3m Herbst.
Bon Theodor Fontane.
Es fällt das Laub wie Regentropfen jo zahllos auf die Stoppelflur;
matt pulst der Bach wie letztes Klopfen im Todeskampfe der Natur.
Still wird's! Und als den tiefen Frieden ein leises Wehen jetzt durchzog, da macht' es sein, daß abgeschieden die Erdenseele auswärts flog.
Tom von prince, ein preußischer Offizier.
Von Hans Schwarz van Berk.
Tom von Prince, Sohn eines englischen Vaters und einer deutschen Mutter fiel am 4. November 1914 in Tanga durch eine englische Kugel. Sein abenteuerliches Leben war erfüllt von preußischem Geist.
Sohn eines Engländers — preußischer Offizier.
Den Matrosen anvertraut, fährt ein Junge in einem Segelschiff von einer kleinen Insel im Indischen Ozean nach Hamburg. Als Leutnant a. D. hingt ihn ein Dampser wieder hinaus an die Ostküste Asrikas. Seine Litern hat inzwischen das gelbe Fieber dahingerafft, eine deutsche Mutter und einen englischen Vater, der Polizeipräfekt in den Kolonien var. Nun ist er allein, und als ein Einsamer beginnt er sein Lebens- verk. Seine Eltern hätten ihn auch nach London schicken können oder rach Cambridge oder Oxford, und er wäre ein junger Gentleman geworden. Aber die deutsche Mutter hatte wohl den Ausschlag zu geben und h bestimmte, daß ihr Sohn nach Liegnitz sollte auf die Preußische ftitterakademie, und so wurde er statt eines englischen Gentleman ein heußischer Offizier. Aus einem halben Engländer und einem halben deutschen wurde ein ganzer Preuße.
Von dem hier die Rede ist, das ist der preußische Offizier Tom von brince, der am 4.November 1914 unter englischen Kugeln fiel, in Lang« an der Küste der deutschen Kolonie Ostafrika. Aber wer weiß ion ihm? Und doch ist er eine Gestalt, die neben Peters und Wiß - nonn und vor allem neben dem Hauptmann von Erkert genannt Derben muß, wenn wir Deutschen eine Reihe aufstellen wollen gegen die englischen Kolonisten großen Stils, gegen Cecil Rhodes, Stanley mb Warren Hastings.
„Sattarani“, der trunkene Stürmer.
Tom von Prince haben die Englänber besser gekannt^ als wir Deut- Hen ihn kannten. Tom von Prince haben die Askaris und die Schwarten der ostafrikanischen Kolonie früher und besser geehrt als wir, in hrem Gesang von „Sattarani" den noch heute Satkaranis Söhne, die meber hinauszogen, so arm und so entschlossen wie ihr Vater, in den Sergen des Kilimandscharos vernehmen, in den Hütten und Temben. Sattarani, bas war bas Helbenwort für den deutschen Offizier und es liutet in der Uebersetzung: der truntene Stürmer.
Vergessen war Saktarani schon zu seinen Lebzeiten und selbst bei lenen, die nach ihm die deutsche Herrschaft in Verwaltung nahmen; lenn als in der deutschen Kolonie die große Bahn ins Innere gebaut »urbe, die von Tanga ihren Ausgang nimmt, da war taum eine Station, die nicht e r mit ein paar Unteroffzieren und einhundert Astaris iorher erobert hatte. Aber bei keiner Einweihung der Bahnstationen lud nan ihn ein. Er faß als Farmer bescheiden abseits. Die Engländer verfaßen ihn nie und so kam er durch sie noch in den Wortlaut des Ver- IhUer Friedensvertrages hinein. Im Artikel 246 wurde bestimmt, daß ler Schädel des Sultans Quaroa, dem Tom von Prince in schweren, hhrelangen Kämpfen besiegt hatte, an die britische Regierung als Siegestrophäe auszuliefern fei.
Der weg zu Wihmann.
