SiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
i°d°host ■ ’• !<f)on . lieber ■ w'gkeit
Seit Echlas- 1 ihren
fiel mit mühet Lärm, e Angst '«• Sie
h ernste tut mir । Ü- zu Wng es der und leichtert.
Monat eitungen he Pro. m Kron- Slöfern jung e Mama fersohn", |i immer
!e wieder prcdjenl“ nde nach
t tasten' :te? 2I(fo mell für hi« Bit. ! zu
Is er ote
>r großer schien an
ihr Herz tig Musik, -der selig
! sie dann nicht zu । und die niken und
m kräftig
1er fällig’ lergewano
Bekannter ■ von sich
roßer, un> sollen Er-
chriebenk lhlostenh- chrnitz DOt delsch°ne^ .schickt , Ä
Paturl'ch nmt
Satori^ l c5 rund' irenl* gen, !)^e" stapi-r u"'
^@ic6er*
Jahrgang MH
Hreitag, den 5. August
Nummer 59
Was wissen wir...
Von Knut Hamsun.
Wie wollten wir, die Kinder, die Wege verstehn? Seid demütig nur!
Zur Nacht durchbrauste mich seltsamer Sang. Gleich dem der Plejaden auf ihrem Gang — Heut ließ der Tag ihn verwehn,
Die Nacht ist mit Sternen und Blüten besät — Wo sind die Wege, o Kind?
Wir tasten nach besten Verstandes Spruch Uns vorwärts — dem einen glückt es im Fluch — Dem andern mißlingt's im Gebet
Den Weg, die Bahn — wir wissen sie nicht ... Seid demütig nur!
Bon neuem hebt an ein seltsamer Sang: Ich starre zu seinem spurlosen Gang Empor — und finde ihn nicht.
Knut H amsun.
Zu seinem 75. Geburtstage am 4. August.
Von Johan Luzia n.
„Ich habe vielleicht dann und wann mehr leisten wollen, als ich konnte, — aber ich habe nie weniger geleistet. So hebt es sich auf." Knut Hamsun, 1921.
In einer kleinen westfälischen Stadt lernte ich einmal einen jungen Menschen, einen Buchhandlungsgehilfen, kennen. Er zeigte mir eine Photographie aus seiner Wohnung daheim, die einen blumengeschmückten Tsich mit vielen schön gruppierten Büchern darstellte,und an die Blumenvase gelehnt war das Bild von Knut Hamsun zu sehen, das von 1927 mit dem Jägerhut und dem aristokratischen Ausdruck, welches wohl jeder kennt. Hamsun war damals 70 Jahre alt geworden, und hier feierte ein junger, einfacher Mensch auf eine ganz besonders schöne Weise den Geburtstag des von ihm wie ein Abgott geliebten Dichters. Der junge Mensch besaß nicht nur sämtliche Werke Hamsuns in der schönen grünen Langen-Ausgabe mit dem Einband von Tiemann, dazu die Biographien von Berendsohn, Landquist, Markus, er hatte sich auch von seinem kleinen Gehalt die norwegische Ausgabe und die Biographie von Skavlan gekauft. Aber noch mehr: er hatte vollkommen Norwegisch gelernt, um Hamsun in feiner Ursprache lesen und um den Dichter einen Brief schreiben zu können. Und Hamsum hatte ihm in freundlicher Weise geantwortet und ihn damit glücklich gemacht. Er zeigte mir die fein- gestochenen schönen Schriftzüge des Dichters, über die mein Blick mit besonderer Andacht glitt.
In einer schwäbischen Stadt waren es ein Schulrektor, in Norddeutschland ein Professor, ein Fabrikarbeiter, in Westdeutschland ein Kaufmann, denen Hamsum auf ähnliche Weise zum schöpferischen Erlebnis geworden war; sie lasen immer wieder Hamsun, sie waren fanatisch und ungerecht gegen alles andere, sie witterten in jedem anderen Schriftsteller Einflüsse von Hamsun, es gab für sie in der Dichtung nur den Einen, Einzigen.
