ich fürchte, Katarina. Katarina, ich möchte trotzbem mit Ihnen ein Wort sprechen bürfen. Ich habe in Neuruppin lange darüber nach­gedacht. Ihr Freund Möncke wird uns, denke ich, noch nicht stören? Ich kam etwas früh, und er kommt immer zu spät." Peter legte die Zigarette weg und die Fingerspitzen seiner starken, fleischigen Hände bedächtig zusammen und blickte Katarina fest an.Es ist ziemlich ernst, Katarina. Es muß einmal gesagt werden. Auch, wenn es die Tür zuschlägt..

Lieber Herr Geyck--"

Ich kam mit der Absicht von drüben, um sestzustellen, ob Sie noch ben gleichen Einbruck auf mich machten wie bamals. Ich werbe beutlicher fein. Meine Ehe hat mir brüben manches verleibet. Ich habe Sie nun wiebergesehen, Katarina. Sie machen ben gleichen überroältigenben Ein­bruck auf mich. Nein, noch viel stärker. Ich habe Sie nicht vergessen es ist so. Es kam immer roieber. Es lag natürlich auch an meiner nicht glücklichen Ehe. Sie waren ganz anbers: herrlich, so ganz bei ber Sache ... Ich meine ich brücke mich ungeschickt aus: Sie waren so wunberooll warm unb wahrhaftig, schön unb leibenschastlich ich möchte sagen: eine ergreifenb menschliche Frau, einzig unb richtig. Ich kann es nicht anbers sagen."

Es genügt unb ist jetzt verboten... Uebrigens ist das zu lange her. Das ist ja alles Unsinn, Peter!"

Ich fand, daß Sie niemals so Sie selbst waren. Wie soll ich sagen? So vollkommen frisch unb reif wie jetzt. Sie selbst in höchster Ent­faltung."

Sie sinb burch Ihre Scheibung ober Befreiung in gehobener ober überschwenglicher Stimmung ..."

,^sch habe es gebüßt. Evelyn war kaltes, oberflächliches, hysterisches Feuer, genußsüchtig unb bann bösartig unb zu jebem Flirt geneigt; aber bas tarn später. Sie wissen, ich habe bie Dinge inzwischen einfach unb nüchtern sehen gelernt. Auch biefe Dinge. Auch bie scheinbar schwierigen Dinge. Die Dinge sinb gar nicht so schwierig. In keinem Fall."

Was für Dinge?"

Nichts ist unabänberlid) sollte es nicht unbebingt auf Biegen ober Brechen sein!" sagte Lorb Peter fest, unb bie Muskeln in seinen vollen Wangen bewegten sich.Ich weiß, bas es ungeheuer kühn unb anmaßenb ober unverschämt ist. Aber meine Entschulbigung ist meine Verehrung unb meine große Liebe. Sie sinb eine unabhängige, großartige, nicht enge unb ängstliche Frau. Bebenken Sie bas, Katarina! Es ist nicht bloß un­verschämt, es ist auch ernst gesprochen. Es geht immer um ein Stück Leben: Je älter man ist, befto wichtiger ist bas Stück Leben unb sein Verlust. Auch für mich. Sie fällten es in Freundschaft auffaffen und vor­urteilslos prüfen! Es ist ich schwöre Ihnen kein Zynismus! Ich