Der junge Leutnant Prince, der das Straßburger Jnfanterie- II Regiment 99 verließ, weil er im Kafernenbienst kein Genüge fanb, (anbet »ui st» nnrnofnnprt ift Er mietet einen arabischen
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euf ber Insel, bie Daressalam vorgelagert ist. Er mietet einen arabischen Echisser, der ihn mit dem Segelboot zum gelobten Land hinüber bringen s°ll. Das schmächtige Boot kentert im Sturm, und alle Papiere, das Ichte Geld schwimmen davon. Stundenlang treibt der Schiffbrüchige im kalzwasser über die Korallenriffe dahin, und als er ans Ufer kommt, ft er zerschunden und sein Körper vom Fieber geschüttelt. Es ist das rfte Fieber, und er hat noch viele hundert zu Überstehen. Er kommt mit Gelb vom englischen Konsul hinüber und meldet sich bei W > ß m a n n. 2«r befehligt die erste deutsche Truppe, 18 Offiziere, 56 Unteroffiziere mb über 1000 Schwarze. Der Leutnant Prince exerziert eine Kompanie, I weber Patronentasche, noch Hemd, noch Strümpfe, noch Schiche, r-eber Koppel noch Kopfbedeckung kennt. Diese Soldaten haben nichts ein paar Lappen, ein Gewehr und im Ziegenfellstreifen em paar fronen. Die verstehen keine Silbe deutsch, erst recht keinen preußischen r-ipfiff. Aber hier beginnt die große Leistung des Leutnants. Es kommt 4 ihn nicht auf den Drill an, noch weniger auf Prügel, er will in diese i sten Askaris hineingeben, was an preußischem Soldatentum unuder- | °«nblich ist.
Der Daker der Askaris.
|„ Als er mit diesen Askaris das erste Gefecht überstanden hat und sie inloer gerochen haben, ist ihnen die Lust vergangen, und sie wollen *) brücken. Sie klagen über Fieber, Verletzungen unb allerhand Krank- \ iten. Da tritt Tom Prince vor sie hin und hebt ohne Worte feine ^fenbeine hoch und zeigt feine, von ben Korallenriffen noch ganz zer- lunbenen unb eiternben Beine. Die Askaris verbeugen sich m emem , lummen Gruß ber Entschuldigung, und nicht em e'NMer Mann mehr ä Hf sich zu drücken. So wurde er ber Vater der AskariS und alle Seloniften sagen, daß es nie wieder einen Mann drüben gab, der so
I wie dieser preußische Offizier alles, bas Letzte aus ben schwarzen Sol- j baten herausholte.
Bei bem Branb eines erstürmten Dorfes springt Tom von Prince in bie Hütten hinein unb holt bie Erstickenben heraus. Bei ben Schwer- verwunbeten sitzt er in ben Lazaretten so lange, bis ihr letzter Atem verhaucht ist. Im Dienst singt er mit ihnen beutsche Solbatenlieber und schlägt mit dem Degen den Takt dazu. Bei großen Märschen ist er immer an ber Spitze, bei Streitigkeiten ist er ber Richter. Nach kurzer Zeit vertrauen ihm alle seine Soldaten, bie boch nur Sölbner sinb, ihren Sold an und vermachen ihm in ber Sterbeftunbe noch ihr Vermögen.
Unb als er siel, in seinem letzten Gefecht, ba kniete sein schwarzer Bursche bei ihm nieber im wilbesten Feuer unb ging nicht von seiner Seite, bis er begraben war unb brachte bas Gewehr seines Herrn hinaus zu seiner Frau, zu den Söhnen.
Preußentum auf afrikanischer Erde.
Aber rede ich hier nur von einem tapferen Soldaten? Nur von einem tollkühnen Abenteurer? Ich will diesen Sattarani, diesen Preußen aus innerster Gesinnung, noch anders erstehen lassen. Es haben sich viele Tapfere in den Kolonien geschlagen, unb beispiellos ist das, was vier Jahre die Männer unter Lettow-Vorbeck geleistet haben. Aber das Schicksal des preußischen Offiziers Tom von Prince ist einmalig und bleibt Vorbild.
Er hat einmal gesagt: „Wir alten Afritaner hatten außer Energie nicht viel zum Leben." Damit ganz allein hat er sich durchgeschlagen. Man bebenfe, als er hinauszog, um die Jahrhundertwende, waren wir eine Nation, die den Vorsprung Europas nachholen wollte. Wir hatten feine Erfahrung. Es gab feine tropische Medizin. Es gab feine tropischen Institute. Es fehlte an ben einfachsten Mitteln. Unb ba entschloß sich ber junge Leutnant, ein Leben zu wagen, bas niemals eine Etappe 1 hinter sich haben wollte. Er verzichtete auf Nachschub. Er verzichtete ? auf Arsenale unb Hospitale unb Rechnungskammern. Er wollte sein Leben als eine große Patrouille führen, hinein in ein unbefanntes Land, mit unbefannten Mitteln, mit unberechenbarem Erfolg. Aber sein Weg war bei aller Besessenheit ein Weg der gestaltenden Ordnung und bie Sorge, die er für den letzten Mann in der Ruhe, auf dem i Marsche und im Gefecht mit sich trug, war eine Sorge um die neue Erde, die er der deutschen Fahne gewinnen wollte.