Ist es nicht das größte Wunder, daß ein Dichter, der nichts anderes als fein schöpferisches Leben bot, auf solche Weise, lediglich auf geistige Weise, Menschen Überreich zu beschenken und aus ihnen, die sich gar nicht kennen, eine Gemeinschaft zu formen vermag? Denn wer Hamsun ein« '■ mal liebt, kommt nicht wieder von ihm los. Er beginnt, das Leben mit Hamfunschen Augen zu sehen, und diese Augen sehen bis auf den Grund. Albert E n g st r ö m schrieb an Hamsun einmal folgenden Gruß: „Ich danke Dir für zwanzigjährige Freundschaft und für jenes Aufleuchten in Deinem linken Auge! ..." Diesem Aufleuchten in seinem linken Auge, diesem Wissen um die Hintergründe, diesem Blick aus Ironie und Verzeihen gemischt, wer könnte sich ihm entziehen?
Wer Hamsun ganz verstehen will, der muß erfaßt fein von einer schöpferischen Unruhe, der darf sich nicht mit dieser ober jener praktischen Lebensweisheit zufrieden geben, sondern der muß spüren, daß ber Teufel niemals mehr um die Seelen der Menschen gerungen hat als tn dem Europa der letzten fünfzig Jahre. Der Teufel: das ist nicht der ’goetbische Geift, der stets verneint, der das Böse will und das Gute B lchafft, nein, der ist ein unprogrammatischer Widersacher eigener Art. I; Er wird mit jedem Menschen geboren, und gehört als Negation tu allem Positiven, er tritt als Älter, Charakterschwäche, Lüge, Leidenschaft ber Liebe, bes Ehrgeizes, der Eitelkeit auf, kurz, er ist bas Unvollkommene :m Menschen und am Menschen, ist bas Unkraut unb bie allzu üvvige Blüte. Aber nichts ist für Hamsun anberseils verächtlicher als Mittel
mäßigkeit, „Mifchrasse" nennt er es bei Gorbon Tibemanb in „Nach Jahr unb Tag" . .. ,ohne starkes Gepräge, ohne Vollblütigkeit, nur eine .Mischung, unecht, von allem ein bißchen, ganz tüchtig im Lernen, aber zu nichts Großem fähig". Unb da alle Normen der Moral ober ber gesellschaftlichen Dogmen „Mischung" sind, fo ist Hamsun weder ein Moralist noch ein Dogmatiker, ganz im Gegenteil: wie liebevoll ist „August Weltumsegler" gezeichnet, wie liebevoll Inger im „Segen ber Erbe" ober ber Helb in „Hunger". Unb wer ba glaubt, Hamsun hätte, weil er „Segen ber Erbe" schrieb, nichts anberes verkündet als die Rückkehr zum Land, der irrt. Irgendjemand hat einmal gesagt, Hamsun fei das Gewissen der Zeit. Dieses Urteil kommt ihm am nächsten. Aber ba „bie Zeit" niemals ein Gewissen hat, unb ba bie Masse ein ebenso unangreifbares Abstraktum ist wie „bie Zeit", so wirkt Hamsun immer nur auf Einzelne.
Vom Dichter hat Hamsun einmal gesagt, er sei „ein wurzelloser Mann, ein Lanbstreicher ohne Paß". Und bem alten Lehnsmann Geißler in „Segen ber Erbe" hat er bie einzige Einnerung an seine früheste Kinbheit im Grubbranbstal in ben Munb gelegt: „Ich weiß noch von ber Zeit, ba ich anberthalb Jahre war: ich ftanb auf ber Scheunen- brücke bes Hofes Garmo in Lom unb empfanb einen bestimmten Geruch. Ich empfinbe biefen Geruch noch ..." Unb bas ist es wohl auch, was man bei Hamsun spüren wirb: baß alles aus einer starken, reinen Quelle strömt, baß er einem bestimmten Geruch in ber Welt nachspürk, nennen wir ihn Unschulb, Glaube, natürliche Sittlichkeit, beren Gesetze nicht ausgeschrieben zu werben brauchen, bie jeher sittliche Mensch von selber kennt. Aber ber Dichter ist trotjbem ein wurzelloser Mann, wenn er auch ben Geruch seiner Heimat immer mit sich trägt, wenn er auch ein Dach über bem Kopf, ein Haus, Kinber, einen ganzen Herrenhof besitzen mag. Er muß zu jeher Zeit borthin aufbrechen können, wo bas Menschliche sich offenbart! Er bars weher aus einem einseitigen Lanh- schaftswinkel noch aus einer erstarrten Gesellfchaftsschicht bas Leben betrachten: er muß ungebunben in feinem Gewissen sein. Das ist jene schöpferische Unruhe, unb es finb nicht bie schlechtesten Menschen, benen Hamfun sie geweckt hat!
