Ausgabe 
3.8.1934
 
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Aber Ich muß mich hüten, Bauernweisheit zu reden zu einer so erlesenen Versammlung wie dieser besonders und gerade, bevor die große Wissenschaft das Wort haben wird. Ich setze mich in einem Augen­blick wieder hin. Aber nun ist es ja so, daß ich heute mein großes Er- lebnis gehabt habe: ein großes Wohlwollen hat mich ausgesucht hat mich ausqespürt unter Tausenden und mir einen Kranz geschenkt. Ich habe der Schwedischen Akademie und Schweden im Namen meines Landes zu danken für die Ehre, die mir erwiesen ist, persönlich mutz ich mein Haupt neigen unter dem Gewicht einer so hohen Auszeichnung. Ich bin stolz darauf, daß die Akademie meinem Nacken Starke zu­getraut hat, diese Auszeichnung zu tragen.

Wie von einem geehrten Redner heute abend angedeutet wurde, darf ich vielleicht glauben, daß ich meine Bücher auf meine kleine Weise geschrieben habe, das ist alles, was ich verlangen kann 21 ber i d) habe von allen gelernt, wer lernt nicht von allen! Ich habe viel von schwedischer Dichtung gelernt, nicht zum wenigsten von der schwedischen Lyrik des letzten Menschenalters. Wenn ich nun ein wenig erfahren wäre in Literatur und Namen aufzählen könnte, so wurde ich dies etwas besser entwickeln, im Anschluß an die wohlwollenden Aeuße- runqen über mich. Aber das würde ja nur äußerliche Flottheit und Ge­schwätzigkeit von meiner Seite werden ohne einen einzigen Herzenston. Ich habe auch nicht die Jugendlichkeit dazu, ich vermag es nicht.

Nein, was ich lieber möchte in dieser Stunde, in all diesem Licht, in dieser glänzenden Versammlung, das wäre, zu jedem besonders hin- qehen mit Blumen und Versen und Gaben, jung sein, auf der Woge reiten. Das wäre es, was ich möchte, um eines großen Anlasses willen, um eines letzten Mals willen. Aber ich wage es nicht mehr ich konnte das Bild nicht vor der Karikatur retten. Ich bin heute dick flemoröcn von Ehre und Reichtum in Stockholm jawohl, aber mir fehlt dar Wichtigste, das Einzige, mir fehlt die Jugend. Niemand von uns ist so alt, daß er sich ihrer nicht erinnert. Es ziemt sich, daß wir Gealterten zurücktreten, aber wir tun es mit Humor.

Was ich nun auch tun müßte das weiß ich nicht , was sich auch am besten schickte "bas weiß ich nicht: ich teere mein Glas auf Schwe­dens Jugend, auf alle Jugend, auf alles Jugendliche im Leben!

Mein Skyßpferd.*

Von Knut Hamsun.

Ich setzte mich im Karriol zurecht und ergriff die Zügel, ich wartete auf den Skyßjungen.' Oben an einem Fenster im ersten Stock stand ein blondes, junges Mädchen und blickte auf mich herab. Mir wurde warm unter diesem Blick, und ich brüstete mich wie ein Vizekonsul auf meinem Sitz. Ich versuchte einen recht jugendlichen Eindruck zu machen, ganz im geheimen konnte ich sogar meinen Zwicker abschütteln. Es ärgerte mich nur, daß ich mich in das Skyßbuch nicht als Leutnant eingetragen ^gm letzten Augenblick kommt der Wirt auf die Treppe heraus und sagt daß mein Skyßjunge gerade mit einer Fuhre Engländer voraus gefahren sei, so daß ich so gut sein müßte, bis zum nächsten Pserde- wechsel allein zu fahren. Es wäre durchaus keine Gefahr dabei, Jens wüßte den Weg, ich könnte mich ganz auf ihn verlassen.

Und Jens, das war das Pferd.

Es ist eigentlich stilvoller, einen hinten drauf zu haben, wenn man fährt, dachte ich: aber dabei war nun nichts zu machen, ich mußte ohne Skyßjungen fahren. Ich warf einen ziemlich warmen Blick zum Fenster im ersten Stock hinauf und fuhr zum Hof hinaus.

Das Wetter war warm, ich knöpfte meine Jacke auf und ließ den Jens laufen wie er wollte. Das ununterbrochene Wiegen der Karnol- febern machte mich fchläfrig, ich neigte ben Kopf vornüber bannt meine Nase nicht fo von der Sonne verbrannt würbe, unb boste unb buchte an das feine Mädchengesicht aus dem ersten Stock. Weiß Gott, dachte ich ob sie schon unten gewesen ist unb im Skyßbuche nachgesehen hat. Es war bumrn, baß ich mir nicht eine Stellung, einen Titel, gegeben hatte. Hätte ich mich nicht vielleicht Bürochef ober gar Rentier nennen tonnen, Ich meine wohl. Das kommt bavon, wenn man zu bescheiben ist.