Triumph des Willens.
Es galt eine Reihe von Häuptlingen und Stämmen zu schlagen, aber Tom von Prince wollte nicht nur schlagen, sondern gewinnen. Nach jedem Gefecht suchte er das Land selber zu gewinnen. Er baute die Städte auf. Nur fönigliche Menschen sind Städtegründer. Nie tarn ihm der Gedanfe, daß man ausrotten müsse, um Geschäfte zu machen. Er wurde Wegebauer, Landmesser, Arzt, Richter, Bauer, der den Unterworfenen zeigte, was die Erde gibt, wenn man feine Mühe in die Erde ; hineingibt.
Ihm standen feine philosophischen Systeme zur Verfügung. Aber ' wenn er sich in den Regengüssen mit Schwarzfieber, Dysentherie unb I Typhus auf einer Bahre tagelang vor feiner Kompanie voranfragen ! ließ, ohne den Befehl einen Augenblick aus ber Hanb zu geben, bann j fal)en bie Marschierenden, was es heißt, einer Fahne fein Leben ver- I jchreiben. Und als er am Wege lag unb im „Ratgeber für tropische | Kranfheiten" las, baß nach allen Anzeichen, bie er an sich selbst feststellen konnte, ber Tob unfehlbar eintreten müsse, sprang er auf, sattelte ein Maultier, unb galoppierte wie besessen herum, weil er meinte: Fieberkrankheiten sind Blutkrankheiten, also bringen wir das Blut in Wallung! Und er kurierte sich im Sattel.
Ein andermal, als er van einer Malaria heimgesucht, nur noch 90 > Pfund wog unb hilflos unter dem Moskitonetz lag, raffte er sich noch zu der Energie auf, eine Pille nach ber anberen zu schlucken, nach der einfachen Weisheit: Viel hilft viel! Auch das rettete ihn. Außer Energie hatte ein alter Afrikaner nichts zum Leben.
Der Diplomat der Schwarzen.
Zugleich mit dieser Selbstüberwindung hob er die angeborene Willenlosigkeit seiner schwarzen Bataillone auf. Die Askaris waren an keinerlei Ausdauer und Märsche gewöhnt. Wenn sie ein paar Monate ihm anvertraut waren, hatte er sie so weit, baß sie im weglosen Gelände des unerforschten Landes Patrouillen ohne Pausen von zehn Stunden mit ihm liefen. Aber sie wußten auch, daß er sie niemals sinnlos in Marsch setzte ober ins Gefecht führte.
Sie erlebten ihn als einen Diplomaten eigenen Stils. Er hatte einmal oben im Seengebiet bloß 23 Mann und ein 3,7-Zentimeter-Geschütz bei sich. Mit dieser Streitmacht rückte er gegen einen Sultan, der ein ■ paar tausend Mann unter den Waffen hatte. Er fährt mit seiner „Artillerie" dicht vor dem Sultan auf, unb als ber sich auf einem Sessel nieberläßt unb dem Feinde Tom von Prince keinen Sitzplatz anbietet, setzt sich ber auf das Kanonenrohr und läßt bem Sultan Munitionskästen vor bie Füße stellen — und der Sultan versteht ihn. Kampflos stellt er ihm 3000 Hilfskrieger...
Ein anbermal hatte er es mit einer Sultanin zu tun. Bei dieser I Dame läßt er eine Batterie Sekt auffahren und bringt Pinsel und Palette mit. Sie muß ihn zum Porträt sitzen. Er ist ganz Kavalier — und seinen Askaris spart es Blut und Schweiß. Tom von Prince war der geborene Diplomat der Schwarzen.
Mit diesen Mitteln kreiste er den Häuptling Duaroa von Jahr zu Jahr mehr ein, der die Stämme ber Kolonie ftänbig in Rebellion versetzt hatte, trieb ihn bis in den äußersten Winkel hinein unb brach seine Macht, bis ihm kein Mann unb kein Weib mehr folgte. Seitbem war die deutsche Kolonie endgültig gewonnen.
Leutnant prince wird in den Adelstand erhoben.
Der junge Offizier, ber ben Namen eines englischen Vaters trug, wurde in den deutschen Adelsstand erhoben. Er würbe vom Leutnant gleich zum Hauptmann befördert, unb er sollte ben Pour le merite erhalten. Nur weil er zu jung sei, würbe ihm ber verweigert. Dafür aber 1 erhielt er Land zugewiesen, und nun wurde er zum Kolonisten. Aber