Wahre Größe eines Menschen zeigt sich niemals in ber Einseitigkeit, mit ber ein fcfjnurgeraber Weg bis zum letzten Ziel Dorgetrieben wirb, es wirb eher bie Vielfalt, bas nach allen Seiten Ausstrahlenbe fein, hinter bem wir Größe unb Genialität zu sehen geneigt finb. Hamsun begann 1890 mit bem Roman „H u n g e r" an bie Oeffentlich- feit zu treten. Was in biefen Hungerphantasien gestaltet ist, bas war in feinen wesentlichen Teilen wirklich erlebt, 1886 unb 1888 hatte er als Journalist zu leben versucht unb war fast verhungert babei. Ein Jahrzehnt ber Not, ber fßagabonbage unb ber Abenteuer würbe mit biefem Buche abgeschlossen, in bem ein Menfch geschilbert wirb, ber ein Königreich bes Geistes in feinem Schöbel herumfchleppt, ber auf bem Wege ist, etwas Großes zu schaffen, ber nur noch nicht recht weiß, womit er beginnen soll. Wer erinnert sich nicht immer wieher jener phantastischen Szene im Odbachlosenasyl, in ber bas Wort „Kuboaa" erfunben wirb! Ein neues Wort, bem bie absonderlichsten Begriffe beigegeben werben! Hamsun streut in biefem Buche Einfälle, Silber, witzige unb tiefgrün- bige Spijoben in einer Fülle aus, wie sie kaum ein anberes Erstlingswerk aufzuweifen hat. Sein zweites Buch war „M y ft e r i e n", unb fein Johan Nagel barin steckt wieberum fo voller Eingebungen wie voll sagenhaftem Reichtum. Die fatirischen Romane „R e b a 11 e u r L y n g e" unb „Neue Erbe" entstehen in Paris, sie finb im wesentlichen Entgegnungen auf Angriffe, benen Hamsun ausgesetzt war, Antworten auf Streitfragen. Dann folgt „P a n". Hamsun war über Nacht aus Paris geflüchtet unb hatte sich in bie Einsamkeit feiner norwegischen Heimat zurückgezogen, um biefes Buch zu vollenben. Die hellen Sommernächte finb barin, bie Vogelstimmen, bas Wachsen unb Vergehen, bie Hingabe an alles Sebcnbige, bas Erlebnis ber Einsamkeit ist vor allem barin, jener großen Macht, beren Wunber man nur zu begreifen vermag, wenn man ein paar Jahre in einer lärmenben Stabt verbracht hat. Dann folgten Schauspiele: „A n bes Reiches Pforte n", „Spiel bes Geben s", „A b e n b r ö t e", bie Trilogie um ben Philosophen Kareno, besten großes Werk über bie Gerechtigkeit niemals fertig wirb, ber zum Schluß resigniert. Es folgten bie Novellen, bie Gehickste, bie wir von Hamsun haben, bie Liebesgeschichte „Victoria" unb gleichsam als Abschluß eines gewissen Lebensabschnittes „Unter S)। e r b ft ft e r n e n" unb „©ebämpftes Saitenfpie l". In all biefen Jahren, also bis etwa 1909, bis zu seinem fünfzigsten Lebensjahre, hatte Hamfun nebenbei Vorträge über Zeit- unb Streitfragen gehalten, von ben Stubenten in Oslo unb Helsingfors, hatte in ben Sprachenstreit eingegriffen unb gegen bie künstlich geschaffene Schriftsprache gewettert, hatte bas Recht ber Jugenb gegen bie „Weisheit bes Sliters" nerteibigt, hatte Theologen unb Rebakteure, Literaturgeschichtler unb Politiker herausgeforbert, immer kämpferisch, immer iugenblid).
In ber Dichtung forberte er psychologische Vertiefung: „Wie, wenn * nur bie Literatur sich überhaupt etwas mehr mit seelischen Zuftänben,