Wir hatten wohl so sieben bis acht Kilometer zurückgelegt, als Jen- plötzlich stehen blieb. Es ftanb mit einem Male still unb sah aus, als wen er etwas vergessen hätte. Ich wollte ihn nicht stören; seine privaten Angelegenheiten mußte er mit sich selbst abmachen. Außerbem hatten wir gutes Wetter unb guten Weg.

So ftanben wir wohl eine halbe Stunbe mitten auf bem Wege ohne uns zu rühren; keiner von uns wollte bas Schweigen brechen. Ich zünbete meine Pfeise an unb ließ mir nichts anmerken, sah nach der Uhr, begann einen Pfropfenzieher zu putzen, ben ich in ber Tasche ham und vertrieb mir die Zeit, fo gut ich konnte; die Peitsche versteckte ich sorgfältig zwischen meinen Knien.

Als Jens noch einige Zeit ganz still gestanden hatte, fetzte er endlich bas eine Bein vor, banäch bas anbere Bein unb begann wieder zu gehen. Es kam mir vor, als fähe er ein wenig beschämt aus.

Die Wärme nahm zu, ich fiel zusammen unb würbe roieber schläfrig knüpfte gebankenlos einen Knoten nach bem anbern in bie Zügel uns träumte abermals von bem Mäbchen unten in ber Station. Sie ham große, weiße Hänbe unb einen feltfam rafchen Blick, ber bas Gefichl jpielenb lebenbig machte. Ich war ganz erfüllt von ihr. Warum ham sie ba oben gestanben unb aus mich herabgeblickt? Ich hatte ihr Neugier eingeflößt. Cs war höchst wahrscheinlich, baß sie in biesem Augenbna unten ftanb unb im Skyßbuch nachfah, ja, es unterlag gar feinem Zweifel, baß sie sich beeilte, zu ersahren, wer ich wäre. Unb ich ham keine näheren Angaben hinterlassen, ich hätte bie beste Gelegenheit gt' habt, mir eine recht gute Position zu geben, als Entbeckungsreisende ober als etwas anberes.

* Skyß wird in Norwegen die Personenbeförderung mit Wagen ober Boot genannt

NoLelpr-eisrede.

Von Knut Hamsun.

Am 10. Dezember 1920 hielt der Dichter beim Nobel- Bankett im Grand-Hotel, Stockholm, bie nachftehenbe Rebe aus dem Stegreif. Sie ist in ihrer Schlichtheit und Herzens- wärme ein bleibendes menschliches unb literarisches Doku­ment.

Nein, was soll ich nur tun gegenüber einer so herzlichen Siebens« Mürbigkeit! Sie hebt mich in die Luft, und ich verliere den Halt unter den Füßen, der Saal fährt mit mir davon. Es ist nicht gut, ich zu sein jetzt, ich bin heute ganz dick geworben von Ehre unb Reichtum hier in Stockholm, ich stehe, wo ich stehe, aber bie Hulbigung für mein ßanb, bie in ,Ja vi elsker* erbrauste, sie war eine Woge burch mich hindurch, die mich zum Schwanken bringt. .. . .

Es kommt mir zugute, daß ich auch schon ftüher im Leben in ber gesegneten Jugenb wohl in solchen Lagen gewesen bin, baß ich ge­schwankt habe. Welche Jugenb hat das nicht. Das müßten schon junge Rechtsleute sein, sie, die alt geboren sind, sie, die niemals dabei sind. Es geschieht der Jugend nicht Schlimmeres, als daß sie eingefangen wird von Ungesährlichkeit und Negativität. Herrgott das, was uns im Leben begegnet, kann uns zuweilen zum Schwanken bringen. Was bann? Wir stehen, wo wir stehen, es kommt uns zugute.

* Dio norwegische Nationalhymne, von Bjornstjerne Björnsca ge­dichtet.

als mtt Verlobungen, Bällen, Landpartien und Unglücksfällen als solchen w heidiäftiaen ansinge?" - schrieb er:Wir bekamen etwas von den geheimen Bewegungen zu wissen, die unbeachtet an verborgenen Stellen der Seele vor sich gehen, oder von unberechenbaren Anordnungen ber Empsindungen, von dem unter bie Lupe gehaltenen delikaten Phuntasie- leben von ben Wanberungen ber Gebanken und Gefühle ms Blaue, von den schrittlosen und spurlosen Reisen mit dem Gehirn und Herzen, von ben Lmen Nerventätigkeiten, vom Flüstern des Blutes vom Bitten der Knochenröhren, von dem ganzen unbewußten Seelenleben. Und es würde weniger Bücher geben mit jener billigen, äußeren Plychologie, die nie einen Zustand ausdrofelt, nie in eine seelische Untersuchung hinab taucht." 1908 wurde Hamsun dazu ausersehen, die Festrede zum 100. Geburtstag des Nationaldichters Henrik er ge l a n d zu halten. Er stand gefeiert auf dem Balkon des Nationaltheaters in Christiama der Stadt seiner bittersten Hungerzeit, und sprach zum Volke. Damals erschien die erste Gesamtausgabe seiner Werke, seine Bucher wurden in alle Kultursprachen übersetzt, er begann Weltgeltung zu erringen. Aber damals reifte in Hamsun Zugleich auch der Eutschlutz, sich von der Großstadt für immer zurückzuziehen Er kehrte als Siedler zurück in feine Nordlandsheimat, er war fünfzig Jahre alt und glaubte nach feinen eigenen Worten, daß ber Mensch mit fünfzig Jahren aushore, geistig schöpferisch zu fein. Dennoch begann gerabe nach jener Seit, ba er meinte,keine großen Eisen mehr im Feuer zu haben , bie zweite qroße Schaffensperiobe in seinem Leben, bie mit ben Kleinstadtromanen und mitS egen ber Erbe" unb ß an b ft r en ch er ein wahres Wunder an Schaffenskraft bedeutet.K > nder , hrer Ze11 Stadt S e a e l f o ß",D i e Weiber am Brunnen,Das letzt e K a - p i te l",ßa ndftreicher",August Weltumf eg l e r unb ber letzte RomanN a ch I a h r u n b T a g" (besten norwegischer Titel kaute

Men lioet lener":Ader das Beben lebt ) ihre Gestaltenfulle zu schildern, ihre Charaktere auch nur einigermaßen zu umreihen, wurde eine Schrift für sich beanspruchen.

Es sei zum Schluß nur noch aufSegen der Erde" hingewlesen, der ben Mittelpunkt biefes Schaffenskreises bildet. Jsak, ber als erster Sied­ler in das Oedland hinauszieht, ber mit feiner Haube Arbeit neues Band fruchtbar macht, ber sich eine Erbhütte baut unb nach unb nach Haus und Stall und alles, was dazu gehört, bekommt, dessen emsache, kleine alltägliche Verrichtungen mit einer hingebenden ßtebe ge djilöert werden, wie er zum ersten Mal Korn sät, wie er einen Ofen herbeitragt auf seinem Rücken, wie er die erste Maschine herdeischafst, wie er die Balken für sein vergrößertes Haus bearbeitet, rote er eine Frau und Kinder erhält, er ist der Mensch am Anfang allen ßeoens schlechthin, er ist ein biblischer Mann, ein Gleichnis. Und weil er täglich mit per Erde, mit der Ordnung und bem Kreislaus bes Jahres verbunden bleib , deshalb kann ihn nichts aus der Bahn werftn. Er ist ein ruhender Pol, um den eine bunte Menschenwelt kreist. Als Hamsun diese Gestalt schuf, hatte er gegen den Fremdenverkehr in Norwegen gewettert, er nannte die Propaganda für bie Touristeneine beispiellose Verfälschung unseres Bebens, unsere Innerlichkeit geht fort, bie Ruhe, ber Stolz unb bte Reblichkeit nehmen ab. Wir müssen unsere Moore austrocknen, Wölber pflanzen, das gewaltige Nordland kolonisieren. So bringen wir die Aus­wanderung zum Stehen". Daher ist Jsak selber ein wenig Programm- aestalt, daher ist er aber auch unvergeßlich in all seiner Holzschnitthastig- feit, in feinen starken Strichen, mit denen fein Bild sich uns einpragt. Alle anderen Figuren aber, mit Ausnahme vielleicht des Axel unb bes jüngsten Sohnes ©inert, finb von ben Tollheiten ber fortschrittlichen, zivilisierten Welt angefüllt, bie sich ben Spuren des Jsak anheftet, die selbst in bas Deblanb einbringt, wenn bork erst einmal Menschen wohnen.

Auch in biesem Buch ist das Ringen zwischen den aufbauenden und den zerstörenden Kräften in jedem Menschen. Unb so sei zurückgekehrt zu bem, was am Anfang gesagt würbe: Hamsun lockert das Beben auf, roo er es findet, um etwas dort hineinzufäen, das aus feinem Gewissen kommt unb das zum Gewissen der Menschheit hinzielt, es aufzurufen: jenenbestimmten Geruch" nicht zu verlieren, mit bem nicht nur ber einzelne Mensch seit seiner frühesten Kinbhstt beschenkt wirb, sonbern ben auch bie ganze Menschheit spüren muß, so merkwürbig unb ver­worren auch bie Wege ber Volker sein mögen.